Verbier – oder an fremden Wassern weinen …

Ich bin wieder zurück. Eine ganze Nacht durchgefahren, 700 Kilometer durch die Nacht, immer wieder mit einem kleinen Stop auf einem Parkplatz neben der Autobahn, immer dann, wenn die Augen zuzufallen drohten. Und ich bin immer noch traurig, deprimiert und noch immer weine ich ein wenig.

Der Trail Verbier St. Bernard sollte der letzte große Alpentest sein vor dem PTL und daher hatte ich nur wenig Ziele. Ankommen wollte ich, nicht mehr. Nicht auf Zeit laufen, nicht auf eine Platzierung laufen, nur ankommen. Als ob das so leicht wäre …
Immer gingen mir die Bilder vom Trail des Canyon du Verdon durch den Kopf, von dem Trail, bei dem ich nach 45 Kilometern Schluss gemacht hatte. Ich wusste genau, warum mir das passiert ist und deshalb habe für den Trail Verbier St. Bernard alles anders, alles richtig gemacht.

Ich bin alleine angereist, damit ich den Kopf frei hatte und sich keine Gedanken ins Bewusstsein schleichen können, was passiert, wenn Du früher oder später ankommst. Ich bin langsam losgelaufen, das allererste Mal wirklich von ganz hinten. Und ich habe mich immer geschimpft, wenn ich mal wieder angefangen habe, zu rechnen, nachzurechnen und zu spekulieren, nach jedem Kilometer neu zu prognostizieren, wann Du an welchem Punkt sein könntest.
Es war so entspannend, so schön.

Ich startete schon am Freitag, am Vortag und gönnte mir noch einen Abstecher zu meinen Eltern, die fast an der Fahrtstrecke wohnen. Später dann hörte ich im Schweizer Radio eine Live-Übertragung des WM-Fußballspiels Niederlande gegen Brasilien und war begeistert, wie „Usgliech“ (Ausgleich), „Corner“ (Ecke) und andere fußballtypische Begriffe auf Schweizerisch klingen.

Erst auf den letzten Kilometern, der Serpentinenstraße aus dem Tal hinauf in das wunderschöne Bergstädtchen Verbier, begann es zu regnen. In diesem Moment hörte ich gerade das Lied von Rosenstolz „Lass‘ es Liebe sein …“

Rosenstolz – Lass‘ es Liebe sein …

Hast du nur ein Wort zu sagen
nur ein Gedanken dann
lass es Liebe sein
Kannst du mir ein Bild beschreiben
mit deinen Farben dann
lass es Liebe sein

Wann du gehst
Wieder gehst

Schau mir noch mal ins Gesicht
sags mir oder sag es nicht
Dreh dich bitte nochmal um
und ich sehs in deinem Blick
Lass es Liebe sein, lass es Liebe sein

Hast du nur noch einen Tag
nur eine Nacht dann
lass es Liebe sein
Hast du nur noch eine Frage
die ich nie zu fragen wage dann
lass es Liebe sein

Wann du gehst
Wieder gehst

Schau mir noch mal ins Gesicht
sags mir oder sag es nicht
Dreh dich bitte nochmal um
und ich sehs in deinem Blick
Lass es Liebe sein, lass es Liebe sein

Das ist alles was wir brauchen
noch viel mehr als große Worte
Lass das alles hinter dir
fang nochmal von vorne an

Denn

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Lass es Liebe sein

Das ist alles was wir brauchen
noch viel mehr als große Worte
Lass das alles hinter dir
fang nochmal von vorne an

Denn

Liebe ist alles
Liebe ist alles
Liebe ist alles

Alles was wir brauchen

Lass es Liebe sein
Lass es Liebe sein

Aber es war keine Liebe, es war Wasser, Regen und davon richtig viel, zumindest dachte ich das. 24 Stunden später hätte ich den Regen wohl als „eher durchschnittlich“ eingestuft, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ich war froh, dass die Kontrolle der Ausrüstung problemlos funktioniert hatte und dass dann Christian Zimmer kam, um mit mir unsere kleine private Pasta-Party zu veranstalten, er mit Spaghetti Bolognese und ich mit Spaghetti Pesto, natürlich fleischlos, dafür aber mit viel Würze und italienischem Temperament.

Christian hatte schon sicherheitshalber vorab für uns beide die Schlafplätze im Bunker gesichert, sodass wir keine Hektik mehr hatten und einen schönen Abend hätten verleben können, wenn die Weckzeit 3.00 Uhr nicht gewesen wäre. Der Regen hatte aufgehört, als ich einzuschlafen versuchte.

Wenn Du mitten in der Nacht um 3.00 Uhr geweckt wirst, dann fragst Du Dich erst einmal kurz, wo Du jetzt bist, ordnest und sortierst Dich, um dann festzustellen, dass jetzt alles sehr schnell gehen muss. Die Vorbereitung auf den Lauf geht mittlerweile leicht von der Hand, so viel Routine nach fast 100 „Marathon und länger“ habe ich doch schon erworben. Die Pflaster für die Brustwarzen, der Brustgurt, die präventiven Compex-Pflaster auf die gefährdeten Stellen an den Füßen, das Melkfett, die Kompressionsstrümpfe, die Laufhose, das Laufshirt, die Armlinge, die Uhr, einen Buff über das rechte Handgelenk, einen über das linke Handgelenk, den MP3-Player, den Du mal wieder nicht benutzen wirst, die dünne SKINFIT – Jacke..
Zuletzt noch die Schuhe, die Stöcke und den schon vorbereiteten Rucksack und dann ab zum frühen Frühstück.

Dort war ich gleich doppelt überrascht. Das Frühstück war für französische Verhältnisse gut und üppig, ein Beleg mehr dafür, dass nicht überall Frankreich ist, wo Französisch gesprochen wird. Und da war auch Grace. Meine liebe und tapfere Lauffreundin Grace Sacher, die Inkarnation der Fitness, umarmte mich und stellte mich ihren Freunden vor. So beginnt ein Tag, der ein ganz großer Tag sein soll.

