Der Mann, der bei uns Hans Esser war …

Am 1. Oktober 2012 feierte Günter Wallraff seinen 70. Geburtstag.
Aus diesem Anlass wurde sein Buch „Der Aufmacher – Der Mann, der bei BILD Hans Esser war“ neu aufgelegt und das endlich in einer unzensierten Version.
BILDDieses Buch schrieb bei der Ersterscheinung 1977 Presse- und Verlagsgeschichte und schlug wie eine Bombe ein. Es war Günter Wallraffs legendärer Bericht aus dem Innern der Bild-Zeitung, Wallraff beschreibt in diesem Buch, was er als Bild-Reporter „Hans Esser“ erlebte.
Und der Springer-Konzern schlug zurück, setzte Spitzel und Detektive auf ihn an, verleumdete Wallraff als »Lügner«, »Psychopathen« und »Untergrundkommunisten« – und klagte in mehr als einem Dutzend Verfahren gegen den »Aufmacher«. Obwohl der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht Wallraff am Ende in entscheidenden Punkten Recht gaben, blieben viele Passagen in dem Buch verboten.
Dass sich Wallraff damals auch mit Geldern von „ganz unten“ finanzieren ließ, also von der „Staatssicherheit“ der ehemaligen DDR, schmälert nicht seinen Erfolg. Das Buch war und bleibt ein Glanzstück des investigativen Journalismus und wir alle wünschten uns mehr davon.

„Der Mann, der bei uns Michael Esser war“ hätte auch meine Geschichte heißen können, eine Geschichte, die sich um Stolz und Erfolg, um Scheitern und Aufstehen dreht, eine Geschichte von guten Freunden und von drei Menschen, von denen einer noch ein wenig verrückter ist als der andere. Aber nun mal alles der Reihe nach …

Es begann mitten in der Nacht beim Einladungslauf von Martin Urlaub auf einem Teil des Westfalenwegs von Schwerte nach Hattingen. Ich konnte arbeitstechnisch bedingt erst ab der Tankstelle zur Gruppe stoßen, die den ersten Verpflegungspunkt bildete. Und dort hörte ich, dass das Team der „schleichenden EMUs“ beim PTL 2013 zerbrochen ist. Michael Esser hatte sich vor Wochen schon aus dem Team verabschiedet. Und alle wussten es, nur ich nicht.
Ich hatte noch einen Tag zuvor mit Uwe Hermann in einer anderen Sache telefoniert und keinen Ton davon erfahren, wahrscheinlich, weil er dachte, dass ich diese Situation sicher kennen würde.
2011 hatte ich mit Uwe Hermann, dem „U“ der „EMUs“ und Eric Tuerlings, dem „E“ der „EMUs“ ein Erkundungswochenende im Aostatal verbracht und wir hatten uns, welch ein Wunder, weder gegenseitig die Gabeln ins Fleisch gestochen noch sind wir uns danach aus dem Weg gegangen. Nein, es war ein fantastisches Wochenende, an das wir uns alle noch heute gerne erinnern. Zwar hatte es 2011 beim TdG dann für Eric und mich nicht zum Finish gereicht, Uwe aber erledigte das mit Bravour und Eric korrigierte dieses Scheitern in 2012 mit seinem Finish an gleicher Stelle. Nur ich blieb ein Gescheiterter.
Aber wenn Michael Esser, der das „M“ zu den „EMUs“ beisteuern sollte, nicht laufen kann, vielleicht kann ich dann der Michael Esser des PTL-Team der „schleichenden EMUs“ sein, dachte ich. Und dann diesen Wahnsinnslauf mit diesen tollen Jungs finishen, das wäre doch was!
Offiziell ummelden ging zwar nicht mehr, die Fristen dafür waren knapp verpasst. Aber es gibt ja immer noch ein Leben außerhalb von offiziellen Regeln und Regularien.

Uwe und ich gingen also zum Boss des gesamten UTMB-Events, zu Jean-Claude, mit dem ich vor Jahren schon einmal beim Frühstück saß und ein paar Worte wechseln konnte. Wenig genug, dass er mich nicht mehr kannte, aber dennoch ausreichend, dass in seinem Hinterkopf eine Ahnung von Bekanntheit entstand. Er sagte sofort zu und wir änderten den Namen Michael Esser in Thomas Eller und änderten auch die Telefonnummern, die bei der Organisation für jeden Läufer hinterlegt waren.
Ob es an der Zustimmung von Jean-Claude lag, an der immens ähnlichen Namesgebung von Michael und mir oder ob es einfach ein Versehen war, dass ich mit der Einschreibung beim PTL nicht aus der Starterliste des UTMB gestrichen wurde, weiß ich nicht, es war jedenfalls so, dass ich auch weiterhin noch als UTMB-Starter geführt wurde.
Auf dem „Dossart“, der Startnummer, stand aber Michael Esser. Da war ein Neudruck in so kurzer Zeit nicht möglich, also war ich im Team der „schleichenden EMUs“ der Michael Esser und so ging es mit den beiden nach „ganz oben“.PTL

Der PTL, der „kleine Spaziergang des Léon“, startete am Montagabend um 22 Uhr. 91 Teams nahmen daran teil, die meisten als Dreierteams, manche aber auch nur als Zweierteams. Eine eher kleine Veranstaltung also, aber der Start war tatsächlich atemberaubend. Nicht nur, dass alle, wirklich alle Mitbewohner des „Deutschen Hauses“ in Chamonix da waren, um dem einzigen deutschen Team die Daumen zu drücken, wobei der nominelle Niederländer Eric wegen seiner langen Wohntradition in Deutschland der Einfachheit halber von uns eingebürgert wurde, was ja auch gewissermaßen zu Recht geschah, immerhin wollen meisten der wenigen Einwohner von Reichweiler, dass Eric deren Bürgermeister sein sollte. Eric hat mit seiner Arbeit dort und auch mit dem K-UT, dem Keufelskopf-Lauf, diesem Städtchen so viel Sympathie gebracht, dass Reichweiler nun zumindest in Trailrunnerkreisen eine Art Mekka des Traillaufens geworden ist, ein unübersehbarer Punkt auf der Trail-Landkarte, der vor Eric einfach nicht präsent war. Und wenn im kommenden Jahr beim K-UT auch noch die offizielle DUV-Meisterschaft im Traillaufen ausgetragen wird, dann erhebt sich Reichweiler noch höher über die unzähligen anderen Kleinstädte, deren Trails unbelaufen, unbeweint und unbezwungen im Dunkeln vor sich hin trauern.

