Der Sonntag (Fortsetzung von … )

Vergangene Woche schrieb ich noch an dieser Stelle: „Was dann am nächsten Tag passierte und warum sich die Entscheidung doch gelohnt hat, erzähle ich dann beim nächsten Mal …“

Ich hatte nun also den Samstag Abend und den Sonntag frei. Am Samstag Abend endeten wir auf der Suche nach einem netten Restaurant in einer eher wenig repräsentativen Pizzeria, weil viele Restaurants schon auf eine „kalte Küche“ hinwiesen. Aber die Pizzen dort waren wirklich lecker und auch der Salat war annehmbar. Danach durften wir uns noch im Hotelzimmer bei der zweiten Halbzeit des Spiels England gegen USA langweilen und auch das war gut so, weil dieses Spiel, wie auch viele andere bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft, ein vernünftiger Beitrag war zur Erlangung der notwendigen Bettschwere. Und so schlief ich schnell ein und träumte vom Besteigen der Berge, von der Schlucht, aber auch davon, wie ich mit Vorwürfen konfrontiert wurde, warum ich diesen Lauf nicht zu Ende gebracht habe. Ich träumte von dem leckeren Wein und dem zauberhaften Städtchen Moustiers Sainte Marie und dem netten Gespräch mit dem Deutschen und seiner finnischen Frau.


Das Hotel, in dem Gabi schlief und wo ich mich einfach dazuquartiert hatte, bot kein Frühstück an, also fuhren wir Richtung Ziel des Trails Canyon du Verdon. Es war noch sehr früh am Morgen, die Sonne schien in warmen Farben, optimal für Fotografen, ein Morgen, an dem sich das frühe Aufstehen besonders gelohnt hat. Wir kamen an Feldern voller Klatschmohn vorbei und das helle Rot der Blüten leuchtete dominant und kräftig.


Omnipräsent waren aber auch die berühmten Lavendelfelder der Provence, der Haute Provence, um genau zu sein. Zwar hatte ich schon einiges über die Lavendelfelder gehört, gelesen und auf Fotos gesehen, aber ich hätte mir nicht vorstellen können, dass tatäschlich fast jeder Landwirt entsprechende riesige Felder hatte. Und ich war beeindruckt von der Regelmäßigkeit der Bepflanzung, von den schier endlosen Reihen Lavendel, die sich irgendwo am Horizont vereinigten. Wenn all das noch ein paar Wochen später gewesen wäre und der Lavendel auch noch geblüht hätte, ich glaube, dann hätte mich dort niemand wieder weg gebracht, so schön war es da.


Hans-Peter Gieraths war wie erwartet schon lange im Ziel und so gingen wir zuerst zusammen zum Frühstücken. Ich bin ja wahrlich kein Freund des französischen Frühstücks. Es ist weizenbrotlastig und auch viel zu süß. Ich denke in diesen Situationen meist an die Fraßgifte des Weizens und daran, dass wir Europäer zu zwei Dritteln eine Weizenallergie haben, von der wir in der Regel jedoch nichts wissen. Auch deshalb favorisiere ich Gemüse oder Obst zum Tagesstart, aber in Gemeinschaft kann ich auch mit so einem Frühstück leben.

Als dann Hans-Peter vorschlug, noch gemeinsam in die Schlucht abzusteigen, sah ich, wie Gabi gleichzeitig begeistert und verwundert war. Begeistert, weil sie ja so gerne den Fluss in seinem tiefen Bett gesehen hätte, aber verwundert, weil Hans-Peter erst vor wenigen Stunden die 102 Kilometer des Trails Canyon du Verdon gefinished hatte und deshalb vollkommen übernächtigt war.
Mir fiel in diesem Moment nur das ein, was mein Freund Jens Vieler einmal geschrieben hat:
„Jeder, der weniger läuft als ich, ist ein Weichei! Und jeder, der mehr läuft als ich, ist verrückt!“

Ich sehe das genauso wie Jens und dachte also in dem Moment, dass es dort im Ziel von vielen „Verrückten“ gewimmelt hat, eben von denen, die diesen Trail gefinished hatten, dessen zweite Hälfte ich mir gespart hatte. Aber Hans-Peter musste in diesem Moment für Gabi und mich als „Super-Verrückter“ erscheinen. Wenn es die Casting-Show „Deutschland sucht den Super-Verrückten“ geben würde, in diesem Moment hätte ich Hans-Peter dafür vorgeschlagen.


