Walpurgisnacht auf dem Blocksberg

Es sollte dunkel sein in der Nacht auf den Bergen. Nicht aber in dieser Nacht. Maifeuer brennen auf den Gipfeln, um der heiligen Walburga zu gedenken. Die Pestilenz soll sie weghalten von den Menschen, die Tollwut und den Husten.
Die Menschen tanzen in dieser Nacht in den Mai hinein, in der Nacht, die genau in der Mitte liegt zwischen der Frühlings-Tagundnachtgleiche und der Sonnenwende und die Hexen fliegen eifrig auf ihren Besen und reinigen dabei die Luft.
Der Brocken im Harz ist mit dem Hexenplatz und der benachbarten Rosstrappe das Zentrum dieses alten heidnischen Walpurgisnacht-Brauchtums.


Die beste Zeit also, um auf den Brocken zu laufen.
Steil ist sie, die durch Betonplatten panzerbefahrbar gemachte Strecke, die ohne Windungen direkt hinauf führt von der Eckertalsperre auf den mystischen Berg, den Brocken. Und sie ist ein Teil von gleich drei Lauf-Events, die dieses Teilstück im Nationalpark Harz nutzen, vor allem, weil der Läufer hier merkt, wie schwer ein Aufstieg sein kann.
Die Brocken-Challenge, der Brocken-Marathon und eben auch der Brocken-Ultra führen die Läufer jene rund 1.000 Höhenmeter nach oben, um dort Heinrich Heines „Die Harzreise“ zu genießen, im Schweiße des Angesichts, abgekämpft und müde. Dass Petra Rösler, Natascha Bischoff und ich am Sonntag diese Harzreise übertrieben wörtlich genommen haben, sei vorweg erwähnt.

Und die meisten, die einen der drei Events schon mal gelaufen sind, berichten von einem mystischen Brocken, der im Nebel oder in Wolken liegt und kein Einsehen hat, dass die Läufer auch mal bis ins Tal sehen wollen.
Das galt auch für unseren zweiten Tag, den Sonntag, der so nebelige Sichtverhältnisse bot, dass auch die gelbe Jacke unserer Vor-Läuferin uns nicht auf dem rechten Weg – oder genauer gesagt auf dem mittleren Weg – führen konnte.
Am ersten Tag aber, am Samstag, da war die Luft klar und rein. Die Sonne scheinte, der Blick war frei bis in die Täler. Hier hatten die Hexen mit ihrer Luftreinigung wirklich gute Arbeit geleistet.
Und der Brocken war voll mit Menschen, die die Frühlingssonne für einen kleinen Spaziergang nutzten. Freilich waren der überwiegende Teil der Brockenbesucher mit der Bimmelbahn oder einem Pferdefuhrwerk nach oben gekommen und so entgingen sie den Strapazen des Aufstiegs, vor allem, wenn Du von ganz unten, von Eckertal kommst.
Nur die 26 Läufer der Schar von Dieter Grabow gingen zu Fuß und das, nachdem wir bis Eckertal schon rund 50 Kilometer über flaches Land gelaufen waren, teilweise an der Oker entlang, durch Wälder, durch Dörfer oder einfach auf befestigten Wegen überland.

Ich wollte eigentlich langsam sein und mich endlich auch tempomäßig auf die TorTOUR de Ruhr einstellen, also wartete ich erst auf den vielgeprüften Hans Würl, lief zuerst mit ihm und so ließ ich Lars Schläger ziehen. Aber dann lief ich mit Frank Endriss voraus, nachdem er mir erzählt hatte, dass auch er Mitte Juni durch den Canyon du Verdon laufen will. Wir haben uns beim Reden von Hans Würl und Günter Meinhold abgesetzt, ohne das wirklich zu merken. Und dann war Frank plötzlich auch weg und ich lief für rund 30 Kilometer ganz alleine.
Nach Eckertal dann, als es steil wurde, lief ich plötzlich doch noch unerwarteterweise auf Lars auf und wir haben beide unseren schnellen Bergschritt gewählt, um möglichst schnell auf dem Brocken zu sein.