Die ganze Stadt Chamonix war auf den Beinen, um die 91 Teams auf ihre lange Reise zu schicken, 91 Teams, von denen allerdings die meisten nicht ankommen würden, das war von Anfang an klar. 49 Teams schafften die ungefähr 288 Kilometer lange hochalpine Strecke, die „schleichenden EMUs“ aber waren nicht darunter. Schade, wirklich schade. Dieser Traum zerplatzte sehr früh wie eine Seifenblase, die gerade eben noch in großer Stärke regenbogenfarbig schimmerte und dann nach einem kleinen „Plopp“ in sich zusammen fällt.
Dass dieser Bewerb so viel Beachtung bei der dortigen Bevölkerung findet, hätte ich nicht gedacht und mir kamen schon die Tränen, als wir kilometerweit durch ein Spalier von Menschen gelaufen sind, die uns alle „courage“ gewünscht haben, die applaudierten, winkten und jubelten. Kinder hielten ihre Hände zum Abklatschen hin und manche der Zuschauer standen erst in der Fußgängerzone und sind dann schnell noch den Berg nach oben gelaufen, um uns erneut zu sehen, als wir nach einer Biegung dort ankamen.PTL

Dass unser Team und unsere Situation von Anfang an unter keinem guten Stern stand sei aber auch erwähnt. Kaum waren wir aus Chamonix heraus und verschwanden im Wald, wollte ich die Stirnlampe anschalten, aber nichts tat sich. Später tauschte ich dann die Batterien aus, weil ich dachte, dass sich diese entladen hätten, wieder tat sich nichts. Die zweite Stirnlampe hatte ich im Auto gelassen und dafür lieber eine LED Stablampe mitgenommen, ideal zum Leuchten und Suchen, aber in Verbindung mit Treckingstöcken war das keine gute Alternative.
Am Ende lösten wir das Problem mit einer Mischung aus der Verwendung der Stablampe, teilweise bin ich in Erics Lichtkegel gelaufen und irgendwann habe ich Erics Ersatz-Stirnlampe bekommen. Dafür ist man ja ein Team, aber meine Sorgen wuchsen.
Sie wuchsen auch, weil Eric einige fatale Sätze sagte. Ob er das nur zu unserer Motivation tat oder wirklich daran glaubte, weiß ich nicht, ich jedenfalls empfand manches als unpassend und unüberlegt. Der Satz, der mich am meisten irritierte, war dabei dieser: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, hier nicht zu finishen!“
Ich konnte das schon. Und als Eric dann vorschlug, wir sollten nicht auf die Schlusszeit Sonntag 14 Uhr zielen, sondern auf ein Finish am Samstagabend, da wurde mir richtig unwohl. Uwe würde ich so etwas zutrauen, bei Eric war ich mir da gar nicht sicher. Zwar ist er hartnäckig, konsequent und zäh, aber er ist, wie ich, eher langsam. Und bei mir fielen mir die vielen Tausend Höhenmeter ein, die ich in der Vorbereitung auf den UTMB 2013 nicht gemacht hatte.

Bedingt durch den Darmvirus aus Nepal war ja in Andorra statt nach 170 Kilometern schon nach 20 Kilometern Schluss, beim Pitztal Gletscher Event habe ich mich von der 95 Kilometer Distanz schon vor dem Event auf die Marathonstrecke zurückstufen lassen und beim Eiger Ultra Trail war schon nach 16 Kilometern Schluss, weil der Virus wieder zugeschlagen hatte. Und dann sollten wir beim PTL schnell sein?

Für die erste Nacht auf den Dienstag war Regen vorhergesagt, zu unserer großen Freude blieb es aber trocken. Und am Dienstag wurde es sogar warm, fast heiß. Erst als wir gegen 14 Uhr vom Berg herunter zum tiefsten Punkt des gesamten Parcours herunter gekommen waren, zu dem Punkt, an dem Eric im Vorfeld eines von insgesamt fünf Verstecken eingerichtet hatte, Verstecke, in denen sich eine 1,5 Liter Flasche Coca-Cola, TUC Kekse, M&M Snacks und Mars Riegel unf für Eric eine Flasche Bier finden ließen, begann es dann doch zu regnen und wir zogen die verschwitzten Sachen aus und die Regensachen an. Und nach einer kleinen Pause ging es weiter, von da an nur noch rauf.

War der Weg bis dahin sehr gewöhnungsbedürftig, da waren Klettersteige, die Dich langsam gemacht haben, auch, weil sich ständig Schlangen davor bildeten. Immerhin waren einige der Läufer eben keine Bergsteiger und hatten schlichtweg Angst. „Gelbe Nummernschilder“ eben, gewissermaßen, ohne den Niederländern zu nahe treten zu wollen. Und da waren auch Leitern, Spalten, über die gesprungen werden sollten und Steinpassagen, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Das Resulat für uns war, dass wir sage und schreibe 13 Stunden und 45 Minuten für unseren ersten von etwa sieben Marathons brauchten. Der Besenwagen beim Berlin-Marathon wäre da schon zwei Mal vorbei gefahren gewesen.