Wir fuhren dann auf die unserem Hotel vom Freitag gegenüber liegende Canyonseite, dorthin, wo noch vor einigen Stunden ein Restaurant in eine Versorgungsstation für die Trail-Läufer umgewandelt war. Die übrig gebliebenen Nudeln in einer großen Plastikschüssel vor dem Eingang waren noch stumme Zeugen dieser Labestation.
Bevor es losging, sank jedoch Hans-Peter’s Status von „super verrückt“ auf „verrückt“ ab. Er sagte, dass er wohl ein wenig zu viel versprochen hatte, als er vorschlug, uns zu begleiten. Er würde lieber dort an dieser Station duschen und dann ein paar Stunden schlafen, während wir unsere Wanderung machten. Ein guter Vorschlag.

Der Weg nach unten war breit und nur leicht abfallend. Außer ein paar schwierigeren Passagen mit eingebauten Treppen und großen Steinen war es tatsächlich eine lange, aber harmlose Wanderung in den „Gorge“, wie die Franzosen ihre Schluchten nennen.
Wenn Du wanderst, dann ändern sich manche Dinge gegenüber dem Laufen. Du willst möglichst nicht allzu viel schwitzen und gehst daher nur am Rande der Schweißgrenze, was dann besonders schwierig wird, wenn es sowieso sehr heiß ist. Und im Canyon weht kein kühlendes Windchen. Wir brauchten also rund eineinhalb Stunden, bis wir unten am grün-blauen Fluß und an der wunderschönen Holzplanken-Brücke ankamen.
Ich amüsierte mich darüber, dass nur 12 Personen gleichzeitig die Brücke betreten duften und ergänzte das Schild in Gedanken mit dem Hinweis: „oder 10 Personen mit je 120 kg Gewicht“. Gabi meinte daraufhin, dass sich 120 Kilo – Männer nicht in die Schlucht verirren würden.


Keine zwei Minuten später wusste sie, dass sie sich geirrt hatte. Zwei passende Zeitgenossen, begleitet von einer 100 kg – Frau, wagten sich über die Brücke, die nicht nur wegen des Gewichts der drei Wanderer wankte und wackelte. Die Dame zitterte vor Angst und hielt sich krampfhaft am Hosenbund ihres vor ihr gehenden Mannes fest und wenn ich bis dahin noch nicht gewusst hätte, wie man „PANIK!“ ins Gesicht eines Menschen schreibt, dann hätte ich es wohl in diesem Moment bei dieser Dame gelernt.

Hinter der Brücke gingen wir noch ein, zwei interessante Kilometer nach rechts, aber nicht so weit, wie die Läufer in der Nacht gelaufen waren. Unsere Wasserflasche leerte sich zusehends und so beschlossen wir, umzudrehen und Hans-Peter aus dem Schlaf zu reißen und gingen, etliche Fotos machend, wieder zurück. Die ein, zwei Kilometer zurück, über die Brücke und den Berg wieder hinauf. Wir hatten noch keine 20% der Steigung hinter uns gebracht, als wir die „gewichtigen Drei“ überholten.
Runter geht es für übergewichtige Menschen deutlich leichter als bergauf. Ich bin sicher, die drei werden diesen Trip noch lange verfluchen. Und wenn die drei gewusst hätten, dass nur wenige Stunden zuvor eine Horde „Verrückter“ diese Strecke laufend bewältigt hatte und das, nachdem sie schon 65 harte Kilometer in den Beinen und vielleicht schon knapp 5.000 Höhenmeter in den Oberschenkeln hatten, dann hätten sie sich wohl bekreuzigt und hätten den Läufern nachträglich noch, auf die Knie sinkend, gehuldigt.