Im Startbereich traf ich viele andere Deutsche. Dr. Alfred Witting zum Beispiel, mit dem ich 2010 schon den MdS, den Marathon des Sables in Marokko, gelaufen bin. Und der Alfred Witting, der, wie ich auch, beim Trail des Canyon du Verdon in Moustiers Sainte Marie ausgestiegen ist. Weil ihm die Strecke zu „abartig“ war.
Es ist schön, zu wissen, dass es andere Läufer gibt, die manche Dinge ähnlich sehen wie Du es tust.
Und da war der Rest der Wuppertaler Laufgruppe, vielfach bewährt und teilweise auch beim Trail des Canyon du Verdon dabei.
Christian Zimmer war nicht am Start, sein Start war erst um 12 Uhr, weil er ja nur für die kurze Distanz eingeschrieben war. Welch eine verrückte Parallelität, dass wir am Ende dann doch eigentlich die gleiche Distanz gelaufen sind.

Verbier liegt ganz romantisch angeschmiegt an die mächtigen Berge der Region. Wasserfälle sind allgegenwärtig in und um Verbier und in einer wasserreichen Zeit wie jetzt sind diese auch schön und gut gefüllt, zumindest dachte ich das. „Wallende Wasser“ dachte ich, als ich die Serpentinen nach Verbier hochgefahren war, heute aber, nach diesem Lauf, weiß ich, wie viel mehr Wasser in solche Wasserfälle passt.
Schon vor dem Startschuss wunderte ich mich über meinen hohen Puls, den Dr. Alfred Witting mit der Höhe über Normalnull begründete. Das sei einer der Gründe, warum er den PTL wohl nie wieder versuchen würde. Wasser in den Lungen, Blut in der Leber, gesund erreicht da niemand das Ziel, außer er ist an die Bergwelt angepasst. Und wer von uns Flachland-Tirolern kann das schon von sich behaupten?
Aber der Puls interessierte mich nicht, Sorgen machte mir nur, dass ich vergessen hatte, die Sonnenmilch einzupacken.
Die Strecke ging aber sehr dicht an dem Parkplatz vorbei, wo mein Auto stand, also bin ich abgebogen und habe das Vergessene noch eingepackt. Daher fand ich mich gut 100 Meter hinter den letzten Läufern abgeschlagen hinten wieder. Das ist ein interessantes Gefühl, weil Du den Zuschauern, die Dich als „Träger der roten Laterne“ anfeuern, zu erklären versuchst, warum Du hinten und sogar so weit hinten läufst. Totaler Quatsch eigentlich, aber so sind wir Männer nun mal. Wir laufen auch immer dann ein wenig schneller, wenn Zuschauer an der Strecke sind …

Die Landschaft dort bei Verbier ist grandios. Ein Gutteil der Strecke deckt sich mit der Strecke des UTMB, nur geht die Reise anders herum. Also erst Champex-Lac, dann La Fouly. Dort war es auch, wo der erste Regen begann, aber er war nicht schlimm. Eher hat er gut getan hat nach der Hitze des Tages und ganz schnell war der Regen auch wieder vorbei und die Hitze kam zurück.
La Fouly liegt auf rund 1.600 Metern über N.N. und von dort aus geht es knapp über 1.000 Höhenmeter nach oben, zur Doppelspitze um den Großen St. Bernhard, den „Col du Grand Saint-Bernard“ herum. Und obwohl wir stetig höher kamen, wurde es heißer und drückender. Was für ein Glück, dass wir etliche Gebirgsbäche über- und durchqueren mussten. Immer wieder tauchte ich die Arme in das kalte Nass, immer wieder ließ ich Unmengen an kaltem Wasser mittels meiner Kappe über den Kopf, die Brust und den Rücken laufen.

Die letzten vier Kilometer dieses Anstiegs aber werde ich wohl lange nicht vergessen. Der Weg führte uns weitgehend über Schneefelder, weich, verharscht und glitschig und wegen der Steigung rutscht Du fast so weit nach hinten, wie Dich Dein Schritt nach vorne getragen hat. Eigentlich bin ich kein schlechter Bergläufer, aber die Psyche, die Oberschenkel und die Atmung zwangen mich zu mancher kurzen Pause. Vier Kilometer in 95 langen Minuten!
Mittlerweile war mein Wasservorrat leer, ich war durstig und froh, dass ich oben an der Kontrollstelle von der Kontolleurin einen Rest Wasser von ihrer Flasche bekommen hatte, den ich in einem Zug austrank. Es war schwül und heiß, obwohl wir auf einer Höhe von 2.698 Metern waren. Sogar die Geschwindigkeit einer kampferprobten Landschildkröte ist wahrscheinlich höher als meine an diesem Berg.


Im gleichen Moment, in dem ich die Wasserflasche zurück gab, begann der richtige Regen
. Regen? Nein, was passierte, war schlichtweg unbeschreiblich. Der Himmel machte alle Schleusen zugleich auf und Du denkst, dass jetzt die Welt untergeht.
Du gehst ein Schneefeld herunter, in das zwei schuhbreite Rinnen wie von schweren Langlaufskiern gegraben waren. Du rutscht in diesen Rinnen, Du hast Angst und Du freust Dich, dass Dir wenigstens die Stöcke ein wenig Halt und Sicherheit geben. Und von oben prasselt es. Du frierst und zitterst und überlegst, ob Du das aushalten sollst oder in dem Regen anhältst, um Handschuhe und eine Regenjacke anzuziehen. Ich entschied mich für das Aushalten.


