Walpurgisnacht auf dem Blocksberg

Es sollte dunkel sein in der Nacht auf den Bergen. Nicht aber in dieser Nacht. Maifeuer brennen auf den Gipfeln, um der heiligen Walburga zu gedenken. Die Pestilenz soll sie weghalten von den Menschen, die Tollwut und den Husten.
Die Menschen tanzen in dieser Nacht in den Mai hinein, in der Nacht, die genau in der Mitte liegt zwischen der Frühlings-Tagundnachtgleiche und der Sonnenwende und die Hexen fliegen eifrig auf ihren Besen und reinigen dabei die Luft.
Der Brocken im Harz ist mit dem Hexenplatz und der benachbarten Rosstrappe das Zentrum dieses alten heidnischen Walpurgisnacht-Brauchtums.


Die beste Zeit also, um auf den Brocken zu laufen.
Steil ist sie, die durch Betonplatten panzerbefahrbar gemachte Strecke, die ohne Windungen direkt hinauf führt von der Eckertalsperre auf den mystischen Berg, den Brocken. Und sie ist ein Teil von gleich drei Lauf-Events, die dieses Teilstück im Nationalpark Harz nutzen, vor allem, weil der Läufer hier merkt, wie schwer ein Aufstieg sein kann.
Die Brocken-Challenge, der Brocken-Marathon und eben auch der Brocken-Ultra führen die Läufer jene rund 1.000 Höhenmeter nach oben, um dort Heinrich Heines „Die Harzreise“ zu genießen, im Schweiße des Angesichts, abgekämpft und müde. Dass Petra Rösler, Natascha Bischoff und ich am Sonntag diese Harzreise übertrieben wörtlich genommen haben, sei vorweg erwähnt.

Und die meisten, die einen der drei Events schon mal gelaufen sind, berichten von einem mystischen Brocken, der im Nebel oder in Wolken liegt und kein Einsehen hat, dass die Läufer auch mal bis ins Tal sehen wollen.
Das galt auch für unseren zweiten Tag, den Sonntag, der so nebelige Sichtverhältnisse bot, dass auch die gelbe Jacke unserer Vor-Läuferin uns nicht auf dem rechten Weg – oder genauer gesagt auf dem mittleren Weg – führen konnte.
Am ersten Tag aber, am Samstag, da war die Luft klar und rein. Die Sonne scheinte, der Blick war frei bis in die Täler. Hier hatten die Hexen mit ihrer Luftreinigung wirklich gute Arbeit geleistet.
Und der Brocken war voll mit Menschen, die die Frühlingssonne für einen kleinen Spaziergang nutzten. Freilich waren der überwiegende Teil der Brockenbesucher mit der Bimmelbahn oder einem Pferdefuhrwerk nach oben gekommen und so entgingen sie den Strapazen des Aufstiegs, vor allem, wenn Du von ganz unten, von Eckertal kommst.
Nur die 26 Läufer der Schar von Dieter Grabow gingen zu Fuß und das, nachdem wir bis Eckertal schon rund 50 Kilometer über flaches Land gelaufen waren, teilweise an der Oker entlang, durch Wälder, durch Dörfer oder einfach auf befestigten Wegen überland.

Ich wollte eigentlich langsam sein und mich endlich auch tempomäßig auf die TorTOUR de Ruhr einstellen, also wartete ich erst auf den vielgeprüften Hans Würl, lief zuerst mit ihm und so ließ ich Lars Schläger ziehen. Aber dann lief ich mit Frank Endriss voraus, nachdem er mir erzählt hatte, dass auch er Mitte Juni durch den Canyon du Verdon laufen will. Wir haben uns beim Reden von Hans Würl und Günter Meinhold abgesetzt, ohne das wirklich zu merken. Und dann war Frank plötzlich auch weg und ich lief für rund 30 Kilometer ganz alleine.
Nach Eckertal dann, als es steil wurde, lief ich plötzlich doch noch unerwarteterweise auf Lars auf und wir haben beide unseren schnellen Bergschritt gewählt, um möglichst schnell auf dem Brocken zu sein.

Ich bin mit Lars schon so oft gelaufen, zuerst den Trans Alpine Run 2008, zwei Mal den Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon, den Unter-Tage-Marathon in Sondershausen, den UTMB, den Lars und ich dann gleichzeitig abgeschlossen hatten, nachdem wir uns auf dem letzten Berg trafen, aber noch nie konnte ich so viel mit ihm reden wie auf dem Weg hinauf auf  den Berg, der als Grenzberg für Westler zwar immer präsent, aber eben gesperrt und unerreichbar war. Dieses Reden war richtig schön und ohne die gegenseitige Motivation wäre ich wohl nur etwas langsamer nach oben gekommen.
Und dann, als es rund 10 Kilometer lang auf der Asphalt-Straße runter bis nach Schierke ging, da sammelten wir auch noch Björn Gnoyke ein, dessen Wadenkrämpfe nun, mit uns laufend, weggezaubert waren. Ob hier auch noch die Hexen im Spiel waren?
Wir legten uns jedenfalls mächtig ins Zeug und wäre ich nicht am Ende die Spaßbremse gewesen, dann hätten wir das Tempo von teilweise deutlich unter 5 Minuten pro Kilometer auch noch auf den beiden letzten Kilometern eingehalten. Aber so reduzierte ich das Tempo ein wenig, weil längst klar war, dass wir unter der Marke von 8:30 Stunden enden würden.
Genau dann fingen auch die Spiele der Fußball-Bundesliga an und Lars wollte doch wenigstens am Radio dabei sein, wenn „seine“ Schalker um die letzte Chance kämpften, doch noch Deutscher Fußballmeister zu werden. Das aber konnte ohne die Hilfe der Hexen nicht funktionieren – und die waren ja alle auf dem Brocken, dem „Blocksberg“, versammelt. Kein Schalker Sieg also, lieber Lars, aber dafür haben Lars, Björn und ich gemeinsam einen 10. Platz der Tageswertung erreicht und das in, wie ich finde, guten 8:25:58 Stunden. Für 75 Kilometer und rund 1.000 Höhenmeter ist das respektabel, als Vorbereitung für die TTdR230 eigentlich zu schnell. Und zu kurz.

