Because the night belongs to … Runners

Ein Blog bleibt ein Blog, auch wenn er schon lange nicht mehr beschrieben wurde. Es gab ja auch nicht viel zu schreiben. „Marathon und länger“, das sagt ja schon, dass ich eben einen Marathon oder etwas Längeres Laufen muss, um überhaupt etwas zum Schreiben zu haben.
Und ich musste meine Schreibblockade hinter mich bekommen.
So entgingen Dir meine wenigen „Marathon und länger“ Episoden seit meinem Marathon „M 275“ in Idar-Oberstein, dem „Bärenfels Marathon“. Aber Du kannst Dir das alles zumindest ergebnismäßig hier ansehen:
https://marathonundlaenger.wordpress.com/201-mul-lauf-lebenslauf/

Aber nun zu meiner Nummer 292, einem kleinen Ultra.
Eigentlich war ich ja für die 75km des „Dutch Coast Ultra by night“ gemeldet. Ich wusste von dem Lauf, weil mein alter Laufkumpan Chris von Minden mal aus dem Kreisverkehr heraus wollte, um einfach nur geradeaus zu Laufen.
Den Helder liegt in den Niederlanden ganz weit oben, dort war der Start am 9. Februar, Abends um 21.00 Uhr. Und das Ziel war in „Castricum aan Zee“, deutlich südlicher als Den Helder.
Ich hatte meine Absicht, dort zu Laufen, kurz auf Facebook erwähnt, da meldete sich mein Freund Carsten Senst, dass er gerne mitkommen würde. Das hat mich gefreut, aber wir konnten nicht zusammen hinfahren. Zumindest aber konnte er sein Auto im Ziel stehen lassen und wir fuhren gemeinsam zum Start nach Den Helder.
Marita Polat kümmerte sich erst um das Auto, dann ein wenig um sich und anschließend um mich.
Dass das nötig wurde, tut mir leid. Und ohne „spoilern“ zu wollen: Später im Text erfährst Du, warum es nötig war. Bis dahin verrate ich Dir diese Binsenweisheit: Gehe auf den Wegen, die Du kennst oder die Dir angegeben wurden und versuche nicht, irgendwie anders durchzukommen. Glaube mir hier, ich habe es bewiesen.

Der „Wienerhof“ in Den Helder ist ein nettes Hotel mit einer urigen Kneipe. Auf den Holzträgern, die das Dach halten, stehen lustige Sprüche drauf, zujmindest mutmaße ich das. Aber mein Niederländisch ist aber auf einige wenige Worte begrenzt, sodass ich nicht jeden Spruch übersetzen konnte. Aber die vielen Teilnehmenden, teils Läuferinnen und Läufer der 75km, meist aber Teilnehmende der 50km, waren allesamt gut drauf und der Umgang miteinander war herzlich und von gegenseitigem Respekt geprägt.
Chris startete für die 50km, Carsten und ich für die 75km.
Es gab die Option, beim einzigen VP bei Kilometer 31,5 „downzugraden“ auf die 50km Strecke. Der Vorteil davon war nicht nur, dass Du weniger weit zu Laufen hast, sondern auch, dass Du am Strand bleiben konntest, während die 75km Läufer noch ein wenig durch die Dünen geschickt wurden.
„Downgraden ist nicht gut für die Psyche,“ sagte ich zu Carsten und ich war mir sicher, vor der Herausforderung „Dünen“ nicht zu kapitulieren, obwohl mir der Dünenpart doch Sorgen bereitete.

21.00 Uhr, Startschuss vor dem „Wienerhof“ und alle rannten los, als gäbe es am VP nichts mehr zu futtern, wenn man dort zu spät ankommen würde. 31,5km auf Sand, in der Nacht, ich ging davon aus, dass Carsten und ich den VP nach vier Stunden erreichen würden.
Aber dafür waren wir viel zu schnell. Überhaupt nicht mein Tempo. Und dennoch waren wir eher die Nachhut und wir wunderten uns, ob die Leute vor uns so fit waren oder sich einfach verzocken würden.
Nach zwei Stunden „für mich zu schnell“ bat ich Carsten, mich doch alleine zu lassen, damit ich mein Tempo reduzieren konnte, ohne mich dabei vom Laufpartner unter Druck gesetzt zu fühlen. Zudem war der Gedanke „downgraden ist nicht gut für die Psyche“ irgendwo auf dem sandigen Untergrund verloren gegangen.
Wir rannten, rechts von uns das Meer. Eigentlich schön, aber ein Meer, dass Du hörst, aber nicht siehst – es war irgendwie schade drum. Links von uns waren die Dünen, ganz schön hoch, fand ich. Und der Strand war unglaublich breit, bestimmt 100 oder sogar 150 Meter.
Wenn Du diese Gegend nicht kennst, dann lasse Dir gesagt sein, dass dies ein Manko ist. Fahre hin, schaue es Dir an, am Besten aber nicht in der Nacht und nicht im Winter.