Von oben kam ein anderer Läufer. Mittlerweile waren wir auf Grasebenen, die vollständig von fließendem Wasser bedeckt waren und die Bächlein, die wir überqueren mussten, waren Bäche geworden. Mein Laufpartner ging direkt durch das Wasser, während ich in gutem Glauben war, doch noch Steine zu finden, um den Weg durch die Fluten zu vermeiden. Nur zwei Bäche später war es mir egal und ich tat es ihm gleich. Bis zum Knie ging es durch die Fluten. Kurz vor der Versorgungsstelle an der Statue des St. Bernhard ging der Trail unterhalb der Straße weiter und mein leider nur französisch sprechender Laufpartner schlug vor, über die Straße zu gehen, durch den seitlich halb offenen Tunnel.
Ich fragte ihn in meinem mäßigen Französisch, ob er sich sicher sei und er nickte. In der Not versteht man sich auch ohne viele Worte. Die Straße war vier, fünf Zentimeter unter Wasser, das von oben über unsere Füße nach unten floss. Die Regentropfen von oben schlugen ein wie kleine Bomben und die von den Fluten über die Straße verteilten Steine brachen das fließende Wasser und es bildeten sich kleine Fontänen. Ein wunderschönes Bild, wenn man es im Trockenen hätte beobachten können. Wir kamen gut voran und ich bedauerte die drei Läufer, die ich weiter unten auf dem Trail laufen sah.

Direkt nach dem Tunnel querte der Trail die Straße und ging nach oben weiter. Wir folgten dem Tail und schon bald wusste ich, dass das ein Fehler war. Der Trail war kein Weg mehr. Es war eine einzige, mehrere Hundert Meter lange Pfütze. Und ich beneidete die drei Läufer, die ich weiter unten auf der Straße laufen sah.
Strike – Bingo – Ausgleich für die Drei!

Es war sehr voll am Verpflegungspunkt, auch die Läufer waren da, die mich zuvor am Berg überholt hatten. Warum waren die noch da? Sich unterstellen macht doch keinen Sinn, dachte ich. „Wir dürfen nicht weiterlaufen, es ist zu gefährlich!“ wurde ich belehrt. „Wir dürfen aber da unten in die Caritas Hospiz gehen und warten.“ Ein wenig froh war ich schon, dass ich die Gelegenheit nutzen konnte, mir frische Sachen und eine Regenjacke anzuziehen, also ging ich dort auf die Toilette und kramte in meinem Rucksack.
Weißt Du, was Klamotten sind, die bei so einem Regen im Rucksack waren? Richtig. Nass. Richtig nass, keine Verbesserung gegenüber dem, was Du am Körper getragen hast, aber dennoch habe ich die Sachen getauscht. Die Schuhe quietschten vor Nässe, das Shirt und die Hose waren nass, die Regenjacke war nass. Ekelhaft. Aber wir durften nicht weiterlaufen. Man überlege noch, wurde uns gesagt, wie es weiter gehen könne. Für diesen Fall gab es offensichtlich keinen „Plan B“.

Wir bekamen heißen Tee und mit abnehmender Körpertemperatur fing ich stärker an zu frieren, regelrecht zu zittern. Mehr als zwei Stunden waren wir dort, als uns gesagt wurde, dass man eine Fortsetzung des Trails unterhalb des Berges markiert hätte. Es würde aber auch ein Bus kommen für all diejenigen, die aufhören wollten, hieß es. Ich war nicht hin- und hergerissen, ich fror, ich hatte Sorge, meinen Rücken wieder zu verkühlen, ich war demotiviert, enttäuscht und wütend. Ich wollte weg.
Wenn ich weitergelaufen wäre, dann hätte ich minutenlang richtig Gas geben müssen, um wieder eine höhere Körpertemperatur zu erreichen. Wie aber machst Du das, bergab, auf nassem, glitschigen Gelände? Ich dachte aber auch daran, dass ich für mich gesagt habe, dass dieser letzte Alpentest für mich der Lackmustest dafür sein sollte, ob ich wirklich beim PTL antrete. Wenn ich das nicht schaffe, dann laufe ich auch nicht den PTL, dachte ich beim Start.
Jetzt denke ich, dass der Abbruch des Laufs mit Vernunft und mentaler Stärke zu tun hat und nicht mit psychischer und physischer Schwäche wie beim Trail des Canyon du Verdon, also werde ich davon nicht meinen Start beim PTL abhängig machen.
Ich starte dort, weil ich es will und weil ich es kann. Und ich werde dort auch finishen, allen Warnern zum Trotz, weil ich es kann und weil ich es will. Das ist meine Botschaft, die ich in den Fluten des Großen St. Berhard in großer Höhe gelernt habe!

Als der Bus uns dann zurück brachte, fuhren wir an vielen Wasserfällen vorbei, die ich einen Tag zuvor auch passiert hatte. Aus den wallenden Wassern sind stürzende Wasser geworden, die vertraute Optik hübscher Bergwasserfälle wechselte zu fremden, gefährlichen Sturzbächen, die sich in die Tiefe stürzten. Und ich weinte. Ganz leise.
In Verbier angekommen wollte ich nicht einmal mehr duschen. Ich wollte nur noch weg. Weg aus der Gegend, die meinem Selbstwertgefühl so sehr zugesetzt hatte.

Es regnete noch bis kurz vor Basel, ich war hundemüde und ich hörte immer und immer wieder Rosenstolz „Lass‘ es Liebe sein …“

Die „Maladie“, die „französische Krankheit“ …

Ich habe mit vielen Menschen geredet in den letzten Tagen. Mit Läufern, mit Kanufahrern, mit Campern , mit Abenteurern und mit Naturfreunden. Und alle hatten sie die gleichen Symptome einer einzigartig ansteckenden Krankheit.
Immer begann es mit glasigen Augen, mit ein paar Tränen in den Augenwinkeln und die Symptome setzten sich fort. Ein verklärter Blick an Dir vorbei irgendwohin ins Nirvana der verblassten Erinnerungen, Schluckbeschwerden und zum Schluss, in der finalen Phase, griff sentimentale Melancholie auf die Angesteckten über.
Ganz klar, dachte ich immer: Vorsicht, Seuche! Halte Dich nicht zu lange hier auf, wer weiß, ob das auch bei Dir ansteckend wirkt!