Auf halber Strecke hatte Gabi noch die Idee, mit den Bäumen am Weg Frieden schließen zu müssen und so haben wir einen besonders dicken Baum umarmt und tief in ihn hinein gehört. Und es hat tatsächlich funktioniert. Als ich meinen Kopf an den Baum legte, hörte ich Geräusche wie Trommeln und später hörte ich auch noch Schritte. Es war tatsächlich ein Erlebnis, das ich bei nächster Gelegenheit wiederholen sollte.

Als ich dann meinen Baum verließ, kam ein junges Paar mit Rastalocken den Weg herunter. Der junge Mann hatte eine afrikanische Trommel in der Hand und die junge Dame trug das Wasser. Noch ein paar Stunden zuvor hatten wir die beiden am Straßenrand gesehen, als sie versucht hatten, zu trampen und ich überlegt hatte, wie wir die beiden noch mitnehmen könnten. Unser kleiner Toyota Aygo, der mit uns drei und dem ganzen Gepäck gefüllt war, fand das aber gar nicht gut.
Ob ich vielleicht doch nicht in den Baum, sondern irgendwie daran vorbei gehört habe?

Aber die paar Minuten am Baum ließen mich über die Schlucht und die Besonderheiten dieses Naturschauspiels nachdenken. Ich war schon drei Mal unten am Colorado im Grand Canyon, aber mir war das Wasser dort stets zu ruhig und ich habe mich immer gefragt, wie dieser vergleichsweise ruhige Fluss diesen gewaltigen Canyon geschaffen hat. Der Fluss Verdon mit einer aufregenden Fließgeschwindigkeit lässt keinen Zweifel zu, dass er diese Schlucht selbst geschnitten hat.

Die Farbe des Wasser gleicht Gletscherflüssen im Frühjahr und die Biegungen, die großen Steine im Wasser und die Wasserschnellen lassen Dich davon träumen, diese Passage einmal mit einem Rafting-Boot und Deiner Familie voll bekennender Gelegenheits-Rafter zu bewältigen. Vielleicht, ganz vielleicht, gelingt uns das noch in diesem Sommer.


Der Baum, den ich da umarmte, stand da wohl schon ein paar Jahrhunderte lang. Seither sah er Menschen den Berg hinunter und auch wieder heraufgehen, heraufwandern oder eben seit einigen Jahren sogar heraufjoggen. Ob er Verständnis für die Hektik dieser Menschen hat? Und ich dachte an die dreitausend Jahre alten amerikanischen Sequoias, die mich vor Jahren so beeindruckt hatten, diese Bäume, die sich, wenn Sie denken könnten, immer über die Hektik der Menschen wundern müssten und das kurze Leben der Menschen wohl dieser Hektik zuschreiben würden. Dieser dicke Baum am Rande des Canyons dachte sicherlich ähnlich.

Es war etwa halb vier am Nachmittag, als Gabi und ich wieder aus der Schlucht heraus waren. Wieder oben angekommen gönnten sich Gabi, Hans-Peter und ich noch ein eiskaltes „Desperados“ und wir schauten über den Canyon Richtung dem Ziel des Trails Canyon du Verdon und ich dachte mir, dass wohl noch immer Läufer auf der Strecke sind.


Noch eineinhalb Stunden bis zum Zielschluss …

Mehr Fotos gibt es hier …

Mein Schluchtgedankenpechlehrerbericht

Es ist Samstag, 14:09 Uhr in dem malerischen an die französischen Berge gebauten Örtchens Moustiers Sainte Marie. Die Sonne scheint auf den belebten Platz vor der Kirche und Hunderte von Menschen sitzen in den Cafés und Restaurants und genießen das Essen, den französischen Wein oder sie sehen sich das Spektakel an, das sich da vor ihren Augen abspielt.
Gleich am Eingang auf diesen Platz laufen Dutzende von Ultraläufern ein, weil dort die vierte Verpflegungsstelle des 100 km UltraTrails des Canyon du Verdon aufgebaut ist. Zudem gibt es eine Massagestation und einen Läufer, dem gerade Erste Hilfe zuteil wurde, für den ein Krankenwagen kam.

