Der „Kleine KOBOLT“ – ganz groß!

Wenn man einen Lauf wie den „Kleinen KOBOLT“ mit dem Abstand von einigen Tagen ansieht, dann wird der „Kleine KOBOLT“ tatsächlich fast klein. Wenn man mit diesem Abstand auf so einen Lauf zurück blickt, dann denkt man leicht, dass er eigentlich gar nicht so schwer war.
Jetzt, wo die Wunden an den Fersen verheilt sind, die Muskeln sich wieder gut anfühlen und ich auch im Magen wieder das Gefühl einer leichten Übersättigung habe, kommt mir der „Kleine KOBOLT“ wie ein netter, kleiner Freund daher …


Allerdings weiß ich auch noch gut, welch gehörigen Respekt ich vor diesem Lauf hatte. Schon die nackten Zahlen sprechen für sich:
140,5 Kilometer lang – mein bislang fünftlängster Lauf überhaupt …
4.446 Höhenmeter – nur der „PTL“, der „UTMB“, der „Trail Verbier St. Bernard“ und der „Canyon du Verdon“ hatten bisher mehr Höhenmeter …
3 UTMB Punkte – so viel wie eine Woche „TransAlpineRun“, so viel wie eine Woche „Marathon des Sables“ …

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„Wenn die Jungs und Mädels in Chamonix sich also nicht irren, dann wird der „Kleine KOBOLT“ doch ein ganz großer Lauf für mich,“ dachte ich und ich erinnerte mich daran, dass ich zwei Drittel der Strecke schon gelaufen war. Ganz gemütlich bei meist bestem Wetter in der Woche vor Ostern als Gruppenlauf mit Rolf Mahlburg beim „Rheinsteig Erlebnislauf“.
Rolf startet immer in Bonn und geht etappenweise den Rheinsteig entlang bis nach Wiesbaden. Die ersten drei Tagesetappen dabei sind die Strecke des „Kleinen KOBOLT“. Die ersten beiden Tagesetappen bin ich schon mit Rolf Mahlburg gelaufen.
Und ich erinnerte mich gut daran, dass ich früher schon nach einer einzigen dieser Tagesetappen am Folgetag kaum mehr laufen konnte. Nach dem Ende der ersten Etappe damals in Unkel ging es am nächsten Tag weiter über der Erpeler Ley Richtung Koblenz und so war die Erpeler Ley weit, weit weg von Bonn, dachte ich damals.
Beim „Kleinen KOBOLT“ allerdings sagte ich mir, dass wir fast am Ziel wären, wenn Achim und ich erst einmal die Erpeler Ley erreicht haben würden.

Ach, Achim, mein Laufpartner beim „Kleinen KOBOLT“ … es war so schön, endlich mal wieder einen ganzen Lauf mit ihm, neben ihm zu bestreiten, auch wenn 28 Stunden lang quatschen dann auch nicht möglich war. Am Ende gab es Phasen, wo wir stumm hintereinander hergelaufen waren, teilweise stumm aus Erschöpfung, teilweise auch aus Frust, weil wir uns mal wieder verlaufen hatten.

Sich zu verlaufen ist vielleicht eines der entscheidenden Punkte bei diesem Lauf. Jeder hatte es am Ende hinter sich, Achim und ich genossen die Extra-Runden ausgiebig. Gleich nach zwei der üppig bestückten Verpflegungspunkten drehten wir eine lange Schleife, die uns wieder zum Verpflegungspunkt zurück brachte. Am Ende waren statt der 140,5 Kilometer immerhin 153,5 Kilometer auf der GARMIN Uhr. Sich zu verlaufen haben Achim und ich also zur Stilform erhoben.

Neben den beiden Schleifen nach den Verpflegungspunkten 2 und 3 war auch die Gegend um das hübsche Ausflugslokal „Milchhäuschen“ ein ideales Gelände, um dieser Stilform zu frönen und wir taten es hier gleich mehrmals.
Ich liebe das „Milchhäuschen“ und hatte Achim schon kilometerweit vor diesem Restaurant von seiner Schönheit erzählt, die Gegend um das „Milchhäuschen“ herum liebe ich jedoch jetzt nicht mehr so sehr …

Ein Lauf wie der „Kleine KOBOLT“ ist also schon auf Grund der nackten Zahlen und der teilweise suboptimalen Beschilderung ein hartes Ding, am ersten Dezember-Wochenende kamen dann noch die Wetterbedingungen hinzu. Zwar war es beileibe nicht so kalt wie in den Nächten zuvor, es hat auch erst ganz am Ende geschneit, dennoch war es während der ganzen Zeit kalt und feucht, der Boden war von zusammengetretenen Schnee bedeckt und damit sehr, sehr glatt. Zum Glück hatte ich meine Alpin Sticks dabei, sie verhinderten einigem Male einen Sturz, vor allem deshalb, weil ich schuhtechnisch nicht optimal ausgestattet war.


Auf der Rückfahrt nach dem Ziel nickte ich ein Mal kurz ein. Gabi fuhr und das monotone Fahrgeräusch läd Läufer, die eben mal eine Nacht durchgelaufen sind, geradezu zum Einschlafen ein. Und ich träumte von einem Polizisten mit stark bayrischem Akzent, der mich anhielt, auf die neue Winterreifenpflicht hinwies und mein Profil sehen wollte.
Also hielt ich meine Schuhsohlen nach oben und der Polizist bemerkte natürlich sofort, dass der Schuh ein Sommermodell war, zudem war das Sohlen-Profil an vielen Stellen komplett abgelaufen.
Ich liebe diese Nike Laufschuhe, obwohl sie an zwei Stellen schon zerschlissen und definitiv viel mehr als die empfohlenen 1.000 Kilometer gelaufen haben, was die Dämpfungseigenschaften einschränkt. Für den „Kleinen KOBOLT“ aber war diese Schuhwahl nicht akzeptabel.
Und der Polizist schimpfte über das Profil und bestrafte mich mit zehn Liegestützen und einer 5-km-Strafrunde.
Ich war schon vollkommen fertig und flehte ihn an: „Tun Sie das nicht, bitte. Tun Sie das nicht, bitte, bitte, ich habe schon über 13 Strafkilometer hinter mir …“
Aber der Polizist wollte nicht auf mich hören, also wurde ich wütend und dann schrie ich ihn an: „TUN SIE DAS NICHT!“ Dann wachte ich wieder auf, wir waren zu Hause.