23.00 Uhr, ich war nun alleine. Wer vor mir war, war vorne, wer hinter mir war, der blieb es auch. Das Feld hatte sich doch deutlich auseinander gezogen, auch Carsten sah ich bald nicht mehr, so schnell war er nach vorne geeilt. Ich lief, aber ich gönnte mir auch gelegentliche Gehpausen. Die Muskeln schmerzten, erst nur die Oberschenkel, dann links auch die Unterseite des Oberschenkelmuskels, später auch die linke Wade. Dennoch war ich nach 4 Stunden und 7 Minuten am VP.
Wenn ich aber bedenke, wie schnell wir in den ersten beiden Stunden waren, dann war mir klar, dass ich mit der Zeitvorgabe (8.00 Uhr am nächsten Morgen) die 75km nicht werde bewältigen können. Zudem wurden in meinem Kopf die Dünen immer höher, der Sand immer weicher und die körperlichen Schmerzen nahmen weiter zu. Also zog ich die „Notbremse“ und erklärte dort am VP, auf 50km „downgraden“ zu wollen.

Also nicht rein in die Dünen, sondern einfach weiter den Strand entlang rennen. Es lief dann wieder besser, ich wurde etwas schneller, aber dann glaubte ich, auf meiner Garmin den Track nach links abbiegen zu sehen. Ein Städtchen, wie schön. Aber konnte das schon Castricum aan Zee sein?
Bestimmt nicht, dachte ich, aber die Uhr … und ich hatte keine Brille dabei, um mir das auf dem kleinen Display besser ansehen zu können.
Also bog ich ab, schaute mal, welches Örtchen das denn ist. Es war mittlerweile deutlich nach 3.00 Uhr und die schönen Strandlokale waren zwar noch beleuchtet, aber leer und verschlossen.
Also nahm ich mein Smartphone, schaltete alles ein, was ich brauchte, um mal bei Google Maps nachzusehen, wo ich denn war. Aber ich bekam kein Netz, auch nicht nach etlichen Versuchen.
Ich ging immer weiter weg vom Strand, bis ich ein großes Gebäude fand, wo der Hausflur beleuchtet und die Türe offen war. Aber auch da war niemand, aber ich „Blindfisch“, ohne Brille, die für „ältere Herren“ leider notwendig ist, brauche halt Helligkeit, um kleine Zeichen sehen zu können. Dank der Beleuchtung des Treppenhauses sah ich, dass ich irgendwie übersehen habe, auch „Mobile Daten“ anzuklicken. Kein Wunder, dass da das INet nicht geht. Also habe ich die „mobilen Daten“ eingeschaltet und Maps zeigte mir, dass ich in „Egmond an Zee“ war.
Egmond, ich dachte an Goethes Trauerspiel „Egmont“ und ich fühlte auch so etwas wie Enttäuschung in diesem Moment. Aber Maps zeigte mir einen kurzen Weg quer zum Strand, bei dem ich nicht den Weg zurückgehen musste, den ich gekommen war, sondern so wenigstens ein wenig Weg einsparen konnte.
Später dann stand da auch ein Hinweisschild „Strand“ mit einem Pfeil. Noch 7,5 Kilometer bis Castricum, ein knappes Stündchen noch, dachte ich.
Ich dachte … falsch.