Schon lange kennt man die „französische Krankheit“, die „gewisse Maladie“. Früher galt sie als unheilbar, aber als nicht lebensbedrohlich. Die österreichische Kaiserin Elisabeth tourte, nachdem ihr Mann sie mit der Krankheit angesteckt hatte, rastlos und unaufhaltsam durch Europa. So zumindest erzählt es das Musical „Elisabeth“.
Das gleiche gilt auch heute noch für die Läufer, Kanufahrer, Camper, Abenteurer und Naturfreunde, mit denen ich in den letzten Tagen geredet habe.

Mein Freund Hans-Peter Gieraths ist ein Beispiel dafür. Er hat sich im letzten Sommer angesteckt und so zieht es ihn auch in diesem Sommer wieder dorthin, wo die Ansteckung begonnen hat: nach Südfrankreich. Und vermutlich wird es ihn sein ganzes Leben lang jetzt jeden Sommer dorthin, in die Berge von Nizza, führen.

Die ansteckende Seuche, die Dich immer wieder dazu treibt, zum Ort der Ansteckung zurück zu kehren, ist der Canyon du Verdon, der zweitgrößte Canyon der Welt.
Jeder, der schon mal da war, reagiert wie schon oben beschrieben.
Die Camper und Wanderer erzählen von den lilafarbigen und duftenden Lavendelfeldern oben über der Schlucht, die Kanuten schwärmen von der Schönheit der Schlucht und von den wilden Wassern, die Dich irgendwann, nach dem „POINT OF NO RETURN“, immer weiter mitreißen, bis Du den langen Einschnitt in die Hochebene glücklich und geschafft hinter Dich gebracht hast.
Naturfreunde erzählen von der Schönheit der Vegetation und der edlen Schroffheit der Felsen, während sie das Zittern bekommen, das jeden befällt, wenn er in so schönen Erinnerungen schwelgt. Und die Abenteurer schwärmen von extremen Dingen, die in so einer schönen Landschaft ganz besonders reizvoll sind.
Ob Du Bungee in diese Schlucht springst, dort einfach nur zeltest, wanderst oder ob Du als Läufer den 102 Kilometer langen und 6.200 Höhenmeter starken Trail des Canyon du Verdon wagst, jeder wurde angesteckt und träumt dann nur noch wehmütig von der Schönheit dieses Fleckchens Erde.
Ich befürchte, am Wochenende werde ich mich auch anstecken.

Schon als ich 2009 beim Hollenlauf Hans-Peter Gierath’s Freund Rolf Wäsche vom Lauftreff SV Westum kennen lernte, war ich fasziniert von dem, was ich von ihm hörte. Rolf erzählte mir, dass er den Hollenlauf nur ganz langsam angeht, weil er sich eigentlich auf einen „ganz verrückten Lauf“ freut, eben den Trail durch den Canyon du Verdon. Besonders fasziniert war er von der Aussicht, so viele Höhenmeter auf dieser eher kurzen Strecke bewältigen zu können, von der Hitze in der Tiefe des Canyons und von dem unschlagbaren Laufangebot der Franzosen.
Später dann, als ich den Bericht der beiden Läufer auf der Internet-Seite des SV Westum gelesen habe, wusste ich: da musst Du hin, das ich Dein Lauf!

Und später dann, Anfang 2010, als sich HaPe’s Krankheit dahingehend bemerkbar machte, dass er den dringenden Wunsch, wieder an die Stelle der Ansteckung zurückzukehren, geäußert hat, da war mir klar, dass ich ihn bei dieser Reise begleiten werde. Seither träume ich und fiebre ich ein wenig in Richtung dieser Schlucht.


Nur irgendwann in der marokkanischen Wüste habe ich für ein paar Stunden Sorgenfalten auf mein alterndes Gesicht bekommen. Das war, als ich hörte, dass der dreimalige MdS-Finisher und zweimalige Deutschlandlauf (DL) Finisher, mein Freund Rolf Mahlburg, vor Jahren, noch vor seinen großen Laufhighlights, sich in den Canyon wagen wollte. Damals war dieser Lauf noch eine 3-Tages-Veranstaltung, die von der Läuferlegende Anke Molkenthin in Deutschland protegiert wurde, wie der Marathon des Sables auch.
Rolf sprach damals Anke an und wollte diesen Lauf buchen, aber Anke schüttelte den Kopf und riet ihm: „Rolf, mach doch erst mal etwas Leichteres, mach erst mal den Marathon des Sables!“

Ich glaube, es war der Tag beim MdS, als es mir so unendlich schlecht ging, als ich diese Geschichte gehört habe. Der Marathon des Sables etwas Leichtes gegenüber dem Trail durch den Canyon du Verdon?
Ich war froh, dass ich in diesem Moment, an diesem Tag und in dieser Situation meine Anmeldung zum Trail im Canyon nicht stornieren konnte. Aber ich gehe daher bewusst und vorsichtig in dieses Abenteuer. Rolf Wäsche vom Lauftreff SV Westum hat dort in Südfrankreich sein läuferisches Waterloo erlebt. Der erfahrene Ultraläufer (AK M65) hatte bis dahin noch nie einen Lauf abgebrochen, im Canyon du Verdon jedoch fand er seinen Meister. Finde auch ich meinen Meister auf diesen 102 Kilometern?

