Vom Abbrechen, vom Aufgeben und von mehr …

Wir alle kennen diese Ansicht: „Gib nie einen Ultra auf, Ultraläufer tun so etwas nicht!“

Und wir kennen die Begründungen dafür:
In Deinem Kopf nistet sich das Aufgeben so fest ein, dass das immer wieder präsent ist und Du bist ein Weichei.

Wie siehst Du das? Wie ist Deine Meinung dazu?

Ich bin da eigentlich relativ entspannt und mache mir keine großen Gedanken, wenn es eben einfach mal nicht passt.
Und so habe ich in der Vergangenheit einige Läufe nicht oder schon vorzeitig beendet. Beispielsweise beim Röntgenlauf. Hier habe ich bei zwei Teilnahmen zwei Mal nach dem Marathon Schluss gemacht. Ich fand die Versuchung, dort am Marathonpunkt aufzuhören, beide Male viel zu verlockend.
Oder beim Swiss Alpine. Drei Mal bin ich dort zum K78 gestartet, zwei Mal habe ich „gekniffen“ und zum C42 abgekürzt. Freilich hatte ich beide Male gute Gründe dafür, beim ersten Mal war ich einfach noch zu krank gewesen und beim zweiten Mal waren wir als Familie auf dem Weg in den Urlaub nach Kroatien und ich hatte das Gefühl, für die Familie das Richtige zu tun, um früher weg zu kommen. Erst im vergangenen Jahr habe ich dann die ganze Strecke des K78 zurück gelegt.

Wegen extremen Regens wurde letztes Jahr das Rennen Verbier / St. Bernard für zwei Stunden oben auf dem großen St. Bernhard unterbrochen und danach war ich mit Schüttelfrost gebeutelt und entschied, das Rennen dort oben zu verlassen.
Beim unglaublichen Lauf durch den Canyon du Verdon habe ich mich in dem malerischen Städtchen Moustiers Sainte Marie zu zwei Glas Wein einladen lassen und auf das Weiterlaufen verzichtet.

Beim PTL im letzten Jahr hat wenig gestimmt. Meine Ausrüstung war unzureichend, ich hatte nicht einmal an die Sonnencreme gedacht, das Team war nicht harmonisch und zuletzt gab es einen Wetterumschwung, der die UTMB-Läufer sogar fast den ganzen Lauf gekostet hat. Gründe genug für mich, dort auszusteigen, aber diese Wunde hat noch sehr lange in mir geblutet und soll erst mit dem Tor des Géants (TdG) geheilt werden.

Und dieses Jahr? Beim Rennsteiglauf bin ich mental gar nicht in den Lauf gekommen. Am Anfang habe ich mich unglaublich gut gefühlt, ich bin dann viel zu schnell angegangen und hatte spätestens auf dem Großen Inselsberg die Lust am Lauf verloren. Ich lief dann noch bis zum Grenzadler (Kilometer 55) gelaufen, um gewertet zu werden und auch eine Medaille zu bekommen, dann war Schluss für mich.

Beim vom großartigen Eric Türlings veranstalteten K-UT bin ich nach einer Runde ausgestiegen. Auch hier hatte ich gute Gründe dafür. Ich hatte meiner Frau versprochen, sie nicht allzu spät in Fellbach abzuholen und zudem traf ich nach der ersten Runde zufällig die Trainingspartnerin von Jutta, einer Lauffreundin von Achim Knacksterdt, und wir unterhielten uns prächtig.
Danach allerdings wollte ich nicht mehr weiterlaufen.

Diese beiden letzten DNFs oder vorzeitigen Abschlüsse hatten mir aber doch ein paar Sorgenfalten ins Gesicht gestrieben, vor allem im Hinblick auf den 24-h Burginsellauf in Delmenhorst und auf das 250 Meilen lange Thames Ring Race nächste Woche.