(Klicken zum Vergrößern!)

Ich war einer der Menschen, der zu den Zuschauern gehörte. Ich genoß einen trockenen, fruchtigen Weißwein und war glücklich, Gast zu sein einer finnischen Dame und ihres deutschen Ehemanns, die beide seit seiner Pensionierung irgendwo zwischen der aus dem Film „Das Parfum“ berühmten Stadt Grasse und Cannes wohnen. Aber wie kam ich denn zu dieser Einladung?
Ich fragte mich das immer wieder, während ich mit dem Gastgeber ein ausgesprochen interessantes Gespräch führte. Er, der Deutsche, der eine Finnin geheiratet hat und nun in Südfrankreich lebt, der vier Kinder hat, die alle perfekt Französisch sprechen, erzählte mir, dass er 38 Jahre lang europäischer Verkaufsdirektor in einem Unternehmen war, das Weltmarktführer bei Sprühdüsen ist, Sprühdüsen, wie sie für Haarspraydosen oder Deodorantdosen gebraucht werden. Ein richtig multikultureller Europäer, gebildet, weltoffen und zudem ein begeisterter Golfer.

„Wir gehen dabei so um die 13 Kilometer,“ sagte er zu mir, „aber das ist ja nicht nennenswert für Sie, oder?“
„Doch, doch,“ antwortete ich, „ich finde es schon sehr gut, dass Sie von Abschlag zu Abschlag gehen und nicht die Unsitte der Amerikaner kopieren, diese Strecken mit dem Elektroauto zurück zu legen.“ Der deutsche Pensionär hatte so viele Fragen an mich. Warum ich mir so einen Lauf antun würde, was mich antreiben würde und wie ich zum extremen Laufen gekommen sei. Und ihn interessierte, was ich beruflich mache, wie ich Familie, Beruf und das Ultralaufen unter einen Hut bekomme. Und so kamen wir von Thema zu Thema und immer wieder fragte ich mich, wie ich denn zu dieser Einladung kam. Ich rekapitulierte im Geiste den ganzen Tag.

Begonnen hat er um 3:40 Uhr, als mein Wecker mich daran erinnerte, dass für mich die Nacht vorbei war. Um 4 Uhr traf ich mich vor dem Hotel mit meinem Laufpartner Hans-Peter Gieraths und mit den Läufern Norbert und und Markus, die ich am Vorabend beim Abend essen kennen gelernt hatte. Beide sind gut mit Thomas Hildebrand-Effelberg bekannt und mit den schönsten Läuferschwestern in der kleinen Ultralaufwelt, mit den „Geschwistern Fürchterlich“. Natürlich hatten wir vieles zu besprechen an diesem Abend vor dem Lauf.

Leider musste der Streckverlauf des UltraTrails des Canyon du Verdon wegen eines auf der Strecken liegenden Riesensteins geändert werden. Wir gingen also nicht wie geplant nach etwa 15 Kilometern in die Schlucht, sondern der Abstieg sollte von der anderen Canyonseite erst gegen Ende des Laufs stattfinden. Das hat mich irritiert und enttäuscht, waren doch die Bilder aus dem Canyon das Hauptmotiv für mich, bei diesem Lauf dabei zu sein.

Als wir um 5 Uhr im Dunklen starteten, merkte ich als erstes, dass ich die Stöcke im Hotel liegen lassen hatte. Das hat den Auf- und später auch den Abstieg auf und von dem etwa 1.600 Meter hohen ersten Berg enorm erschwert. Oben auf dem Berg, fast exakt bei der Marke 7,5 Kilometer, wurde mir dann ein Stein zum Verhängnis, über den ich stolperte. Ich versuchte, mein Gleichgewicht wieder zu bekommen, aber das schaffte ich nicht mehr. Als ich merkte, dass ich stürzen werde, dachte ich nur noch daran, mich einigermaßen kontrolliert über die rechte Schulter abzurollen.