Ich bin mit Lars schon so oft gelaufen, zuerst den Trans Alpine Run 2008, zwei Mal den Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon, den Unter-Tage-Marathon in Sondershausen, den UTMB, den Lars und ich dann gleichzeitig abgeschlossen hatten, nachdem wir uns auf dem letzten Berg trafen, aber noch nie konnte ich so viel mit ihm reden wie auf dem Weg hinauf auf  den Berg, der als Grenzberg für Westler zwar immer präsent, aber eben gesperrt und unerreichbar war. Dieses Reden war richtig schön und ohne die gegenseitige Motivation wäre ich wohl nur etwas langsamer nach oben gekommen.
Und dann, als es rund 10 Kilometer lang auf der Asphalt-Straße runter bis nach Schierke ging, da sammelten wir auch noch Björn Gnoyke ein, dessen Wadenkrämpfe nun, mit uns laufend, weggezaubert waren. Ob hier auch noch die Hexen im Spiel waren?
Wir legten uns jedenfalls mächtig ins Zeug und wäre ich nicht am Ende die Spaßbremse gewesen, dann hätten wir das Tempo von teilweise deutlich unter 5 Minuten pro Kilometer auch noch auf den beiden letzten Kilometern eingehalten. Aber so reduzierte ich das Tempo ein wenig, weil längst klar war, dass wir unter der Marke von 8:30 Stunden enden würden.
Genau dann fingen auch die Spiele der Fußball-Bundesliga an und Lars wollte doch wenigstens am Radio dabei sein, wenn „seine“ Schalker um die letzte Chance kämpften, doch noch Deutscher Fußballmeister zu werden. Das aber konnte ohne die Hilfe der Hexen nicht funktionieren – und die waren ja alle auf dem Brocken, dem „Blocksberg“, versammelt. Kein Schalker Sieg also, lieber Lars, aber dafür haben Lars, Björn und ich gemeinsam einen 10. Platz der Tageswertung erreicht und das in, wie ich finde, guten 8:25:58 Stunden. Für 75 Kilometer und rund 1.000 Höhenmeter ist das respektabel, als Vorbereitung für die TTdR230 eigentlich zu schnell. Und zu kurz.

26 Starter versammelten sich also in Braunschweig, nachdem Dieter Grabow zum Brocken-Ultra gerufen hatte, um zwei Mal 75 Kilometer weit zu laufen, zwei Mal den Brocken zu besteigen  und zwei Mal vom Organisationsteam gut versorgt und behütet zu werden. Für so einen kleinen Lauf war die Versorgung vorbildlich, nur eines hätte ich mir noch gewünscht, das bei den meisten Ultra-Läufen vergessen wird: Salztabletten oder eben einfach eine offene Schale mit Jodsalz.
Ansonsten aber war alles da. Von Malzbier über alkoholfreies Bier, ein Isogetränk, Wasser, Säfte, Cola und was ich besonders schätzen gelernt habe war die große Menge an Christinen Sportdrinks, die nach Limone schmeckten und ungeheuer erfrischend waren.
Zu Essen gab es hochwertige Riegel, Erdnüsse, Schokolade, Käsewürfel, Salami, Salzbrezeln und auch etwas, was ich normalerweise nie essen würde: Kinder Milchschnitten. Labberiges Zeug, aber es hat geschmeckt, den Zuckerhaushalt korrigiert und es hat wirklich geholfen.