Delmenhorst aber hat bewiesen, was ich immer geglaubt habe: jedes Rennen ist anders, ständig beginnst Du neu und wieder bei null. Und heute abbrechen, morgen aufgeben und übermorgen verkürzen bedeutet nicht, dass Du nicht nächste Woche wieder an Deine normalen Leistungen anknüpfen oder sogar über Dich hinaus wachsen kannst.

Ich jedenfalls bin mir sicher, dass ich in England nicht an Eisenach oder an Reichweiler denken werde, sondern nur an Delmenhorst.

Staatsanwälte küsst man nicht

„Ich habe gedacht, alle Marathonläufer wären so Hungerhaken,“ sagte einer der Polizisten vor dem Darmstädter Knast. „Aber Du hast ja ein kleines Bäuchlein …!“
Ich habe dann kurz an mir heruntergeschaut, habe mich ein wenig geschämt und muss tatsächlich einräumen, zwei oder drei doofe Kilogramm zu viel mit mir herum zu tragen. Kein Wunder eigentlich, immerhin laufe ich eher zu wenig und zudem übe ich mich im Frustessen. Aber zwei Kilogramm sind schnell wieder weg, wenn ich im Mai und Juni wieder fleißig bin und jede Woche einen langen Lauf absolviere.
Einer der Gründe, warum ich so gerne lange laufe ist doch, dass ich so viel essen kann wie ich will – spätestens nach einem wirklich langen Lauf ist alles wieder im Lot.

Da ich also in der letzten Zeit gut genährt bin, habe ich mir gesagt, dass ich während des Darmstädter Knastmarathons nichts essen werde, zwei kleine Bananenstücke ab Kilometer 30 waren es dann aber doch. Aber ich habe viel getrunken. Immer nach zwei der rund 1,75 km langen Runden durch den Knast gab es einen halben Becher Frubiase. Wenn der Lauf schon von Frubiase gesponsort ist, dann gibt es eben mal was anderes als immer nur Wasser. Aber ab Kilometer 30 habe ich auch den einen oder anderen Becher Cola in meinen Flüssigkeitsplan eingebaut.

Ein Marathon im Knast? Seitdem ich das erste Mal davon gehört habe, wusste ich, dass ich diesen Lauf einmal machen muss. Aber ich dachte dabei vor allem an mich und an meine Interessen. Die Sicht für die Inhaftierten ist aber viel wichtiger und interessanter. Das freiwillige Knast-Marathonprogramm hat sehr viele pädagogische Aspekte.

Marathon laufen ist vor allem für die Menschen, die selten diese für Laien unglaubliche Strecke bewältigen, eine echte Herausforderung. Und so lernt der Inhaftierte durch das Marathon-Training und den abschließenden Marathonlauf Dinge wie Harnäckigkeit, Leidensfähigkeit, Konsequenz und Zielstrebigkeit. Als Nebeneffekt erhält der Häftling dann noch ein verbessertes Selbstwertgefühl und er schärft seine Begeisterungsfähigkeit.
Wenn wir Externe also dort mit den Gefängnis-Insassen laufen, dann beteiligen wir uns dankbar an diesem Programm, das in Darmstadt vor drei Jahren aufgelegt wurde und das sicherlich schon bald viele Nachahmer in Deutschland finden wird.

Meine erste Schwierigkeit beim Darmstädter Knastmarathon war schon das Auffinden des entsprechenden Gefängnisses. Ich bin ja ein bekennender Nichtleser von Ausschreibungen und lebe meist davon, dass liebe Lauffreunde mir vor dem Lauf sagen, worauf ich aufzupassen habe.
Im Fall des Darmstädter Knastmarathons war es dem Runningfreak Steffen vorbehalten, mich per SMS auf die Notwendigkeit, einen Personalausweis dabei zu haben, hinwies. Ich hätte sicherlich nicht an so ein Detail gedacht.
Wenn ich mir auch noch die Postadresse des Gefängnisses herausgeschrieben hätte, dann wäre vieles in Ordnung gewesen. Ich aber dachte, dass es reicht, nach Darmstadt herein zu fahren und an der nächsten Tankstelle nach der JVA Darmstadt zu fragen.