26 Starter versammelten sich also in Braunschweig, nachdem Dieter Grabow zum Brocken-Ultra gerufen hatte, um zwei Mal 75 Kilometer weit zu laufen, zwei Mal den Brocken zu besteigen  und zwei Mal vom Organisationsteam gut versorgt und behütet zu werden. Für so einen kleinen Lauf war die Versorgung vorbildlich, nur eines hätte ich mir noch gewünscht, das bei den meisten Ultra-Läufen vergessen wird: Salztabletten oder eben einfach eine offene Schale mit Jodsalz.
Ansonsten aber war alles da. Von Malzbier über alkoholfreies Bier, ein Isogetränk, Wasser, Säfte, Cola und was ich besonders schätzen gelernt habe war die große Menge an Christinen Sportdrinks, die nach Limone schmeckten und ungeheuer erfrischend waren.
Zu Essen gab es hochwertige Riegel, Erdnüsse, Schokolade, Käsewürfel, Salami, Salzbrezeln und auch etwas, was ich normalerweise nie essen würde: Kinder Milchschnitten. Labberiges Zeug, aber es hat geschmeckt, den Zuckerhaushalt korrigiert und es hat wirklich geholfen.

Man hat zwei Dinge bei dieser Veranstaltung gesehen:
Erstens: Dieter Grabow ist ein Läufer, er weiß, was wir brauchen. Das aber habe ich schon beim Blick auf Dieter Grabow’s DUV-Statistik gesehen. Dieter, Runner 25309 bei der DUV, hat dabei sehr ähnliche Zeiten gelaufen wie ich. Zwar war ich in Biel 2008 um rund eine Minute schneller als Dieter in seinem besten Jahr 2004, dafür hat Dieter mir beim Rennsteiglauf 2002 gegenüber meinem besten Lauf dort in 2008 rund 4 Minuten abgenommen.
Zweitens: Dieter Grabow ist ein echter Gastgeber, er war omnipräsent. Natürlich hat er den Start eingeläutet, er war aber auch da, als die Strecke in Wolfenbüttel ein wenig schwierig zu finden war. Sie war zwar hervorragend ausgeschildert, dennoch hatte Dieter stets ein Auge darauf, dass wir uns nicht verlaufen. Und er ließ es sich nicht nehmen, auch beim Zieleinlauf bei seinen Läufern zu sein.
Bemerkenswert fand ich auch, dass er insgesamt fünf Fahrradbegleiter aufgeboten hat, einen für den führenden Läufer Dirk Vinzelberg, einen für den letzten Läufer und drei für das Mittelfeld. Die waren für mich besonders hilfreich, weil Du von denen durchaus auch mal eine Flasche Cola oder ein Fläschen Wasser bekommen konntest, wenn Du das wolltest. Zwei Mal habe ich das am Samstag in Anspruch genommen, beide Male, als ich mit Lars unterwegs war, zuerst ein Wasser bei der Eckertalsperre und dann ein Wasser und eine Flasche Cola oben auf dem Brocken, als ich schon schneeweiß auf den Händen und im Gesicht war.
Die Salzmenge, die es mir am Samstag aus dem Körper getrieben hat, ließ meine schwarze Skinfit Jacke ein ganz neues Muster haben und ich sah aus, als wäre ich durch den Schnee gelaufen. Aber ich weiß nicht, warum mich das immer so viel stärker betrifft wie viele andere. Eine Läuferin war über meinen Zustand so verwundert, dass sie sich fragte, ob sie denn normal wäre, weil man weder an ihr noch an ihren Laufklamotten irgendwelche weißen Ränder sah.

Kurzum: der Brocken-Ultra ist eine tolle zweitägige Veranstaltung, die mit viel Engagement und Liebe veranstaltet wird.
Wir Läufer können froh sein, dass es so engagierte Läufer-Kollegen wie Dieter gibt und wir sollten das durch rege Präsenz honorieren!
Wenn wir dafür den einen oder anderen Stadtmarathon auslassen, dann haben wir uns und den Veranstaltern etwas Gutes getan.
Uns, weil das Laufen durch die Natur, auf Berge, eben außerhalb der Städte, schön und gesund ist und den Veranstaltern, weil es gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, was ein bedeutet, eine Strecke von 75 Kilometern zu betreuen, auszuschildern und die Versorgungspunkte dafür zu platzieren und offen zu halten. Das verdient Respekt und Dank, finde ich.

Dass für mich der Sonntag, der Rückweg, nur weniger glücklich war, lag nicht an der Veranstaltung, sondern an der Kombination aus meinem engen Terminplan und meiner geringen mentalen Stärke. Ich hatte eine Einladung zu einem Abendessen in Bonn um 20 Uhr und wusste also, dass ich spätestens um 16 Uhr in Braunschweig losfahren hätte sollen, „geduscht, geduzt und ausgebuht“, um mit Max Goldt zu sprechen.