Aber so labil, wie ich im Traum bei dem Polizisten war, so war ich auch auf den letzten acht Kilometern vor dem Ziel. Irgendwann zwischen dem letzten Verpflegungspunkt und dem Ziel wollte mein Geist nicht mehr und alles tat weh.
Ich hatte mir im Schritt einen „Wolf“ gelaufen und hatte die beiden Hosen, die ich übereinander trug, schon so weit nach unten gezogen, dass die obere Hälfte meines Hinterns nur durch die Laufjacke bedeckt wurde, ich hatte eine dicke Blase hinten an der linken Ferse, eine kleine Blase unter dem rechten Fuß und mein linkes Knie machte sich ganz leicht schmerzend bemerkbar. Ich wollte nur noch im Ziel sein, endlich am Ziel sein …

Wenn Du so lange mit dem gleichen Partner läufst, dann gibt es Momente, in denen Du den Partner ziehen und motivieren musst und es gibt Momente, in denen Du Zuspruch brauchst und Unterstützung. Am Ende habe ich nur noch von Achims Kraft gelebt, er hat mich gezogen und meine Laune einigermaßen hoch gehalten, aber ich habe den Bonnern, die wir nach dem Weg zum Ziel gefragt hatten, wohl ein jämmerliches Bild geboten. Aber irgendwann dann waren wir tatsächlich im Ziel, irgendwann und mit 27:54 Stunden doch noch wenigstens unter der 28 Stunden Marke.

Unsere Hochrechnungen sahen uns schon mal mit 25:30 Stunden im Ziel, mal aber auch erst nach dem Cut-Off von 29:00 Stunden. Ganz schlimm war es ein paar Kilometer vor dem letzten Verpflegungspunkt. Nach dem vielen Verlaufen wussten wir, dass wir viel Zeit, Kraft und Motivation verloren hatten und wir begannen, neu zu rechnen.
Die Strecke nach dem VP, die Strecke von Bad Honnef bis zu diesem VP und die Strecke bis nach Bad Honnef … und in diesem Moment kam eine Spitzkehre mit einer Wegbeschilderung nach Bad Honnef, auf der stand: BAD HONNEF 11,5 km.

Wir hatten keine Chance mehr, vor dem Cut-Off anzukommen, dachten wir. Achim wurde aus Trotz und Ärger schneller, ich wurde aus den gleichen Gründen langsamer. Achim wurde richtig ärgerlich, ich verzweifelte und wanderte ins „innere Jammertal“.
Es folgte eine merkwürdige Viertelstunde, in der wir liefen und schwiegen, träumten und dachten, bis wir von einem dicken Stein erlöst wurden, auf dem stand: BAD HONNEF 1,5 km.

Alles war wieder gut für Achim, für mich aber noch nicht. Nach einem Kilometer kam ein Abzweigschild nach Bad Honnef Innenstadt, das ich aber übersehen habe und wir liefen und liefen und kamen scheinbar einfach nicht nach Bad Honnef. Ich stellte mir vor, dass auf dem Stein 7,5 km gestanden haben musste und ärgerte mich. Erst als Achim von der Abzweigung erzählte, die ich übersehen hatte, ging es mir wieder besser.

Knapp 28 Stunden lang stramm bergauf oder vorsichtig bergab, weil es so glatt war, ständig mit dem gleichen Laufpartner zusammen, den Du schon so lange kennst, immer unleidlich vor den Verpflegungspunkten, aber motiviert und vorne weg danach, da denkst Du oft an Deinen Laufpartner und daran, woher Du ihn kennst.

Achim kenne ich schon viele Jahre. Wir hatten uns auf dem Eisweinlauf vor einigen Jahren kennen gelernt und kamen damals über das Thema Fußball ins Gespräch. Achim ist in erster Linie ein Fan von Mainz 05, damals noch von „Kloppo“ trainiert. In zweiter Linie ist er ein Fan von Eintracht Frankfurt, schön, dass während des „Kleinen KOBOLT“ gerade diese beiden Vereine gegeneinander gespielt hatten. Achim hatte sich mit einem mobilen Radio und Ohrclips bewaffnet, um noch das Siegtor der Frankfurter mitzubekommen, bevor der Akku seinen Geist aufgegeben hatte.

Danach haben Achim und ich uns bei ein paar kleineren Läufen gesehen. Ich erinnere mich an den 50K Ultra in Rodgau, aber da sahen wir uns nur kurz nach dem Zieleinlauf auf dem Weg zum Auto. Achim hatte damals eine 4:35 Stunden gelaufen, ich hatte 4:45 Stunden gebraucht. Achim ist meist etwas schneller als ich, nur beim K-UT konnte ich ihn kurz vor dem Ziel noch einholen.

Das erste lange Ding, das wir dann zusammen gemacht hatten, waren die 350 Kilometer des Swiss Jura Marathon von Genf nach Basel. Antje, seine Frau, war als Helferin mit im Orga-Team, Achim und ich liefen. Achim lief wie immer ein wenig schneller als ich, zur Strafe durfte er in den Turnhallen immer schon unsere Schlafecke einrichten.
Nur an einem Tag war ich schneller als er, am 5. Tag, dem Donnerstag, einen Tag nach Achims Sturz und einen Tag bevor meine Muskelverhärtung begann.
Achim war also gestürzt beim SJM und er ging dann nach dem Lauf zum Doc, um die Rippen untersuchen zu lassen.
Eine angebrochene Rippe hatte er, wenn ich mich richtig entsinne, und der Doc fragte ihn etwas vorwurfsvoll, warum er denn nicht gleich nach dem Unfall zu ihm gekommen wäre.
„Weil ich noch 200 Kilometer laufen musste,“ war Achims Antwort. Der Doc war schockiert, ich war amüsiert. So eine Antwort kann nur von einem „Ultra“ kommen, oder?

Mit Yogi Schranz und Susanne Alexi sind Achim und ich dann das „Schräge O.“ gelaufen, mit meinem Laufpartner vom TransAlpineRun 2008, mit Heiko Bahnmüller, sind Achim und ich dann gemeinsam in der Wüste gewesen. Beim „Marathon des Sables“ war die Ankunftsreihenfolge in unserem Zelt auch jeden Tag gleich. Zuerst kam Heiko eingelaufen, dann folgte Achim, dann erreichte ich das Ziel, danach Tilmann, dann Christian. Jeden Tag gleich.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl haben aber vor allem diese beiden Etappenläufe enorm gestärkt, über all das dachte ich also nach beim „Kleinen KOBOLT“.