„Die ist in Weiterstadt,“ so die Antwort. Also ab nach Darmstadt-Weiterstadt und dort wieder zu einer Tankstelle, wieder die gleiche Frage und eine präzise Antwort. Nach scheinbar endlosen Spargelreihen fand ich auch das Gefängnis und ich fand das Eingangstor offen.
Jetzt kurz noch Steffen anrufen mit der Frage, wo genau wir uns treffen. Steffen aber war noch nicht da.
Ich gab ihm den Straßennamen der JVA, aber Melanie und er waren ganz wo anders in Darmstadt und das Navigationssystem versprach 15 Autominuten bis zu mir.
Ich bin aber schon in die Gefängnisfläche herein gefahren und sah viele leere Parkplätze, keine Läufer und nur einen einzigen Wärter, den ich gleich interviewte. Auf meinen Hinweis, dass ich heute hier einen Marathon laufen wolle schüttelte er nur den Kopf und meinte, dass das definitiv nicht in dieser JVA stattfinden würde.

Es war ein ganz anderer Stadtteil Darmstadts und so rief ich Steffen an, um ihm die Kunde zu übermitteln. Er war zwischenzeitlich schon auf dem halben Weg zu mir, um festzustellen, dass er doch genau dort hin sollte, von wo ich ihn Richtung Weiterstadt umbeordert hatte.
Steffen war wohl keine 200 Meter vom richtigen Ziel entfernt, bevor ich ihn in die ganz andere Richtung dirigiert hatte.
Was sollte er daraus lernen? Wer auf mich hört, der sollte die Informationen zwei Mal überprüfen.

Alsdann standen wir vor dem Knast, um irgendwann endlich reingelassen zu werden. Das war gar nicht so einfach, weil immer nur vier Läufer auf einmal durch die Türe durften. Dann hieß es, die Pässe abzugeben, hinzusitzen und das Beschnüffeln durch einen Drogenhund zu erdulden. Dann aber durften wir in den Gefängnishof.
Am Ende dann, als ich nach Hause gehen wollte, war das sehr einfach. Durch die Türe, um den Pass gebeten – tschüss!
Und ich dachte immer, dass es leichter wäre, in den Knast zu kommen als dort heraus…

Frubiase war ja der Hauptsponsor des Laufs und so ging ich mit Melanie und Steffen zuerst zum Frubiase-Zelt. Alle Ladies dort waren hilfsbereit und nett, dass aber Jana aus München da war hat mich besonders gefreut. Ich hatte sie ja in Hamburg beim „Zieleinlauf“ mit Susanne Alexi und Hauke „Petzi“ König beim Lauf Dresden – Hamburg auf dem Elberadweg kennen gelernt.
Danach hatten wir ein, zwei Mal telefoniert und zwei, drei Mal gemailt – und dann die Überraschung in Darmstadt.

Das Frubiase Team war für mich sehr hilfreich. Nicht nur wegen der Flüssigkeit, die ich in jeder zweiten Runde dort zu mir nahm, sondern auch wegen des Supports. Als in etwa nach der Halbmarathon-Distanz der Himmel stark zu weinen begann, bat ich um meine Regenjacke für die nächste Runde.
Als ich dann aber wieder am Frubiase-Stand war hatte sich der Himmel wieder eingekriegt und zeigte sich wieder sonnig lachend. Aber meine Laufbrille war nass und kaum mehr erträglich. Ich bekam sie abgenommen, geputzt und später wieder aufgesetzt.
Ein fantastischer Service – das wünsche ich mir auch für die 24 Stunden von Delmenhorst!

Dann ging es los mit einer Viertelstunde Verspätung und ich startete mit Steffen, die Runden zu ziehen.
Wir haben zügig begonnen, fast zu schnell, wie ich dachte, aber am Ende zeigte sich, dass dieser Marathon einer derjenigen war, bei denen ich überhaupt keinen Einbruch hatte. Ich lief und lief und lief, nicht Richtung persönlicher Bestzeit, dafür hätte ich schon viel früher schneller sein müssen, aber Richtung einem guten Normalwert, auf jeden Fall „unter 4“.
Viele Stadtmarathons habe ich ja zwischen 3:52 und 3;54 Stunden abgeschlossen, auch den Darmstädter Knastmarathon wollte ich in dieser Region finishen.