Nachdem Natascha, Petra und ich uns im Nebel des Brocken aber auf Heinrich Heines Spuren zu weit Richtung Ilsenburg gewagt hatten und uns so, als wir das korrigierten, hinter dem letzten Läufer fanden, war dieser ehrgeizige Zeitplan nicht zu schaffen und in solchen Situationen knickt stets meine Psyche ein und ich sinke herab von meiner „Läuferwolke Nummer 7“ in die Gefilde der Normal-Menschen, die sowieso nicht verstehen, warum ich so viele Dinge gleichzeitig versuche. Und wenn ich dann „normal bin“ und über mich nachdenke, dann sehe ich das genauso – und steige aus.
Im Falle des Brocken-Ultra bedeutete das, das ich insgesamt 30 Kilometer innerhalb der Strecke ausgelassen habe, um dann wieder 20 Kilometer vor dem Ziel erneut einzusteigen und den Rest des Weges in Ruhe nach Hause zu tippeln.
Immerhin habe ich am Sonntag immerhin insgesamt etwas mehr als 48 Kilometer hinter mich gebracht, ich bin pünktlich, entspannt und glücklich in Bonn beim Abendessen gewesen, ich habe „Kilometer gefressen“ für die TorTOUR de Ruhr – alles war gut.

Am meisten gefreut hat es mich allerdings, dass Carsten A. Mattejiet am Samstag Abend mit seiner Familie auch in der Jugendherberge von Schierke war. Auch wenn wir in einem Punkt meiner Vorbereitung für den Marathon des Sables unterschiedlicher Auffassung waren, so sind wir doch beide einigermaßen ordentliche Vertreter der großen Familie der Ultra-Läufer, jener Gemeinde, in der eigentlich nur nette Menschen zu finden sind.
Carsten und ich sind auch bei FACEBOOK als Freunde verbunden und es tat richtig gut, am Samstag Carsten tief in die Augen zu sehen, seine Hand zu drücken und zu wissen, dass wir auch im „real life“ Freunde sind.
Und für diese Erfahrung brauchten wir weder Hexen noch die Walpurgisnacht, aber so etwas am „Blocksberg“ zu erleben ist doppelt schön.

MdS 5: “Ali Baba“, der „Herr der Dünen“

„Ali Baba“ war mein „Mann der Woche“, das Symbol für den Wüstenlauf, den „Marathon des Sables“ (MdS). „Ali Baba“, wie Volker Voss aus Neuffen im Württemberg auch liebevoll genannt wird, dominierte stets durch seine Präsenz die Gruppe der von Anke Molkenthin betreuten deutschen, österreichischen und schweizer Wüsten-Ultraläufer. Stets in schwarz gekleidet, mit dem typisch schwarzen Berber-Turban, braun gebrannter Gesichtshaut und mit einem weißen Bart, der „Ali Baba“ etwas Mystisches verlieh. Für mich schien Volker ein Teil der Wüste zu sein, der gute, der beruhigende, der friedvolle Teil der Wüste.

Volker Voss - Der "Herr der Dünen"

In der Tat war „Ali Baba“ schon zum neunten Mal in der Wüste und davon zum achten Mal beim „Marathon des Sables“ und er wollte 2010 wieder finishen und er hat auch gefinished, insgesamt zum sechsten Mal. Und Volker hat sogar sehr gut abgeschlossen für einen Mann von mittlerweile 68 Jahren. Am Ende erreichte er Platz 692 von 1.013 Startern, die drittbeste Platzierung in seinem Berber-Zelt und er hat, da es nur eine Handvoll Läufer seiner Altersklasse gab, über 300 junge Leute hinter sich gelassen, wie „Ali Baba“ mir stolz berichtete.
Zwar hatte er anfangs das Ziel, noch eine etwas bessere Platzierung zu erreichen, aber die unglückliche Wahl seiner Laufschuhe ließ ihn mehr einsinken wie sonst. Und das kostete ein paar Plätze im Endergebnis. Aber wer fragt wirklich nach der Platzierung? Und bei Herren dieses Alters doch erst recht nicht.
Volker lief mit einem schwarzen Laufshirt, auf dem ein Foto der Faust seines Enkels aufgenäht war. Unter dem Foto stand dann noch: „Opa, Du schaffst das!“ Und Opa hat es geschafft, Opa hat bei der achten Teilnahme am MdS zum achten Mal gefinished. Eine tolle, eine großartige Leistung.

"Opa, Du schaffst das!"

Der andere Wüstenlauf, den „Ali Baba“ hinter sich gebracht hat, war die „Libyan Challenge“ im Jahr 2008. Die hat zwar „nur“ 193 Kilometer Länge, dafür ist diese Strecke aber nonstop zu laufen, also ohne Zwischenübernachtungen. Und damals war Volker auch schon Mitte 60 Jahre alt.
„Ich will zeigen, dass man mit Mitte 50 durchaus noch aufrecht gehen kann und nicht gebückt über dem Einkaufswagen des Supermarktes hängen muss, wenn man das will. Und ich will beweisen, dass man auch mit 68 Jahren noch jeden Tag einen Marathon laufen kann,“ so der „Herr der Dünen“.

Dieser Ehrgeiz, für den ich Volker sehr bewundere, dokumentiert sich auch in seinem bescheidenen Restprogramm für 2010. Auf seiner „to run“-Liste stehen noch die 72,2 km des Rennsteiglaufs, die 100 km von Biel, der K78 des SwissAlpine und, um mal eine kurze Strecke einzulegen, der „Jungfrau-Marathon“ (Zitat Volker: „Den mache ich vor allem wegen der Höhenmeter!“). Aber danach muss es wieder ein Ultra sein und so stehen die 50 km des „Schwäbische Alb Marathons“ auch noch auf seiner Liste.
„Und eventuell,“ so Volker, „gönne ich mir noch den 250 km Etappenlauf durch die Wüste in Ägypten, aber nur, wenn alles andere gesund und planmäßig läuft.“