„Ist der Lauf nicht Dein Freund, so ist er Dein Lehrer,“ sagt man. Ob der Canyon mein Freund sein wird oder eben mein Lehrer, das weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass ich viele Fotos machen werde und ich will jede einzelne der maximal 35 Stunden in der Gluthitze des Canyons genießen.
Ich möchte, dass dieser Trail mein Freund wird und dass ich dann auch an der „französischen Krankheit“, der „gewissen Maladie“, der „Seuche“ leide – und das, so lange ich lebe!

MdS 7: From Nina with love …

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Post aus Norwegen:
„From Nina with love …
“ hätte auf dem Umschlag stehen können, auf den ich so sehnlich gewartet hatte.
Am letzten Tag des Marathon de Sables (MdS) saß ich im Bus Richtung Ouarazate neben Nina Hongseth, die eifrig ihre Fotos durchgeblättert hat. Nina erzählte mir, das’s ihre Teilnahme beim MdS ein kleiner Meilenstein für Norwegen war. So war sie die erste Norwegerin, die den MdS gefinished hat – und das sogar mit einer ausgesprochen respektablen Platzierung.
Entsprechend begann ihr Marathon eigentlich erst nach dem MdS. Interviews für die Zeitung, ein Interview für das norwegische Fernsehen und unzählige Promo-Auftritte folgten. Und in ihren Stress hinein hatte ich noch einen Wunsch an Nina.

Am vierten Tag hatte meine kleine Consumer-Kamera den Geist aufgegeben. Als Fotograf sollte ich mich sowieso weigern, mit diesen Spielzeugen zu fotografieren, aber eine richtige digitale Spiegelreflexkamera mit Wechselobjektiven, einem kleinen Stativ und idealerweise noch mobilen Blitzen hätte das Gewicht auf dem Rücken wohl ein wenig erhöht. Zudem ist feiner Sand auch nicht unbedingt der beste Freund hochempfindlicher optischer Teile.
Der Sand war er es auch, der bei der kleinen Kamera die Mechanik zum Streik bewegt hat mit dem Resultat, dass mir die schönsten Fotos, eben die des letzten Tages, nicht vergönnt waren.
Aber dafür gab es ja Nina.
Sie versprach mir, ihre Fotos auf eine DVD zu brennen und zuzuschicken. Großartig!

Post aus Norwegen zu erhalten ist ja nicht unbedingt etwas Alltägliches für mich. So schöne Post aus Norwegen zu erhalten rechtfertigt sogar eine kleine Feier …

Danke Nina … from TOM with love!

Sarah Connor – From Sarah With Love

For so many years we were friends
And yes I always knew what we could do
But so many tears in the rain
Felt the night you said
That love had come to you
I thought you were not my kind
I thought that I could never feel for you
The passion and love you were feeling
And so you left
For someone new
And now that you’re far and away
I’m sending a letter today

From Sarah with love
She’d got the lover she is dreaming of
She never found the words to say
But I know that today
She’s gonna send her letter to you

From Sarah with love
She took your picture to the stars above
And they told her it is true
She could dare to fall in love with you
So don’t make her blue when she writes to you
From Sarah with love

So maybe the chance for romance
Is like a train to catch before it’s gone
And I’ll keep on waiting and dreaming
You’re strong enough
To understand
As long as you’re so far away
I’m sending a letter each day

From Sarah with love
She’d got the lover she is dreaming of
She never found the words to say
But I know that today
She’s gonna send her letter to you

From Sarah with love
She’d got the lover she is dreaming of
She never found the words to say
But I know that today
She’s gonna send her letter to you

From Sarah with love
She’s gotta know what you are thinking of
‚Cause every little now and then
And again and again
I know her heart cries out for you

From Sarah with love
She’d got the lover she is dreaming of
Never found the words to say, ahh
But today, but today…

From Sarah with love
She took your picture to the stars above
And they told her it is true
She could dare to fall in love with you
So don’t make her blue when she writes to you
From Sarah with love

So don’t make me blue when I write to you
From Sarah with love

MdS 6: Schwarz/weiß in der Rhein-Zeitung

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Ich war schon sehr überrascht, als mich viele Freunde anriefen, um mir zu sagen, dass ich mich plattgedrückt wie ein Backfisch-Filet in einer Zeitungsseite wiederfinden würde. Ich war aber auch hoch erfreut, immerhin ist die Rhein-Zeitung nicht nur ein lokales Werbeblättchen, sondern repräsentiert die ganze journalistische Kompetenz im Raum zwischen Koblenz und Rheinbach/Meckenheim.
Wie stark diese Zeitung gelesen wird, erfuhr ich schon ein paar Tage später: beim Tennis Medenspiel auswärts im nahe Koblenz gelegenen Örtchen Thür.

Meine Tennispartien gingen zwar wie das ganze Spiel für meine „Herren 40“-Mannschaft damals verloren, zwei der gegnerischen Spieler allerdings begrüßten mich mit den Worten, dass sie mich erst vorgestern in der Zeitung entdeckt hätten. Da wir im Vorjahr auch schon auswärts in Thür gespielt hatten, waren die Herren dort offensichtlich sensibilisiert, sich auch die Laufberichte anzusehen, vor allem, wenn sie so groß und prominent dargestellt sind.

Insgesamt war es erst der zweite große Zeitungsbericht in der Rhein-Zeitung über die Läufe, die ich hinter mich gebracht habe. Der erste war Anfang September 2009 der Bericht über die 41:53:22 Stunden des UTMB rund um den Mont Blanc. Beide Berichte verbindet, dass ich hier im Umkreis der einzige UTMB– und MdS-Finisher zumindest der letzten Jahre war. Dass mir beide Fotos besondere Freude bereitet haben, brauche ich nicht zu erläutern, oder?

