100 x 397 = ?? – noch ist eine Rechnung offen …

Es ist Sonntag, früher Morgen, kurz vor 6 Uhr: 60 Runden habe ich in den vergangenen 14 Stunden gedreht und meine Rundenzeiten haben das erste Mal die 15-Minuten-Marke überschritten.

Was ich weiß ist, dass ich keine Lust mehr habe, was ich nicht weiß ist, dass ich auch während eines Rennens regenerieren kann. Dass ich keine Lust mehr habe, liegt daran, dass ich mir ausgerechnet habe, mit der letzten Rundenzeit die geforderten 100 Runden bis zum Nachmittag nicht schaffen zu können, aber dennoch ist es doof, aufzuhören.

Am liebsten würde ich sofort nach Hause fahren, aber Gabi, meine allerliebste Gabi, steht noch nicht an der Strecke, sondern ist noch im Zimmer in ihrer Pension und träumt vielleicht noch den Albtraum aller Supporter: das Essen für den Läufer vergessen, den Start verpasst, die falsche Ausfahrt genommen oder die Wechselklamotten zu Hause gelassen …

Ich lasse mich jetzt 20 Minuten lang massieren, das hilft immer, zumindest hilft es, die Zeit tot zu schlagen. Aber Gabi ist auch danach noch nicht an der Strecke, also beginne ich langsam wieder mit dem Lauf und nach der 61. Runde steht sie oben am Wendepunkt und winkt mir fröhlich zu.

„Ich höre jetzt auf,“ sage ich und sie antwortet entgeistert, dass ich noch frisch und gut aussehen würde. Aber weil ich denke, dass ich irgendwo zwischen 92 und 98 Runden den 24-h Lauf abschließen würde, will ich nicht mehr laufen. Ich will nur noch heim und möglichst viel von dem sonnigen Sonntag genießen.

All das ist jetzt knapp ein Jahr her und der Stachel, den ich mir damals ins Fleisch getrieben habe, sitzt noch immer tief. Und er schmerzt. Noch nie habe ich ein wichtiges Rennen abgebrochen, noch nie habe ich ein mir wichtiges Ziel nicht geschafft, außer damals, im Mai 2010 auf der Spitzhaustreppe im sächsischen Radebeul.

Ich habe also noch eine Rechnung offen mit den 397 Stufen dieser Treppe und diese Rechnung wird am kommenden Wochenende beglichen! Im direkten Duell, die Treppe gegen mich …

Egal, was kommt, es wird mein letzter Start beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ sein und wenn ich wieder scheitere, dann soll es auch eine offene Wunde fürs Leben sein. Aber ich werde nicht scheitern! Trotz der noch immer wunden Füße und trotz der mangels Zeit kaum möglichen Regeneration nach dem „Marathon des Sables“ (MdS) werde ich nicht scheitern, sondern langsam, aber stetig Stufe für Stufe nehmen und dabei leise mitzählen:
„Noch 39.699, noch 39.698, noch 39.697 …“

Auf keinen Fall werde ich vorzeitig aufgeben, auch nicht, wenn ich realisiere, dass ich die geforderten 100 Runden innerhalb der gesetzten Laufzeit von 24 Stunden nicht erreichen kann. Dann ende ich halt bei 87 Runden oder bei 94 Runden oder wegen mir auch bei 99 Runden, aber ich gebe nicht auf, denn ich will, dass mein Name in das Gipfelkreuz der Spitzhaustreppe gehauen wird. Es wäre dort in guter Gesellschaft mit all den bisherigen Finishern dieses Laufs, zu denen ich momentan nur ehrfürchtig aufschauen kann.

... mein Ziel, der Eintrag im Gipfelkreuz der Spitzweg-Treppe in Radebeul

Vielleicht sollte ich den „Ausbilder Schmidt“ vom StrongManRun mitnehmen, damit er mir ein paar passende Worte in der Nacht zubrüllt, wenn ich schwach und weich werden sollte. Oder ich leihe mir Bernie Conradt’s Frau Sabine aus, die ihn 2008, mitten in der regnerischen und kalten Nacht von Radebeul, wieder mit den Worten auf die Strecke schickte: „Ich denke, Du bist zum Laufen hier?“ Auch ließ Sabine Bernie’s Hinweis darauf, dass es schwer sei, da zu laufen, nicht gelten und antwortete: „Wenn es leicht wäre, wärest Du nicht hier, Bernie!“

Bernie hatte Sabine tief gefrustet und unterkühlt in der Nacht angerufen, um aufzugeben und um ins warme Bettchen abgeholt zu werden. Ihre „Gardinenpredigt“, sein wiedererwachter Siegeswille und Dutzende von Salamibroten haben es dann bewirkt, dass mein Lauffreund Bernie Conradt einer von denen ist, zu denen ich ehrfürchtig aufschauen muss. Bernie’s Laufbericht über diese Nacht ist auch heute noch wirklich lesenswert.

