Farbiges, schönes, romantisches Facebook-Land …

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Der TransGranCanaria Lauf war wichtig für mich, sehr wichtig.
Seit meinem Ausscheiden beim TdG im September bin ich keine Strecke über 56 K mehr gelaufen. Und vor allem waren bei den Läufen keine wirklich schwierigen Strecken dabei.
Ich bin im September ausgestiegen, weil ich leer war im Kopf, meine Gedanken nicht ausreichend kontrollieren konnte und auch, weil ich zu wenig Berge trainiert habe. Das sollte mir 2012 nicht wieder passieren, sagte ich mir zum Jahreswechsel und skizzierte ein Laufjahr, das ambitioniert, aber auch machbar scheint.

Die Highlights 2012 sind dabei sicher die „langen Kanten“, also die Läufe über 100 K. Der TransGranCanaria, der RheinBurgenWeg-Lauf, der Jurasteig, die TorTOUR de Ruhr und dann natürlich der SwissIronTrail. Und danach geht es Anfang September mit Herbert Paulus an den „extreme-run4life“, über die Heckmair-Route in sechs Tagen von Oberstdorf nach Riva di Garda. Zu Gunsten der Organisation JAM, die sich vor allem in Afrika für Kinder in Not einsetzt.
Mehr darüber gibt es in der nächsten Zeit hier und in einem eigenen Blog.

Wenn ich also schon bei der ersten Hürde, beim ersten Highlight, die Segel gestrichen, aufgegeben hätte, dann wäre die weitere Entwicklung des Jahres vorhersehbar gewesen. Das also durfte nicht passieren, sagte ich mir. Immer wieder.
Immer wieder, wenn ich zwischen den Kilometern 35 und 80 überlegt habe, ob der TransGranCanaria Lauf für mich noch zu einem guten Ende kommen könnte. Und es gab genügend Gründe zu zweifeln. genügend Gründe, stehen zu bleiben, zu jammern und der Hitze, den Organisatoren und der ganzen Welt die Schuld zu geben dafür, dass ich nicht finishte.
Nein, sagte ich immer, das darf einfach nicht sein.

Und so beginnt diese Geschichte mit den schönen Seiten dieses Laufs, aber ohne das eigentlich obligatorische „Es war einmal …“. Sie beginnt mit dem, was vorher, dabei und auch nachher etwas ganz Besonderes war.
Und das war der Lauf zweifelsohne. Schon die Anmeldeliste versprach ungeheuer viel Freude. Halb Facebook war scheinbar auf der Insel eingeschrieben und schon in den Wochen und Monaten zuvor wirbelten die Hotel- und die Ausrüstungstipps quer durch das romantische Facebook-Land. Und wenn am Ende einige Facebook-Bewohner dann doch passen mussten, so war es schön, mit meinem Freund Achim Knacksterdt in einem Hotelzimmer auf diese Reise zu gehen, im Hotel, beim Transfer, auf der Promende von Las Palmas oder wo auch sonst, Freunde und Bekannte zu treffen.
Mit Tanja Neumann und Kurt Süsser hatte ich dieses Abenteuer geplant, auf Rolf Kaufmann und seine Ulla, HaPe Roden und seine TransAlpineRun-Laufpartnerin Manuela, Julia und Jens Vieler und den kleinen Rest der TTdR-Truppe freute ich mich schon während des Fluges. Mohamad Ahansal, den Seriensieger des Marathon des Sables, traf ich gleich zwei Mal auf der Promenade.

Achim und ich hatten uns für die Hotelempfehlung von Rolf entschieden. Es hatte W-LAN, saubere und einigermaßen großzügige Zimmer, es lag nahe des Ziels und nahe der Promenade. Und wenn das Frühstück auch noch essbar gewesen wäre, dann wäre es wirklich perfekt gewesen. Aber für ein langes Wochenende war es insgesamt OK.

Am Donnerstag Nachmittag kam ich am Flughafen von Gran Canaria an. Dort traf ich gleich einen TorTOURisten, Oliver Arndt und seinen Freund. Die beiden halfen mir, mich zu orientieren, immerhin war es das erste Mal, dass ich auf Gran Canaria war.
Später dann war ich bei Tanja und Kurt im Hotel und aß mit den beiden zu Abend. Es gab dort im Hotel ein ausgiebiges Buffet. Es schmeckte herrlich.