Es ging also nur noch rauf und das im ständigen und stärker werdenden Regen. Und Eric schwächelte sichtlich. Als ich ihm eine für mich wichtige und lieb gewordene Nachricht erzählen wollte, wollte er die gar nicht hören und verwies darauf, dass es ihm wirklich nicht gut gehen würde. Ähnliches hat er dann auch Uwe erzählt. Uns beiden hatte er aber nicht verraten, wo seine Probleme lagen, das erfuhren wir erst ganz am Ende, nach knapp 60 Kilometern, also unwesentliche 228 Kilometer vor der Ziellinie.
Erst ging es eine Schotterstraße herauf, dann einen steilen Waldtrail. Dann folgte ein Trail durch niederes Gebüsch, der teils waagrecht verlief, teilweise anstieg. Und irgendwann waren wir dann an einer etwa 150 Meter hohen und etliche Kilometer langen Steinwand, die man nur über einen Klettersteig bezwingen konnte.
Ich ging mit Uwe zügig herauf, wir beide sind schon seit Kindesbeinen an auf solchen Klettersteigen gewandert. Dafür muss ich heute wohl noch meine Eltern um Verzeihung bitten, weil ich die damaligen Bergtouren eher in die Schublade „Things, I hate to do“ gepackt hatte. Heute sind sie das Fundament für einige Bergläufe und das habe ich auf diesen 60 Kilometern des PTL wieder gemerkt.
Oben warteten wir auf Eric und stellten uns an einer Hütte unter, deren Dachüberstand so klein war, dass Du nur dann nicht nass wurdest, wenn Du stramm an der Hüttenwand standest. Beim späteren Umziehen, beim Anziehen der warmen Schicht, wurdest Du permanent nass, was aus der „trockenen, warmen Schicht“ eine klamme, kühle Schicht machte. Immerhin besser als die nasse, kalte Schicht, die wir uns im Dauerregen erlaufen haben und die uns enorm frieren ließ.
Stehen bleiben und warten ist halt doch nicht immer leicht.

Als Eric kam, zog er sich auch um und erzählte uns davon, dass er sich „einen Wolf gelaufen“ hatte – und das direkt zwischen den Pobacken. Hirschtalg hätte das verhindern können, dachte ich, aber es war nun mal geschehen. Und er cremte sich ein und hoffte, als John Wayne o-beinig den kleinen Rest der Reise bewältigen zu können. Die Diskussion, ob wir aussteigen sollten oder nicht, hatte aber schon begonnen. Eric hatte die Frage zuerst gestellt, ich hatte sie nur gedacht. Als Gast des Teams wollte und konnte ich sie nicht formulieren, aber da oben frierend hatte meine Motivation schon deutlich abgenommen.
Am Ende hatten wir uns jedoch darauf geeinigt, doch weiter zu laufen, aber es war viel Zeit vergangen, sehr viel Zeit. Und nach weiteren vielleicht 200 Metern musste Eric einräumen, dass es für ihn definitiv nicht weiter gehen konnte. Er bot Uwe und mir an, als Zweierteam weiter zu laufen, das wollte ich aber nicht. Uwe ist ein sehr guter Läufer und ich hätte mich ständig unter Druck gefühlt. Im Dreierteam mit Eric wusste ich, dass mal er, mal ich die Bremse waren, das verteilt den Druck und gibt Dir Motivation, wenn Du auf den anderen warten musst.
Außerdem glaubte ich nicht an Erics Aussage, dass da eine Straße nach unten existieren würde. Und ich hatte Recht. Wir suchten und fanden – nichts. Am Ende stiegen wir im Dunklen über den Klettersteig ab. Eric wurde von uns dann kurzerhand ausgebürgert, bekam sein gelbes Nummernschild zurück und verhielt sich dann auch so. Aus dem starken Bär war ein verunsicherter Läufer geworden, der sichtlich Angst vor jedem Schritt hatte. Uwe und ich waren froh, ihn dann irgendwann nach unten geschleust zu haben.

Wenn ich mir vorstelle, wir wären weitergelaufen, dann hätten wir den Tracker mitbekommen und Eric wäre unbemerkt vielleicht gestürzt und keiner hätte es gemerkt. Ich bin so froh, dass wir die Entscheidung so getroffen haben, wie wir sie getroffen haben, obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass Uwe mit der Situation stark hadern muss. Eric kann sich ja noch beim TdG den Frust von der Seele laufen und der Fehler der Organisation, mich beim UTMB nicht zu streichen, gab mir die Chance einer Revanche. Für Uwe, unseren besten Läufer allerdings, gab und gibt es keinen „Entfruster“.

Nach dem Klettersteig folgte der Trail durch das Gebüsch und den steilen Trail durch den Wald wollten wir durch einen langen Spaziergang auf der Straße umgehen. Das wiederum bedeutete 12 Kilometer kaum abfallende Straße und wir waren gegen 2.30 Uhr wieder im Dörfchen, das zwar einen Bahnhof, aber keinen Traffic mehr hatte. Kein Taxi, kein Bus, die Kirche abgeschlossen, die Parkbänke aber waren frei. Und sie wurden bei 12 Grad Temperatur unser Domizil.
Wir froren also kräftig, bis gegen 5.40 Uhr das Café eines einfachen Hotels öffnete und wir endlich wieder etwas Wärme erfuhren, eine heiße Schokolade trinken konnten und so warteten wir bis 7.40 Uhr auf den ersten Zug nach St. Gervais und dort dann auf den Zug nach Chamonix.