Die beiden Veranstalter, Henri Thunnissen und Rinus Running, hatten im Vorabbriefing geschrieben, dass sie die Strecke ein wenig geändert haben, damit wir nicht durch kniehohes Wasser waten müssen.
Durch Wasser waten? Am Strand? Verstehe ich nicht …
Ich war also auf dem kurzen Weg zum Strand und sah ein mit rot/weißen Balken gesperrten Weg. Aber was soll das denn sein, dachte ich mir. Ich ging daran vorbei, bis ich einen kleinen Tümpel auf dem Weg sah und so wusste ich gleichzeitig, was Henri und Rinus gemeint haben und auch, warum der Weg eigentlich gesperrt war. Also zurück zur letzten Kreuzung der Dünenwege, die ich überquert hatte und dann nach Gefühl und etwas Maps eine Alternative wählen, die nicht gesperrt war. Ich fand eine. Etwas länger der Weg bis zum Strand, aber zum Zurückgehen nach Egmond hatte ich auch keine Lust.

Und so begann meine private Dünenreise. Nach zwei Kilometern kam wieder ein Tümpel auf dem Weg. Aber nun dachte ich mir, dass ich da durch muss. Knöchelhoch stand das kalte Wasser, aber was so ein Läufer ist, der schafft das. Und es waren ja nur vielleicht 50 Meter und es ging weiter.
Der nächste Tümpel war schon tiefer und länger, ich sah das Ende weiter weg am Horizont. Auch da musst Du durch, Herr Läufer, dachte ich mir und watete durch die Flut. Dann ging es über einen Hügel und ich kam zu einem See.
Nun war die Größe unabsehbar und das Wasser, in das ich mich wieder begeben habe, ging mir bis zur Hüfte. Ich versuchte, nach Maps dem Weg zu folgen. Sehen konnte ich keinen Weg mehr und als es immer tiefer ging, verließ ich die Maps Route, um nicht vollkommen einzugehen. Aber irgendwann sah ich eine Wegmarkierung, watete dorthin und ging trockenen Fußes am Seeufer zurück, bis ich den Weg wieder fand.
Nun ging es nur noch bergauf, also kein Wasser mehr! Und der Strand war nur noch einen Steinwurf entfernt!
Ich ging also hoch auf die Düne und sah den Strand. Und einen Läufer, der da von rechts nach links an mir vorbei lief. Einzig die Höhe und die Gefährlichkeit der Steilküste waren das Problem, das ich nicht lösen konnte, also ging ich oben an der Kante weiter. Dann musste ich wieder weg vom Strand, weil da ein sehr steiles Tal war, das umlaufen werden wollte.
Es ging über Stacheldrähte hinweg, immer wieder musste ich die letzten Meter zurück gehen, weil „das Gute so nah“ war, also der Strand, dennoch aber unerreichbar. Bis ich zum einem Stück kam, das sandig aussah und ich die Chance sah, dort zum Strand runter zu kommen.
Die Laufhose klitschnass, auf den Hosenboden gesetzt und zum Strand runtergerutscht. Ich sah aus wie ein paniertes Schnitzel, aber ich war am Strand.
Nur noch 3,6 Kilometer am Strand. Dank der Kälte des Wassers waren meine Beinmuskeln wieder fit, ich konnte wieder durchlaufen, auch schneller als zuvor.

So skurril dieses kleine Dünenerlebnis war, so schön war es auch. Es war tatsächlich mein Highlight auf der Gesamtstrecke und ich war dort die ganze Zeit über glücklich, auch im tiefen Wasser.

Kurz vor fünf Uhr lief ich also ins Ziel. Vorher rief ich Marita an, dass sie doch etwas früher zum Abholen kommen möge. Drei Stunden Schlaf für sie musste einfach ausreichen. Das sind drei Stunden mehr als ich, oder?

Später schrieb mir Carsten dann, dass ich die Zeitvorgabe bei den 75km wohl nicht geschafft hätte. Prima, dachte ich. Ich hatte meinen Dünenlauf ja auch ohne die Schleife durch die Dünen. Und ich hatte Wasser, Sand und sehr viele Dornen.
Zwei davon habe ich mitgebracht, versenkt in meiner rechten Hand. Mal sehen, ob die irgendwann irgendwie rausgehen. Aber mit solch einem „Piercing“ bin ich ja auch hip und modern.
Zusammenfassend sei noch erwähnt, dass dieser sehr persönliche und kleine Lauf ein kleines Schmuckstück ist, das in keiner Sammlung fehlen sollte.
Ob Du dort die kurzen Strecken bis 25km wählst, die 50km, die 75km oder sogar die „volle Dröhnung“ mit 100km, das ist egal. „Hauptsache Italien„- hätte wohl die frühere Nationalspieler Andreas Möller gesagt.
Hauptsache Meer, Dünen, Sand, Wasser und Dornen, sage ich.