Beim Abholen der Startunterlagen gab es zuerst drei wichtige Dinge.
Ein Leibchen, das wir über unsere Laufsachen zu ziehen hatten. Kein Traum in blau, viel zu weit, aber notwendig, wenn Du keine Disqualifikation riskieren wolltest.
Ein Rucksack in rot als Drop-Bag. Ein echter Fang, finde ich, immerhin hat er sogar ein separates Fach für Schmutzwäsche. Nur eine Lasche zum Schließen fehlt, das ist schade. Der Rucksack an sich ist aber wirklich toll.
Ein Rucksack in blau als Tasche für die Sachen, die Du im Ziel deponiert haben willst. Der gleiche Rucksack wie der rote, nur eben in einer anderen Farbe.

In der Zwischenzeit waren auch Achim. Julia und Jens eingetroffen, es war Freitag Mittag und wir alle trafen uns bei der Startnummernausgabe, um uns alle zu drücken, zu herzen und auch, um über unsere Heimat, das schöne Facebook-Land, zu reden. Und dann ging es ins Bettchen, etwas Ruhe vor dem Start mitten in der Nacht.
Erst trafen wir uns im Zielgebiet, dann ging der Bus Richtung Playa des Ingles, Richtung Start. Dort gönnten wir uns alle in großer Runde noch einen Kaffee oder eine Dose Red Bull, Hauptsache etwas, das uns ein wenig pushed.

Und dann ging es auch schon los. Ich bin noch nie in der Nacht am Strand entlang gelaufen. Und dieser Laufbeginn war wirklich großartig. Der Halbmond stand am Himmel und Du siehst die Wellen leicht erhellt. Es waren 14 angenehme Grad und überall vor Dir waren die rot blinkenden Rücklichter der anderen Läufer und überall hinter Dir leuchteten die Stirnlampen der Läufer hinter mir. Fünf wunderschöne Kilometer ging es so durch die Nacht bis hin zum Leuchtturm, wo wir dann nach rechts abgebogen sind, um die berühmte Passage durch das trockene Flussbett zu betreten.
Das war aber ganz anders wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte es mir eher so, wie ich es ganz am Ende erlebt hatte. Aber ich will ja nicht vorgreifen, auch wenn im schönen Facebook-Land vielleicht schon das eine oder andere Foto von dieser Passage zu sehen gibt.
Dieses Flussbett war im wesentlichen aus Beton mit eingelassenen großen Steinen. Alles war fest und es war trocken. Wenn das Bett aber Wasser führt und Du den Grund nicht mehr siehst, dann ist dieser Einstieg doch ganz erheblich schwieriger. Und dennoch waren wir alle froh, als wir wieder normale Trails belaufen durften. Zu dieser Zeit war ich mit Rolf unterwegs, ließ mich aber dann zurück fallen, um mein eigenes Tempo zu suchen.

Es ging immer nach oben, der Höhenmesser zeigte immer größere Zahlen. Und die Sterne leuchteten. Und die roten Rücklichter vor mir leuchteten. Und die Stirnlampen hinter mir leuchteten. Es war einfach perfekt dort. Ein großer Güllewagen versorgte uns bei Kilometer 30 mit Wasser und nach einem Marathon gab es zum ersten Mal etwas zu Essen. Die Auswahl empfinde ich auch rückblickend noch als eher bescheiden, vor allem, wenn man den sonstigen Aufwand bedenkt, der da getrieben wurde. Einige der Läufer haben sich komplett selbst versorgt, vielleicht wäre das richtig und sinnvoll gewesen.

Ungefähr schon bei der ersten Wasserstelle, dem großen Güllewagen, begannen meine Waden zu krampfen. Das war ein Grund, darüber nachzudenken, wie es für mich dort weiter gehen kann. Und als dann vielleicht zwanzig Kilometer später noch die Oberschenkel zu krampfen begannen, mal rechts, mal links, mal oben, da merkte ich gar nicht, wie die Krämpfe in den Waden einfach so verschwanden. Ich habe sie aber nicht wirklich vermisst.
Dann teilte sich die Strecke und die Läufer, die nur die 96 Kilometer Strecke ausgewählt haben, bogen nach rechts ab, wir aber durften nach links, um einen langen Bogen zu laufen. Einen langen Bogen, der vielleicht die schönsten Streckenabschnitte zusammen gefasst hat. Erst war es ein Höhenweg zwischen 1.100 und 1.200 Metern, der ständig hoch und runter führte. Längst war die Morgensonne heraus gekommen und ich lief mit einem Spanier, der auch 2008 beim TransAlpineRun dabei war. Der Seeberger-Buff hat es mir erzählt. Und als ich ihn darauf ansprach, war er stolz, schüttelte meine Hand und wir liefen dann im Geiste vereint schweigend hintereinander her, bis sich noch ein zweiter Spanier zu uns gesellte.