Man hat zwei Dinge bei dieser Veranstaltung gesehen:
Erstens: Dieter Grabow ist ein Läufer, er weiß, was wir brauchen. Das aber habe ich schon beim Blick auf Dieter Grabow’s DUV-Statistik gesehen. Dieter, Runner 25309 bei der DUV, hat dabei sehr ähnliche Zeiten gelaufen wie ich. Zwar war ich in Biel 2008 um rund eine Minute schneller als Dieter in seinem besten Jahr 2004, dafür hat Dieter mir beim Rennsteiglauf 2002 gegenüber meinem besten Lauf dort in 2008 rund 4 Minuten abgenommen.
Zweitens: Dieter Grabow ist ein echter Gastgeber, er war omnipräsent. Natürlich hat er den Start eingeläutet, er war aber auch da, als die Strecke in Wolfenbüttel ein wenig schwierig zu finden war. Sie war zwar hervorragend ausgeschildert, dennoch hatte Dieter stets ein Auge darauf, dass wir uns nicht verlaufen. Und er ließ es sich nicht nehmen, auch beim Zieleinlauf bei seinen Läufern zu sein.
Bemerkenswert fand ich auch, dass er insgesamt fünf Fahrradbegleiter aufgeboten hat, einen für den führenden Läufer Dirk Vinzelberg, einen für den letzten Läufer und drei für das Mittelfeld. Die waren für mich besonders hilfreich, weil Du von denen durchaus auch mal eine Flasche Cola oder ein Fläschen Wasser bekommen konntest, wenn Du das wolltest. Zwei Mal habe ich das am Samstag in Anspruch genommen, beide Male, als ich mit Lars unterwegs war, zuerst ein Wasser bei der Eckertalsperre und dann ein Wasser und eine Flasche Cola oben auf dem Brocken, als ich schon schneeweiß auf den Händen und im Gesicht war.
Die Salzmenge, die es mir am Samstag aus dem Körper getrieben hat, ließ meine schwarze Skinfit Jacke ein ganz neues Muster haben und ich sah aus, als wäre ich durch den Schnee gelaufen. Aber ich weiß nicht, warum mich das immer so viel stärker betrifft wie viele andere. Eine Läuferin war über meinen Zustand so verwundert, dass sie sich fragte, ob sie denn normal wäre, weil man weder an ihr noch an ihren Laufklamotten irgendwelche weißen Ränder sah.

Kurzum: der Brocken-Ultra ist eine tolle zweitägige Veranstaltung, die mit viel Engagement und Liebe veranstaltet wird.
Wir Läufer können froh sein, dass es so engagierte Läufer-Kollegen wie Dieter gibt und wir sollten das durch rege Präsenz honorieren!
Wenn wir dafür den einen oder anderen Stadtmarathon auslassen, dann haben wir uns und den Veranstaltern etwas Gutes getan.
Uns, weil das Laufen durch die Natur, auf Berge, eben außerhalb der Städte, schön und gesund ist und den Veranstaltern, weil es gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, was ein bedeutet, eine Strecke von 75 Kilometern zu betreuen, auszuschildern und die Versorgungspunkte dafür zu platzieren und offen zu halten. Das verdient Respekt und Dank, finde ich.

Dass für mich der Sonntag, der Rückweg, nur weniger glücklich war, lag nicht an der Veranstaltung, sondern an der Kombination aus meinem engen Terminplan und meiner geringen mentalen Stärke. Ich hatte eine Einladung zu einem Abendessen in Bonn um 20 Uhr und wusste also, dass ich spätestens um 16 Uhr in Braunschweig losfahren hätte sollen, „geduscht, geduzt und ausgebuht“, um mit Max Goldt zu sprechen.

Nachdem Natascha, Petra und ich uns im Nebel des Brocken aber auf Heinrich Heines Spuren zu weit Richtung Ilsenburg gewagt hatten und uns so, als wir das korrigierten, hinter dem letzten Läufer fanden, war dieser ehrgeizige Zeitplan nicht zu schaffen und in solchen Situationen knickt stets meine Psyche ein und ich sinke herab von meiner „Läuferwolke Nummer 7“ in die Gefilde der Normal-Menschen, die sowieso nicht verstehen, warum ich so viele Dinge gleichzeitig versuche. Und wenn ich dann „normal bin“ und über mich nachdenke, dann sehe ich das genauso – und steige aus.
Im Falle des Brocken-Ultra bedeutete das, das ich insgesamt 30 Kilometer innerhalb der Strecke ausgelassen habe, um dann wieder 20 Kilometer vor dem Ziel erneut einzusteigen und den Rest des Weges in Ruhe nach Hause zu tippeln.
Immerhin habe ich am Sonntag immerhin insgesamt etwas mehr als 48 Kilometer hinter mich gebracht, ich bin pünktlich, entspannt und glücklich in Bonn beim Abendessen gewesen, ich habe „Kilometer gefressen“ für die TorTOUR de Ruhr – alles war gut.