Und wie wird mein Bericht nächste Woche ausfallen?

… noch 39.700 …

MdS 3: „Schlecht organisiert!“

Jedes Event braucht einen „running gag“.

Beim berühmten „Dinner for One“, wo „Miss Sophie“ ihren 90. Geburtstag feiert, stolpert James, der Butler, stets über den Kopf des ausgelegten Tigerfells am Boden, als zusätzliche Pointe läuft er jedoch einmal zu seinem eigenen Erstaunen daran vorbei, stolpert dann aber auf dem Rückweg. „The same procedure as last year, Miss Sophie?“ Natürlich, sagen wir …
Was wäre „Dinner for One“ ohne dieses Stolpern?


John Cleese kündigt regelmäßig und in allen Folgen den jeweils nächsten Sketch in „Monty Python’s Flying Circus“ mit den selben Worten an: „Und nun zu etwas völlig anderem!“

Und die Asterix-Leser unter uns sind „running gags“ gewohnt. Was wäre ein Asterix-Heft ohne ein versenktes Piratenschiff? Was wäre das Festbankett am Ende jeder Geschichte ohne einen gefesselten Troubadix? Und welche Asterix-Folge kommt ohne den meist plumpen und durchschaubaren Versuch von Obelix aus, wenigstens in dieser Folge einmal auch etwas vom Zaubertrank abzubekommen? Ob geringfügig als Ägypter verkleidet oder einfach in der Reihe der Anstehenden, am Ende heißt es doch: „Die spinnen, die Römer!“


Der „running gag“ von Zelt 85 durfte auch keinen Tag fehlen. Er geht zurück auf die Geschichte, die Christian Bechtel am ersten Tag im Biwak erzählt hat, noch vor der ersten Etappe. Er erzählte davon, als er einem Freund das erste Mal vom „Marathon des Sables“ (MdS) berichtet hat. Natürlich hatte der Freund Fragen.
„Wie lange ist denn der Lauf?“
„Wo schlaft ihr?“
„Was gibt es zu essen?“

Der Freund war sehr erstaunt, dass es keinen Catering-Service in der Wüste gibt und dass auch kein Pizza-Man vor Ort ist. Aber eine wichtige Frage ließ ihm keine Ruhe, als er, um Zustimmung bettelnd, Christian fragte: „Aber das Gepäck, das wird Euch von Station zu Station gebracht, oder?“
Christian antwortete ihm, dass das nicht vorgesehen sei und dass wir unser Gepäck und die gesamte Nahrung für die Woche auf dem Rücken tragen müssen. Daraufhin entrüstete sich dieser Freund voller Überzeugung mit den Worten: „Das ist aber wirklich schlecht organisiert!“

„Schlecht organisiert!“ wurde also unser „running gag“. Ob wir Wasser holen mussten oder Feuer gemacht haben, ob wir zum Material-Check anstehen mussten oder wenn die Dünen mal wieder nicht mit bequem zu laufenden Holzbalken ausgelegt waren, stets kommentierten wir alles und jedes mit den Worten: „Das ist aber schlecht organisiert!“
Und wir lachten, über den „running gag“, über uns, über die Situation. Wir lachten viel und herzlich und wenn mir in vielen Jahren noch etwas in Erinnerung bleiben wird vom „25. Marathon des Sables“, dann wird es der Gedanke an die Phrase „Schlecht organisiert!“ sein – und an die lustige Stimmung im Zelt 85, an das, was uns, Achim, Christian, Heiko, Tilman und mich, unter diesem Zeltstoff verbunden hat.