Aber das Backfisch-Filet in einer Zeitungsseite hat eines mit diesen Berichten gemeinsam: kaum ist der Artikel verkauft, wird er schon kalt. Und schon nach wenigen Tagen ist er vergessen. Nur der Backfisch in der Zeitung erinnert sich etwas länger an die Zeitungsseite …

Ein stinklangweiliges Wochenende …

Achim, mein Swiss Jura und MdS – Begleiter, hat mir ja in seinem Kommentar angekündigt, dass dieses Wochenende „stinklangweilig“ würde und er hat mich zum Laufen nach Mainz eingeladen. „Stinklangweilig“, weil ich mich entschlossen habe, dieses Jahr mal nicht am Supermarathon des Rennsteigs teilzunehmen. Aber führt das schon zu einem „stinklangweiligen Wochenende“?

Weil ich eine Abendeinladung zu einer türkischen Verlobung in unserer Gemeinde hatte und diese Einladung immerhin von einem sehr guten türkischen Freund ausgesprochen wurde, dessen jüngste Tochter sich verloben wollte, war dieses Event für mich gesetzt, der Samstag Abend war also verplant.
Damit erledigte sich auch die Überlegung, ein paar Stunden in Steenbergen/NL mitzulaufen. Dort startete der 24-Stunden-Lauf um 15 Uhr und ich hätte mindestens fünf oder sechs Stunden laufen müssen, um wenigstens ein paar Kilometer in die Beine zu bekommen. Das wäre also nicht möglich gewesen.

Aber das war nicht schlimm, denn so hatte ich die Gelegenheit, Samstag Vormittag im Büro noch einiges aufzuarbeiten. Und als mich am Freitag Nachmittag die Laufgruppe aus der Grafschaft gefragt hatte, ob ich am Samstag Nachmittag in Hönningen einen 10er laufen würde („Rund um die Teufelsley“), weil dieser Lauf Teil des Ahrtal-Cups sei und man personell etwas knapp sei, da erklärte ich in bewährter Manier, dass so ein kurzer Lauf überhaupt nichts für mich ist. Zu kurz, zu schnell, zu anstrengend.
Also war ich konsequent und lehnte mit einem klaren „Vielleicht!“ den Antrag ab.


Am Samstag Morgen kam die nächste SMS. „Wieder ist einer abgesprungen. Wir brauchen Dich,“ stand da. Aber es hatte sich ja nichts geändert, noch immer ist mir ein 10er zu kurz, zu schnell und zu anstrengend. Und man muss konsequent sein und klare Kante zeigen. Also lehnte ich auch diesen Wunsch mit einem klaren „OK, ich bin dabei!“ ab.
Warum kann ich einfach nicht „NEIN“ sagen?

Also hatte ich nach der Büroarbeit und vor der türkischen Verlobung eine harte Aufgabe. Und im Ahrtal gibt es Berge, also ging es erst fünf Kilometer bergauf und ich brauchte immerhin 26:20 Minuten für diese ersten fünf Kilometer. Danach führte der Weg einigermaßen steil nach unten. Am Ende erreichte ich eine Zeit von 48:20 Minuten, für die zweite Hälfte habe ich also nur 22:00 Minuten gebraucht. Ich war’s zufrieden und die Teampartner auch. Die hatten gar nicht erwartet, dass der Ultra-Marathoni TOM auch kurze Strecken einigermaßen gut abwickeln kann.


Dann ging es schnell nach Hause, damit ich frisch und geschniegelt bei Canan’s Verlobung auflaufen konnte. Schon vorher hat Gabi von Canan und Ali, Ihren Verlobten, die Studio-Aufnahmen geschossen und wir haben drei Aufnahmen ausgewählt und diese als Thermo-Sublimentationsprint vorneweg ausgedruckt, jeweils in ein Rähmchen gepackt, um ein Symbol für unser Verlobungsgeschenk zu haben. Im Laufe der nächsten Woche bekommen die beiden ihre Aufnahmen bearbeitet, gefiltert und vergrößert über unseren Mega-Laserbelichter auf Portrait-Fotopapier ausbelichtet.

(Klicken zum Vergrößern!)

Es war eine kleine Veranstaltung. Nur zwei professionelle Kamera-Teams, die alles filmten und stets war eine der beiden Kameras live über eine Beamer auf der Riesenleinwand zu sehen, damit all diejenigen, die nicht sehen konnten, was gerade rund um das Verlobungpaar geschieht, über die Leinwand Teil haben konnten. Ein Musiker, der sang und eine spezielle Gitarre spielte, eine Gitarre, deren Hals geknickt war. Und dieser Musiker sang auch live und führte durch den Abend. Und da war noch ein Orgelspieler, der für die Tanzrhythmen sorgte. Es war wohl wirklich eine kleine Veranstaltung. Nur etwas zwischen 2oo und 250 Gäste, die trotz der Kälte des Abends den „Kaisersaal“ in unserer Gemeinde mit ihrem Tanz erwärmten.
Und es wurde viel getanzt, in Gruppen, einzeln. Ein Mal zeigten junge Männer ihre besten Tanzeinlagen solo vor dem Verlobungspaar. In kurzen Sequenzen tanzte erst der eine Mann, dann ließ er sich ablösen. Eine Augenweide, dieser Tanzteil, der mir wieder einmal bewusst gemacht hat, dass das Tanzen weiß Gott nicht meine Stärke ist. Und daher lasse ich es stets bleiben.

Türkische Hochzeiten und Verlobungen sind nicht ohne Grund beliebt und teuer. 20.000 EUR und mehr lässt es sich der Kindvater kosten, dieses Event auszurichten. Der Brautvater ruft – und alle kommen. Da waren Autokennzeichen aus Hamburg genauso vertreten wie aus dem Süddeutschen. Ich glaube nicht, dass wir, wenn wir alle Cousinen und Cousins zusammenzählen würden, alle Tanten und Onkel, auf fast 250 Verwandte kommen würden. Türkische Familien sind eben anders. Deutsche auch.
Mein Freund Ömer, der Vater der Braut, war den ganzen Abend angespannt am Regie führen. Aber er war auch stolz. „Wir geben dieses Geld gerne für unsere Töchter aus,“ sagte er zu mir und es ist eben Sache der Familie des Mädchens, für diese Kosten aufzukommen. Und es war ja nur eine kleine Veranstaltung, normalerweise kommen bei solchen Festen 500 Gäste, unvorstellbar!