Am meisten gefreut hat es mich allerdings, dass Carsten A. Mattejiet am Samstag Abend mit seiner Familie auch in der Jugendherberge von Schierke war. Auch wenn wir in einem Punkt meiner Vorbereitung für den Marathon des Sables unterschiedlicher Auffassung waren, so sind wir doch beide einigermaßen ordentliche Vertreter der großen Familie der Ultra-Läufer, jener Gemeinde, in der eigentlich nur nette Menschen zu finden sind.
Carsten und ich sind auch bei FACEBOOK als Freunde verbunden und es tat richtig gut, am Samstag Carsten tief in die Augen zu sehen, seine Hand zu drücken und zu wissen, dass wir auch im „real life“ Freunde sind.
Und für diese Erfahrung brauchten wir weder Hexen noch die Walpurgisnacht, aber so etwas am „Blocksberg“ zu erleben ist doppelt schön.

Wenn Du gestern um 15.30 Uhr im MDR die Sendung „BIWAK“ verpasst hast …

Klicken zum Film ansehen ...

…, die sich mit den armen Irren auf der Spitzhaustreppe in Radebeul befasst hat, dann kannst Du den Film hier noch nachträglich ansehen.

Entstanden ist und gesendet wurde ein wirklich interessanter Filmbericht, der in drei Teilen auf die gesamte Sendung verteilt wurde und der die Stimmung auf der Treppen gut einfing. Ich finde ihn sehenswert und lohnend.
Aber beachte bitte: wenn Du Dir die Sendung „BIWAK“ ansiehst und plötzlich das Thema „Volksmusik“ kommt, dann denke nicht, dass der Bericht von der Treppe schon vorbei wäre. Nein, es geht weiter.
Und verzweifle nicht wegen der schrägen Töne, sondern schiebe den Fortschrittsbalken einfach nach rechts bis es wieder schön wird für die Augen und erträglich für die Ohren.

Und das gleiche machst Du, wenn später dann plötzlich das Thema „Richtiges Fahren von Wohnmobilen auf einem Testgelände“ kommt. Auch danach folgt ein weiterer Teil der Geschichte über den „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon 2010“ der vergangenen Woche.

Besonders interessant ist die Sendung für Michael Eßer, für Rainer Wachsmann, für Ulf Kühne und auch für HUPSI aus Berlin, aber irgendwann sieht man wirklich jeden, der bei diesem Event dabei war.
Ich sage an dieser Stelle ein herzliches „DANKESCHÖN“ an den Twitterer Jens Friebe, Twitter-Name SAUHUNDBESIEGER, der mich auf die MDR Mediathek hingewiesen hat.

Was schwätz‘ ich die ganze Zeit: Twitter ist halt einfach eine verdammt tolle Sache!

Also gut, einigen wir uns auf „unentschieden“ …

Wie der schwarze Ritter im fairen und unerbittlichen Kampf gegen König Arthus in Monty Phyton’s „Die Ritter der Kokosnuss“ ein klares „unentschieden“ aus dem Schwerter kreuzen herausgeholt hat, ging auch das Duell TomWingo gegen die Spitzhaustreppe ebenfalls unentschieden aus.

Während die Spitzhaustreppe geglaubt hat, ich würde wegen der brennenden Hacken erst gar nicht starten, habe ich sie eines Besseren belehren können. Obwohl die Blasen vom „Marathon des Sables“ (MdS) höllisch weh taten, als ich nach knapp einer Woche in Haus-Schlappen erstmals wieder Schuhe angezogen hatte, bin ich guten Mutes auf die lange Reise über die 39.700 Treppenstufen gegangen. Aber ich wusste von Anfang an, dass der Lauf unter diesen Bedingungen sehr, sehr schwer werden würde.
Erstaunlicherweise nahmen die Schmerzen an den Hacken schnell ab, man gewöhnt sich eben an alles, wenn der Körper voller Adrenalin und voller Endorphine ist …

Aber ein neuer Schmerz kam dazu, mit dem ich gar nicht mehr gerechnet hatte: bei der langen Etappe des „Marathon des Sables“ bekam ich in etwa nach der Hälfte der 82 zu absolvierenden Kilometer einen permanenten Stich in das linke Knie, der nicht wieder aufhörte. An den beiden nachfolgenden, kürzeren Etappen allerdings traten diese Schmerzen nicht erneut auf, sodass ich glaubte, es läge vor allem an dem permanent schiefen Auftreten auf die Dünen, das Sehnen und Bänder enorm belastet hat. Aber auf der Spitzhaustreppe waren diese Schmerzen wieder da.
Ob es an der schiefen Straße lag, die nach der Spitzhaustreppe zu laufen war?