24 Läufer waren für die langen 140,5 Kilometer angemeldet, nur 17 davon traten an. Einer, mein Freund JoSi, Joachim Siller, scheiterte an der Zugverbindung, die im Schnee stecken blieb, einer, der großartige Jens Vieler, musste wegen einer Erkältung passen, wieder andere kamen aus anderen Gründen nicht und nur 10 ser 17 Starter kamen tatsächlich am Ziel an.
Und wenn Achim und ich uns gemeinsam den 8. Platz teilen und wir uns somit ganz weit hinten auf der Ergebnisliste wiederfinden, dann tut mir das gar nicht weh. Wir sind durchgekommen, haben gefinished, durch den Schnee, durch die Kälte, durch die Nacht …

Wir hatten trotz der Verlaufer offensichtlich mehr Glück als die, die auf der Strecke aufgeben mussten. Und wir hatten das Glück, diesen Lauf erleben zu dürfen, der von den drei Jungs aus dem „Chamonix-Appartement“ in kürzester Zeit ins Leben gerufen wurde.
Michael Eßer, der mitgelaufen war und 10. wurde, Stefan Scherzer, der den „Kleinen KOBOLT light“ lief und dort den zweiten Platz errang und Andreas Spieckermann, der Race Director, der in einer unglaublichen Ruhe die vielen Helfer dirigierte, motivierte und lenkte, haben hier einen kleinen Traum realisiert, auf den sie stolz sein können.

Ein richtig harter Winterlauf, der Dir alles abverlangt, gleichzeitig aber liebevoll organisiert ist und landschaftliche Highlights bietet, wie Du sie nur selten siehst. Wenn dieser Lauf im nächsten Jahr neu aufgelegt wird, dann solltest Du dabei sein und auch den Blick auf die in der Nacht hell erleuchteten Burgen werfen, stets abwechselnd das Rheintal und die Höhen der rechtsrheinischen Berge kennen lernen.
Du solltest die kalte und lange Winternacht erleben und genießen. Die kurze, warme Nacht von Biel ist zauberhaft, das Gegenstück, eine Nacht, die schon früh beginnt und nicht enden will, die kalt ist und lang, ist auch ein echtes Erlebnis.
Wir gehen in die Wüsten, in die Alpen und in die Dünen, um wegzukommen vom üblichen Trott eines Straßenmarathons – hier beim „Kleinen KOBOLT“ hast Du die Herausforderungen gebündelt und direkt vor der Haustüre.

Schade nur, dass der Rheinsteig auf der „schäl Sick“ liegt, aber daran können Michael, Stefan und Andreas ja noch arbeiten …

Geschichten von neunundneunzigundeinem Luftballon …

Der Münster-Marathon sollte etwas Besonderes für mich sein. Das erste Mal war ich als Brems- und Zugläufer eingespannt und das für 4:00 Stunden, entsprechend nervös war ich. Meine Sorgen gingen in die Richtung, dass ich es gar nicht mehr schaffen würde, schnell, so schnell zu laufen. Die „langen Kanten“ haben mich langsamer gemacht und ich habe seit Monaten nicht mehr richtig trainiert. Wie oft beneide ich die Marathonis, die sich über Wochen konsequent einem Trainingsplan unterordnen können und auch die, die jeden Tag laufen können – oder zumindest jeden zweiten Tag.
Bei mir passiert da seit langem kaum mehr etwas in der Woche. Am Wochenende etwas Langes und Langsames, in der Woche: eindeutig viel zu wenig.


Aber der Zug- und Bremsläufer Luftballon machte mich schon sehr an.

Zudem sollte der Münster-Marathon meine „Nummer 99“ sein, wenn ich nicht drei DNFs in diesem Jahr in meinem Lauf-Lebenslauf gehabt hätte, dann wäre ich schon längst über der Marke von 100 Marathons. So aber heißt es abwarten und stilles Wasser trinken … Ein Luftballon für jeden „Marathon und länger“ macht 99 Luftballons, zusätzlich zu dem Luftballon, der die Zahl 4:00 trug.

Der wichtigste Grund, den Münster-Marathon endlich zu laufen, war aber der Umstand, dass ich von 1982 bis 1984 für 24 Monate in Münster gewohnt habe. Das Warenhaus HORTEN, in dem ich seinerzeit gelernt habe, ist mittlerweile ein Galeria Kaufhof geworden, aber im Grunde hat sich dort nicht allzu viel geändert. Noch immer hängen im Lambertiturm der Lamberitkirche die Täuferkäfige, in denen die münsteraner Täufer hingerichtet wurden. Sie herrschten in den 1530er Jahren im sogenannten „Neuen Jerusalem“, lehnten die Kindstaufe ab und tauften die Erwachsenen erneut (Wiedertäufer). Das Taufen von Erwachsenen aber widersprach dem Reichsrecht, was zu erheblichen Konflikten mit dem Fürstbischof Franz von Waldeck führte.
Die münsteraner Täufer regierten lange die Stadt und bauten die Strukturen in der Stadt radikal um. Die Täufer führten unter anderem die Gütergemeinschaft ein und ließen das Stadtarchiv verbrennen. Diese Radikalität führte zu erneuten Auseinandersetzungen. Vor allem der zunehmende Endzeitwahn der Propheten stieß auf Ablehnung. Für Ostern 1534 verkündete der Kopf der Wiedertäufer, Jan Mathys, sogar das Erscheinen Jesu Christi in der Stadt. Aber Christi erschien nicht und Jan Mathys wurde am Ostertag mit einigen Getreuen vor der Stadt getötet.

Ab diesem Zeitpunkt war Jan van Leiden Kopf der münsterschen Täufer, unter dem sich die Bewegung weiter radikalisierte. Zwar schaffte er die Folter vor Vollstreckung eines Todesurteils ab, vollstreckte aber die Todesurteile nicht selten persönlich. In der Stadt wurde im Sommer 1534 auf Grund des erheblichen Frauenüberschusses – unter den münsterschen Täufern gab es fast dreimal so viele Frauen wie Männer – die Polygynie eingeführt und das, obwohl die Täufer sich anfangs für eine strenge Sittenwacht ausgesprochen hatten. Jan van Leiden selbst nahm im Verlauf des Täuferreiches 16 Ehefrauen.