Der Ablauf des Abends war einstudiert, wahrscheinlich läuft jede Verlobung nach den gleichen Riten ab. Wann der Brautvater mit der Braut tanzt war zeitlich genauso festgelegt wie die Reihenfolge, in der die Braut die Geschenke überreicht bekam. Natürlich waren wir zu früh dran damit, als wir unser Geschenk schon zur Begrüßung übergaben. Erst später, gegen 22 Uhr, wurde die Geschenkübergabe zelebriert. Ich konnte weder alles sehen noch alles verstehen. So viel aber habe ich realisiert: Da wurden die Ringe auf einem großen Satinkissen in den Veranstaltungsraum gebracht, zusammengebunden mit einem roten Band. Dann wurden vom ältesten Verwandten der Seite der Braut ein paar kurze Sätze gesagt, ein paar Geldscheine wurden mit Stecknadeln auf das Satinkissen gepinnt und der älteste Verwandte schnitt dann das rote Band auseinander, damit die Ringe übergeben werden konnten.
Erst steckte Ali Canan den Ring über den Finger, dann revanchierte sich Canan bei ihm. Es war ergreifend. Um das Brautpaar herum waren die Damen, eine hübscher zurecht gemacht wie die andere, in Festkleidung, die Herren waren meist im besten Anzug gekleidet.
Allein die türkischen Friseure, die sich um die Haare der Gäste gekümmert haben, müssen gestern reich geworden sein, genauso wie die Visagistinnen und die Nagelstudio-Betreiber. Aber es hat sich gelohnt. Canans Schwester Esra sah so gut aus, man hätte sie sofort in ein Model-Magazin aufnehmen können, ihre Cousine Mehtap zeigte eine Frisur, die sie so hübsch machte, wie ich sie noch nie gesehen hatte.
Dann wurden Braut und Bräutigam von der engsten Familie beschenkt. Canan wurde Schmuck umgehängt, der sie noch einmal schöner machte, Ali bekam eine teure Uhr ums Handgelenk geschoben und schon kamen die nächsten Verwandten. Ein Geldkouvert, oft garniert mit kleinen Goldtalern an einem roten Band, wurde von jedem Gast auf das Satinkissen gelegt, danach wurden erst die Braut und dann der Bräutigam beglückwünscht, gedrückt und geküsst. Alle standen brav Schlange, bis sie an die Reihe kamen.

Und dann, nach dem letzten Verwandten in der Schlange, wurde die Hochzeitstorte in den Festsaal getragen. Ich glaube, in meinem Leben schon viel gesehen zu haben, diese Torte aber übertraf alles, was ich kannte.


In amerikanischen Filmen ist die Hochzeitstorte manchmal drei- oder vierstöckig, aber sie ist immer relativ klein. Diese Torte war zwar nur einstöckig, aber sie hatte eine Herzform, war aus 50 Kilogramm Backwerk hergestellt und hatte die Ausmaße 80×120 cm! „Die muss so groß sein, bei so viele Gästen,“ sagte Ömer.
Die Oberseite der Torte war mit Erdbeeren bedeckt, rund um die Torte lief ein Band aus Marzipan, das wiederum mit Teigherzen garniert war und auf den Erdbeeren saßen zwei Zucker-Täubchen in ihrem Nest und eine Widmung für das Brautpaar war aus Zucker auf der Torte zu sehen.
Angeschnitten wurde die Torte vom Brautpaar und der Mutter des Bräutigams, ganz viele Hände, die sich um das große Messer falteten, mit dem diese Torte ihrer Bestimmung, die Gäste zu füllen, übergeben werden sollte.
Zuerst gab es ein großes Stück für das Brautpaar. Er fütterte sie, sie fütterte ihn, dann gab es die Stücke für die engste Familie und anschließend wurde die riesige Torte in einen Nebenraum gebracht, um sie ordentlich zerlegen zu können. Nun wurden aus dem Nebenraum die einzelnen Teller mit dem Hochzeitskuchen gebracht, bis jeder sein „Stück vom Himmel“ hatte.
Es war spät, als ich in mein Bettchen kam, später als geplant, denn am Sonntag um 7.45 Uhr sollte ich schon am Tennisheim sein, die „Medenspiele“ begannen.


Schon im Vorjahr hatte ich den Tennisfreunden erklärt, dass ich 2010 für die Medensaison nicht mehr zur Verfügung stehen würde. Laufen und Tennis lässt sich einfach nicht miteinander vereinbaren. Und das Laufen ist mir viel, viel wichtiger als das Tennis spielen, vor allem dieses Jahr mit den vielen Highlights. Nicht auszudenken, wie ich mich fühlen würde, wenn ich mir vor der TorTOUR de Ruhr oder dem PTL verletzen würde!
Meinen Muskelfaserriss letztes Jahr hatte ich mir – natürlich – bei einem Medenspiel geholt, als ich, noch weniger warm als engagiert, für ein Volley ans Netz gestürmt bin. Auch zwei Jahre davor habe ich mein Tennis-Engagement mit einem Muskelfaserriss bezahlt. Also keine Medenspiele in 2010.
Was aber machst Du, wenn Dein Team zu wenige Spieler hat?