Vom Moderator erfuhren wir, dass zumindest ein Staatsanwalt mitgelaufen ist und eine Handvoll Häftlinge fragten mich, ob ich ein Staatsanwalt sei. Als ich die Jungs dann abklatschte, waren sie ganz begeistert und zeigten ihre Freude bei jeder meiner Runden, manchmal nannten sie mich dennoch „Staatsanwalt „.
Ansonsten war der Kontakt zu den Gefängnis-Insassen leider eher bescheiden. Zu unterschiedlich sind wohl die Welten, in denen wir alle leben und zu verschieden sind auch die Erfahrungshorizonte. Dennoch fand ich es schade, mit den Jungs nicht ins Gespräch kommen zu können, ich hätte mir gerne ein paar Geschichten einzelner Häftlinge angehört.

So hörte ich stets auf die Musik, die uns Läufer motiviert hat, auf den Moderator, der unermüdlich etwas über einzelne Läufer erzählt hat und der dauernd die aktuelle Platzierung der schnellen Hirsche mitgeteilt hat.

Natürlich waren es mal wieder die anderen Läufer, die diesen kleinen und persönlichen Lauf zu einem besonderen Event für mich gemacht haben. Andreas, Martin, Connie, den ich seit Brugg nicht mehr gesehen hatte, natürlich Melanie und Steffen oder auch Andrea, mit der ich erst vor kurzem nachts um 3 Uhr in München Richtung Innsbruck gestartet bin – um nur einige zu nennen.

Am Ende sah ich, dass ich unter 3:50 Stunden blieben konnte und gab mir Mühe, nicht zu langsam zu werden. Eine Nettozeit von 03:49:04 Stunden machte mich richtig glücklich und so setzte ich mich zu Jana an den Frubiase-Stand und trank ein Malzbier zum Abschluss.

Die Inhaftierten, die in mir einen Staatsanwalt sahen, sah ich nicht mehr, die Erinnerung an diese Menschen, deren Schicksal mich doch interessiert hätte, wird aber wohl noch lange anhalten.
Der Darmstädter Knastmarathon, ein schönes, ein persönliches, ein imposantes Erlebnis.
Wenn Du noch nicht da warst, dann laufe dort – im Jahr 2012.

WIKIO Ausdauersport …

… oder was es alles im Internet zu bewundern gibt!

Wusstest Du, dass es eine WIKIO Ausdauersport Seite gibt, die die Blogs zum Thema „Ausdauersport“ aufreiht und bewertet?
Nein? Ich bis gestern auch nicht.

Dunkel erinnere ich mich, früher einmal so etwas in der Richtung gesehen zu haben, bewusst daran erinnern kann ich mich aber nicht mehr.

Es war SarahEmily, die mich heute darauf gestoßen hat und der ich daher zu Dank verpflichtet bin.
Aber zu viel mehr Dank verpflichtet bin ich Dir, bin ich Euch, bin ich allen Lesern meines Blogs. Zwar kenne ich nicht die Kriterien, die für dieses Ranking angenommen werden, aber wenn es sich um die Ausdauer beim Blog-Beiträge schreiben handelt, dann kann ich nicht wirklich weit vorne sein.
Wenn die Ausdauer beim Laufen belohnt wird, dann verdienen andere bessere Platzierungen, gerade zurzeit stehe ich meist in der „Schäm-Ecke“ und schmolle, weil ich mich mal wieder dabei erwischt habe, eine Laufchance vertan zu haben. Es gibt ja so gute Begründungen dafür.