„Leer wie ein Eimer“ aber war ich noch muskulär. Aber ich wusste es nicht, noch nicht. Als ich jedoch meine Runden zog und sehr konsequent Rundenzeiten von 12 Minuten erlaufen habe, merkte ich spätestens ab der 20. Runde, dass die Oberschenkel dieser Belastung nicht standhalten würden, sie begannen, leicht zu krampfen. Nach knapp 4 Stunden hatte ich 20 Runden gedreht, nach knapp 5 Stunden hatte ich 25 Runden hinter mir – und die Nase voll.

Mein Lauffreund Michael aus Köln hatte wegen einer Fußball-Blessur schon aufgehört zu laufen und da ich kein Auto in Radebeul stehen hatte, war er auch mein Ticket für die Heimfahrt. Die Laune im Keller, Schmerzen in den Hacken, Schmerzen an den kleinen Zehen des rechten Fußes, Oberschenkel, die weh taten und mir sagten, dass ich, wenn ich wenigstens den Marathon hinter mich hätte bringen wollen, viel zu leiden hätte, die Aussicht auf ein Frühstück zu Hause mit der Familie, alles drehte sich bei mir in jener 25. Runde.

Und ich sprach mit der Spitzhaustreppe und schlug ihr vor: „Also gut, einigen wir uns auf „unentschieden“ …“

Und so sind wir verblieben und wir werden unser Duell fortsetzen – in einem der nächsten Jahre. Noch 39.700 …

100 x 397 = ?? – noch ist eine Rechnung offen …

Es ist Sonntag, früher Morgen, kurz vor 6 Uhr: 60 Runden habe ich in den vergangenen 14 Stunden gedreht und meine Rundenzeiten haben das erste Mal die 15-Minuten-Marke überschritten.

Was ich weiß ist, dass ich keine Lust mehr habe, was ich nicht weiß ist, dass ich auch während eines Rennens regenerieren kann. Dass ich keine Lust mehr habe, liegt daran, dass ich mir ausgerechnet habe, mit der letzten Rundenzeit die geforderten 100 Runden bis zum Nachmittag nicht schaffen zu können, aber dennoch ist es doof, aufzuhören.

Am liebsten würde ich sofort nach Hause fahren, aber Gabi, meine allerliebste Gabi, steht noch nicht an der Strecke, sondern ist noch im Zimmer in ihrer Pension und träumt vielleicht noch den Albtraum aller Supporter: das Essen für den Läufer vergessen, den Start verpasst, die falsche Ausfahrt genommen oder die Wechselklamotten zu Hause gelassen …

Ich lasse mich jetzt 20 Minuten lang massieren, das hilft immer, zumindest hilft es, die Zeit tot zu schlagen. Aber Gabi ist auch danach noch nicht an der Strecke, also beginne ich langsam wieder mit dem Lauf und nach der 61. Runde steht sie oben am Wendepunkt und winkt mir fröhlich zu.

„Ich höre jetzt auf,“ sage ich und sie antwortet entgeistert, dass ich noch frisch und gut aussehen würde. Aber weil ich denke, dass ich irgendwo zwischen 92 und 98 Runden den 24-h Lauf abschließen würde, will ich nicht mehr laufen. Ich will nur noch heim und möglichst viel von dem sonnigen Sonntag genießen.

All das ist jetzt knapp ein Jahr her und der Stachel, den ich mir damals ins Fleisch getrieben habe, sitzt noch immer tief. Und er schmerzt. Noch nie habe ich ein wichtiges Rennen abgebrochen, noch nie habe ich ein mir wichtiges Ziel nicht geschafft, außer damals, im Mai 2010 auf der Spitzhaustreppe im sächsischen Radebeul.