In einem Supermarkt in einem kleinen Dörfchen erstanden wir jeder zwei eiskalte Coca-Cola. Es war schon richtig heiß zu diesem Zeitpunkt und das Getränk tat jedem von so gut. Es ging nun wieder abwärts, vorbei an Stauseen durch wildes Gelände. Es war die Phase, in der mir, wenn ich mit verbundenen Augen dort ausgesetzt worden wäre, hätte suggeriert werden können, mich im amerikanischen Mittelwesten, im Grand Canyon oder in Canyonlands, zu befinden. Einfach wunderschön.
Und es war auch die Phase, wo wir den Blick auf eine der kanarischen Nachbarinseln, auf Teneriffa hatten. Und mächtig und erhaben thronte der 3.718 Meter hohe Teide über dieser Nachbarinsel. Lange, ganz lange, begleitete uns dieses Bild. Und es ging höher und höher herauf, immer höher Richtung höchstem Berg Gran Canarias, immer Richtung Pico de las Nieve mit seiner meterologischen Station auf dem Gipfel.

Davor schon gab es einen Aufstieg auf rund 1.750 Meter, supersteil und durch Fixseile gesichert, rauf auf eine Steinebene, über die sich der 1.813 Meter hohe Roque Nublo erhebt, das Wahrzeichen der Insel. Rauf, ran an die Matte und gleich wieder zurück. Und die Sonne brannte erbarmungslos auf uns herunter.
Und irgendwo dort wäre ich fast gestürzt. Ich meine dabei nicht die kleinen Aufreger, wo Du kurz die Bodenhaftung verlierst, das passierte bald jede Minute. Die Aufstiege waren steil, die Abstiege noch steiler. Sand, Geröll, Steine, alles was Deinen Halt nimmt, war da. Nein, es war eine der Situationen, die ganz übel hätten enden können.
Es ging steil nach unten, ich verlor die Haftung und warf instinktiv meine Stöcke weg. Aber ich sah, dass es neben dem Weg den Berg runter geht. Und ich lief, um mich zu halten, um wieder Führung zu bekommen. Kurz vor einem Felsen gelang es mir. Die beiden mich begleitenden Spanier waren kreidebleich und applaudierten spontan ob dieser kleinen Einlage. Ich aber war von diesem Moment an noch etwas vorsichtiger.

Der Roque Nublo wäre ein Felsen vom Geschmack der Kletterer auf meiner Ecuador-Tour gewesen. Majestätisch stand er da und genauso dominant stand die Sonne über ihm. Ein unglaubliches Bild, das eine Pause verdient gehabt hätte. Aber mir ging zu dieser Zeit dauernd das Lied von Ideal aus den 80er Jahren durch den Kopf:

„Jeder denkt das eine, doch dafür ist’s zu heiß! Sex! Sex in der Wüste.“

Für das Fotografieren aber war es auch zu heiß, so blieb es bei ganz wenigen Aufnahmen. Aber dafür gibt es ja das fantastisch bunte Facebook-Land. In dieser unserer Wahlheimat findest Du sicher vieles, von dem ich Dir hier nur erzählen kann. Ein hervorragendes Beispiel findest Du hier bei Hans-Peter Roden oder hier bei Jens Vieler.

Die letzten Schritte rauf auf den höchsten Punkt der Insel taten schon sehr weh. Bei jedem Schritt schmerzten und krampften die Oberschenkel. Wieder dachte ich kurz daran, hier auszuruhen oder auszusteigen, aber ich konzentrierte mich und versuchte, meine Gedanken zu lenken. Wenn ich gewusst hätte, wie eklig steil es gleich nach Teror herunter gehen würde, vielleicht hätte ich den destruktiveren Gedanken mehr Raum gegeben.
Die Menschen oben auf dem Pico de las Nieve aber waren großartig. Obwohl die meisten von uns, von der Sonne, den Kilometern und den Aufstiegen gezeichnet, enorm langsam waren, feierten sie uns da oben, als wären wir nicht gerade von müden, von hinten kommenden Schnecken bergauf überholt worden. Es war großartig.