Ich wundere mich ja immer wieder darüber, wie manche Internet-User unter den Milliarden von Internetseiten die Seite finden, die den ultimativ lustigen Clip zeigt, die Seite finden, in der der Kartoffelschäler seien Angriff auf die Kartoffelschale für den Abend ankündigt und die Seite finden, auf der man mal ganz langsam für alle sichtbar über das Leben und über die Liebe jammern kann.

Was für Seiten es im Internet gibt!
Was für Menschen es gibt, die solche Seiten erstellen und ins weltweite Netz stellen!

Und dann gibt es auch Seiten wie die WIKIO Ausdauersport Seite, die einem den ganzen Tag versüssen.
Seiten, die „Danke“ sagen, dass man regelmäßig Stunden statt mit dem Lieblings-Daddelspiel damit verbringt, mit einem Blog-Beitrag einem Leser etwas Freude zu bereiten, ein wenig Information zu weiterzugeben und Manchen ein kleines Stück glücklicher zu machen.

Seiten, die einem sagen, dass das, was man tut, nicht ganz schlecht ist, Seiten, die einem den fantastischen Platz vier im Monatsranking zuweisen.
Das macht mich stolz und für einen kurzen Moment musste ich schlucken und mich fragen, ob ich diese Platzierung verdient habe. Aber darüber entscheide ja nicht ich, sondern eben Du, wenn Du meinen Blog besuchst.
Auch deshalb danke ich von Herzen.

(Klicken zum Vergrößern ... )

Platz vier also, aber besonders freue ich mich über den Platz 1 für Heiko Wache mit seinem Projekt „Laufe Marathon“. Dieser Platz 1 kommt allerdings in einer Zeit, in der Heiko hin- und hergerissen ist zwischen seiner Liebe zur Kurzstrecke und seinem Traum von der Langstrecke, in einer Zeit, in der er schreibt:

Laufe Marathon Blog ist Geschichte

Geschrieben am Sonntag, 27. Februar 2011 von Heiko

So ich habe lange überlegt, was ich schreibe und wie ich es schreibe. Und nun mache ich es doch kurz und schmerzlos: Laufe Marathon ist Geschichte. Diese Entscheidung ist endgültig und unwiderruflich. Das Blog bleibt weiterhin online, aber wird eben …“

Und ich wünsche mir, dass Heiko sich diese Entscheidung noch einmal überlegt, vielleicht ermuntert ihn diese Platzierung ein wenig?
Mit Heiko verbindet mich nämlich viel mehr als nur das Bloggen.
Heiko hat mich vor Monaten als Co-Moderator in der auf der XING-Plattform von ihm gegründeten Gruppe „Marathon“ eingesetzt, er ist Ratgeber und Freund in Sachen Internet und ich freue mich jedesmal, wenn wir uns auch im „real life“ über den Weg laufen.
Heiko, diesen Platz 1 hast Du Dir verdient.

Aber ich freue mich genauso auch über den Platz 2. „Miss Monster“ Eva, Evchen, die uns ständig von Ihren aktuellen „Schandtaten“ berichtet, verbindet wie keine Zweite Glaubwürdigkeit mit Witz und Geist.
Als bekennender Leser ihres Blogs weiß ich gut, wovon ich hier schreibe.
Gut gemacht, Eva, auf zu neuen „Schandtaten“.

Danke an Euch alle, dass Ihr mir diese Freue bereitet habt. Und auch für mich gilt: Auf zu neuen „Schandtaten“ …

Main-Spitze: der MMM

Der „MMM“, der Mainzer Maaraue Marathon ist, so der Bericht der Zeitung „Main-Spitze“ vom 9. Februar …

… länger als das antike Vorbild

Start zum Maaraue-Marathon: Organisator Sascha Kaufmann mit roter Mütze läuft voraus. 	Foto: uli

GUSTAVSBURG: MAARAUE-MARATHON – Lauf-Enthusiasten endecken die Mainspitze als Geheimtipp

(uli). 25 Lauf-Enthusiasten aus verschiedenen Regionen Deutschlands trafen sich jetzt auf dem Parkplatz an der Ochsenwiese, um zum 5. Maaraue-Marathon zu starten. Eingeladen hatte Sascha Kaufmann aus Mainz-Mombach, der diesen Lauf privat organisiert.