MdS 2: „Herr Ober – Zahlen bitte!“

Der 25. Marathon des Sables ist vorbei. Endlich. Leider. Und glücklicherweise.
Das sind die nackten Zahlen dieses Jubiläums-Events:

– 1.013 Teilnehmer
– 923 Finisher
– 470 Helferinnen und Helfer
– 58 Läufer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz
– 53 Finisher aus dem deutschsprachigen Gebiet
– 250 Kilometer zu laufen, eine Verlängerung gegenüber den
– 230 – 235 Kilometern der anderen Events

– 82 Kilometer hatte die längste Etappe
– 21,1 Kilometer hatte die kürzeste Etappe
– 7 Lauftage in
– 6 Etappen
– 1 Traum


Mein Traum …
… meine Nacht.
Und mit der will ich anfangen, von meinem Marathon des Sables zu erzählen.

Mein Traum – meine Nacht: 82 besondere km

Es ist 16 Uhr 30 in der marokkanischen Sahara. Ich trabe locker mit der hübschen Schwedin Petra die Hochebene entlang und wir reden über das, worüber Läufer reden: über Läufe. Ich erzähle ihr, dass ich schon am Wochenende nach dem MdS den „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ in Radebeul laufen will, eine Information, wegen der Petra mich am Morgen danach „The crazy guy“ und später dann, wohl, um den Ausdruck zu relativieren, „The stairs guy“ nennen wird.

Sie läuft mit Stöcken und ist mir am Ende dann doch etwas zu langsam, ich schwitze, leide und hoffe auf den Kontrollpunkt „CP3“ und auf eine lange Pause dort. Es ist heiß und trocken und der Sand, der in der Luft schwebt, macht den Mund ständig trocken und lässt die Zähne knirschen.

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Endlich sehe ich „CP3“ in der Ferne und freue mich darauf, den Puls ein wenig senken zu können, einen kurzen Moment lang wenigstens. Wie ich so vor mich hinträume, wie ich den Rucksack abschnalle, die Wasserflaschen auffülle, Peronin in die eine und Isopulver in die andere Flasche fülle, wie ich fantasiere, wie eine hübsche und nette marokkanische Tänzerin mir Kühle zufächert und mir eine eiskalte Coca-Cola anbietet, passiert etwas sehr hilfreiches: die Sonne verschwindet hinter ein paar Wolken und es wird mit einem Schlag ein paar Grade kühler.
Sofort merke ich, dass ich auch am „CP3“ keine Pause brauche, sondern wenigstens noch bis zum „CP4“ weiterlaufen kann.

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Am „CP3“ saß der erschöpfte Zeltkumpan Tilmann auf dem Boden und ich motiviere ihn, in reduziertem Tempo mit mir weiterzugehen. Tilmann folgt artig und wir erleben eine Etappe mit vielen ausgetauschten Ideen, mit der Begleitung durch eine attraktive Französin, die sich erkundigt, ob Anke Molkenthin wieder zu uns stoßen würde und uns berichtet, dass Anke ihr begebracht hat, wie man auf Dünen läuft und mit dem langsamen Einsetzen der Dämmerung und dem Untergehen der Sonne. Es ist schon fast dunkel, als wir „CP4“ erreichten, Tilmann sich eine weitere Pause gönnte und ich mich drei anderen Deutschen anschloss, um nicht alleine im Dunkeln die Dünenpassage bewältigen zu müssen.

Es sind Stefan aus Hannover, der den MdS schon im Jahr 2007 gemacht hat und ihn dieses Jahr mit seiner Freundin Jutta erleben will. Stefans Bestzeiten auf den Kurzstrecken bis hin zum Marathon sind besser als meine, danach aber sind meine Zeiten weitaus ansprechender. Ich bin eben der „Ultra-Man“, der stets langsam beginnt. Ferner sind es der Schweizer Roland, der stets leicht an seiner grünen Skinfit-Hose zu erkennen ist und der Mönchengladbacher Oliver, der Apotheker, der mir in der Nacht von einem von ihm organisierten 50-Stunden-Spendenlauf berichtet, bei dem er mit seinem Unternehmen, unterstützt durch etliche Läufer und Geld der Pharma-Industrie, die stolze Summe von 23.000 EUR für soziale Zwecke erwirtschaftet hat – eine großartige Leistung für wirklich gute Zwecke.
Zu dritt finden wir den Weg sehr leicht. Die vom Veranstalter aufgehängten Knicklichter sind häufig und weithin sichtbar, zudem haben die Läufer vor uns Knicklichter am Rucksack hängen. Nur wahre Künstler schaffen es in dieser Nacht, den Weg zum „CP5“ kreativ auszulegen und eigene Bahnen zu ziehen. Alle Sorgen, die ich vorher wegen dieser Laufnacht hatte, zerfallen im Sand der marokkanischen Dünen und ich war froh, dass es so einfach war.