Die Militanz der münsterschen Täufer folgte unter anderem aus der militärisch ausweglosen Situation innerhalb der Stadtmauern. Die Belagerung führte bald zur Hungersnot. Die weiße Kalkfarbe der Kirchen soll abgekratzt, in Wasser aufgelöst und als Milch verteilt worden sein. Es half aber nichts: Nach anderthalb Jahren wurde Münster am 24. Juni 1535 eingenommen. Ein Blutbad beendete das Täuferreich.
Rund 650 Verteidiger wurden getötet, die Frauen aus der Stadt vertrieben. Die obersten Täufer wurden für ihre Abtrünnigkeit zu Tode gefoltert:
Am 22. Januar 1536 wurden Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling auf dem Prinzipalmarkt mit glühenden Zangen die Fingernägel ausgerissen und schließlich wurden sie erdolcht. Ihre Leichen wurden in eigentlich für den Gefangenentransport bestimmten eisernen Körben an den Turm der Lambertikirche gehängt, teils zur Information, teils zur Abschreckung.

Über den Prinzipalmarkt ging ich heute auch und ich dachte dort auch an den wunderschönen holzgetäfelten Saal im Münsterschen Rathaus, in dem ich vor knapp 30 Jahren einmal gewesen bin und in dem der „Westfälische Frieden“ geschlossen wurde, durch den der 30-jährige Krieg endlich zu Ende ging.

Der Münster-Marathon sollte also etwas Besonderes für mich sein, er wurde aber ein Lauf voller Hektik. Schon zu Hause habe ich getrödelt und fuhr 30 Minuten später als geplant ins Münsterland. Zwar versuchte ich, die Zeitverzögerung durch besonders schnelles Fahren auszugleichen und ich fuhr von den 34 Minuten, die ich als zu spät für das Treffen der Brems- und Zugläufer ausgerechnet war, rund 24 Minuten herein. Gescheitert bin ich aber daran, dass die Polizei die Zufahrtsstraße gesperrt hatte und weil die Existenz von Parkplätzen in Münster nur unzulänglich bekannt ist.
Als ich dann einen Firmenparkplatz von „Westfleisch“ für mein Auto ausgekuckt hatte, weil dort am Sonntag sicher nicht gearbeitet wird, befand ich mich genau auf der falschen Seite der Innenstadt. Schwer bepackt mit einer großen Sorttasche, die meinen Wechselklamotten beinhaltete, rannte ich erst Richtung Paulinum, wo wir uns treffen wollten und dann Richtung Start.

Klaus Duwe von „marathon4you.de“ sah ich als erstes und danach auch gleich Jens Vieler, der den Brems- und Zugläufer für 3:30 Stunden gegeben hat. Weiter ging es bis zum 4:00 Stunden Block und dort bekam ich meine Startnummer und mein Shirt. Noch zwei Minuten bis zum Start, ich war schon verschwitzt und nervös. Ich wechselte das Shirt, befestigte die Startnummer am Startnummernband, während mit der orangene Luftballon angebunden wurde. Passt, geschafft, es konnte losgehen.
Ein kleiner Informationsaustausch mit den beiden anderen Brems- und Zugläufern und dann kam Lars Schläger auf mich zu. Endlich konnte ich ihn wieder herzen und drücken. Lars war auch ein Opfer der Absage des UTMB, aber der gemeinsame Lauf mit ihm im Vorjahr dort und die vielen anderen gemeinsamen Läufe lassen mein Herz immer höher schlagen, wenn ich ihn sehe. Und es ging los.
Nach wenigen Metern lief ein junger Läufer neben mir, Wolfgang, den ich schon beim Remmers Hasetal Marathon in Löningen kennen gelernt hatte und der dort und damals ein Autogramm von mir wollte. Dort brauchte er 4:15 Stunden für den Marathon, in Münster konnte er sich unter die 4:00 Stunden Marke ducken.

Zum Lauf selbst sei nur erwähnt, dass der Lauf durch die Innenstadt Münsters super schön war und dass die Innenstädter auch ihre sprichwörtliche münsteraner Zurückhaltung aufgeben konnten, die Passagen außerhalb der Stadt und in den vorgelagerten Teilorten aber waren zäh und langweilig. Einzig der Abschnitt um den Aasee herum befriedigte meine Lust auf schöne Gegenden.
Mir ging es gut, ich lief seit längerem endlich mal wieder schmerzfrei los und spürte mein armes linkes Knie tatsächlich erst nach gut drei Stunden – herrlich!
Aber ich musste ab km 36 schon beißen und kämpfen, mehr, als mir lieb war. Ich wollte mir aber auch keine Blöße geben und mich aus dem Projekt „unter 4:00 Stunden“ verabschieden. Jetzt, mit einem gewissen Abstand, freue ich mich, dass ich nicht der Versuchung erlegen bin, es mir leichter zu machen. Zu oft schone ich mich hier, eine meiner größten Schwächen, finde ich.

Ab km 40 haben wir das Tempo ein wenig reduziert, um nicht allzu früh im Ziel einzutreffen, dann gab es das Finisher-Shirt und die Medaille, ein Becher alkoholfreies Bier, eine wirklich warme Dusche und dann begann die Suche nach meinem Auto.
Hast Du schon mal in Hektik geparkt und Du wolltest nur schnellstmöglich irgendwo ankommen? Ich habe mir leider nicht gemerkt, wo ich geparkt hatte, nur eine Straße in etwa nach der Hälfte des Weges hatte ich in Erinnerung. Aber wer kennt in Münster schon die Straßen, schon gar an so einem Sonntag? Fast jeder war nicht aus der Stadt und hatte mehr Fragen an mich als umgekehrt.
Ich suchte insgesamt knapp über eine Stunde lang, bis ich endlich Glück hatte.

Superknapp beim Start, superknapp unter der 4:00 Stunden – Linie und dann die Sucherei, aber die „Nummer 99“ war drauf auf der Liste, 99 Luftballons für die 99 Läufe und ein Luftballon, der mich als Brems- und Zugläufer ausgewiesen hat. Ich wurde nicht wegen des Überschreitens der 4:00 Stunden Marke in den Täuferkörben ausgestellt und genoss diese schöne Stadt, durch die Sucherei nach dem Auto sogar länger als erhofft und geplant.
„Hektik ist der Feind jeglichen Erfolgs!“ habe ich als Lebensmotto zur Geburt unserer Tochter Milena in die Geburtsanzeige geschrieben, der nächste Lauf wird wieder besser vorbereitet sein!

Ein 5.000 Meter Lauf mit reichlich Anlauf…

Ich neige dazu, Geschichten von hinten nach vorne zu erzählen, also mit dem Finish zu beginnen. Das stimmt. Und nicht immer ist das richtig, aber bei meinem Wochenendlauf ist das ein „MUSS“.