In Teror gab es dann Pasta. Vor dem Berg wären sie zwar sinnvoller gewesen, aber besser spät, als gar nicht. Ich traf Kurt Süsser dort und fragte ihn, wann er mich überholt hätte. Aber er hatte das nicht. Er verließ das Rennen schon vor dem Berg, vielleicht, weil er einfach zu wenig getrunken hatte. Schade für ihn, aber die Hitze ist einfach nicht seine Stärke.
Kurti, sofern Du das liest, Du bist dennoch der stärkere Läufer von uns beiden, Du hast das oft genug bewiesen.
Die Pasta bekam ich nicht runter, aber Simone gab mir flüssiges Magnesium. Und das half zügig.
Noch waren es rund 40 Kilometer bis zum Ziel, hier in Teror war auch der Start des Marathons gewesen. Und noch waren wir auf 1.650 Metern Höhe. Las Palmas liegt auf 4 Metern, eigentlich ging es nur noch bergab.

Wie steil bergauf aber bergab sein kann, das bekamen wir an einigen Konteranstiegen gezeigt. Ich war mittlerweile mit Markus und einem Italiener unterwegs und wir kämpften uns tapfer Stück für Stück nach unten. Dann wechselte ich die Partner, weil sich meine Krämpfe immer mehr lösten und ich noch etwas schneller sein wollte. Meiner Gabi habe ich gesagt, dass ich auf 26 Stunden laufe, aber das von Rolf Kaufmann gesteckte Ziel, unter 24 Stunden zu bleiben, hat mich von Anfang an begleitet. Es war längst in Vergessenheit geraten, längst war klar, dass ich auch am Sonntag noch laufen werde.
Dabei hat Jens Vieler hat im informativen Facebook-Land vor dem Lauf geschrieben, dass er beantragt hätte, das Zeitlimit von 30 auf 25 Stunden herunter zu nehmen. Es war ein Scherz, den ich aber nicht aus meinen Gedanken verbannen konnte.
Aber der „worst case“ für mich war zu diesem Zeitpunkt, für jeden Kilometer noch 15 Minuten zu brauchen und das hätte in der Spitze bis zu knapp 27 Stunden geführt.

Ich lief nun also wieder mit einem Spanier und einem Finnen. Es kamen die berühmt-berüchtigten letzten 25 Kilometer. Der Weg durch das trockene Flussbett. Ein Stein neben dem anderen, einer lockerer als der andere. Es ist anstrengend, da zu laufen, es ist dunkel und die Stirnlampen drohen mit Streik, Du bist müde, musst aber vollkommen konzentriert sein. Du fluchst, Du jammerst und Du hoffst, dass es vielleicht am Ende doch besser werden würde.
Irgendwann kommst Du nach Las Palmas, durch die Stadt, die Promenade entlang … ein großer Traum, eine kleine Illusion.

Es stinkt nach Kloake am Ende des Flussbetts. Du wirst durch eine Gewerbegebiet geführt, weit weg von der Stadt Las Palmas. Aber wenigstens hast Du wieder festen Boden unter den Füßen. Georg Kunzfeld hatte uns schon vor den letzten 25 Kilometern gewarnt, Schonung habe ich also nicht erhofft.
Als es noch rund 13 Kilometer waren, dachte ich, dass wir doch eine Chance haben, wenigstens unter 25 Stunden zu bleiben. Aber mein spanischer und mein finnischer Freund sind etwas langsam. Wir verlieren Zeit auf meinen Plan.
Achim müsste mittlerweile schon lange im Hotelzimmer sein, dachte ich. Alle sind schon drin. Nur ich nicht.

Bei der letzten Versorgung trennen sich unsere Wege. Ich gehe alleine weiter, verzichte auf frisches Wasser oder etwas zu essen. Noch acht Kilometer, hieß es. Mit diesen acht Kilometern käme ich auf 126,6 K auf meiner Uhr. Und ich habe noch knapp über 80 Minuten dafür. Unter 25 Stunden, das ist zu packen.
Weitere 5, 4 Kilometer später steht auf dem Asphalt, ja, es war mittlerweile laufbar, die Krämpfe waren komplett verschwunden und ich konnte auf niedrigstem Niveau sogar wieder laufen, dass es noch 3 Kilometer seien, also doch 400 Meter weiter als berechnet.
Noch hatte ich 27 Minuten. Neun Minuten pro Kilometer. Das sollte reichen, dachte ich.