Für mich war „Ali Baba“ nicht nur wegen seines eindruckvollen Aussehens der „Herr der Dünen“, sondern auch, weil er mit seiner ruhigen und sonoren Stimme für alle deutschen, österreichischen und schweizer „Rookies“ auf dem MdS Berater, Freund und Helfer war.
Schon beim Vorbereitungstreffen im vergangenen November riet er den Teilnehmern, dass es beim MdS nicht darauf ankäme, schnell zu laufen, sondern er riet uns „Neuen“, durch einen frisch gepflügten Acker zu laufen und jede Gelegenheit zu nutzen, die Sehnen und Bänder zu stabilisieren. Und das war, im Nachhinein betrachtet, absolut richtig. Meine Schmerzen an den Füßen resultierten vor allem daher, dass Du bei jedem Schritt den Fuß schief aufsetzt. Mal kippt er nach rechts, mal nach links. Und nicht immer weißt Du im voraus, wie sich der Sand unter den Schuhen verdichten wird.
Apropos Schuhe, den Rat, den Volker heute den potenziellen Wüstenläufern geben würde, hat er selbst nicht beherzigt. „Nehmt möglichst Schuhe mit einem breiten Schnitt, bei Schuhgröße 47 macht das einige Quadratzentimeter aus. Dadurch sinkst Du nicht so tief in den Sand ein und Du läufst besser,“ sagte er zu mir.

10 „Marathon des Sables“ will der „Herr der Dünen“ vollmachen, also 2011 und 2012 wieder dabei sein. Danach wird er den MdS nur noch in den Jahren seiner runden Geburtstage beehren. Weil er 2012 70 Jahre alt sein wird, wird er dann erst wieder 2022 als 80-jähriger versuchen, wenigsten ein paar Junge hinter sich zu lassen. Und er wird wohl auch 2011 wieder die zusätzlichen 130 EURO für den „Race Tracker“ ausgeben. „Weil meine Frau dann beruhigt ist, wenn sie im Internet nachsehen kann, wo ich bin und dass ich mich noch bewege.“
Die Sorgen sind nicht unbegründet. Beim UTMB 2009 musste Volker den strammen Cut-Off Zeiten des ersten Tages Tribut zollen und aufgeben. Er gab seine Startnummer ordungsgemäß ab, meldete sich ab, schaltete das Handy aus und ging in sein warmes Hotelbett. Die Kommunikation unter den UTMB-Helfern war aber nicht perfekt und so „versickerte“ die Information, dass Volker ausgestiegen war und so erhielt Volkers Frau gegen zwei Uhr in der Nacht einen Anruf auf Chamonix, dass Volker vermisst wird.

Der dadurch ausgelösten Panik, denn Dutzende von Anrufen bei Mitläufern, auf Volkers ausgeschaltetem Handy und von den Mitläufern bei ihm hat Volker süße Träume im Hotelbett entgegengesetzt und er war nicht schlecht erschrocken, als er am nächsten Morgen zum Frühstück das Handy wieder einschaltete und er die Liste panischer Anrufe erlebte.

Und das, wo Volker für mich eben das krasse Gegenteil von Panik ist. Der im „Unruhestand“ lebende Volker, der von sich sagt, dass er nichts mehr tut, was er nicht will, ist ein Hobbygärtner. „Jeden Tag eine halbe Stunde, Bäume schneiden geht extra,“ so Volker. Auch durch sein großes Grundstück ist er fast ein vollkommener Selbstversorger. „Obst und Gemüse, eigentlich alles außer Fleisch,“ sagt Volker, „erzeuge ich selbst.“
Die Ruhe, der er ausstrahlt, kommt dabei wohl nicht nur von dem hohen Alter, sondern auch aus den Erfahrungen seines früheren Berufs. So war er jahrelang für Siemens im Außendienst unterwegs und hat EDV-Anlagen gewartet. Dabei war er auch im Ostblock tätig, bemerkenswert, weil es lange vor der Wende, also noch in strammer SED-Zeit, stattgefunden hat. Die ständigen Fragen der west- und ostdeutschen Sicherheitsleute haben Volker auch ruhig und gelassen gemacht, eine Ruhe, die uns allen beim „Marathon des Sables“ gut getan hat.

Der „Herr der Dünen“, „Ali Baba“, mein „Mann der Woche“ heißt Volker Voss.
Danke Volker, dass ich Dich kennenlernen durfte, ich verneige mich vor Dir.

Von Königstein nach Elb-Florenz – Laufen in wunderschöner Landschaft

Stressig und bemerkenswert, zwei Attribute, die auf den Oberelbe-Marathon (OEM) vom Sonntag, 25. April, passen.

Begonnen hat der OEM für mich schon am Freitag Abend. Nach zwei Stunden Tennis-Doppel in der Halle bin ich noch zum Mannschafts-Trainingsspiel auf den Außenplatz gefahren. Der rote Sand dort ist noch frisch und weich, viel zu weich für ein ordentliches Spiel. Ich spielte keine zehn Minuten, bis ein so starker Schmerz in mein rechtes Knie fuhr, so stark, dass ich nur noch humpeln konnte. In diesem Moment fragte ich mich, ob es das schon gewesen war mit dem Marathon in Sachsen. Am Samstag, dem Termin meines Abfluges nach Dresden, waren die Schmerzen im Knie noch immer da, nicht mehr so stark, aber dennoch wahrnehmbar.

Diese Schmerzen, verbunden mit dem Umstand, dass ich seit Mittwoch Strohwitwer und quasi alleinerziehender Vater bin, ließen mich ständig überlegen und rechnen, wie ich alle meine Verpflichtungen am Samstag unter einen Hut bekommen würde. Ich dachte auch daran, den OEM notfalls abzusagen, weil zum Einen das Knie noch nicht wieder intakt war und zum Anderen man ja auch mal für die Familie zurückstecken muss.