Ich habe also noch eine Rechnung offen mit den 397 Stufen dieser Treppe und diese Rechnung wird am kommenden Wochenende beglichen! Im direkten Duell, die Treppe gegen mich …

Egal, was kommt, es wird mein letzter Start beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ sein und wenn ich wieder scheitere, dann soll es auch eine offene Wunde fürs Leben sein. Aber ich werde nicht scheitern! Trotz der noch immer wunden Füße und trotz der mangels Zeit kaum möglichen Regeneration nach dem „Marathon des Sables“ (MdS) werde ich nicht scheitern, sondern langsam, aber stetig Stufe für Stufe nehmen und dabei leise mitzählen:
„Noch 39.699, noch 39.698, noch 39.697 …“

Auf keinen Fall werde ich vorzeitig aufgeben, auch nicht, wenn ich realisiere, dass ich die geforderten 100 Runden innerhalb der gesetzten Laufzeit von 24 Stunden nicht erreichen kann. Dann ende ich halt bei 87 Runden oder bei 94 Runden oder wegen mir auch bei 99 Runden, aber ich gebe nicht auf, denn ich will, dass mein Name in das Gipfelkreuz der Spitzhaustreppe gehauen wird. Es wäre dort in guter Gesellschaft mit all den bisherigen Finishern dieses Laufs, zu denen ich momentan nur ehrfürchtig aufschauen kann.

... mein Ziel, der Eintrag im Gipfelkreuz der Spitzweg-Treppe in Radebeul

Vielleicht sollte ich den „Ausbilder Schmidt“ vom StrongManRun mitnehmen, damit er mir ein paar passende Worte in der Nacht zubrüllt, wenn ich schwach und weich werden sollte. Oder ich leihe mir Bernie Conradt’s Frau Sabine aus, die ihn 2008, mitten in der regnerischen und kalten Nacht von Radebeul, wieder mit den Worten auf die Strecke schickte: „Ich denke, Du bist zum Laufen hier?“ Auch ließ Sabine Bernie’s Hinweis darauf, dass es schwer sei, da zu laufen, nicht gelten und antwortete: „Wenn es leicht wäre, wärest Du nicht hier, Bernie!“

Bernie hatte Sabine tief gefrustet und unterkühlt in der Nacht angerufen, um aufzugeben und um ins warme Bettchen abgeholt zu werden. Ihre „Gardinenpredigt“, sein wiedererwachter Siegeswille und Dutzende von Salamibroten haben es dann bewirkt, dass mein Lauffreund Bernie Conradt einer von denen ist, zu denen ich ehrfürchtig aufschauen muss. Bernie’s Laufbericht über diese Nacht ist auch heute noch wirklich lesenswert.

Und wie wird mein Bericht nächste Woche ausfallen?

… noch 39.700 …

MdS 2: „Herr Ober – Zahlen bitte!“

Der 25. Marathon des Sables ist vorbei. Endlich. Leider. Und glücklicherweise.
Das sind die nackten Zahlen dieses Jubiläums-Events:

– 1.013 Teilnehmer
– 923 Finisher
– 470 Helferinnen und Helfer
– 58 Läufer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
– 53 Finisher aus dem deutschsprachigen Gebiet
– 250 Kilometer zu laufen, eine Verlängerung gegenüber den
– 230 – 235 Kilometern der anderen Events

– 82 Kilometer hatte die längste Etappe
– 21,1 Kilometer hatte die kürzeste Etappe
– 7 Lauftage in
– 6 Etappen
– 1 Traum


Mein Traum …
… meine Nacht.
Und mit der will ich anfangen, von meinem Marathon des Sables zu erzählen.

Mein Traum – meine Nacht: 82 besondere km

Es ist 16 Uhr 30 in der marokkanischen Sahara. Ich trabe locker mit der hübschen Schwedin Petra die Hochebene entlang und wir reden über das, worüber Läufer reden: über Läufe. Ich erzähle ihr, dass ich schon am Wochenende nach dem MdS den „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul laufen will, eine Information, wegen der Petra mich am Morgen danach „The crazy guy“ und später dann, wohl, um den Ausdruck zu relativieren, „The stairs guy“ nennen wird.

Sie läuft mit Stöcken und ist mir am Ende dann doch etwas zu langsam, ich schwitze, leide und hoffe auf den Kontrollpunkt „CP3“ und auf eine lange Pause dort. Es ist heiß und trocken und der Sand, der in der Luft schwebt, macht den Mund ständig trocken und lässt die Zähne knirschen.