Mit leeren Händen, geknickt und gescheitert kamen wir dann dort an. Der Tracker, der ständig unsere Position verriet zeigte denen, die zwischen 14 Uhr am Dienstag und 2 Uhr am Mittwoch nicht auf unsere Position geschaut haben, an, dass wir uns scheinbar 12 Stunden lang nicht bewegt hätten. Am Ende waren also 75 Kilometer auf meiner Uhr verzeichnet und Eric, Uwe und ich waren müde und traurig.
Jetzt waren wir „ganz unten“.
Die restlichen vier Verstecke, die Eric an der Strecke eingerichtet hatte, sind wohl heute noch da. Wenn Du also mal die Strecke des PTL abläufst, dann schaue doch hinter jeden Stein – es könnte sich lohnen …

Nur eineinhalb RBW’s …

Warum es dort nicht zwei RBWs wurden, sondern nur eineinhalb davon, davon erzähle ich das nächste Mal …“ schrieb ich am 17. April. Jetzt haben wir schon den Wonnemonat Mai und ich bin vielleicht der Letzte, der über den JUNUT berichtet.
Und wenn man schon der Letzte ist, dann sind viele Dinge schon bekannt.
Ich verzichte also darauf, den großartigen Jin als Sieger zu portraitieren und die einzelnen Streckenabschnitte detailliert zu beschreiben. Das ist sowieso nie meine Stärke gewesen.

Es war Ende August 2012, ich war für THE NORTH FACE reportierend als Blogger unterwegs und da traf ich den sichtlich geknickten Gerhard Börner. Sein Team beim PTL, dem kleinen Spaziergang des Léon, war auseinander gebrochen und dieser Umstand hat, gepaart mit Übermüdung und Weltschmerz, auch seinen Willen gebrochen, sich einem neuen Team anzuschließen und den Rest der Strecke mit den neuen Laufpartnern zu meistern.
Wir alle kennen zu gut, wie schnell der Wille weg sein kann, wenn aus der euphorischen Begeisterung Frust und Enttäuschung wird. Sich da wieder aufzurappeln ist so unendlich schwer, bei meiner eigenen Teilnahme am PTL 2010 war es ja ähnlich gewesen.
Gerhard stand nun da und fragte mich, ob ich denn beim JUNUT 2013 dabei wäre. Es würde auch eine Zeitverlängerung und wahrscheinlich auch kürzere Strecken geben … Die kürzeren Strecken haben mich nicht motiviert, die Zeitverlängerung jedoch schon, also sagte ich dort in Chamonix gerne zu.
JunutEigentlich wollte ich den JUNUT nach dem wenig glücklichen Verlauf 2012 nicht erneut angehen, zu gut erinnere ich mich daran, wie wir ständige Not mit den Cut-Off Zeiten hatten. War noch in der ersten Nacht ein einigermaßen großes Polster vorhanden, das ich unsinnigerweise dann schlafend in der Feuerwehrstation vergeudete, am folgenden Morgen und Tag wurde dann der Puffer jedoch klein und kleiner.
Am Ende bin ich in netter Begleitung auf Anraten von Gerhard einen Bogen den Fluss entlang gelaufen. Es sollte eine kleine Verkürzung sein, die vor allem Zeit einsparen sollte, damit wir sicher wieder auf Kurs kommen würden.

Den Fluss entlang gehen klingt dabei einfach, aber wir haben es tatsächlich geschafft, bei einer Gabelung den falschen Fluss zu nehmen und wir wären, wenn Max Schiefele uns nicht angerufen und von seinem Ausstieg berichtet hätte, wohl noch bis Tschechien falsch gelaufen.
Als Max anrief und fragte, wo wir denn wären, waren wir gerade beim Ortseingangschild eines kleinen Städtchens und diesen Ortsnamen nannte ich ihm.
„Das kann nicht sein!“ antwortete er darauf hin. Aber ich kann doch lesen!
Es konnte also doch sein und wir waren im falschen Tal und wir hätten keine Chance mehr gehabt, den nächsten Verpflegungspunkt innerhalb der gesetzten Zeit zu erreichen, also ließen wir uns von Max abholen und beerdigten Lauf und Ambitionen.
Für immer.

Und nun doch der JUNUT 2013? Versprochen ist versprochen, aber mein Fokus im April, in meinem „Monat der Wahrheit“, lag eindeutig auf dem „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“, den ich unbedingt schaffen wollte.
Einen Fehlversuch mit einem Ausstieg im Morgengrauen nach 61 Runden 2009 und eine vollkommen blöde Idee, nur 14 Tage nach dem Marathon des Sables 2010 dort mit wunden Füßen die Treppen zu laufen, hatte ich schon hinter mir. Und das Wissen, dass dieser Lauf vollkommen abgedreht und verrückt ist.
Aber die Namen der Finisher werden alle auf einer kleinen Messingplatte auf dem Gipfelkreuz verzeichnet – und da wollte ich drauf. Nein, ich musste da einfach drauf.
Und in die Vorbereitung für solch einen verrückten Lauf gehört auch, dass Du das Laufen durch die Nacht trainierst. Ich hatte das seit dem Herbst nicht mehr gemacht und fand, dass es eine gute Sache wäre, vier Wochenenden hintereinander einmal die Nacht zum Tag zu machen, erst eben beim NEU, dann verdoppelt beim RheinBurgenWeg-Lauf (RBW), dann beim JUNUT 230 und anschließend eben auf „der“ Treppe.
Junut3Für mich ist ein Lauf wie der JUNUT, der sich schon im zweiten Jahr seiner offiziellen Austragung zum echten Kultlauf entwickelt hat, schon deshalb fast ein „MUSS“, weil es die beste Gelegenheit ist, die anderen Familienmitglieder wieder zu sehen. Bei den ganz großen Events wie dem UTMB sind die zwar auch alle da, aber sie sind eingerahmt in viele Hundert oder viele Tausend anderer Läufer. Richtig heimelig wird es deshalb dort vor dem Start nur bedingt.
Bei den kleineren Kultläufen wie der TorTour de Ruhr (TTdR) oder eben dem JUNUT sind auch alle am Start, aber es ist gewissermaßen die Essenz der Ultraläufer, ein „großes Freundepaket mit Schleife“ gewissermaßen.