Und die Aufgaben für den Samstag waren gewaltig:

– ich musste noch etwa drei Stunden im Büro wichtige Mails schreiben, die ich am Vortag zugesagt hatte
– unser Sohn Pascal hatte um 14 Uhr einen Cross-Duathlon-Wettbewerb in Andernach und musste um 13 Uhr dort sein
– unsere Tochter Milena musste vier Kuchen für ein Spenden-Event zu Gunsten des Tanzania-Schulprojektes backen
– die Kuchen sollten um 12 Uhr am Eventort sein
– eine Mitarbeiterin sollte in Langenfeld noch Ware von mir bekommen
– Pascal wollte gegen 17 Uhr in Andernach wieder abgeholt werden

Hektische Betriebsamkeit im Hause Eller, eifrige Diskussionen, wie wir all das koordinieren können und am Ende hatten wir einen Plan:
Erst habe ich meine Büroarbeit gemacht, Milena hat sich als Bäckerin versucht, dann haben Pascal und ich die Kuchen weggebracht und sind anschließend gleich nach Andernach gefahren. Dort habe ich Pascal und sein Fahrrad ausgeladen und bin gleich weiter nach Langenfeld gefahren, nicht aber, ohne zu Hause noch die Autos zu tauschen. Eigentlich bin ich mehr „tief geflogen“ als gefahren, aber die Polizei hatte glücklicherweise ein Einsehen und hat auf die Aufstellung von Radarfallen an diesem Tag verzichtet. Vor allem aber war ich dankbar, dass Milena, seit einigen Wochen mit einem eigenen Auto „bewaffnet“, die Abholung von Pascal zugesagt hatte. Diese Sorge war ich also los.
Nun ging es auch gleich zurück Richtung Flughafen Köln-Bonn und ich erreichte den Check-In-Schalter fünf Minuten vor der Boardingzeit. Alles war perfekt.
Und mein Knie? Ich hatte es einfach vergessen, aber jetzt hat es wieder geschmerzt. Also einfach nicht mehr daran denken!

Am Kölner Flughafen hat mir die Sicherheitskontrolle nicht nur mein Haarspray aus dem Hangepäck in die „Gelbe Tonne“ entsorgt, auch mein Shampoo musste verschwinden. Haarspray läuft auch unter „Flüssigkeiten“ und dass das Shampoo fast leer war und nur noch die Mengenangabe für gefüllte Flaschen die 100ml-Grenze überstieg, interessierte niemanden. Übersehen haben die strengen Herren in dunkelblau, dass ich ein Messer in der Kulturtasche hatte. Ob mit Haarspraydosen schon Flugzeuge entführt wurden, weiß ich nicht, kleine Messer aber sind definitiv ein geistig-moralischer Anschlag auf die US-Sicherheitsgesetze. Das kleine Messerchen war übrigens das Messer, das ich beim Marathon des Sables (MdS) mitgenommen hatte und dort zur Pflichtausrüstung gehörte und ich wusste bis zur Rückreise nicht, dass es sich dort im Kulturbeutel versteckt hat. So ein Schlingel, aber ein Messer ist ja auch nur ein Mensch.

Welcher unselige Geist mich dann in Dresden geritten hat, als ich mich entschloss, nicht in Dresden zu nächtigen, sondern gleich den Zug nach Königstein zu nehmen, weiß ich nicht. Dieser Geist bescherte mir aber das mitleidige Kopfschütteln eines Hotelangestellten, der mir sagte, dass in Königstein wohl kein einziges Bettchen mehr zu bekommen wäre. Aber der Sachse war nett und er kümmerte sich dahingehend um mich, dass er ein paar Hotels in Nachbarorten anrief, um für mich eine bezahlbare Nächtigungsmöglichkeit zu finden.
Fündig wurde er in der schönen Kurstadt Gohrisch, etwa vier Kilometer weit entfernt. Ich hatte keine Lust, ein Taxi zu bitten, auch, weil es in Königstein gar keinen Taxistand gibt und die Taxen aus Pirna hätten geholt werden müssen. Und all das wegen vier Kilometern?
Wenn ich aber gewusst hätte, dass Gohrisch auf dem Berg liegt und drei dieser vier Kilometer steil ansteigend verlaufen, dann hätte ich es mir wohl überlegt, dorthin laufen zu wollen. Andererseits hilft Dir dieses Profil am nächsten Tag auf dem Rückweg.

In Gohrisch wechselten sich Ferienwohnungen mit Pensionen, Villen und Hotels ab und ich bekam im Parkhotel Margaretenhof ein nettes kleines Einzelzimmer, eigentlich mehr, als ich erhofft hatte. Und ich konnte ein wenig Carbo-Loading betreiben und habe zum Abendessen die chinesischen Mie-Nudeln gewählt und dazu eine große Flasche fast stilles Mineralwasser.
Das Frühstück war leider nicht läufergerecht, aber dennoch lecker und ausgiebig. Sicher habe ich wieder zu viel gegessen und meine Fettpölsterchen weiter verstärkt, aber das musste sein, um die Frühstücksmusik vergessen zu machen. „MDR 1“ lief da und ich hoffte, dass sich ein anderer Gast über diese Musik beschweren würde. Leider war ich so früh am Morgen der einzige Gast, also musste ich die Musik ertragen und immer beruhigend auf meine Ohren einreden.