Ich hatte glücklicherweise die Armlinge an und so ist nichts Schlimmes passiert, aber die Druckstellen schmerzen auch heute noch und haben eine gelbliche und bläuliche Farbe angenommen, am rechten Oberschenkel habe ich heute sogar einen entsprechend gefärbten unschönen Höcker auf dem Muskel. Aber ich merkte, dass ich dennoch weiter laufen konnte und so versuchte ich, nicht mehr an den Sturz zu denken, aber ich lief etwas vorsichtiger und fortan auch etwas langsamer.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von der Streckenänderung und bin noch davon ausgegangen, dass wir an unserem „Hotel Grand Canyon“ vorbei gehen, um dort in die Schlucht abzusteigen. Ich wusste, dass meine Frau Gabi gerne diesen Teil der Strecke mitgelaufen wäre und ich hatte ihr geraten, sich einfach den letzten Läufern anzuschließen. Dazu aber konnte es wegen der Streckenänderung nicht kommen, das war wirklich schade. Ich dachte mir, dass Gabi deshalb traurig war. Das irritierte und verunsicherte mich weiter.
Unser Hotel lag etwa fünf Kilometer hinter dem ersten Versorgungspunkt und der war auch gleichzeitig der zweite Versorgungspunkt, ein Umstand, der den ambitionierten und guten Trail-Läufer Volker Schillings aus Trier so verwirrt hat, dass er eine Schleife gleich doppelt gelaufen ist. Zur Belohnung für mich lief er von der zweiten Station bis zur dritten Station mit mir.


Ab der dritten Station aber lief ich wieder alleine und bei km 32 ging es nach einem steilen Abstieg über ein Kieselfeld über eine Brücke, die einen grandiosen Einblick in die Schlucht bot. Was mich am meisten faszinierte, war die Farbe des Wassers. Das Wasser hatte ein helles blaugrün, ähnlich wie Gletscherwasser, unnatürlich und magisch anziehend, ein Traum, von dem ich nie gedacht hätte, dass es so etwas Schönes in Zentraleuropa gibt.
Was dann aber kam, das hatte es wirklich in sich. Weil die Strecke hier irgendwie zusammengeschustert wurde, waren es manchmal gar keine Pfade mehr, auf denen wir liefen. Eine der Passagen, die mich psychisch vollkommen aus der Spur brachten, war der Überstieg über einen großen, vielleicht einen guten Meter hohen Stein. Gleichzeitig aber war nach oben kaum Platz. Einigermaßen groß gewachsene Läufer wie ich, die mit einem durchschnittlichen Rucksack bestückt waren, hatten da mehr als nur Probleme. Ich fand es so schlimm, dass sich einige Gedanken in meinen Kopf schlichen, die in mir Vorstellungen weckten, die nicht gut waren.

Da waren zum Beispiel die Gedanken an die voraussichtliche Zielzeit. Vor dem Lauf dachte ich, gegen Sonntag Mittag einzulaufen. Nun war ich aber auf einem Kurs von vielleicht 23 bis 25 Stunden und es drohte mir ein Zieleinlauf zwischen vier Uhr und sechs Uhr am Morgen. Gabi hatte ein Hotelzimmer, das bald eine Autostunde entfernt war und ich hatte Angst zu frieren. Andererseits dachte ich auch daran, jetzt alles betont langsam anzugehen, ausgiebige Pausen an den Versorgungsstationen zu machen, um bewusst später, also wenn die Morgensonne wieder scheint, anzukommen. Ich überlegte, was ich tun sollte und ich war zunehmend mehr irritiert.

Und dann kam dieses Dörfchen: Moustiers Sainte Marie.
Es war so schön, dass ich dachte: diesen Eindruck muss ich mit meiner Gabi teilen! Der Weg ging es eine kleine Gasse hoch und die ganze Gasse roch nach Essen. Es duftete nach Crèpes, nach Torten, nach Wein. Dann ging es nach rechts auf den großen Platz vor der Kirche und da war dann die nächste Versorgungsstation.
Das erste, was ich tun wollte, war, meine Gabi anzurufen, um zu erzählen, was ich bisher erlebt hatte, aber auch, um zu diskutieren, welche Stategie ich nun anwenden solle.