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Roland und Oliver sind vielleicht einen halben Schritt zu schnell für mich und Stefan hinkt sichtlich hinterher, also entschließe ich mich, in etwa auf halber Entfernung zwischen „CP4“ und „CP5“, mit Stefan zu laufen und die beiden andern ziehen zu lassen. Es wird später und später und kühler und kühler. Es wird richtig schön und angenehm. Und ich denke an das Buch, das ich nie geschrieben habe, das aber, wenn es denn existieren würde: „Die Bekenntnisse des Nachtläufers TomWingo“ heißen würde. Ich liebe es, durch die Nacht zu laufen und denke an die Nächte in Biel, bei Baden-Baden, bei Chamonix und in Radebeul – und ich werde schneller.
Ich erzähle Stefan die eine oder andere Geschichte, er antwortet immer seltener. Irgendwann antwortet er gar nicht mehr. Kann er auch nicht, weil der Atem im Nacken, den ich ihm zugeschrieben hatte, gar nicht von ihm war. Er war von einem Franzosen und ich realisiere, dass von Stefan in der Dunkelheit nichts mehr zu sehen ist, also gehe ich etwas schneller weiter.

Beim „CP5“ treffe ich Roland und Oliver erneut, ich entledige mich des Bergwerks in meinen Schuhen und bekämpfe ein kleines Hüngerchen durch ein Drittel Riegel Powerbar „Cookies & Cream“, den ich von Roland bekommen habe. Meine eigenen Riegel sind im Rucksack und dafür, die dort zu suchen, haben wir keine Zeit. Wir gehen gleich weiter und ich beschleunige zusehends.

Bald bin ich alleine und am Ende der Dünen, beim „CP6“ geschieht ein kleines Wunder. Zuerst schimpfe ich mit mir, weil ich mal wieder viel zu defensiv diese Langetappe angegangen bin. Getreu dem Motto „save some space for the desert“ habe ich etwas Luft gelassen für befürchtete Hürden, die aber gar nicht gekommen sind. Ich war frisch wie ein Frühlingsmorgen, die Muskeln waren locker und ich wollte möglichst früh schlafen gehen. Ich weiß ja, dass ich das Problem habe, nur schlecht bei Licht schlafen zu können und daher war es mein Ziel, noch vor 1 Uhr 30 in der Nacht im Biwak einzutreffen, damit die dunkle Nacht noch so lange dauert, dass ich auf eine nennenswerte Anzahl an Schlafstunden komme.

Ich erhöhe nun Schritt für Schritt mein Tempo und vielleicht vier oder fünf Kilometer vor dem Ziel sehe ich am Ende des Weges einen hellen Schein, das Biwak. Und ich war davon angezogen. Wie die Motte zum Licht begann ich noch einmal richtig zu rennen und von da an überholte ich 21 Läufer in einem schon enorm auseinandergezerrten Läuferfeld. Und ich werde ständig schneller. Ich erlebe das, was das Laufen so außergewöhnlich schön macht: das „Runners High“.
Als wäre ich gerade eben erst gestartet, als hätte ich nicht schon 80 Kilometer hinter mir, als hätte ich nicht knapp 10 Kilogramm Gewicht auf den Schultern und als wäre es die letzte Etappe des Marathon des Sables renne ich, wie ich schon lange nicht mehr gerannt bin.

Manche der Läufer, die ich noch überholen will, wehren sich und fangen plötzlich auch noch mit dem Laufen an, aber es hilft nichts. Stück für Stück komme ich näher, bin ich parallel und auch gleich vorbei. Noch einen Kilometer, noch eine Vierergruppe, die am Ende scheint. Noch fünfhundert Meter, noch zweihundert Meter, das Ziel kommt immer näher. Die beiden letzten Läufer, die ich überhole, sind eine Französin mit Ihrem Lebenspartner, die Hand in Hand gehen und das schnaubende Etwas von hinten anrollen hören, sich umdrehen und verwundert stehen bleiben. Sie stehen vielleicht dreißig Meter vor dem Ziel und lassen die Dampflokomotive an sich vorbei stampfen und applaudieren. Unglaublich.