Weitere 700 Meter später stand da ein Schild: noch drei Kilometer! Ich rechnete neu. Ich musste schneller werden, deutlich schneller, wenn dieses Schild richtig war.
Und ich lief und lief und lief.
Erst einen Kilometer vor dem Ziel war ich mir sicher, dass es reichen würde, egal, ob die ominösen 700 Meter nun noch dazu kommen würden oder nicht.
Sie kamen nicht mehr dazu, ich finishte um 0:51 Uhr. Ich hätte noch vielleicht eineinhalb Kilometer mehr gehen können, bevor es 1 Uhr wurde. Ich war versöhnt mit dem Lauf, immerhin hatte ich es geschafft, Jens Vielers Zeitlimit zu unterbieten.

Ich nahm ein Taxi für die wenigen Hundert Meter zum Hotel und schlich mich humpelnd in unser Zimmer. Aber Achim war noch nicht da. Ich ließ mir viel warmes Badewasser ein, wärmte stets nach und schlief in der Wanne ein. Ich wachte auf, weil ich einen enormen Durst verspürte.
Aus der Wanne zu steigen war ein Erlebnis. Hätte jemand zugesehen, dann wäre ich sofort in die Kategorie der alten Männer gepackt worden. Und das Anziehen der Jeans und der Strümpfe war nicht weniger peinlich.
Warum sind auch die Füße und der Boden so tief unten?

An der Rezeption kaufte ich zwei Flaschen kalten Wassers, wankte nach oben und dann kam auch Achim ins Zimmer. Die Hände aufgerissen, die Knie blutig. Er hatte mehr Pech beim Laufen und stürzte einige Male, vor allem bei den steilen Bergabpassagen. Er kam rund 14 Minuten nach mir ins Ziel, allerdings gleich als nächster Läufer. Irgendwann muss ich ihn überholt haben, wahrscheinlich, als er für ein paar Meter einen falschen Weg nahm. Meine alten Mitläufer, der Finne und der Spanier, kamen erst nach Achim ins Ziel, alles richtig gemacht, dachte ich.

Am Sonntag frühstückten wir nicht, aßen nicht zu Mittag und gingen am Abend wieder zu Tanja und Kurt ins Hotel, um uns dort am Buffett zu bedienen. Es schmeckte fürchterlich.
Und auch am Rückflugtag, dem Montag, konnte ich bis zum Abend nichts essen. Nichts schmeckte, der Körper hatte sich verändert. Schon das war eine Erfahrung, die jeder missen muss, der nie so lange, so harte und so heiße Läufe gemacht hat.

Beim Abholen des Drop-Bags und der Rückgabe der Chips gab es dann die Finisher-Shirts und die Finisher-Weste. Beide waren superschön. Im Flugzeug war ich aber der Einzige, der das Shirt und die Weste trug. Achim flog schon zwei Stunden vor mir, Ulla und Rolf, Tanja und Kurt durften noch zwei Tage lang auf dieser schönen Insel bleiben.

Und weil es doch eine schöne Geschichte aus dem virtuellen Facebook-Land ist, soll sie auch wie eine schöne Geschichte enden:
… und wenn sie nicht gestorben sind, dann dürfen sie jetzt auch von dieser schönen Insel träumen …

11-11-11-11-11

Beim Karnevalsmarathon in Bad Driburg gab es fünf „Elfer“ zu feiern. So ein Datum kommt nur alle 100 Jahre, die Älteren unter uns mögen sich an den letzten entsprechenden Tag erinnern. Und kaum einer von uns wird den nächsten entsprechenden Tag erleben.

Aber es gab neben diesem Datum und dem Beginn der diesjährigen Session auch noch zwei weitere Jubiläen zu feiern. Markus Pitz, der Veranstalter des Karnevalsmarathons, hatte Geburtstag und wurde endlich „marathonalt“. 42 Jahre ist er geworden aber vielleicht hätte er mit dem Lauf doch noch 71 Tage warten sollen, um dann 42,195 Jahre alt zu sein.
Aber von dieser Rundung abgesehen gab es für ihn ja noch einen weiteren Grund zu feiern.