Und diesen Sonntag hatten wir definitiv zu wenige. Sechs Spieler müssen es mindestens sein für die sechs Einzel und die drei Doppel, zwölf könnten theoretisch zum Zug kommen, wenn Du manche Spieler nur Einzel und die anderen nur Doppel spielen lässt. Die Jungs hatten nur drei Spieler, mit mir waren es dann vier.
Einerseits muss man konsequent sein und klare Kante zeigen, aber nach ein paar Mails verwandelte sich mein klares „Vielleicht“ in ein „OK, ich bin dabei!“
Damit war die Hoffnung, wenigstens am Sonntag früh noch ein paar Stunden in Steenbergen mitlaufen zu können, auch dahin. Um 9 Uhr begann der 6-Stunden-Lauf, ich hätte mich wohl zum 24-Stunden-Lauf angemeldet, wäre früh aufgestanden und dann vielleicht von 6 Uhr bis Mittag gelaufen. Alles blanke Theorie, pure Spekulation.
Ich musste Tennis spielen.

Im letzten Jahr habe ich nur zwei Einzel-Spiele und drei Doppel gewinnen können, das Auftaktspiel gegen vollkommen überforderte Gegner, das wir als Team mit 21:0 knapp für uns entscheiden konnten. Ein Einzel zählt zwei Punkte, ein Doppel bringt drei Punkte, zusammen also 21. Schon eine Woche nach diesem Desaster zog die gegnerische Mannschaft ihre Meldung für die Medensaison zurück und zur Belohnung wurden uns die Spiele und der Sieg aberkannt, damit die anderen Mannschaften in der Liga, die nicht das Glück hatten, gegen dieses überforderte Team spielen zu dürfen, keinen Nachteil uns gegenüber hatten.
Und ich gewann ein zweites Einzel-Spiel mitten in der Saison, die anderen Spiele gingen alle verloren. Meist verhalte ich mich wie ein Roockie beim Marathon. Ich beginne gut, aber im weiteren Spielverlauf verliere ich zunehmend Boden. Das liegt wohl daran, dass ich eigentlich gar kein Tennis spielen kann.
Ich spiele nicht lehrbuchmäßig, stets mit viel Schnitt und das macht es dem Gegner schwer, sich auf meine Bälle einzustellen. Aber der Anfangsvorteil schwindet, wenn man während des Spiels lernt, sich auf diese Eigenarten einzustellen. Ein erfahrener Tennis-Hase probiert so lange aus, bis ich mit meinem bescheidenen Repertoire an tennistechnischen Möglichkeiten am Ende bin. Und weil mir der liebe Gott noch immer keinen Aufschlag geschenkt hat, muss ich meine Punkte vorwiegend mit den Breaks erspielen. Gegen Spieler, die über einen starken Aufschlag verfügen, habe ich so kaum eine Chance.

Am Sonntag waren wir also zu viert. Zwei Einzel und ein Doppel waren also schon verloren, bevor der erste Ball über das Netz flog. Leider darf man nicht zwei Einzel spielen oder in zwei Doppeln eingesetzt werden, aber es genügt, drei Einzel und zwei Doppel oder vier Einzel und ein Doppel zu gewinnen. Eine kleine Chance hatten wir also, zumindest theoretisch.
Aber wir waren uns von Anfang an durchaus bewusst, dass wir nach Thür fahren würden, um uns „verkloppen“ zu lassen, dass wir als Gastgeschenk brav die Punkte da lassen würden und dass wir froh sein würden, wenn dieser Spieltag vorbei ist. Nicht anzutreten aber kostet eine Geldstrafe für den Verein, also lieber den Kopf hinhalten und die Watschen kassieren, dachten wir. Und kann ja nichts passieren. Da wir in der untersten Liga spielen, können wir nicht einmal absteigen. Also auf nach Thür.

Das Experiment Thür ist schnell beschrieben. Nachdem wir schon die beiden ersten Einzel verloren haben, war die Minimalchance dahin, das Spiel insgesamt verloren und der Kampf um die „goldene Ananas“ begann. Mein Einzel ging dann ebenfalls verloren, obwohl ich den ersten Satz deutlich und klar mit 6:2 gewinnen konnte. Aber dann ließ mein Druck nach und ich gab mein Aufschlagspiel im zweiten Satz mit 3:2 führend ab. Davon erholte ich mich nicht mehr.
Im dritten Satz lag ich dann bei eigenem Aufschlag mit 4:5 hinten, als ich es nicht schaffte, dieses Aufschlagspiel durchzubringen.

Im Doppel hatten Erwin und ich von Anfang an keine Chance. Dass wir nur mit 2:6 und 3:6 verloren, gereicht uns beiden schon zur Ehre. Wir haben enorm gekämpft wie Löwen, für unsere Verhältnisse aggressiv gespielt und teilweise spektakuläre Punkte gemacht. Und es war eng, sehr eng, viel enger, als es das Ergebnis zeigt. Aber die „big points“ waren uns nicht vergönnt. Egal, immerhin hat unser Team einen Sieg im Einzel, einen Sieg im Doppel und meinen ersten Satz eingefahren. Wenigsten kein 0:21!

Es war fast 17  Uhr, als wir nach dem gemeinsamen Essen mit den Tennisspielern aus Thür wieder zu Hause waren. Am Morgen hatte ich noch kurz überlegt, ob ich von Thür aus nach Hause laufen sollte und so habe ich vorsorglich meine Laufklamotten auch eingepackt. Aber nach dem Tennis hatte ich dann doch keine Lust, noch vier oder fünf Stunden lang laufen zu gehen, vor allem, weil ich den genauen Weg nach Bad Neuenahr nicht kannte. Die Autobahn, dachte ich, wird wohl nicht der richtige Weg sein und wenn Du den Weg nicht kennst, dann können 45 Kilometer mit dem Auto auch schnell mal 60 Kilometer und mehr werden, wenn Du „Pi mal Daumen“ nur in die grobe Richtung läufst.


Alles in allem war es also ein „stinklangweiliges Wochenende“.
Und wenn alle Wochenenden so „stinklangweilig“ sind, dann ist das für mich mehr als ausreichend.

Bleibt nur die Frage: gibt es etwas weniger anstrengendes als „stinklangweilig“?