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Endlich sehe ich „CP3“ in der Ferne und freue mich darauf, den Puls ein wenig senken zu können, einen kurzen Moment lang wenigstens. Wie ich so vor mich hinträume, wie ich den Rucksack abschnalle, die Wasserflaschen auffülle, Peronin in die eine und Isopulver in die andere Flasche fülle, wie ich fantasiere, wie eine hübsche und nette marokkanische Tänzerin mir Kühle zufächert und mir eine eiskalte Coca-Cola anbietet, passiert etwas sehr hilfreiches: die Sonne verschwindet hinter ein paar Wolken und es wird mit einem Schlag ein paar Grade kühler.
Sofort merke ich, dass ich auch am „CP3“ keine Pause brauche, sondern wenigstens noch bis zum „CP4“ weiterlaufen kann.

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Am „CP3“ saß der erschöpfte Zeltkumpan Tilmann auf dem Boden und ich motiviere ihn, in reduziertem Tempo mit mir weiterzugehen. Tilmann folgt artig und wir erleben eine Etappe mit vielen ausgetauschten Ideen, mit der Begleitung durch eine attraktive Französin, die sich erkundigt, ob Anke Molkenthin wieder zu uns stoßen würde und uns berichtet, dass Anke ihr begebracht hat, wie man auf Dünen läuft und mit dem langsamen Einsetzen der Dämmerung und dem Untergehen der Sonne. Es ist schon fast dunkel, als wir „CP4“ erreichten, Tilmann sich eine weitere Pause gönnte und ich mich drei anderen Deutschen anschloss, um nicht alleine im Dunkeln die Dünenpassage bewältigen zu müssen.

Es sind Stefan aus Hannover, der den MdS schon im Jahr 2007 gemacht hat und ihn dieses Jahr mit seiner Freundin Jutta erleben will. Stefans Bestzeiten auf den Kurzstrecken bis hin zum Marathon sind besser als meine, danach aber sind meine Zeiten weitaus ansprechender. Ich bin eben der „Ultra-Man“, der stets langsam beginnt. Ferner sind es der Schweizer Roland, der stets leicht an seiner grünen Skinfit-Hose zu erkennen ist und der Mönchengladbacher Oliver, der Apotheker, der mir in der Nacht von einem von ihm organisierten 50-Stunden-Spendenlauf berichtet, bei dem er mit seinem Unternehmen, unterstützt durch etliche Läufer und Geld der Pharma-Industrie, die stolze Summe von 23.000 EUR für soziale Zwecke erwirtschaftet hat – eine großartige Leistung für wirklich gute Zwecke.
Zu dritt finden wir den Weg sehr leicht. Die vom Veranstalter aufgehängten Knicklichter sind häufig und weithin sichtbar, zudem haben die Läufer vor uns Knicklichter am Rucksack hängen. Nur wahre Künstler schaffen es in dieser Nacht, den Weg zum „CP5“ kreativ auszulegen und eigene Bahnen zu ziehen. Alle Sorgen, die ich vorher wegen dieser Laufnacht hatte, zerfallen im Sand der marokkanischen Dünen und ich war froh, dass es so einfach war.

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Roland und Oliver sind vielleicht einen halben Schritt zu schnell für mich und Stefan hinkt sichtlich hinterher, also entschließe ich mich, in etwa auf halber Entfernung zwischen „CP4“ und „CP5“, mit Stefan zu laufen und die beiden andern ziehen zu lassen. Es wird später und später und kühler und kühler. Es wird richtig schön und angenehm. Und ich denke an das Buch, das ich nie geschrieben habe, das aber, wenn es denn existieren würde: „Die Bekenntnisse des Nachtläufers TomWingo“ heißen würde. Ich liebe es, durch die Nacht zu laufen und denke an die Nächte in Biel, bei Baden-Baden, bei Chamonix und in Radebeul – und ich werde schneller.
Ich erzähle Stefan die eine oder andere Geschichte, er antwortet immer seltener. Irgendwann antwortet er gar nicht mehr. Kann er auch nicht, weil der Atem im Nacken, den ich ihm zugeschrieben hatte, gar nicht von ihm war. Er war von einem Franzosen und ich realisiere, dass von Stefan in der Dunkelheit nichts mehr zu sehen ist, also gehe ich etwas schneller weiter.