Als ich dann beim Start ankam, war es noch immer kühl. Und es war noch einigermaßen leer dort. Von den rund 1.000 Marathonis waren noch keine 200 auf dem Platz und der Moderator bemühte sich mit Kräften, diese kleine Truppe bei Laune zu halten. Er interviewte einen Läufer in dem auffälligen Gelb des „100 Marathon Clubs“ und fragte ihn, der wie vielte Marathon das denn nun für ihn sei. „So Gott will, dass ich hier durchkomme,“ sagte er, „ist es mein 411 ter Marathon!“
Nun suchte der Moderator jemanden, der seinen ersten Marathon läuft und er wurde fündig bei einer Dame, die von ihrem ersten „Halben“ berichtet hat, den sie in 2009 in 2:12 Stunden gelaufen war. Ich weiß nicht, wie es ihr am Ende beim „Ganzen“ ging, aber ich habe mich gefragt, warum jemand den OEM als Premieren-Marathon auswählt. Üblich sind doch eher Stadtmarathons wie Frankfurt, Köln oder Berlin.
Nun sah mich der Moderator an und fragte mich nach meinen Läufen und ich antwortete artig, dass es mein 91. Marathon sein würde. Die nachfolgende Feststellung von ihm, dass ich es dann wohl in 2010 noch nicht in den „100MC“ schaffen würde, beantwortete ich mit dem Versprechen, dass es irgendwann im Sommer schon soweit sein sollte. Allein die Läufe, bei denen ich schon zugesagt habe, rechtfertigen diese Annahme.
(Kurz überlegt: der Brocken-Ultra am Wochenende bringt am Samstag die Nummer 92 und am Sonntag die Nummer 93, dann kommt der K-UT (Keufelskopf Ultra) als Nummer 94 und die Nummer 95 sollte die „TorTOUR de Ruhr“ bringen. Der Mittelrhein-Marathon und dann der Canyon du Verdon, die 24 Stunden von Rockenhausen, dann sollten es 98 sein – und der kleine Rest ergibt sich noch)

Ich habe dann noch ein wenig von der bevorstehenden TorTOUR de Ruhr erzählt und auch davon, dass es auch kürzere Strecken als die übermächtig erscheinenden 230 Kilometer gäbe. Aber als ich den Ausdruck „Bambini-Lauf“ für den 100km-Lauf verwendet habe, musste er schon ein wenig lachen. Ich durfte mich entfernen, so schien es zumindest.
Nun erzählte der Moderator, dass ja gerade eben erst der Wüstenlauf „Marathon des Sables“ geendet hätte und ich zeigte kurz auf und bekannte mich schuldig. Also musste ich wieder zu ihm und von der Wüste erzählen.
Später dann, als Achim auf das Startgelände lief, sagte ich zum Moderator, dass er auch in der Wüste gewesen wäre und so war auch sein Statement erwünscht. Warum er das eigentlich überhaupt nicht wollte? Na ja, vielleicht schreibt er das ja mal auf seinem BLOG.

Der Marathon selbst war eigentlich recht nett gemacht. Zumindest die ersten Kilometer sind traumhaft schön, wenn Du rechter Hand auf das Elbsandstein-Gebirge schaust, linker Hand ist die Festung Königstein, Du läufst Anfangs durch Waldpassagen mit ganz wenigen Häusern und es gibt ein einigermaßen welliges Profil. Später dann wird es flacher, die Bäume verschwinden und mit der zunehmenden Sonne wurde es heiß, richtig heiß. Und ich wurde braun. Die Grundfarbe aus der Wüste wurde aufgefrischt und mein Gesicht verwandelte sich innerhalb der wenigen Stunden in ein solariumverwöhntes Aufreisser-Gesichtchen.
Die Versorgung hätte besser sein können, dachte ich mir gelegentlich während des Laufs, vor allem die erste Wasserstelle ließ lange auf sich warten. Glücklicherweise blieb meine Sorge, dass die nächste Wasserstelle auch so weit entfernt sei, unbegründet und am Ende reihte sich Wasserstelle an Wasserstelle, immer eine gute Gelegenheit für mein „sprechendes Weichei“ in mir, es ein wenig gemütlicher angehen zu lassen.

Es war sowieso fatal: erst wollte ich langsam traben und hatte dem Moderator eine Zeit „knapp unter 4“ angekündigt, dann dachte ich, dass vielleicht doch etwas mehr drin wäre. Aber irgendwann wusste ich, dass ich definitiv nicht über die 4-Stunden-Marke kommen würde, eine gute Zeit aber auch nicht drin sei und ich mal wieder zeitlich im „Niemandsland“ enden würde. Und mein mit mir „sprechendes Weichei“ im Kopf sagte: „Ob 3:50 oder 3:59 ist egal – lauf locker weiter und schone Dich!“ Ich schonte mich also auf den letzten acht Kilometern und endete mit 3:57:23 Stunden, keine gute Leistung, wenn man bedenkt, dass ich eine Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:50:12 Stunden hatte.

Interessant fand ich am Ende noch die wunderschönen Villen von Elb-Florenz. Hier siehst Du Jugendstil-Architektur vom Feinsten und das gepaart mit Grundstücksgrößen, die Du sonst nur in Hollywood erlebst, einfach zauberhaft. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto mehr Menschen standen an der Strecke und applaudierten. Phasenweise hatten die Zuschauer aber wirklich gefehlt, außer in Pirna, wo wir eine große Ausgleichsrunde durch die Stadt zogen und diese Runde gesäumt war mit Menschen.

Und da war ein einsamer Brückenpfosten und wenn Du da ganz nach oben geschaut hast, dann hast du da eine Markierung erkannt. Die Markierung zeigte die „Gerhard-Schröder-Rettungslinie“, die Linie des Elbhochwassers aus dem August 2002, das den Sachsen so viel Leid und dem damaligen Bundeskanzler die Wiederwahl gesichert hat. Mann, war die Linie weit oben. Ich habe ja vieles über das Elbhochwasser gehört, aber diese hohe Linie hat mich doch erschreckt, auch jetzt noch, bald 8 Jahre nach diesem Jahrhundert-Ereignis.