Fast jeder Hobbyläufer in der Mainspitze kennt den „Drei-Brücken-Weg“ über die Flüsse Rhein und Main hinweg.
Knapp über neun Kilometer sind das von Gustavsburg über die Kostheimer Mainbrücke, dann auf der Maaraue bis zur Theodor-Heuss-Brücke in Mainz, am Rheinufer entlang und dann wieder über die Eisenbahnbrücke zurück nach Gustavsburg.

Gleich fünfmal hintereinander, also rund 45 Kilometer, hatten sich die Langstreckenläufer für diesen Tag vorgenommen. Für manche im Starterfeld fast schon ein Klacks.

„Bei 100 Kilometern fängt es doch erst an, richtig Spaß zu machen“, hieß es aus der um 10 Uhr lostrabenden Schar. Tatsächlich hatte sich eine handverlesene Truppe versammelt, der ein einfacher Marathon nicht Qual genug ist. „Starten darf nur, wer von mir eine persönliche Einladung erhält“, betonte Organisator Sascha Kaufmann.
Und die erhalte nur, wer in den Listen der Deutschen Ultra-Marathon-Vereinigung auftaucht.

Dafür gilt es einen Lauf zu absolvieren, der länger ist als der von Pheidippides in der antiken Überlieferung von Marathon nach Athen. Der hatte diese Anstrengung bekanntermaßen allerdings nicht überlebt.

Darüber kann Klaus Neumann aus Stuttgart nur milde lächeln. Der Ultra-Marathon-Mann hat erst kürzlich beim Trans-Europa-Lauf teilgenommen. Das sind 4 888 Kilometer in 64 Tagen.
Thomas Eller aus Bonn nahm am Rheinsteig-Ultra-Marathon teil – 141 Kilometer am Stück (Anmerkung von mir: gemeint war der „Kleine KOBOLT).
Die einzige Klage, die er dabei hatte, waren die niedrigen Temperaturen. Also eine verschworene Gemeinschaft von passionierten Dauerläufern, die sich da in Bewegung setzte.

Es komme gar nicht auf die Zeit an, sondern auf das gemeinsame Erlebnis. Manche Starter sammeln Ultra-Langstrecken-Läufe auf der ganzen Welt. Je origineller die Streckenführung, desto besser. Der Maaraue-Marathon scheint sich in der Szene so langsam als Geheimtipp zu entwickeln. Kein Wunder, sind doch so kuriose Starttermine wie 24. Dezember zu ergattern. Immerhin vier Starter waren es, die in der Heiligen Nacht ihre Runden über die Brücken drehten.

Persönlich fand ich den Lauf sehr, sehr nett. Die Mitläufer waren, sofern sie mir noch nicht bekannt waren, durchweg aufgeschlossen und freundlich. Sascha Kaufmann und Brigitte Mollnar kennengelernt zu haben war schon alleine die Anreise wert.
Ich jedenfalls werde diesen „MMM“ immer wieder in meine Agenda einbauen, wenn es zeitlich passt.

Auch wenn man sich die Startgebühren ansieht und abwägt, was man dafür bekommt, dann ist das schon sensationell. Für tatsächlich Null EUR Startgeld bekommt man sogar noch ein kleines Starterpaket, in dem sich neben einem Sektchen, den ich meiner Gabi vermacht habe, weil ich ja zurzeit keinerlei Alkohol trinke, noch ein Riegel als Nahrungsunterstützung.
Einfach sensationell, finde ich.

Brigitte und Sascha sehe ich schon bald wieder – beim RheinBurgenWeg-Lauf. Da kann ich mich dann auch revanchieren. Nette Leute sind da auf jeden Fall auch dabei, bleibt nur noch das Starterpaket …

Danke an den Veranstalter Sascha Kaufmann für diesen Lauf.