Selbst laufen?

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„Halte Dir ja den 3. September frei,“ sagte „Eule“ zu mir.

„Eule“ ist ein lieber und auch recht schneller Lauffreund aus Altenahr, der aber, bis ich ihn mit nach Luxemburg zum „Trail Uewersauer“ mitgenommen hatte, noch nie über die Grenze des Marathons gelaufen war. Überhaupt waren ihm Gedanken an Entfernungen jenseits der Marathon-Markierung fremd, fast sogar suspekt.
Und dann lief er einen – und jetzt organisiert er einen.
So kann es gehen …

„Eule“ ist ein interessanter Typ. Er ist einer der wenigen, die es geschafft haben, ihren kultivierten Spitznamen sogar ins Telefonbuch zu bekommen. Vorname: „Eule“ steht da, den richtigen Vornamen kennt er wahrscheinlich selbst auch nicht mehr.
Gerne gehe ich mit ihm zum Laufen, ob nun auf einen Wettkampf, wo er mir immer schon das Finisher-Getränk anreichen kann, bis ich im Ziel bin oder einfach auf eine der schönen Trainingsstrecken rund um das wunderschöne Städtchen Altenahr.
„Eule“ wiederum verfolgte meine Ultra-Läufe zuerst mit Argwohn, später dann mit Interesse und irgendwann, da bin ich mir sicher, wird auch im der Marathon alleine nicht lang genug sein, spätestens dann, wenn er irgendwann langsamer wird.

„Wir haben extra eine Strecke oberhalb der Marathon-Grenze ausgesucht – für Dich. Und für Deine Freunde. Informiere die bitte alle darüber!“ Lieber „Eule“, das tue ich hiermit gerne.

Gestartet wird dort, wo wir („Eule“, die anderen Altenahrer Läufer der Laufgruppe „Selbstläufer Altenahr“, meine Gabi und ich) in der Sylvesternacht von oben auf das Altenahrer Feuerwerk sehen konnten, wo wir bei einem schönen Buffet und guter Stimmung im Kreise dieser Alt-Achtundsechziger das neue Jahr willkommen geheißen haben, an der Martinshütte bei Altenahr.
Wenn an diesem Abend in diesem Kreis ein Meinungsforscher nachgefragt hätte, dann hätte es wohl nach einer Zwei-Drittel-Mehrheit für „Die Grünen“ ausgesehen.

Viele Vegetarier waren da, Veganer, aber dennoch gab es auch „totes Tier“ auf dem Buffet, eine sensationellen Weinkollektion, natürlich von der Ahr, natürlich von einem Läufer, der ein recht großes Weingut hat und ein ganz besonderes Händchen für Kuvees hat, es war als farbenfroh, aber mit Tendenz grün.
Und so grün sollen auch diese Läufe sein, vom Schülerlauf angefangen bis hin eben zu dem einzigen Lauf, der uns interessiert, dem 47K Ultralauf.

Hügelig wird es sicher sein, dort geht es ja auch nicht anders, aber eben nicht bergig, das geben die Weinberge aus Schiefergestein nicht her. Ich selbst kenne keine Streckenführung, aber ich bin sicher, dass „Eule“ genau weiß, was wir Läufer wollen. Es sollte also trailig sein, viel durch den Wald gehen, nur wenige Straßenetappen haben – ich bin sehr gespannt, wie diese Wünsche berücksichtigt werden.

Die „Selbstläufer Altenahr“ sind eben auch die Organisatoren dieser Läufe, die für ganz kleines Geld (der Ultra kostet auch nur Mitte 20 EUR) bestimmt ein ganz großes Event starten. Es ist immer gut, wenn die Organisatoren eines Laufs selbst Läufer sind, die wissen dann, was wir für unsere zarten Körper brauchen.
Und bei so vielen Argumenten für das Laufen am 3. September 2011 werde ich dann wohl dort auch selbst laufen müssen.

Ach ja, Anmeldungen? Gerne über mich, die Webseite gibt noch nichts her …