Im Ziel war dann richtig Party. Das Wetter sorgte für gute Laune und zu den 1.000 Marathonis gesellten sich viele Tausend Halbmarathonis, 10km-Läufer und Walker, es gab Nudeln mit Tomatensauce, Erdinger Weißbier alkoholfrei, richtig gute und warme Duschen und eine Medaille, die wirklich schön ist. Schön und außergewöhnlich, ein Schmuckstück in meiner wirklich nicht allzu kleinen Sammlung.
Und es gab ein inspirierendes und motivierendes Gespräch mit einem anderen Ultra-Läufer, mit dem von mir so bewunderten Norman Bücher. Er war einer der Redner auf dem Läufer-Symposion vom Vortag, ich bin mit ihm den UTMB gelaufen und er war und ist immer einer, der seinen Weg im Ultra-Lauf geht. Gerade vom 160 Kilometer Himalaya-Lauf gekommen, ist er schon fast bei seinem langen Chile-Trip, der ihn in ganz besondere Gebiete der Erde bringen wird. Und spätestens in solchen Gesprächen weißt Du, dass es einerseits noch viel gibt, das auf Dich wartet und dass andererseits das, was Du tust, wirklich nur ein Anfang sein kann …

Das Messerchen im Kulturbeutel haben die Kolleginnen am Dresdner Flughafen gefunden. Aber während Du in Frankfurt oder Köln nur formale Antworten bekommst, schlug mir die Sicherheitsfrau vor, im Geschäft nebenan einen gefütterten Umschlag zu kaufen, eine Marke aufzukleben und mir dieses Messerchen an die Heimatadresse zu senden. Ich fand die Idee freundlich und kundenorientiert und habe in dem Laden die Kollegin gelobt. Die Verkäuferin in dem Laden lächelte nur und sagte: „Wir Sachsen sind eben nette Menschen!“
Ob beim Treppenmarathon in Radebeul oder beim OEM in Dresden – wo die Verkäuferin Recht hat, hat sie Recht.

MdS 4: „Das kleine Schwarze mit den hochhackigen Pumps?“

Der „Marathon des Sables“ (MdS) ist so etwas wie eine Modenschau. Oder etwas wie ein Testgelände für Laufklamotten. Wahrscheinlich aber ist der „Marathon des Sables“ beides.

Eine der wichtigsten Fragen vor dem Event war für mich die nach den Laufklamotten, in denen ich laufen will. Sechs Etappen, sieben Tage lang sollen sie kühlen, Schutz vor der Sonne geben und sie dürfen keinesfalls irgendwo scheuern. Na ja – und gut aussehen sollen sie natürlich auch noch, man weiß ja nie, wozu man das braucht.
Bei jeder anderen Laufserie hätte ich eine Batterie Laufshirts und zumindest drei, vier Laufhosen sowie ein Dutzend Brillen eingepackt.
Bei jeder anderen Laufserie hätte ich jeden Tag frische Sachen angehabt – und jeden Tag etwas anderes.
Bei jeder anderen Laufserie hätten die Veranstalter uns das Gepäck stets von Etappenstart zu Etappenziel transportiert und sich bei mir gewundert, warum ich stets mehr Sachen dabei habe wie die Anderen.
Aber beim „Marathon des Sables“ ist eben alles anders – da bist Du allein auf Dich gestellt und Du weißt: ein Satz Laufklamotten muss reichen, also wähle bewusst!

Und wenn Du sieben Tage lang die gleichen Sachen anhaben musst, dann wirst Du richtig nervös. Ich wurde es zumindest. Und ich fühlte mich wie „Dumpfbacke“ Kelly Bundy aus „Eine schrecklich nette Familie“ (Amerikanischer Originaltitel: „Married with Children“) am Samstag Abend vor dem Kleiderschrank, immer wieder fragte ich mich, was ich wohl anziehen sollte. Ich las viel über Laufklamotten im Internet, wusste, was andere ausgewählt hatten, aber ich war mir auch im Klaren, dass bei mir manches anders ist.


Ich habe große Angst vor der Sonne – und das, obwohl mir das Schicksal ein paar südländische Gene eingepflanzt hat. Für mich war also klar, dass ich entweder mit einem langen Shirt oder mit Armlingen laufen werde. Ich schwitze lieber als dass ich Angst haben muss, mir einen Sonnenbrand zu holen, aus dem am langen Ende irgendwann vielleicht sogar Schlimmeres entstehen könnte.
Die Beine sind bei mir wie bei den meisten Läufern vollkommen unempfindlich, da wollte ich also kurzbehost durch die Wüste tingeln.
Aber oben herum? Ich schwankte und probierte, zog mich immer wieder an und aus, ich diskutierte mit vielen, die den „Marathon des Sables“ schon gefinished hatten und ich las viel und dann kam mit das Glück zu Hilfe.

In der „Nacht der Entscheidung in Lilienthal“ hatte ich zum ersten Mal von X-BIONIC gelesen. Und wir bekamen beim Start ein schwarzes Schweißband für den Arm, das mir gut gefallen hatte. Besonders hatten es mir die orangenen Einschlüsse angetan, die nur sichtbar werden, wenn das Schweißband ein wenig gedehnt wird.
Und dann war da auf der Marathon-Messe in Rom am Tag vor dem Start dort ein großer Stand von X-BIONIC und ich habe mir die Sachen mal genauer angesehen. Ganz spontan habe ich mich entschlossen, mir dann die Armlinge zu holen, die ich wirklich cool fand, am Ende des Beratungsgesprächs habe ich mich von dem netten italienischen Verkäufer am Stand überzeugen lassen, vom Kopf bis zum Fuß in X-BIONIC zu laufen.
Eine Kappe speziell für die Wüste, ein kurzes, aber cooles Oberteil mit leichten Kompressionseigenschaften, die Armlinge, die mir so gut gefallen haben, eine ganz weiche Laufhose in dem für X-BIONIC typischen Riffelmuster, kurze Socken, die sogar doppelwandig sind, um die Reibung im Schuh zu reduzieren und dann noch zwei Sachen, die ich aber in der Wüste gar nicht gebraucht hatte: die Beinlinge kamen nicht einmal bei der Nachtetappe zum Einsatz, weil die Nächte viel wärmer waren als ich sie befürchtet hatte und die langen Kompressionsstrümpfe habe ich auch zuerst am vergangenen Wochenende getragen.
Unter dem Strich war es eine recht gewaltige Rechnung, aber der Messepreis half mir, diese Entscheidung dennoch so zu treffen.