Und ich wünsche, dass das Ziel noch zwanzig, dreißig Kilometer weiter nach hinten verlegt würde. Ich weiß, dass diese Etappe meine mit Abstand Beste sein würde, dass meine Tagesplatzierungen sich umgekehrt proportional zur Etappenlänge verhalten.
Ich liebe einfach die „langen Kanten“ und ich fühle mich wie eine AAA-Batterie der Firma mit dem tollen Werbespruch. Unten schwarz, mit goldenem Kopf, garniert mit dem Slogan:
„Hält länger durch …!“

Die 16 Stunden, 13 Minuten und 18 Sekunden für die knapp über 82 Kilometer sind die letzten Zahlen des Berichts. Es hätten kleinere Zahlen sein können, wenn ich weniger defensiv begonnen hätte. Ich weiß das und ich ärgere mich darüber. Aber ich bin auch froh, diesen Zieleinlauf erlebt haben zu dürfen.

Herr Ober, Zahlen bitte!

Marathon des Sables: Neues aus Ouarzazate

Dank WLan im Hotelzimmer kann ich einen kurzen Erstbericht vom Marathon des Sables (MdS) geben:

Zuerst die beste Nachricht: ich habe finishen können!

Am vorletzten Etappen-Tag, am Freitag, sah es aber nicht danach aus. Die Blasen an den Füßen sind durch den Sand vereitert und machten auf der Marathon-Etappe jeden Schritt zur Qual.
Nach wenigen Kilometern kam dann noch ein Stechen in der Archillessehne dazu, so schlimm, dass ich trotz vier erfolgreicher Etappen gedacht habe: „TOM, das war es wohl jetzt für Dich!“

Aber da überholte mich mein Freund und Zeltgenosse Christian Bechtel, ein aufmerksamer Beobachter, der sah, wie ich ging und wie es mir ging. Und er sagte mir, dass ich wegen der Schmerzen in den Zehen auf die Schonhaltung „Schmerzvermeidung“ geschaltet habe und daher den Fuß gar nicht mehr komplett abrolle. Und es stimmte! Dadurch kamen dann die Schmerzen in der ständig verlängerten Archillessehne. Ein Problem verursacht das Nächste!

„Gehe durch den Schmerz,“ sagte Christian, „nimm ihn an und rolle richtig ab wie immer: Finde Deinen gewohnten Laufstil und alles wird besser!“
Er sprach es und lief an mir vorbei.

Leicht gesagt, aber schwer gemacht. Also habe ich bewusst bei jedem Schritt abgerollt, auf die Zähne gebissen und ich wurde belohnt. Nach 23 Kilometern war ich „durch den Schmerz“ und konnte wieder laufen.

Mein nach der Ultra-Etappe erreichter 295. Platz im Overall-Ranking allerdings war futsch. Ich fiel bis auf Rang 316 zurück.

Gestern kam noch der abschließende Halbmarathon, zu kurz, um noch viel zu verlieren oder zu gewinnen, aber ich habe mich einigermaßen wacker geschlagen.
Die relativ kurzen Strecken sind ja eher nichts für mich, auf den langen Etappen habe ich die anderen Läufer meist erst nach dem Kontrollpunkt „CP3“ oder später überholt.
Oh, war das schön!
Aber ich wollte nicht noch weiter Boden verlieren und gab alles, was für mich in den hohen Dünen der Abschluss-Etappe drin war.
Ein Tagesergebnis oder sogar das Endergebnis habe ich noch nicht, aber ich habe es immerhin in den 7. Bus geschafft, also sollte ich am Tage zumindestens 322. geworden sein, weil wohl jeder Bus mit 46 Läufern besetzt wurde.

So habe ich wohl am Ende irgend etwas zwischen dem 310. und dem 320. Platz erzielt. Bei 1.013 Startern ist das mehr, als ich zu hoffen gewagt habe.

„Danke“ an den Veranstalter,
„Danke“ an Patrick Bauer.

Bye bye love, bye bye happiness, hello loneliness … I think I’m gonna cry …

The Everly Brothers: Bye bye love

Bye bye love, bye bye happiness
hello loneliness I think I’m gonna cry.
Bye bye love, bye bye sweet caress
hello emptiness, I feel like I could die,
bye bye my love goodbye.