Wenn Du um 8.20 Uhr nach einer kühlen und nebligen langen Nacht im Ziel einläufst und Dir ein großes Bettlaken entgegen gehalten wird, auf dem steht: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ und Du in diesem Moment vor Glück zu zerspringen drohst, dankbar, aber auch ein wenig verschämt wegen dieses Empfangs bist, wenn Du Dich umsiehst und viele Menschen entdeckst, die alle es wert sind, Freunde genannt zu werden, dann weißt Du, dass es diese Situation zweifellos verdient hat, als erstes genannt zu werden.

Oft habe ich mich schon gefragt, ob es die einzig denkbare Art ist, Hunderte von Kilometern durch die Gegend zu fahren oder sogar zu fliegen, um dann 42 Kilometer und 195 Meter weit zu laufen. Und ich habe manchmal spöttisch festgestellt, dass die Rolltreppe, die zum Fitness-Studio im ersten Stock führt, eigentlich nicht notwendig wäre.
In einem Buch eines amerikanischen Autors über die Merkwürdigkeiten des amerikanischen Lebens habe ich von einer Frau gelesen, die die nur rund 400 Meter von zu Hause bis ins Fitness-Studio mit dem Auto zurücklegt, um dann dort im Studio aufs Laufband zu steigen und zu laufen. Als der Autor sie fragte, warum sie das Auto nehmen würde, da antwortete die agile Lady souverän: “Weil sonst der Kilometer, den ich laufen würde, umsonst wäre. Ich kann den ja dann nicht in mein Trainigs-Tagebuch eintragen!“ Stimmt doch, irgendwie.
Andererseits gibt es auch beeindruckende Beispiele wie der unbekannte Läufer beim „Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul, der mit dem Fahrrad zum Wettkampf gekommen ist, um dann, nach 24 Stunden Treppen auf- und ab gehen, damit auch wieder nach Hause zu radeln.
Oder „Trailschnittchen“ Julia Böttger. Sie wollte am UTMB in Chamonix teilnehmen und beschloss, die rund 814 Kilometer vom oberbayrischen Hinterriss ins französische Chamonix über die Alpen zu laufen und dabei rund 42.400 Höhenmeter zu bewältigen.


Es waren diese Beispiele, die mir durch den Kopf gegangen sind, als ich überlegt habe, was ich in Ratingen-Breitscheid denn laufe. Durch ein paar DNFs wäre Breitscheid mein „Marathon und länger“ (MuL) Nummer 99 gewesen, der Münster-Marathon meine Nummer 100, aber das motivierte mich nicht ausreichend. Der 24-h Lauf in Breitscheid ist eine Benefiz-Veranstaltung und da sieht man vieles eher locker. Nichts für Bestwerte, nichts für Bestzeiten. Aber eben etwas von Freunden für Freunde.

Mir kam dann ganz plötzlich die Idee, dort hin zu laufen. Bis Köln kenne ich die Strecke gut, in Köln denke ich an den KÖLNPFAD, wo ich mich an den Kölner Ford-Werken in der Nacht verlaufen habe, zwischen Köln und Ratingen aber gibt es nur die Autobahn für mich. Das sollte sich ändern, dachte ich und druckte mir den Reiseweg von map24.de aus. Die gewählte Option war „Fußgänger“ und ich kam auf erst auf rund 93 Kilometer (Ratingen) und dann auf rund 99 Kilometer (Breitscheid, Mintarder Weg). Perfekt, dachte ich.

Mit den Nachtläufen hatte ich ja so meine Probleme in der letzten Zeit. Beim Elbelauf von Dresden nach Hamburg war ich in der ersten Nacht indisponiert und in den nächsten Nächten „schwächelte“ Hauke König ein wenig, einmal wegen des Verlaufens im Stoppelfeld und einmal, weil es einfach nicht gepasst hatte.
Beim PTL war die erste Nacht ja nach dem Spätstart um 22 Uhr relativ kurz, das ist ja noch verhältnismäßig einfach, und in den beiden nächsten Nächten hatte ich ja 3 Stunden bzw. 2 ¼ Stunden geschlafen. Ich wollte aber mal wieder die Nacht durchlaufen.

Als ich die Idee bei FACEBOOK gepostet habe, ärgerte ich mich schon schnell darüber, weil es nicht unbemerkt blieb. Und wenn es bemerkt wird, dann entsteht ein gewisser Druck und das ist gut und schlecht zugleich. Gut, weil es mich zwingt, ein wenig das Weichei-Dasein zu verlassen und aus der Wohlfühlzone zu fliehen, schlecht, weil ich dann unter Zugzwang bin. Also laufen, schön parallel mit den Breitscheidern, Start war also am Freitag um 18.00 Uhr, pünktlich.

Mein GARMIN-Ührchen aber wollte 14 Minuten lang nicht mit mir spielen und weigerte sich, die Satelliten zu finden. Ich lief also vielleicht zweieinhalb Kilometer, bis GARMIN-Ührchen sich erbarmte und für mich da war.
Ich hatte mich seit langem wieder einmal für ein ERIMA Outfit entschieden, auch, weil ich in der kurzen X-BIONIC-Hose bei der TorTOUR de Ruhr und beim PTL das hübsche Spiel „TOM und der böse Wolf“ gespielt hatte. Das führte bei der TTdR230 dazu, dass zwei ältere Herren, mutmaßlich Menschen mit einem erhöhten Maß an Schamgefühl, mich verbal attackierten, weil ich die Hose dann so weit nach unten gezogen hatte, dass zwar die Schmerzen weg waren, dafür war aber der obere Teil meines Hinterns zu sehen. Um es kurz zu machen: die beiden Herren fanden das sehr anstößig.
Also ERIMA und einen kleinen Camelback mit 2 Litern Wasser, ein paar Riegel, wenige Salztabletten und etwas Magnesium. Und natürlich meine geliebte Petzl-Stirnlampe mit drei Ersatzbatterien, Größe AA, man weiß ja nie, wie lange die alten noch halten.
Aber leider ist meine Petzl seit dem PTL verschwunden. Trotz intensiver Suche ist sie nicht mehr aufzufinden und ich frage mich, ob ich sie im letzten Nachtlager habe liegen lassen. Ich erinnere mich nicht mehr, ich weiß nur noch, dass ich sie dort abgenommen und zu meinen Sachen gelegt hatte. Von da an war alles hell, nur in meinem Oberstübchen bleibt es diesbezüglich eher dunkel.
Also habe ich schnell umdisponiert und eine andere Stirnlampe eingepackt. Die Nacht wird ja lang und dunkel.