Und ich freue mich schon deshalb auf den JUNUT, weil ich natürlich auch einen Blick in die Teilnehmerliste geworfen hatte. Was wären diese Läufe, wenn man nur hinfahren würde, um zu laufen? Es sind doch gerade die Stunden vor dem Start, die diese Läufe zum Kultlauf erheben!
Nun aufzuzählen, auf wen ich mich besonders gefreut habe, wäre zu aufwändig und im Zweifel dann sicher unvollständig, es ist aber so, dass mir die 18 Stunden vor dem Start tatsächlich viel gegeben haben.
Nur in solch einem Kreis kann ich mein normales Leben komplett vergessen und für einige Tage oder Stunden nur Läufer sein. Und dann gibt es für mich keine Bindung mehr an das Büro oder das Unternehmen, nicht an die Heimat, die Familie oder das normale Lebensumfeld.
Dort bin ich Läufer, dort darf ich es sein.
Junut4
Was Gerhard Börner mit seiner Frau und seinem Team, das zum Gutteil aus Verwandten und Freunden besteht, da mittlerweile auf die Beine stellt ist mehr als beachtlich. Schon der Umstand, dass es eine eigene App für Android und iPhone dafür gibt, ist bemerkenswert! Und auch die Pastaparty am Vorabend des Starts ist vorbildlich. Nicht nur, dass Vegetarier auch dort etwas für sich finden, es gab drei verschiedene Nudeln und das mit verschiedenen Soßen, für mich eben mit einer hervorragenden Pestosauce, etliche wirklich leckere Salate dazu und das Ganze in einem räumlichen Umfeld, das fränkische Gemütlichkeit ausstrahlt.

Das Starterpaket lässt auch keine Wünsche offen, beginnend mit einem wertvollen RaidLight Langarmshirt bis hin zu einem farbenfrohen Buff wird der Startnummer im Beutel nicht langweilig und einsam ist sie darin auch nicht.

Fränkische Gemütlichkeit gab es auch, als ich mit Guido Huwiler auf dem längsten Etappenstück unterwegs war. Es war recht warm und schwül und unser Getränkevorrat nahm besorgniserregend ab, also fragten wir eine Dame, die eifrig mit dem Unkraut im Vorgarten ihres großzügigen Hauses beschäftigt war, nach etwas Wasser.
Sie war enorm besorgt um uns, bat uns in die gute, perfekt aufgeräumte Stube, entschuldigte sich vielmals, dass sie nicht aufgeräumt hätte, obgleich es super sauber und sehr aufgeräumt aussah, nahm uns das schlechte Gewissen wegen der schmutzigen Schuhe und wir füllten zuerst nur das Wasser auf. Dann bot sie uns einen köstlichen Apfelsaft an, den wir zum Wasser mischten und auch direkt tranken und wenn ich ihr gesagt hätte, dass wir auch hungrig wären, dann hätte sie uns sicherlich auch noch einen „Stammen Max“ gemacht. Oder eine Pizza, ganz nach Belieben.
Bei ihr „einzukehren“ war ein kleines Highlight, eine Oase der Frische und der Freundlichkeit.
Vielen Dank auch von dieser Stelle aus dafür.
Junut2
Der Lauf selbst ist vor allem in der ersten Streckenhälfte interessant. Natürlich vermisse ich die großen Höhen, die weiten Ausblicke und das schroffe Gestein. Der fränkische Jura ist halt kein Tramuntana-Gebirge, kein Gran Canaria, er ist nicht die Alpen, aber es gibt doch das eine oder andere Kleinod, die eine oder andere wunderschöne Klamm, ein romantisches Schloss hier, eine tolle Waldpassage dort.
Später dann, wenn die Hügel niedriger werden, nehmen aber auch die Augenweiden ab, leider.
Das beginnt in etwa ab dem Kilometer 130 und das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich darüber geschimpft habe, dass ein Weglein von der Straße ein wenig nach oben und dann wieder zur Straße zurück geführt wird, obwohl da so gar nichts zu sehen oder zu erleben war. Ich haderte und zeterte und war wohl meinem Laufpartner Wolfgang gegenüber ein, zum Glück einigermaßen gebändigtes, Rumpelstilzchen …
Und es ist auch der Zeitpunkt, an dem ich zu rechnen begann. Dass Gerhard uns Läufern die Möglichkeit anbot, bei 101 Kilometern und bei 172,7 Kilometern auszusteigen und dann in der 101er bzw. 172er Finisherliste geführt zu werden, ist eine tolle Sache. Es ist aber auch ein „süßes Gift“, wie ich das gelegentlich nenne. Und an diesem „süßen Gift“ habe ich mich schon vor dem JUNUT vier Mal verschluckt, zwei Mal beim Swiss Alpine, wo ich den Ausweich C42 genommen habe und auch zwei Mal beim Röntgenlauf, den ich dank der gebotenen Müglichkeit nach der Marathonstrecke verlassen habe.

Sicherlich hätte ich mich auch zum JUNUT 230 quälen können, immerhin hatte ich noch fast 20 Stunden Zeit für die fehlenden 60 Kilometer. Aber ich hatte eben die Lust verloren, meine Geschwindigkeit grenzte gegen Null und ich hatte ständig die Überlegung im Kopf, die mir sagte, dass bei 172,7 Kilometern aussteigen bedeutet, am Samstagabend im Hotelzimmer zu sein und dass ich dann am Sonntag frei hätte und regenerieren könnte.
Angesichts des Starts des „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ am darauf folgenden Samstagnachmittag war das schon eine verlockende Perspektive. Sechs Tage sind eben doch viel mehr als nur fünf Tage. Zudem kam, dass ich bei einer kompletten Beendigung des JUNUT 230 erst einmal hätte schlafen müssen und ich so mit der frei gewordenen Zeit wunderbar agieren konnte.

Am nächsten Tag, dem frühen Vormittag des Sonntag, war ich noch einmal beim Orga-Team in Dietfurt in der Turnhalle. Ich verabschiedete mich von allen, die noch oder schon da waren, ich konnte auch noch kurz den Sieger des Events, Jin Cao, herzen und drücken und ich bin mit einem guten Gefühl gefahren.