Es war sein 50. Marathon, den er, als Bäcker verkleidet, engagiert knapp unter vier Stunden bewältigte.

Mein Weg zu diesem Lauf war einigermaßen schwierig. Schon vor Monaten hat mich mein Freund Wolfgang Bernath aus Waldbreitbach, einem Örtchen gleich bei uns, nur auf der anderen Rheinseite, der falschen Rheinseite, der „Schäl Sick“, so nebenbei bemerkt, zu einem Karnevalsmarathon eingeladen. Ich war spontan begeistert und habe meine Teilnahme in Aussicht gestellt. Jetzt, so Wolfgang, wären wir schon vier!
Andreas Butz, der Organisator des „Decke Tönnes“, ein mir nicht bekannter Freund von Wolfgang, er und eben ich. Dabei blieb es für eine sehr lange Zeit.

Nun hatte ich ja in den letzten Wochen jedes Wochenende gearbeitet und während der Woche weder Zeit noch Muße zu trainieren. Seit dem Ausscheiden beim TdG bin ich keinen Wettkampf mehr gelaufen und habe nur zwei Mal die Halbmarathondistanz im Training bewältigt und zudem vielleicht drei Läufe um die 10 Kilometer hinter mich gebracht.
Das ergibt durchschnittlich knapp 10 Wochenkilometer als Trainingsleistung. Keine optimale Vorbereitung im Hinblick auf die Läufe, die nun kommen sollen.
Und da ein Lauf unter Freunden mit mir als Bremsklotz hinten dran?
Das kann nicht gut sein, dachte ich und so suchte ich nach einer Alternative.

Dank „Tante Google“ wurde ich eben in Bad Driburg fündig. Ein Marathon nicht als Gruppenlauf, aber auf einer 400-Meter-Bahn, Start um 11 Uhr 11 an jenem Tag, auf den die Jecken sehnsüchtiger warten als auf Weihnachten, das alles klang viel versprechend. Aber ich kam in einen Gewissenskonflikt. Sollte ich nun mit Wolfgang und Andreas laufen gehen oder die vernünftige Lösung wählen, die, die meinem katastrophalen Fitnesszustand entsprach?

Ein Blick auf die bislang 22 Teilnehmer löste meinen Konflikt. Ich fand da neben Wolfgang Bernath auch Andreas Butz, zudem durfte ich mich auf Rainer Wachsmann und Bernd Kalinowski freuen. Der Lauf im fernen Bad Driburg war also der Lauf, von dem Wolfgang berichtet hatte. Wunderbar!


Ich fuhr also um 8 Uhr am Morgen des Freitag die 250 Kilometer Richtung Bad Driburg, um rechtzeitig vor Ort zu sein. Schon am Vortag hatte ich die eigentlich schon lange geschlossene Meldeliste mittels eines Telefonats mit Markus Pitz elegant umschifft und so gab es sogar eine Startnummer, die meinen Namen trug.
Als letzter Gemeldeter erhielt ich die Startnummer 23 bei 23 Startern, ein Umstand, der es mir leicht machte, zumindest mein Minimalziel, eine Platzierung niedriger als meine Startnummer zu erreichen, realisierbar erscheinen ließ.

Eine Verkleidung war an diesem Tag und bei diesem Lauf erwünscht, ich hatte aber nur eine edle Weihnachtsmütze zur Hand, die ich also die ganze Zeit trug. Das war nichts gegen das Nonnenkostüm von Bernd Kalinowski oder den Schotten-Outfit von Wolfgang Bernath. Rainer Wachsmann behalf sich mit einem an die Hawaii-Inseln erinnernden Plastik-Blumenkranz, den er sich um den Hals hängte und Andreas Butz machte einen auf „Pippi Langstrumpf“.
Rothaarige Perücke, einen grünen und einen orangenen Kompressionsstrumpf, ein Pippi-Laibchen – eine echte Augenweide! Da Andreas/Pippi sowieso immer sehr schnell unterwegs ist, wird es ihm/ihr leicht gefallen sein, die Damenwertung zu gewinnen.
Eberhard Ostertag trug eine old fashioned Ladies Underwear und eine entsprechende Nachtmütze und Markus war, wie oben schon erwähnt, unser Bäcker.

Bemerkenswert war schon, dass Markus eine recht ansehnliche Truppe von Volunteers zusammen trommeln konnte, die die Zeitnahmen machten, die sich um den Verpflegungspunkt gekümmert haben und die uns alle immer wieder aufs Neue zu motivieren versuchten.
Und das war, zumindest in meinem Fall, ab der Runde 85 auch dringend notwendig.