Meine Motivation war schon kurz hinter Wesseling am Boden und ich fragte mich, was mich wohl getrieben hat, eine so doofe Idee zu verfolgen. Menschen bewegen sich seit Jahrtausenden vernünftigerweise in Autos, warum tue ich das nicht? Dabei war die Strecke wirklich schön, immer den Rhein entlang, hübsche Häuser auf der linken Seite, ein ziemlich voller Rhein auf der rechten Seite. Für die, die mitdenken, sei gesagt: Ja, ich lief auf der „richtigen“ Rheinseite!
Bei Köln-Sürth und Köln-Rodenkirchen wurde es noch schlimmer, die Nacht brach herein, die Ersatz-Stirnlampe funzelte vor sich hin und die Muskeln schmerzten. Und ich fragte mich, wie ich jemals in meinem Leben wieder einen Marathon bestreiten könne, wenn ich jetzt hier, bei diesem niedrigen Lauftempo, schon Muskelprobleme hätte. Zudem schmerzte das linke Knie, leider laboriere ich schon ein paar Monate mit diesem Problem.
In Köln wurde ich dann von einem schnellen Läufer überholt, der aber ein paar Minuten später japsend und hechelnd am Wegesrand stand. Ich sprach mit ihm und nahm ihn mit. Es war ein nettes Gespräch mit einem, der auf seinen 2. Marathon hin trainiert und der – natürlich – den Köln-Marathon vor Augen hat.
Und wir liefen gemeinsam durch Köln-Mitte an den Kranhäusern vorbei, wir passierten das ehemalige Stollwerck Schokoladenmuseum, das jetzt aber das Lindt Schokoladenmuseum ist.
Nach dem Verlust der Köln-Arena geht mit dem Stollwerck Museum wieder ein Stück Heimat weg. Eine Schande ist das …


Und wir sahen die Absperrungen für den KÖLN 226 Triathlon am nächsten Tag und Dutzende von Motorhomes, in denen die Triathleten nächtigten. Ganz bestimmt wäre es schön gewesen, einfach zu bleiben und am nächsten Tag dort zuzuschauen.
Mich aber hat dieser gemeinsame Laufabschnitt wieder richtig motiviert. Wenn Du das Gefühl hast, etwas weitergeben zu können, jungen Läufern eine Ahnung geben zu können, was es heißt, etwas anderes zu laufen als flache Straßen, wie es schmeckt, gesunde Bergluft zu atmen, wie viel Spaß es macht, Kühe wegzuscheuchen und auf hohen Gipfeln zu schwitzen, dann fühlst Du Dich schnell wieder besser.


Als ich wieder alleine war, beschloss ich, an der Mülheimer Brücke auf die „schäl Sick“ zu wechseln, um den Wegen bei den Ford-Werken zu entgehen. Es war ein Fehler, obwohl ich bis kurz vor Leverkusen dort fantastische neue Luxuswohnungen gesehen habe und edle gediegene Alt-Villen.
Ich sah immer seltener das Fahrradweg-Zeichen und landete in einem Teil, das eigentlich für „nicht Befugte“ verboten war. Irgendetwas von Wasserbehörde stand da, aber ich hatte einfach keine Lust, zurück zu gehen und den richtigen Weg zu suchen. Am Ende traf ich dann doch noch auf den normalen Weg, aber ich hatte viel Zeit verloren.

Kurz bevor ich auf dem Damm wieder den richtigen Radweg betreten konnte, wurde es gefährlich. Da stand ein Schild, das darauf hinwies, dass es keinen Winterdienst gäbe und dass das Begehen des Dammes auf eigene Verantwortung stattfinden würde. Auf eigene Verantwortung? Das hatte ich ja noch nie gemacht. Immer ist doch irgendjemand für mich verantwortlich. Aber das war es nicht, was mich störte. Mir fiel auf, dass gerade eben meine Ersatz-Stirnlampe ausgegangen war.
Aber ich hatte Glück, es war eine Bank genau zur rechten Zeit da, ich hatte die Ersatzbatterien –  was willst Du mehr, TOM?

Leider hatte ich erst die Ersatzbatterien eingepackt und wollte dann die Petzl-Stirnlampe dazu packen. Als ich die nicht finden konnte und umdisponierte, dachte ich aber nicht mehr an die Ersatzbatterien. Und die Batterien der Ersatz-Stirnlampe waren kleiner, Größe AAA. Du kannst machen, was Du willst, Du bekommst die großen AA Batterien da einfach nicht rein.
Ich habe dann den Strahler ausgeschaltet und eine kleine LED eingeschaltet, weil die nur wenig Strom braucht. Dafür war noch ein wenig Reserve da, aber die Nacht wurde fortan deutlich dunkler und ich durfte mir den Satz ins Stammbuch schreiben, dass Ersatzbatterien alleine nicht glücklich machen, es sollten schon die richtigen sein!

Und so ging es weiter, bis ich den Rhein auf der linken Seite hatte und den langen Zaun der BAYER-Werke auf der rechten Seite, ganz lang weiter.
Dann aber endete der immer schlechter werdende Weg im Rhein, einfach so.

Ich hätte nie gedacht, dass das BAYER-Gelände doch so groß ist! Wenn Du fast das ganze Gelände zurück laufen musst, dann das Gelände in der Breite abläufst und dann irgendwann das Gelände auf der anderen Seite erneut abtrabst, dann weißt Du, dass dort sehr viele Menschen arbeiten müssen.
Meine Probleme waren dann aber noch nicht vorbei. Die Beschilderung war miserabel, oft hattest Du an einer Kreuzung zwei Fahrradweg-Zeichen, eines nach rechts, eines geradeaus. Dann denkst Du Dir, dass Du durchaus siehst, dass das Fahrradwege sind, aber wohin führen die?
Und wenn dann mal eine Beschilderung nach Ortschaften vorhanden war, dann steht da nicht „Langenfeld“ oder „Hilden“, sondern „Leverkusen-Hitdorf“, „Leverkusen-Opladen“ und andere Teilorte Leverkusens, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
Wie genau war denn noch einmal die Aufreihung der Teilorte Leverkusens gewesen?