Irgendwie schräg, der Lauf …

Senftenberg ist weit weg. Senftenberg ist vielleicht die am weitesten entfernte Stadt Deutschlands für mich, weiter als Berlin, weiter als Dresden, eben irgendwo dazwischen zwischen diesen beiden aufregenden Landeshauptstädten.
Wer baut denn so eine Stadt irgendwo ins Niemandsland, so weit weg von jeglichen attraktiven Reisezielen, fast direkt an die Grenze zu Polen? Das ist doch eine echte Fehlplanung, oder?

Senftenberg, sorbisch Zły Komorow, ist eine Mittelstadt im Süden Brandenburgs in der Niederlausitz. Sie ist Kreisstadt des Landkreises Oberspreewald-Lausitz und befindet sich an der Schwarzen Elster sowie am Senftenberger See, der einer der größten künstlich angelegten Seen Europas ist.
Senftenberg
hat viel Braunkohle, aber die hat nach der Wende 1990 ihre Bedeutung verloren und Senftenberg hat eine alte, große Sporthalle, die Niederlausitz-Halle. Und in der verstecken sich so manche Geheimnisse.


Schöne Dinge, die man von draußen nicht sehen darf:
Richtige Gästezimmer in alter DDR-Manier beispielsweise, riesengroß, sehr preiswert (14 EUR inklusive Frühstück) und zum Zwecke der Volksüberwachung extrem hellhörig, aber auch recht nett.
Und eine weiche und federnde Tartanbahn, die in den Kurven nach oben stark angeschrägt ist und die exakt 250 Meter misst.

Die Geheimnisse, die sich auf dieser Tartanbahn abspielen, sind eine Reihe von Laufveranstaltungen an einem Wochenende, Läufe von 3.000 Metern bis hin zum Ultra-Marathon, wobei der normale Marathon, der Nachtmarathon und vor allem eben der 50 Kilometer Ultra-Marathon die Höhepunkte sind.
Und weil die ganz Eifrigen unter uns Läufern, die, die in ihrem Köpfchen noch eine Schraube mehr locker haben als wir anderen, sich nicht entscheiden können, welchen Lauf sie machen sollen, machen sie halt einen Marathon am Samstag und dann den Ultra-Marathon am Sonntag.
Sigrid Eichner, die aktuelle Weltrekordhalterin in absolvierten Marathons bei den Frauen, ist eine davon. Dabei hat sie noch richtig Glück gehabt, weil sie fast nicht starten durfte. Streng bürokratisch wollte man ihr am Empfang den Start beim Ultra-Marathon verweigern, weil sie nicht vorangemeldet war. Ein paar klärende Worte mit dem Veranstalter haben sie aber dann doch wieder auf die Tartanbahn gebracht.
Wenn ich mir vorstelle, nach dem Ultra-Marathon noch einen Marathon laufen zu müssen …
Nee, Kinder, was man sich doch alles antut, um glücklich zu sein … !

Ganz bestimmt tut man das aber nur, weil die Musik, die während des Laufs gespielt wird, uns alle daran erinnert, dass wir vor 30 Jahren, als diese Musik noch jung war, auch noch jung, schnell und spritzig waren. Da liefen Titel wie „Kung Fu Fighting“ und alte Hits der ABBA, Lieder also, die wir alle zwar gerne hören, das aber nur heimlich tun, damit niemand uns in die entsprechende Altersklasse steckt. Und zugeben, dass wir diese Musik gelegentlich gut finden, würden wir niemals. Das wäre ja fast so, als wenn wir auf eine „Ü30“ Party gehen würden!

Aber was heißt es, hier einen Ultra-Marathon zu laufen? 50 Kilometer, genau wie in Rodgau. Flach, noch flacher als in Rodgau, außer natürlich in den Kurven. Nicht allzu weit, gemessen an anderen Ultra-Veranstaltungen, aber irgendwie doch anders als in Rodgau.
Hier sind es nicht 10 Runden wie in Rodgau, sondern es sind eben mal 200 Runden. 200 Runden! Wenn ich Eier in der Schüssel schaumig schlage, dann erleben die keine 200 Runden …
Irgendwie schräg, der Lauf – und das nicht nur wegen der überbauten Kurven.