Der JUNUT ist und bleibt ein Kultlauf, bestens organisiert und als Event ein echtes Erlebnis.
Ob ich aber 2014 wieder an den Start gehen werde?
Man soll ja niemals „nie“ sagen …

Bella Donnas

Das Aosta-Tal beginnt in Reichweiler.
Das kleine Örtchen an der Grenze zum Saarland kannte ich schon von den beiden Starts beim K-UT, aber ich bin noch nicht über die erste Kurve nach dem Ortseingang hinaus gekommen. Dieses Mal ging es aber durch das Örtchen bis zum Ende. Und dort, wo Reichweiler aufhört, da fängt Eric Tuerlings Reich an.
Ein sensationell schönes Haus mit einem unverbaubaren tollen Blick über die Hügel, so weit das Auge reicht. Ich muss sagen: ich war beeindruckt.

Uwe Herrmann und ich trafen uns also am Donnerstagabend vor zwei Wochen bei Eric, um uns von ihm rund 800 Kilometer weit bis nach Italien chauffieren zu lassen. Unser Ziel war die Stadt Donnas im Aosta-Tal, weil dort die vierte von sieben Etappen des Tor des Géants (TdG) beginnt.

Eric ist von uns Dreien der Planer. Er hat nahezu alle Erlebnisberichte über den TdG 2010 im Internet gelesen und wenn diese in einer fremden Sprache verfasst wurden, dann wurde Tante Google mit ihrem Übersetzungsprogramm zu Hilfe gebeten. Eric kennt jeden Berg, jede Etappenstadt und er hat schon einen detaillierten Zeitplan erarbeitet, der uns drei in 149 Stunden 59 Minuten und 59 Sekunden über die 330 Kilometerstrecke führt.
„Auf der vierten Etappe sind die meisten Läufer ausgestiegen, die vierte Etappe ist diejenige, die die Psyche der Läufer am meisten belastet hat und sie bietet mit 5.200 Höhenmetern im Aufstieg und 4.200 Höhenmetern im Abstieg mehr als ein Fünftel der Gesamt-Höhenmeter“ sagte Eric. Einige Gründe, die Besichtigung der Strecke in „bella“ Donnas zu beginnen.

Wir starteten am Freitagmorgen etwas später als geplant und fuhren Richtung Lausanne, Martigny und dann durch den Tunnel des St. Bernhard Massivs. Mit jedem Kilometer wurde es wärmer und wärmer. Während in Deutschland ein kühles regnerisches Wetter herrschte, hatten wir dort immerhin 28 Grad auf dem Thermometer.
Nach dem netten Besuch im Fremdenverkehrsbüro von Donnas, dem Umziehen und dem Packen der Rucksäcke war es schon 16.30 Uhr bis wir starten konnten, also entschieden wir uns, nur bis zu dem Örtchen Marine zu laufen und dort zu übernachten. Ein einziger Berg mit 400 Höhenmetern und nur wenige Laufkilometer waren bis dorthin zu bewältigen.

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Nach dem abendlichen „Schwarzbrotfest“ ging es am nächsten Morgen um 6.30 Uhr wirklich los, erst runter und dann lange bergauf, hoch zum „Rifugio Coda“ auf 2.242 Metern.
Dort kamen wir gut gelaunt und hungrig an und der „Athletenrabatt“, der uns angeboten wurde, erhellte unsere Stimmung weiter. All das nur, weil wir den TdG laufen wollen …
Vom TdG 2010 hingen Fotos und Plakate an der Hüttenwand und viele Augen schätzten uns ein und packten uns in irgendeine Schublade. Ob wir in die Schublade „Finisher“ gepackt wurden oder in die Schublade „Nee, die Jungs auf keinen Fall …“ weiß ich nicht, ich bin aber sicher, dass wir noch einiges dafür tun müssen, alle in die Schublade „Finisher“ zu gelangen.

Danach ging es wieder steil bergab, herunter zum Lago Vargno, zu dem Stausee, an den wir Drei noch oft denken werden. Nicht weil Uwe, unser Frontläufer, kurz davor gestürzt ist und sich dort auch gleich verlaufen hat, sondern weil wir uns dort unfreiwillig getrennt haben.
Eric und ich wunderten uns zuerst, warum Uwe nicht auf uns warten wollte und so gingen wir, uns als Nachhut wähnend, unseres Wegs über die provisoirische Staumauer, nach links, gleich nach rechts hoch Richtung Col Marmontana herauf und nach einigen Minuten steilen Anstiegs kam rechter Hand ein Haus und dort kläffte ein aufgeregter und wenig nett dreinblickender Hund, der uns, weil er die Sicht auf ein Schild auf einen anderen Weg versperrte, uns unfreiwillig richtig führte.
Uwe, der durch den Sturz und das Verlaufen hinter uns war, hat sich jedoch dort mit dem Hund angefreundet und der hat ihm, zum Dank gewissermaßen, den Blick auf das andere Schild Richtung Col Marmontana herauf erlaubt. Die Folge war ein Verwirrspiel, wie ich es selten erlebt habe.

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Beide Wege hätten ja auf den Col Marmontana geführt, aber mein Vorschlag, dass wir uns dort oben treffen, blieb unbeachtet.
Also warteten wir erst rund 90 Minuten auf Uwe, der irgendwie versucht hat, zu uns zu kommen. Aber mach‘ das mal, wenn Du nicht weißt, ob Du rechts oder links des richtigen Weges bist!
Manche unserer Telefonate grenzten an debile Seniorengespräche. Ob da Bäume bei uns seien, ob da ein See war, ob es dort eine Geröllwüste gab … alles Fragen, die man an fast jedem Punkt der Strecke alle mit „ja“ beantworten könnte.
Dann gingen wir doch einige Hundert Höhenmeter nach oben, allerdings auch das ohne Erfolg und nach weiteren 60 Minuten haben sich meine beiden Mitstreiter dann auf meinen Vorschlag eingelassen, dass wir uns alle zum letzten gemeinsamen Punkt, also zum Lago Vargno zurückbewegen sollten.
So fanden wir uns also wieder, eine kleine Ewigkeit allerdings war bis dahin vergangen.