Ich lief wohl kreuz und quer in dieser Zeit und deshalb beschloss ich, dem Rhein „Lebewohl“ zu sagen und dem ausgedruckten Plan zu folgen, den ich dabei hatte. Aber ich war ganz woanders und musste erst einmal einen Punkt finden, der auf der Liste verzeichnet war. Zwei „Red Bull“ Dosen halfen mir durch die erste Hälfte der Nacht, zudem leerte ich eine große Flasche Apfelschorle. Der Kioskbesitzer, ein Perser, war nett und füllte sogar meinen Camelback mit frischem Wasser. Später dann half mir ein ganzer Liter „Take Off“, auch so ein Energy-Drink, durch die zweite Nachthälfte.

Wenn Du um 2.00 Uhr, 3.00 Uhr oder 4.00 Uhr auf der Straße jemanden etwas fragst, dann realisierst Du, dass zu dieser Zeit jeder betrunken ist. Bei unseren Nachtläufen fällt das kaum auf, weil die Menschen um Dich herum auch Läufer sind, die Wege markiert sind und die Zaungäste nur klatschen. Reden tust Du mit denen ja nie. Aber hier war das vollkommen anders. Ich musste wissen, wie ich nach Langenfeld komme, nach Hilden, nach Ratingen und nach Breitscheid.
Wenn die Gefragten noch lallen konnten, dann war ich einigermaßen zufrieden, die Antworten aber waren meist sehr dürftig. Und während ein Russe mich in Russisch zutextete und seine Freundin halb verständlich versuchte, das alles zu übersetzen, was ihr aber nicht gelang, war eine Gruppe von vielleicht 8 oder 10 jungen Leuten in Langenfeld, die auf einer Empore saßen, schon kreativer. Der erste hielt mir eine Whiskey-Flasche vor die Nase und fragte mich, ob ich etwas Whiskey haben wolle, der zweite empfahl mir „Berentzen musst Du trinken!“ und ich weiß nicht, welche Angebote ich noch bekommen hätte, wenn ich das alles nicht unterbrochen hätte.
Manche bezeichneten mich als Alien, wahrscheinlich wegen der Stirnlampe, andere als Schneemann und einer fragte mich verwundert, ob ich den Lauf „als Sport“ machen würde. Ich denke, er war in Sorge, ich könnte antworten, dass ich mir das Busticket durch die Nacht nicht leisten könne.

Dem Gefragten in Ratingen war meine Frage, wie ich von Ratingen denn nach Ratingen-Breitscheid kommen würde, einfach noch zu früh am Morgen und die Frau, die ich danach ansprach, sagte, dass „da vorne links“ der Busbahnhof sei und dort solle ich den Bus nehmen.
Dort, es war dann der Ostbahnhof, habe ich einen Taxifahrer nach dem Weg gefragt, den er mir zuerst gar nicht und dann falsch erklärte. Zudem bemerkte er: „Das ist aber weit! Mindestens 10 Kilometer!“ Aber ich wollte nun wirklich nicht Taxi fahren und obwohl er mir zwei Kreuzungen weit folgte, verirrte ich mich nicht in sein Taxi. Irgendwann gab er entnervt auf und ließ mich weiter ziehen, zum Glück gab es dann irgendwann einen detaillieren Stadtplan von Ratingen, an den ich mich halten konnte.

Gerade war ich auf der Mülheimer Straße aus Ratingen heraus gelaufen, rief mich Susanne Alexi an, um nachzufragen, wo ich denn bliebe. Ich hatte ja gesagt, dass ich um 8 Uhr beim gemeinsamen Frühstück vor Ort sein wolle. Sie gab mich dann weiter an Stefan, der mir den weiteren Weg erklärte. Also erst nach Breitscheid herein bis zum Kreisverkehr mit den beiden Tankstellen und dann noch einen Kilometer bis zu einer skurrilen modernen Kirche, die als rote Pyramide ausgebildet war. Dort hat Stefan mich abgeholt und ist als Radbegleitung mit mir den letzten Kilometer durch das Wohngebiet geradelt.

Dort, auf dem Sportplatz von Breitscheid, gab es dann den „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“ Empfang, Frühstück, nette Gespräche und ein Nickerchen für mich. Lust auf einen Marathon, Lust auf meine „Nummer 99“, hatte ich aber nicht mehr.

Als die Sonne dann wärmte, lief ich mit Susanne Alexi und Joachim Siller eine 5.000 Meter „Ehrenrunde“, eine Runde, für die ich wirklich reichlich Anlauf genommen hatte.

Und da waren noch die Gespräche mit Sigi Bullig, der mich nicht nur mit einem Altbier verwöhnte, sondern mir auch einen Schlafsack um die Schultern legte, weil er sah, wie sehr ich fror und die mit Bernd Nuss, mit dem ich über seinen Geburtstagslauf „Rund um den Seilersee“ geredet habe, über den heftigen Regen in der damaligen Nacht, über Jeffrey Norris, den ich dort zum ersten Mal gesehen habe und über Gott und die Welt, eben über all das, was uns Läufer vereint.

Und wieder wurde mir klar, dass wir Ultra-Läufer nie alleine sind und nie alleine laufen: „TOM WINGO, YOU NEVER WALK ALONE!“

Danke, lieber Bernd Krayer, liebe Susanne Alexi, liebe Breitscheider Freunde, für diese Nacht, für diesen Tag.

Last exit St. Gervais

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Du tust mir ja so leid.

Zuerst sah es so aus, als ob Du ein Glückskind wärst. Du hast Dich bei der Lotterie mit 2.299 anderen gegen weitere ca. 1.300 weniger Glückliche durchgesetzt, die bei der Lotterie keinen Startplatz für den UTMB ergattern konnten. Vielleicht hast Du dieses Glück dann ausgiebig gefeiert und Du hattest das Gefühl, fliegen zu können.
Ich weiß, was es heißt, dann fast ein Jahr lang zu trainieren, diesen Lauf als Saison-Höhepunkt zu definieren und sich wie ein kleines Kind darauf zu freuen.
Sich zu freuen auf den Abend in Chamonix, auf den Abend, an dem traditionell der UTMB beginnt.


Und dann, kurz vor dem UTMB, hast Du Dich auf die Reise vorbereitet.  Und ich kenne die Sorgen, die Du haben musstest, ob Du alles notwendige eingepackt hast, ob Deine Rennstrategie zu offensiv oder zu defensiv ist und auch die Sorgen, die Du Dir um Deine Gesundheit gemacht hast. Ich sehe förmlich Deine Begeisterung, mit der Du mit dem Auto, mit der Bahn oder mit dem Flugzeug Richtung Chamonix gefahren bist, vielleicht einen Tag vor dem Lauf, vielleicht auch erst am Tage des Laufs. Du hast dann ein Hotelzimmer gebucht, wahrscheinlich schon vor Monaten, ein Appartement oder sonst eine wie auch immer geartete Schlafgelegenheit.