Beim „CP5“ treffe ich Roland und Oliver erneut, ich entledige mich des Bergwerks in meinen Schuhen und bekämpfe ein kleines Hüngerchen durch ein Drittel Riegel Powerbar „Cookies & Cream“, den ich von Roland bekommen habe. Meine eigenen Riegel sind im Rucksack und dafür, die dort zu suchen, haben wir keine Zeit. Wir gehen gleich weiter und ich beschleunige zusehends.

Bald bin ich alleine und am Ende der Dünen, beim „CP6“ geschieht ein kleines Wunder. Zuerst schimpfe ich mit mir, weil ich mal wieder viel zu defensiv diese Langetappe angegangen bin. Getreu dem Motto „save some space for the desert“ habe ich etwas Luft gelassen für befürchtete Hürden, die aber gar nicht gekommen sind. Ich war frisch wie ein Frühlingsmorgen, die Muskeln waren locker und ich wollte möglichst früh schlafen gehen. Ich weiß ja, dass ich das Problem habe, nur schlecht bei Licht schlafen zu können und daher war es mein Ziel, noch vor 1 Uhr 30 in der Nacht im Biwak einzutreffen, damit die dunkle Nacht noch so lange dauert, dass ich auf eine nennenswerte Anzahl an Schlafstunden komme.

Ich erhöhe nun Schritt für Schritt mein Tempo und vielleicht vier oder fünf Kilometer vor dem Ziel sehe ich am Ende des Weges einen hellen Schein, das Biwak. Und ich war davon angezogen. Wie die Motte zum Licht begann ich noch einmal richtig zu rennen und von da an überholte ich 21 Läufer in einem schon enorm auseinandergezerrten Läuferfeld. Und ich werde ständig schneller. Ich erlebe das, was das Laufen so außergewöhnlich schön macht: das „Runners High“.
Als wäre ich gerade eben erst gestartet, als hätte ich nicht schon 80 Kilometer hinter mir, als hätte ich nicht knapp 10 Kilogramm Gewicht auf den Schultern und als wäre es die letzte Etappe des Marathon des Sables renne ich, wie ich schon lange nicht mehr gerannt bin.

Manche der Läufer, die ich noch überholen will, wehren sich und fangen plötzlich auch noch mit dem Laufen an, aber es hilft nichts. Stück für Stück komme ich näher, bin ich parallel und auch gleich vorbei. Noch einen Kilometer, noch eine Vierergruppe, die am Ende scheint. Noch fünfhundert Meter, noch zweihundert Meter, das Ziel kommt immer näher. Die beiden letzten Läufer, die ich überhole, sind eine Französin mit Ihrem Lebenspartner, die Hand in Hand gehen und das schnaubende Etwas von hinten anrollen hören, sich umdrehen und verwundert stehen bleiben. Sie stehen vielleicht dreißig Meter vor dem Ziel und lassen die Dampflokomotive an sich vorbei stampfen und applaudieren. Unglaublich.

Und ich wünsche, dass das Ziel noch zwanzig, dreißig Kilometer weiter nach hinten verlegt würde. Ich weiß, dass diese Etappe meine mit Abstand Beste sein würde, dass meine Tagesplatzierungen sich umgekehrt proportional zur Etappenlänge verhalten.
Ich liebe einfach die „langen Kanten“ und ich fühle mich wie eine AAA-Batterie der Firma mit dem tollen Werbespruch. Unten schwarz, mit goldenem Kopf, garniert mit dem Slogan:
„Hält länger durch …!“

Die 16 Stunden, 13 Minuten und 18 Sekunden für die knapp über 82 Kilometer sind die letzten Zahlen des Berichts. Es hätten kleinere Zahlen sein können, wenn ich weniger defensiv begonnen hätte. Ich weiß das und ich ärgere mich darüber. Aber ich bin auch froh, diesen Zieleinlauf erlebt haben zu dürfen.

Herr Ober, Zahlen bitte!