Auf den Col Marmontana herauf war es einigermaßen annehmbar, aber die Suchaktion nach einander hatte Spuren hinterlassen in unserer Psyche und so sank die Stimmung mit der Sonne ein wenig ab.


Noch einmal runter und rauf, was schwer und bedrückend war und dann sollte es „schnell“ runter gehen zu einem Refugio, um noch etwas zu essen. Es war mittlerweile schon recht spät und die Hütten bieten nicht allzu lange noch ein Nachtessen an. Bald war klar, dass wir bis zum nächsten Ort nach Niel herunter müssen in der vagen Hoffnung, dass dort noch ein Restaurant geöffnet sein würde.
„Italiener essen spät,“ dachten wir, aber wir kamen rund eine Stunde später in Niel an wie erhofft.
Die Getränkeflaschen waren bei allen leer und die Essensvorräte gegessen. Es war also der ideale Zeitpunkt, an dem Eric einfiel, dass da doch noch vor dem Etappenende in Gressoney ein Berg, der Col di Lazoney, zu bewältigen sei!
900 Höhenmeter bis zum Gipfel auf 2.387 Metern über N.N. ohne Wasser und Nahrung sind ja ein Kinderspiel!
Ich war jetzt richtig sauer, weil wir Niel vollkommen tot vorfanden, die Bürgersteige waren schon lange hochgeklappt, alles war sauber und schön, aber eben menschenleer, eben richtig tot.

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Uwe suchte im Dorf eine Wasserstelle, natürlich erfolglos. Ich wiederum sah ein Haus, vor dem ein Schild „aperto“ hing. Es war kein Restaurant und es war auch kein Hotel. Ich dachte: „Schau da doch mal rein, vielleicht gibt es wenigstens einen Wasserhahn dort, den wir anzapfen können.“
Ohne Nahrung laufen geht ja, ohne Wasser laufen geht aber gar nicht.

Die Türe war nicht abgeschlossen und ich ging ins Haus. Die ersten Zimmer waren allesamt zugeschlossen, kein Toilettchen war zu sehen. Aber es war etwas zu hören. Von ganz oben kamen Geräusche und so ging ich vorsichtig hinauf.
Eine Handvoll Menschen kam mir im Treppenhaus entgegen und oben fand ich einen wunderschöner Raum vor, in dem ein Mann Nudeln mit grünem Pesto aß. Eine hübsche Frau stand in angemessener Entfernung neben ihm und ich frage sie: „Is this a restaurant?“
Die Dame bejahte das. Und sie bejahte auch meine Frage, ob wir dort noch etwas zu essen bekommen würden. Ich erzählte ihr von uns drei Unglücklichen, die auf der Suche nach dem Glück den TdG laufen würden und dass wir unglaublich hungrig seien.

Die Küche wollte gerade schon sauber machen und schließen, ließ sich aber auf drei Portionen vegetarische Pesto-Lasagne ein. Die war wirklich lecker. Noch leckerer aber waren die beiden Bierchen, die sich Eric genehmigte. Uwe und ich gönnten uns zwei Coca-Cola und ich mir noch ein Red Bull – Döschen.
Wir waren im Himmel – und der Himmel war zweifellos italienisch!

Die Dame erzählte uns, dass viele diese vierte Etappe als Test auswählen würden und dann, bei ihr angekommen, erklären würden, dass sie den TdG auf keinen Fall laufen würden. Wenn ich vor dem Essen und vor der Cola ähnliche Gedanken gehabt haben sollte, dann waren diese durch diese Aussage wie weggewischt.
Beim TdG wird dann sogar ein Verpflegungspunkt direkt unten am Hauseingang sein.

Es war aber auch noch ein Riesen-Schokokuchen übrig, den wir uns zu dritt einverleibt haben. Und der war so lecker!

Wir füllten noch unsere Getränkeflaschen auf und setzten den Weg fort, hoch auf den Col di Lazoney. Ob es die verbesserte Laune, das Essen oder die Gedanken an dies nette Italienerin war: so leicht sind mir 900 Höhenmeter nach oben noch nie gefallen.
Es könnte aber auch an dem Umstand gelegen haben, dass der Weg lange richtig gut gepflastert war.

Abwärts ging es dann sehr flach und lange, immer weiter Richtung Gressoney. Uns war schon klar, dass wir zu einer „unchristlichen“ Zeit dort ankommen würden, also liefen wir relativ langsam und gemütlich die Wiesen und Wege herab ins Tal, dorthin, wo beim TdG dann eine „Base Vita“ sein wird.
Bei uns aber gab es all das nicht, nur die Notwendigkeit, 90 Minuten auf den ersten Bus nach Donnas zu warten. Wir waren müde, kaputt und verdreckt. Wir rochen wie ein Moschus-Ochse am Hinterteil und wir wussten nicht, ob wir uns freuen sollten oder ob wir uns ob der vielen Laufstunden Sorgen für den TdG machen sollten. Ein wenig schneller sollten wir im September dann doch sein.

Wir waren dann alleine im Bus, so störte sich niemand an unserem Geruch und das erste, was wir nach der Ankunft am Auto taten war, uns ein italienisches Frühstück zu gönnen.
Auf der Rückfahrt nahmen wir den Weg über den Pass des Großen St. Bernhard, den Tunnel wollten wir vermeiden und wir waren froh, diesen Pass wieder zu sehen, den Pass, der Teil vieler Läufe ist. Ob es der Lauf Verbier / St. Bernard ist oder der PTL, immer wieder kommst Du auf diesen Berg. An die Gedanken an diese Läufe wollten wir alle uns erinnern.