Natürlich war meine Sorge, hier eine riskante Entscheidung getroffen zu haben und am Ende der einzige Marathon des Sables – Läufer zu sein, der sich für diese Lösung entschieden hat. Aber weit gefehlt: ich war erstaunt, wie viele Läuferinnen und Läufer sich ähnlich wie ich entschieden haben, wenngleich die gewählten Farben oft anders waren als die von mir gewählten dunklen Farben. Aber als, wie die Farb- und Stilberatung sagen würde, „Wintertyp“ muss ich ja viel schwarz tragen. Das tue ich ja auch im zivilen Leben. Schwarz oder klare, kräftige Farben.

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Gewaschen habe ich die Sachen nach der vierten Etappe ein Mal. In einer aufgeschnittenen Wasserflasche habe ich die von Sand und Salz verschmutzten Sachen gebadet, ein Waschmittel hatte ich ja nicht. Aber am nächsten Tag, als alles wieder trocken war, war ich froh, wieder einigermaßen frisch auszusehen und mich auch so zu fühlen. Dennoch bin ich heute, mehr als eine Woche nach dem Event, noch immer erstaunt, wie wenig Salzränder man dort gesehen hat, wie angenehm diese Sachen zu tragen waren. Klar, dass ich diese neu erstandenen Dinge auch gleich mit auf die Radebeuler Spitzhaus-Treppe mitgenommen habe. Und beim „Oberelbe-Marathon“ (OEM) werden sie mich voraussichtlich auch begleiten, dann aber ohne die Armlinge, dafür aber wieder mit dem super schönen Schweißband.

Und wie „Dumpfbacke“, die am Samstag Abend die Klamotten sowieso nur so auswählt, dass sie den Jungs in der Abend-Disco gefällt, fühlte ich mich auch wohl und ich fand, dass ich einigermaßen cool aussah – für einen Mann fortgeschrittenen Alters, versteht sich.

Die andere wichtige Frage, die sich mir stets vor dem „Marathon des Sables“ gestellt hat, nämlich die: „Was esse ich an diesen sieben Tagen?“ werde ich in der nächsten Woche beantworten. Auch hier ist einiges anders, weil ich ja bekanntermaßen weder Fleisch esse noch Kaffeeprodukte zu mir nehme. Aber es gibt ja für alles eine Lösung …

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Also gut, einigen wir uns auf „unentschieden“ …

Wie der schwarze Ritter im fairen und unerbittlichen Kampf gegen König Arthus in Monty Phyton’s „Die Ritter der Kokosnuss“ ein klares „unentschieden“ aus dem Schwerter kreuzen herausgeholt hat, ging auch das Duell TomWingo gegen die Spitzhaustreppe ebenfalls unentschieden aus.

Während die Spitzhaustreppe geglaubt hat, ich würde wegen der brennenden Hacken erst gar nicht starten, habe ich sie eines Besseren belehren können. Obwohl die Blasen vom „Marathon des Sables“ (MdS) höllisch weh taten, als ich nach knapp einer Woche in Haus-Schlappen erstmals wieder Schuhe angezogen hatte, bin ich guten Mutes auf die lange Reise über die 39.700 Treppenstufen gegangen. Aber ich wusste von Anfang an, dass der Lauf unter diesen Bedingungen sehr, sehr schwer werden würde.
Erstaunlicherweise nahmen die Schmerzen an den Hacken schnell ab, man gewöhnt sich eben an alles, wenn der Körper voller Adrenalin und voller Endorphine ist …

Aber ein neuer Schmerz kam dazu, mit dem ich gar nicht mehr gerechnet hatte: bei der langen Etappe des „Marathon des Sables“ bekam ich in etwa nach der Hälfte der 82 zu absolvierenden Kilometer einen permanenten Stich in das linke Knie, der nicht wieder aufhörte. An den beiden nachfolgenden, kürzeren Etappen allerdings traten diese Schmerzen nicht erneut auf, sodass ich glaubte, es läge vor allem an dem permanent schiefen Auftreten auf die Dünen, das Sehnen und Bänder enorm belastet hat. Aber auf der Spitzhaustreppe waren diese Schmerzen wieder da.
Ob es an der schiefen Straße lag, die nach der Spitzhaustreppe zu laufen war?

„Leer wie ein Eimer“ aber war ich noch muskulär. Aber ich wusste es nicht, noch nicht. Als ich jedoch meine Runden zog und sehr konsequent Rundenzeiten von 12 Minuten erlaufen habe, merkte ich spätestens ab der 20. Runde, dass die Oberschenkel dieser Belastung nicht standhalten würden, sie begannen, leicht zu krampfen. Nach knapp 4 Stunden hatte ich 20 Runden gedreht, nach knapp 5 Stunden hatte ich 25 Runden hinter mir – und die Nase voll.

Mein Lauffreund Michael aus Köln hatte wegen einer Fußball-Blessur schon aufgehört zu laufen und da ich kein Auto in Radebeul stehen hatte, war er auch mein Ticket für die Heimfahrt. Die Laune im Keller, Schmerzen in den Hacken, Schmerzen an den kleinen Zehen des rechten Fußes, Oberschenkel, die weh taten und mir sagten, dass ich, wenn ich wenigstens den Marathon hinter mich hätte bringen wollen, viel zu leiden hätte, die Aussicht auf ein Frühstück zu Hause mit der Familie, alles drehte sich bei mir in jener 25. Runde.

Und ich sprach mit der Spitzhaustreppe und schlug ihr vor: „Also gut, einigen wir uns auf „unentschieden“ …“

Und so sind wir verblieben und wir werden unser Duell fortsetzen – in einem der nächsten Jahre. Noch 39.700 …