Du hast Dir dann die Startunterlagen abgeholt, einige der vielen Stände auf der Marathon-Messe angesehen und dann hast Du Dich noch einmal im Hotelzimmer hingelegt, um für die erste Nacht, die Du durchlaufen wolltest, fit zu sein. Und dann gingst Du noch in ein Restaurant, um Dir eine heiße Pizza oder eine Portion Pasta zu bestellen. Du hast Dich dann für den Lauf fertig gemacht und hast die nächsten Stunden aufgeregt und euphorisiert hinter Dich gebracht.

Und endlich war Freitag Abend, 22 Uhr. Du standest mit über 2.000 anderen Läufern aufgeregt und nervös hinter dem Startportal. Du hast letzte Gespräche geführt, noch ein paar Fotos geschossen und dann hast Du mit den anderen Läufern die letzten Sekunden bis zum Start herunter gezählt.

Und dann, liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis … ging es endlich los.

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Die ersten Meter konntest Du nur langsam gehen, so voll war der schmale Weg, der von Abertausend Zuschauern gesäumt wurde. Die Begeisterung der Zuschauer hat Dir ein Kribbeln auf dem Rücken verursacht und Du hast etliche Kinderhände abgeklatscht, die sich Dir entgegen gestreckt haben. Und Du hast diesen Kindern ins Gesicht geblickt und Du hast gesehen, dass Du in diesem Moment die Welt wieder ein wenig besser gemacht hast.
Bis weit hinter Chamonix säumten die Zuschauer die Strecke und auch später hast Du noch Zuschauer an allen wichtigen Stellen bis Les Houches gesehen. Gerade die ersten, eher flachen 8 Kilometer haben Dich besonders bewegt. Du wolltest keinesfalls zu schnell starten, immerhin folgen ja noch fast 160 Kilometer nach Les Houches, Du wolltest aber auch nicht zurück fallen und hast hier Deinen Kompromiss gesucht und gefunden.
Und dann ging es weiter Richtung St. Gervais und Du warst in Gedanken schon auf den Bergen. Deine Hoffnung ging dahin, am Samstag in sonnigem Wetter wunderschöne Alpenpässe zu bezwingen, Spaß zu haben und die wunderschöne Landschaft rund um den Mont Blanc zu genießen. Du träumtest noch, als Du St. Gervais hinter Dir gelassen hast.

Aber dann träumtest Du nicht mehr. Die ersten Gerüchte waren Dir zu Ohren gekommen, dass der Lauf abgebrochen werden sollte, aber Du wolltest es nicht glauben. Du wolltest es solange nicht glauben, bis es zur bitteren Gewissheit wurde: wegen einer Schlammlawine, dem schlechten Wetter und wegen einer immensen Menge im Gletschereis gefangenem Wassers, das zu Tal zu rauschen droht ist nach nur 31 Kilometern Schluss mit dem UTMB.

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Du tust mir ja so leid.

Ein ganzes Jahr der Vorfreude ist vertan, der Frust ist groß und wer weiß. was im nächsten Jahr sein wird, ob Du die notwendigen Qualifikationspunkte haben wirst, ob Du gesund sein wirst, ob der Termin passen wird und ob Du Dir die Mühe und die Kosten der Anreise nach Chamonix wieder antun willst.

Liebe Steffi, Julia, Andrea, … , lieber Lars, Thomas, Dennis …

… Chamon-NIX.

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Kahtoola MICROspikes

„Kahtoola!“

Was auf den ersten Moment wie eine hawaiianische Begrüßungsformel klingt, ist etwas, das ich bis gestern noch nicht kannte, aber heute schon bestellt habe.
Regelmäßige Leser meines kleinen Blogs mögen mir verzeihen, dass ich gerade die Serie der Laufberichte über Hauke Königs 530 Kilometer-Lauf von Dresden nach Hamburg unterbreche, um ein freundliches „Kahtoola!“ in die Runde zu rufen, aber der PTL wirft seine Schatten voraus und beschäftigt mich zurzeit in jeder freien Minute.

Gestern habe ich angefangen, meinen Rucksack zu packen. Ich hatte die Wahl zwischen dem SALOMON Rucksack, den ich so liebe und dem RACELITE Rucksack mit Front-Container, den ich mir für den MdS gekauft habe. Zum Glück bin ich sehr vorsichtig mit dem Rucksack umgegangen, sodass ich ihn auch noch für den PTL verwenden kann. Letztendlich hat der Front-Container und damit die gleichmäßigere Gewichtsverteilung den Ausschlag gegeben, warum ich mich für RACELITE entschieden habe.

Ich habe viel gelesen in den letzten Tagen, die 36-seitige Anleitung über die Regeln der vier Bewerbe am Mont Blanc ( CCC, TDS, UTMB und PTL), die Mails von Michael Eßer und Jens Vieler und natürlich die vielen Mails meiner beiden Laufpartner Bob Lovegrove von der britischen Insel und Carsten Quell aus Kanada. Und da las ich, dass wir wohl ab 2.800 Metern Höhe mit Schnee und mit Schneefeldern zu rechnen haben.

Sofort dachte ich an den „Trail Verbier/St. Bernard“ und an die knapp zwei Kilometer Aufstieg über ein riesiges Schneefeld. Ich erinnerte mich, wie ich mich gequält habe, um Meter für Meter nach oben zu kommen, stets zwei Schritte nach vorne machend, während ich einen Schritt wieder zurück rutschte.
Und auf der anderen Seite des Berges ging es in einer gefährlichen Rutschpartie wieder nach unten. Der glatte Schnee unten, der stark prasselde Regen von oben, die schmale Spur im Schnee, die bestenfalls für einen Fuß reichte und die Erschöpfung machten den Weg nach unten zur Qual – Spikes hätte man haben sollen, dachte ich damals.

Nun aber hat sich Carsten „Kahtoola!“ gekauft. Danach musste ich natürlich gleich googeln. Und siehe da, „Kahtoola!“ ist keine hawaiianische Grußformel, sondern der Hersteller von auf den Schuh aufziehbaren Spikes, ideal für die Herausforderungen des PTL und dabei sehen diese MICROspikes auch noch richtig gut  aus:

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„Kahtoola für alle!“