Und an dieses wunderschöne „Männer-Laufwochenende“ werden wir uns auch noch lange erinnern. Es wird uns dann auch helfen auf unserem langen Weg von Courmayeur wieder nach Courmayeur.

Man könnte fast meinen, dass es im September einfach ein verkürzter „CCC“ wird, ein „CC“ eben.
Und der kann einfach nicht wirklich schwer sein.

Die Rhein-Zeitung hat geschrieben …

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Da war ich aber glücklich, als mir eine Freundin einen Artikel aus der Bonn / Koblenzer Rhein-Zeitung mitbrachte.
„Den Typ kenn‘ ich doch,“ dachte ich.

Häufig wurde schon über meine bescheidenen Läufe in den lokalen kostenfreien Regionalzeitungen berichtet, die „große Bühne“ Rhein-Zeitung allerdings blieb meistens stumm.

Nur nach dem TransAlpineRun 2008, dem Marathon des Sables 2009 und dem leider erfolglosen PTL 2010 bekam ich deren Aufmerksamkeit. Und eben jetzt nach den 24 Stunden Burginsellauf von Delmenhorst.

Ob es jetzt die knapp 190 Kilometer waren? Oder die Verbesserung meines Bestwertes um 12 Kilometer? Oder war es vielleicht meine Mitgliedschaft im „100 Marathon Club“ (100MC)?
Ich weiß es nicht und ich will es auch gar nicht wissen. Ich weiß nur, dass ich das als Finisher des TdG Ende September wieder haben will.

Und ich sage artig: DANKE RHEIN-ZEITUNG !

Vom Abbrechen, vom Aufgeben und von mehr …

Wir alle kennen diese Ansicht: „Gib nie einen Ultra auf, Ultraläufer tun so etwas nicht!“

Und wir kennen die Begründungen dafür:
In Deinem Kopf nistet sich das Aufgeben so fest ein, dass das immer wieder präsent ist und Du bist ein Weichei.

Wie siehst Du das? Wie ist Deine Meinung dazu?

Ich bin da eigentlich relativ entspannt und mache mir keine großen Gedanken, wenn es eben einfach mal nicht passt.
Und so habe ich in der Vergangenheit einige Läufe nicht oder schon vorzeitig beendet. Beispielsweise beim Röntgenlauf. Hier habe ich bei zwei Teilnahmen zwei Mal nach dem Marathon Schluss gemacht. Ich fand die Versuchung, dort am Marathonpunkt aufzuhören, beide Male viel zu verlockend.
Oder beim Swiss Alpine. Drei Mal bin ich dort zum K78 gestartet, zwei Mal habe ich „gekniffen“ und zum C42 abgekürzt. Freilich hatte ich beide Male gute Gründe dafür, beim ersten Mal war ich einfach noch zu krank gewesen und beim zweiten Mal waren wir als Familie auf dem Weg in den Urlaub nach Kroatien und ich hatte das Gefühl, für die Familie das Richtige zu tun, um früher weg zu kommen. Erst im vergangenen Jahr habe ich dann die ganze Strecke des K78 zurück gelegt.

Wegen extremen Regens wurde letztes Jahr das Rennen Verbier / St. Bernard für zwei Stunden oben auf dem großen St. Bernhard unterbrochen und danach war ich mit Schüttelfrost gebeutelt und entschied, das Rennen dort oben zu verlassen.
Beim unglaublichen Lauf durch den Canyon du Verdon habe ich mich in dem malerischen Städtchen Moustiers Sainte Marie zu zwei Glas Wein einladen lassen und auf das Weiterlaufen verzichtet.

Beim PTL im letzten Jahr hat wenig gestimmt. Meine Ausrüstung war unzureichend, ich hatte nicht einmal an die Sonnencreme gedacht, das Team war nicht harmonisch und zuletzt gab es einen Wetterumschwung, der die UTMB-Läufer sogar fast den ganzen Lauf gekostet hat. Gründe genug für mich, dort auszusteigen, aber diese Wunde hat noch sehr lange in mir geblutet und soll erst mit dem Tor des Géants (TdG) geheilt werden.

Und dieses Jahr? Beim Rennsteiglauf bin ich mental gar nicht in den Lauf gekommen. Am Anfang habe ich mich unglaublich gut gefühlt, ich bin dann viel zu schnell angegangen und hatte spätestens auf dem Großen Inselsberg die Lust am Lauf verloren. Ich lief dann noch bis zum Grenzadler (Kilometer 55) gelaufen, um gewertet zu werden und auch eine Medaille zu bekommen, dann war Schluss für mich.

Beim vom großartigen Eric Türlings veranstalteten K-UT bin ich nach einer Runde ausgestiegen. Auch hier hatte ich gute Gründe dafür. Ich hatte meiner Frau versprochen, sie nicht allzu spät in Fellbach abzuholen und zudem traf ich nach der ersten Runde zufällig die Trainingspartnerin von Jutta, einer Lauffreundin von Achim Knacksterdt, und wir unterhielten uns prächtig.
Danach allerdings wollte ich nicht mehr weiterlaufen.

Diese beiden letzten DNFs oder vorzeitigen Abschlüsse hatten mir aber doch ein paar Sorgenfalten ins Gesicht gestrieben, vor allem im Hinblick auf den 24-h Burginsellauf in Delmenhorst und auf das 250 Meilen lange Thames Ring Race nächste Woche.

Delmenhorst aber hat bewiesen, was ich immer geglaubt habe: jedes Rennen ist anders, ständig beginnst Du neu und wieder bei null. Und heute abbrechen, morgen aufgeben und übermorgen verkürzen bedeutet nicht, dass Du nicht nächste Woche wieder an Deine normalen Leistungen anknüpfen oder sogar über Dich hinaus wachsen kannst.

Ich jedenfalls bin mir sicher, dass ich in England nicht an Eisenach oder an Reichweiler denken werde, sondern nur an Delmenhorst.