Ich startete zwei der 105 1/2 Runden recht langsam mit Bernd Kalinowski, um dann etwas zu beschleunigen. Ich wollte mein „langsames Marathontempo“ laufen, so um die 4 Stunden als Zielzeit. Dabei wusste ich, dass ich dieses Tempo nicht durchhalten konnte, aber ich wollte so lange wie möglich versuchen, auf diesem Kurs zu bleiben. Bis km 35 gelang es mir. danach war Beißen und langsamer werden angesagt.
Am Ende waren es 4:10:46 Stunden, immerhin knapp unter der „Sechser-Zeit“. Unter dem Strich OK, finde ich.


105 1/2 Runden auf der Bahn laufen ist ermüdend. Zwar ist die Strecke zweifellos flach, aber das Geläuf liebe ich zumindest nicht. Trotz des kalten, aber sonnigen Wetters war der Spaß am Laufen also recht begrenzt. Als Trailläufer liebe ich es ja, möglichst viele neue Gegenden, viele neue Impressionen zu sehen – einVergnügen, dass uns in Bad Driburg nicht zuteil werden konnte.
Nur die Kirchturmuhr, die Runde für Runde eine andere Uhrzeit zeigte, bewies uns, dass sich doch irgend etwas geändert hatte.

Dennoch war es ein tolles Erlebnis für mich – mein erster Marathon seit eine kleinen Ewigkeit. Dieser Umstand hat mich nervös gemacht wie einen Marathon-Novizen. Wenn es also einen für mich perfekten Wiedereinstieg ins Laufen gegeben hat, dann war es dieser Lauf in Bad Driburg, auch wegen der anderern Läufer, die ich zum Teil schon sehr lange nicht mehr live erlebt habe.

Andreas Butz zuletzt vor einem guten Jahr bei einer Veranstaltung im Phantasialand in Brühl, Rainer Wachsmann beim Treppenmarathon in Radebeul 2010, Bernd Kalinowski beim MIAU im April 2011 und Wolfgang Bernath vor eineinhalb Jahren im schönen Dernau.

Schön war es also auch in Bad Driburg, ncht nur wegen dieses Datums mit den fünf „Elfern“ 11-11-11-11-11…

So sehen Sieger aus …

Nach dem Frust von Chamonix hatte ich ja im letzten Blog-Beitrag versucht zu zeigen, wie schwer es mir gefallen ist, dort aufgegeben zu haben.
Viele fanden die Fotos, die vom akkreditierten Fotografen des TdG gemacht wurden, bewegend, offen und berührend.
Andere fanden es „unpassend“, so viele Emotionen öffentlich zu zeigen.

Wie dem auch sei, wie Du Dich selbst diesem Thema näherst, für mich steht fest, dass ich auch weiterhin die Emotionen zeigen will, auch wenn es besser positive Bilder sein sollten. Das tue ich vor allem, weil ich der Ansicht bin, dass ein Blog mehr sein soll als nur eine Online-Zeitung. Ein Blog soll zusammen bringen, ein Blog soll erklären …

Aber Emotionen sollten in so positiven Bildern wie denen vom Zieleinlauf von Thomas Ehmke daherkommen, Fotos, die ich in einem Web-Album zusammengefasst habe. Das Schönste daran ist, dass sich das größer gezeigte Foto ständig verändert, Du musst also nicht klicken, einfach ansehen, wie Thomas in Chamonix einläuft.

TDG – selten hat etwas so weh getan …

Manchmal muss man sich auch so etwas stellen. Manchmal ist es gut, wenn es richtig weh tut. Wenn Du an der Ziellinie stehst, Deine Freunde erwartest, die Kamera in der Hand und Dir bleibt nichts übrig als das Fotografieren.

Du selbst wärst auch so gerne über diesen roten Teppich gelaufen, Du selbst hättest gerne nicht die vielen Tränen vergossen, die seit Deinem Rennabbruch geflossen sind. Tränen, die immer wieder spontan kamen, wenn Du erzählt hast, warum Du abgebrochen hast, warum Du in der konkreten Situation am Berg der Meinung warst, abbrechen zu müssen.
Noch immer kannst Du Dir nicht wirklich erklären, was da in Deinem Kopf vorgegangen ist, warum Du alles, was Du weißt, in dieser Minute der Entscheidung vergessen hast, aber all das zählt nicht mehr.
Dann machst Du die Fotos, Aufnahmen, die von Glück erzählen, von Erfolg, von Liebe und vom Leben.

