Auf meinem morgentlichen Weg zur Post höre ich öfter die „Gedanken zum Tag“ im Radio.
Nicht immer überzeugen mich die Geschichten, umso schöner, wenn es da herausragende Beiträge gibt, tiefgreifende Geschichten, Gedanken voller Menschlichkeit und Wärme.
Dass ich die nachfolgende, wundervolle Geschichte von Cornelia Michels-Zepp, Bad Kreuznach, Ev. Kirche vom 27.01.2015 ausgerechnet heute veröffentliche, dann auch deshalb, weil mir am Vorabend des Zusammentreffens mit den RheinBurgenWeg-Läufern und kurz vor dem Lauf auf dem GR-20 auf Korsika, danach ist.
Auf dem GR-20 gab es gestern einen Erdrutsch, der drei Menschenleben forderte.
Das Leben kann lang sein, es kann aber auch sehr schnell vorbei sein. Und dann, hoffe ich, werden wir alle gehimmelt sein …
Gehimmelt
Wer der Hölle entronnen ist, gehört dem Himmel.
Wie überstehen Menschen diese schrecklichen Dinge, die sie erleben?
Ich denke zum Beispiel an die Flüchtlinge aus Syrien? Die junge Frau, die alles verloren hat: die Eltern, die Geschwister, den Mann, das Kind. An deren Bett ich gesessen habe, im Krankenhaus. Sie war völlig verstört; und versteht nicht einmal unsere Sprache…Ich weiß nicht, wie das geht. Aber es gibt Leute, die das irgendwie schaffen:
In der Bibel wird von Menschen erzählt; die hält ihr Gottvertrauen am Leben.
Andere der Blick in den Himmel.
Wie der alte Mann, dem André Heller mal begegnet ist, und der das Konzentrationslager überlebt hat. André Heller hat die Geschichte aufgeschrieben und „Der Mann neben mir“ genannt.André Heller steht mit dem alten Mann auf einem Balkon, mitten in Jerusalem. Die beiden beobachten ein Gewitter. Eben hat sich ein gigantischer Blitz am Himmel entladen.
Der Mann sagt: “Im Konzentrationslager war das alles mein Trost; alles, worüber die Nazis keine Macht hatten: Die Wolken, das Wetter, die Jahreszeiten. Der Wechsel von Tag und Nacht.“
Denn die Wälder – die konnten sie abholzen. Und die Vögel, die scheinbar so frei am Himmel flogen – die konnten sie abschießen. Sogar die Bäche konnten sie umleiten. Ja, selbst über die Berge hatten sie Gewalt: Die konnten sie in die Luft sprengen.
Aber alles, was darüber war: der Mond, die Sonne, die Milchstraße, Blitz und Donner – darüber hatten sie keine Macht.
„Dorthin“, erzählt der Mann, „dorthin, in die verbrecherlose Welt, bin ich in Gedanken übergesiedelt. Tausend Mal, jede wache Stunde.“„Das hat mir das Leben gerettet“, sagt er. „Die Zuflucht in dieses grenzenlose Paradies, da oben, am Himmel. Denn den Himmel gibt es wirklich. – Den Himmel über uns. Und den anderen, der eigentlich derselbe ist.“
Seither trägt der alte Mann einen Ausweis bei sich; den hat er selbst gemacht. Auf dem steht: „Himmelsbürger“.
Warum? Weil er sagt:
„Die der Hölle entronnen sind, gehören dem Himmel. Israel oder Amerika, Deutschland oder Syrien, das ist ganz und gar Erde für mich. Ich tu so, als wäre ich geerdet. In Wirklichkeit bin ich gehimmelt.
Das werden Sie vielleicht nicht verstehen, aber ich bin zu alt und hab zu viel erlebt, um zu lügen.“
„MyMai“ hatte ich ihn ja genannt, meinen Mai.
Und eine Woche später geht es dann auf die Insel Korsika, für mich das erste Mal in meinem Leben.
Im Juli dann kommt der KÖLNPFAD, vielleicht das größte Highlight meines bisherigen Läuferlebens. Ich als Organisator, nicht als Läufer. Und aktuell 60 Namen auf der Einzelläufer-Liste und fünf Staffelteams mit jeweils fünf Staffelläufern. Die Erwartungen sind hoch, mal sehen, ob wir, das wunderbare Helferteam und ich, das gut umsetzen können.
Im Leben, sagt man, hast Du immer zwei Möglichkeiten.
Es war schon die Ausschreibung, die mich irgendwie zwischen Frieren und Freuen hievte, die in mir den Wunsch schürte, die Zeit bis Juni 2015 vorzuspulen und wegen der ich endlich einmal nach Korsika muss:
Urlaubsparadise und Gebirge im Meer?
Kurt Tucholsky hat in dem unter seinem Pseudonym Peter Panter veröffentlichten Text „Ratschläge für einen schlechten Redner …“ darauf hingewiesen, dass wir Brillenmenschen stets gut daran tun, zu geschichteln. Und es stimmt.
Aber ich wollte ja zum Schluss kommen …
Der RheinBurgenWeg-Lauf ist einfach ein langer Lauf in beginnenden Frühling, bei dem sorgsam ausgewählte Ultraläufer (Amerikaner würden sagen „hand-picked“) gemeinsam aus dem Winterschlaf erwachen wollen und die ein gutes Training für die großen Läufe, die vor all diesen Menschen stehen, brauchen.
In den drei Geschosse des gemeinsamen Läufer-Hauses wohnen unten die Schnellen, die wir in einer Gruppe zusammengefasst haben, die diese 110 Kilometer mit ordentlich Höhenmetern in 14 Stunden bewältigen sollen. Wir, die wir weiter oben wohnen, beneiden die Schnellen oft ein wenig, weil sie nur die Schiebetüre aufschieben müssen und sofort auf den Trails vor dem Garten sind. Aber ich weiß auch, dass uns die Erdgeschoss-Bewohner auch manchmal um unsere schönen Balkone und Dachterrassen beneiden und um den Ausblick von da oben. Tom Siener führte diese Gruppe an, obgleich die meisten den Weg schon aus den Vorjahren kannten.
Ich wollte zum Schluss kommen, daher ziehe ich schon jetzt ein Fazit.