Wenn Du so einen Lauf machst und ihn einigermaßen ambitioniert angehst, dann wirst Du immer wieder einige Läufer überholen. Und das Überholen in der Kurve ist am Anfang noch lustig, dann aber wird es lästig, dann ärgerlich und am Ende überholst Du nur noch  auf den beiden Geraden, weil das ständige „auf die höher gelegenen Bahnen laufen“ anstrengend ist. Du liebst es anfangs, Du hasst es am Ende.

Ich hatte mich während des Laufs einer Lady angeschlossen, Kerstin Wohlgemuth aus der Oberlausitz – Niederschlesien, die von Ihrem Trainer sehr genau auf das für sie optimale Tempo eingestellt wurde, bei jeder der 200 Runden gab er seinen Kommentar zur aktuellen Geschwindigkeit. Beste Voraussetzungen für einen guten Lauf, dachte ich.

Aber die Lady, die am Ende Platz 2 in der Damenwertung und Platz 1 in der Alterswertung „W55“ belegte, war mir zu schnell. Ich dachte anfangs, sie läuft auf „sub 4:30 Stunden“, das hätte ich mir vielleicht noch zugetraut, Sie lief aber „sub 4:20 Stunden“, eindeutig nicht mein Laufniveau.
Von Runde 25 bis 100 lief ich mit ihr, dann aber habe ich mich etwas zurück fallen lassen, um mir dann auf den folgenden 100 Runden ständig zu sagen, dass 2:10 Stunden für die erste Hälfte einfach zu schnell für mich waren, eine deutlich schwächere zweite Hälfte folgte, als Strafe gewissermaßen. Aber es hat Spaß gemacht, anfangs mit Kerstin so konstant zu laufen.

Der Veranstalter hat mir vor dem Lauf schon gesagt, dass die weiche Tartanbahn die Bänder und Sehnen besonders stark fordern würde und ich muss feststellen, dass diese Vorhersage nicht ganz falsch war. Vor allem zwischen den Runden 150 und 170 hatte ich ein riesiges Motivationsloch und ich bin froh, dass sich das dann irgendwann wieder gegeben hat.
Aber die Oberschenkel brannten und ich konnte einfach keine großen Schritte mehr machen, das Tempo fiel kontinuierlich ab und so brauchte ich für die zweiten 100 Runden 2 Stunden und 36 Minuten, fast eine halbe Stunde länger als für die erste Hälfte!
Ungeheuerlich eigentlich, aber ich hatte keine Lust, mich da zu quälen. Schade eigentlich, so im Nachhinein betrachtet …

Versteckt unter der hohen Hallendecke blieb dann auch, dass ich dort in Senftenberg zum ersten Mal meine Altersklasse gewonnen habe – ich wollte es erst gar nicht glauben. Vor allem wollte ich nicht glauben, dass man mich in der Klasse „M50“ führt. Wie kommen die denn auf so etwas? Ich bin doch kaum älter als Ende 30, höchstens Anfang 40 !!!
Aber wenn man die Altersklasse gewinnt, dann ist man auch bereit, in der Klasse „M50“, „M60“ oder noch älter zu starten.


Als ich also nach rund 4:46:32 Stunden endlich über die Ziellinie lief (zum zweihundertsten Mal an diesem Tag!), rief der Moderator, dass eben der Sieger der „M50“ eingelaufen sei. OK, es war nur eine kleine Gruppe von Läufern in der Klasse „M50“ vertreten, aber immerhin, ich fand es toll und war stolz auf mich.
Und so ganz nebenbei habe ich meine persönliche Bestzeit auf 50 Kilometer auch noch dramatisch verbessert, um ganze 22 Sekunden! Das ist dann auch ganz anders und viel besser als in Rodgau.

Schade, dass die Hallendecke der Niederlausitz-Halle auch dieses Geheimnis für immer bewahren wird.