Und wieder weinst Du, Tränenbäche strömen aus Dir heraus, Tränen der Enttäuschung und Du umamst Deine Freunde auf dem roten Zielteppich und Deine Tränen vermischen sich mit deren Tränen des Glücks und der Erleichterung.

Noch immer weiß ich nicht wirklich, was in mir, bei mir und mit mir passiert ist, dort, am Berg hinter Niel. Aber Stück für Stück nähere ich mich der Antwort, aber davon erzähle ich in einer anderen Geschichte …

(Klicken zum Vergrößern ... )

… und die Fotos vom Zieleinlauf von Uwe Herrmann und Thomas Ehmke gibt es auch erst nächste Woche.

Karwendelmarsch / Karwendellauf

Als Kind, noch im bayrischen Bad Tölz lebend, besuchte ich oft das Karwendel-Gebirge. Am Achensee gingen wir damals oft Ski laufen. Von Bad Tölz aus war das Karwendel nah und eben ein perfektes Naherholungsgebiet.
Dass ich dort aber irgendwann einen Lauf machen würde hätte ich mir damals nicht träumen lassen. Doch jetzt ist es soweit.


Schon vor zwei Jahren bin ich eher zufällig auf den Karwendelmarsch gestoßen. Wegen der Teilnahmen am UTMB und ein Jahr später am PTL konnte ich dort jedoch noch nicht dabei sein.
So ein Jahr ohne Chamonix hat also auch Vorteile …

Das besondere an diesem Lauf ist nicht, dass es eine kurze und eine Ultra-Strecke gibt, sondern, dass man wählen kann, ob man marschiert oder läuft. All das erinnert mich an den 100 km Dodentocht-Lauf in Belgien vor wenigen Wochen.
Natürlich laufe ich und mein Zeitziel ist es dabei, keinesfalls länger zu brauchen als die 9 Minuten 11 Sekunden pro Kilometer, die ich in der Hitze von Sonthofen für den Allgäu Panorama Ultra gebraucht habe.
Es darf aber gerne auch 41 Sekunden schneller sein, mal sehen …

3 Berge sind zu bewältigen, die Bergspitzen liegen dabei auf 1.771 Metern, auf 1.848 Metern bzw. auf 1.903 Metern über dem NormalNull (N.N.). Immerhin addieren sich die Höhenmeter auf 2.281, in etwa auch das, was der legendäre Davoser K78 bietet.
Verteilt auf eine Länge von ca. 52 km bedeutet das, dass es deutlich mehr bergauf geht als in Davos, ein gutes letztes Training vor dem TdG.


Der Start ist dabei im österreichischen Scharnitz, auf Anfang 900 Höhenmetern und das Ziel ist im österreichischen Pertisau, einen hübschen Dörfchen direkt am Achensee. Die Berge, über die es geht, durfte ich beim diesjährigen MIAU (München-Innsbruck-Alpin-Ultra) schon bewundern.

Das letzte Training vor dem TdG, wie wahr. So schnell geht das dann plötzlich.
Uwe Herrmann hatte vor einigen Wochen den „halben TdG“ in Les2Alpes gelaufen, Eric Tuerlings holt sich seine Höhenmeter beim UTMB, ich bescheide mich mit dem Allgäu Panorama Ultra am vergangenen und diesem Karwendellauf an diesem Wochenende.
Fast alle österreichischen und bayrischen Berge sind besser als die Hügel der Eifel …

Vorbildlich scheint mir die Versorgung zu sein. Insgesamt gibt es 11 Verpflegungspunkte an der Strecke und neben Wasser und Tee freue ich mich vor allem auf den Hollasaft (von den Bäuerinnen aus Niederndorferberg). Was das genau ist, weiß ich nicht. Wenn ich danach aber „Holla“ dazu sagen kann, dann wird der Hollasaft alleine die Reise Wert gewesen sein.

Es ist das vorletzte Wochenende vor dem Start zum TdG in Courmayeur, das letzte Bergtraining. Am kommenden Wochenende geht es noch einmal um die „schönste Stadt der Welt“ herum, um Köln und dann … dann … zählt es wirklich!