There goes my baby with someone new
she sure looks happy I sure am blue
she was my baby ‚till he stepped in
goodbye to romance that might have been

Bye bye love, bye bye happiness
hello loneliness I think I’m gonna cry.
Bye bye love, bye bye sweet caress
hello emptiness I feel like I could die
bye bye my love goodbye.

I’m through with romance I’m through with love
I’m through with counting the stars above
and there’s a reason that I’m so free
my loving baby is through with me.

Bye bye love, bye bye happiness
hello loneliness I think I’m gonna cry.
Bye bye love, bye bye sweet caress
hello emptiness I feel like I could die,
bye bye my love goodbye, bye bye my love goodbye
bye bye my love goodbye, bye bye my love goodbye.

In wenigen Stunden verlasse ich für insgesamt 14 Tage meine Familie. Noch nie war ich so lange von meiner Familie getrennt, auch eine neue Erfahrung. Aber ich muss heute noch nach Heidelberg, nach Bruchsal und zu meiner Mutter nach Offenburg. Und morgen früh um 7.30 Uhr habe ich einen Termin bei einem Schuster, der mir noch die Klettbänder auf die Schuhe näht. Dank meines Freundes Achim Knacksterdt habe ich doch noch „auf den letzten Drücker“ diese Möglichkeit bekommen.
Da hast Du fast ein Jahr Zeit, alles vorzubereiten und dann machst Du das meiste erst kurz vor Toreschluss! Das ist typisch für mich, einer meiner Fehler, die ich gerne ändern würde. Danach geht nach Frankfurt zum Flughafen und die lange Reise beginnt. Für die vielen Stunden in Casablanca habe ich mir genug Lesestoff und einen dicken MP3-Player mitgenommen.

Wenn ich dann weg bin, dann tragen mich die vielen lieben Wünsche, die mich in der letzten Zeit erreicht haben. Ich bin voller guter Gefühle und danke herzlich für alle Hinweise und Glückwünsche, die mich über FACEBOOK, eMail, Twitter, ICQ und andere Wege erreicht haben. Ich bin überwältigt und glücklich und ich fühle, dass die Kraft, die Ihr mir gegeben habt, mich durch die Wüste tragen wird. Aber ich habe auch eine traurige Ader: „I think I’m gonna cry …“

Zum MdS: die Atlantide Organisation Int. ist bemüht, täglich Rennberichte und alle Einzelergebnisse am Abend der einzelnen Etappen unter www.darbaroud.com einzustellen. Die meisten Ergebnisse sind dann auch am Abend abrufbar. Allerdings kann es vorkommen, dass ich oder andere Teilnehmer, die erst im letzten Drittel ins Ziel kommen, erst am Folgetag in de Liste zu finden sind.
Wenn Du mich also einmal nicht in der Liste findest, so besteht kein Grund zur Aufregung!!! Solange ich nicht auf der Liste der Aussteiger notiert bin, ist alles in Ordnung.

Bitte bedenke zudem, dass der Lauf ja mitten in der marokkanischen Sahara stattfindet. Es ist sowieso unglaublich, wie dort jeden Tag aufs Neue in Form eine Bivoucs für ca. 1500 Personen aus dem Nichts hingestellt wird. Auch die Natur hat ihre Launen und so kann es auch vorkommen, dass es zu windig ist, um die Technik zu bedienen, dass es einen Weile kein Netz gibt usw.

Eine richtig gute Botschaft gibt es zudem:

In der Zeit während der Etappen und auch wirklich nur konkret an den Tagen, an denen die Etappen 1-5 stattfinden, kannst Du mir eine eMail schicken. In diesen Tagen ist unter www.darbaroud.com etwas freigeschaltet und mit Angabe meines Namens und der Startnummer (ich habe die 494) kommen dann die Mails direkt zu mir ins Haus… äh, unters Berberzelt.
(Wie das konkret aussehen wird kann ich derzeit nicht sagen, in den letzten Jahren soll es aber immer einfach zu finden und auch zu benutzen gewesen sein)

Also noch einmal: DANKE für den Zuspruch, danke für so viel überwältigende Unterstützung. Ich denke an jeden Einzelnen von Euch, wenn der Sand nach dem Sandsturm zwischen den Zähnen knirscht …