Und dann kamen die Fragen. Der pensionierte Deutsche, der mich unvermittelt ansprach, war interessiert an dem, was er da sah und ich setzte mich fast automatisch zu ihm und zu seiner finnischen Frau. „Darf ich Sie zu einem Getränk einladen?“ fragte er mich, „wollen Sie vielleicht ein Bier?“ „Bier trinke ich nicht,“ antwortete ich, „aber wenn Sie mich zu einem Glas Wein einladen würden, würde ich nicht ablehnen.“ Er bestellte dann eine 0,375 Liter große „halbe“ Flasche eines trockenen, aber sehr fruchtigen französischen Luxusweins. So also kam ich zu der Einladung, so kam es zum Ende meines Trail-Runs.


Danach habe ich mich noch schön massieren lassen und ich genoss die Mittagssonne. Als dann Markus und Norbert aus Remscheid und Wuppertal an der Versorgungsstation ankamen, da ging es mir so gut, dass ich mich gefragt habe, ob ich hier eine falsche Entscheidung getroffen habe. Ich dachte, ich hätte dann einfach mit den beiden weiterlaufen sollen. Aber dann kam Gabi, um mich abzuholen, wir gingen noch eine heiße Schokolade trinken.

Was dann am nächsten Tag passierte und warum sich die Entscheidung doch gelohnt hat, erzähle ich dann beim nächsten Mal ..

Die „Maladie“, die „französische Krankheit“ …

Ich habe mit vielen Menschen geredet in den letzten Tagen. Mit Läufern, mit Kanufahrern, mit Campern , mit Abenteurern und mit Naturfreunden. Und alle hatten sie die gleichen Symptome einer einzigartig ansteckenden Krankheit.
Immer begann es mit glasigen Augen, mit ein paar Tränen in den Augenwinkeln und die Symptome setzten sich fort. Ein verklärter Blick an Dir vorbei irgendwohin ins Nirvana der verblassten Erinnerungen, Schluckbeschwerden und zum Schluss, in der finalen Phase, griff sentimentale Melancholie auf die Angesteckten über.
Ganz klar, dachte ich immer: Vorsicht, Seuche! Halte Dich nicht zu lange hier auf, wer weiß, ob das auch bei Dir ansteckend wirkt!

Schon lange kennt man die „französische Krankheit“, die „gewisse Maladie“. Früher galt sie als unheilbar, aber als nicht lebensbedrohlich. Die österreichische Kaiserin Elisabeth tourte, nachdem ihr Mann sie mit der Krankheit angesteckt hatte, rastlos und unaufhaltsam durch Europa. So zumindest erzählt es das Musical „Elisabeth“.
Das gleiche gilt auch heute noch für die Läufer, Kanufahrer, Camper, Abenteurer und Naturfreunde, mit denen ich in den letzten Tagen geredet habe.

Mein Freund Hans-Peter Gieraths ist ein Beispiel dafür. Er hat sich im letzten Sommer angesteckt und so zieht es ihn auch in diesem Sommer wieder dorthin, wo die Ansteckung begonnen hat: nach Südfrankreich. Und vermutlich wird es ihn sein ganzes Leben lang jetzt jeden Sommer dorthin, in die Berge von Nizza, führen.

Die ansteckende Seuche, die Dich immer wieder dazu treibt, zum Ort der Ansteckung zurück zu kehren, ist der Canyon du Verdon, der zweitgrößte Canyon der Welt.
Jeder, der schon mal da war, reagiert wie schon oben beschrieben.
Die Camper und Wanderer erzählen von den lilafarbigen und duftenden Lavendelfeldern oben über der Schlucht, die Kanuten schwärmen von der Schönheit der Schlucht und von den wilden Wassern, die Dich irgendwann, nach dem „POINT OF NO RETURN“, immer weiter mitreißen, bis Du den langen Einschnitt in die Hochebene glücklich und geschafft hinter Dich gebracht hast.
Naturfreunde erzählen von der Schönheit der Vegetation und der edlen Schroffheit der Felsen, während sie das Zittern bekommen, das jeden befällt, wenn er in so schönen Erinnerungen schwelgt. Und die Abenteurer schwärmen von extremen Dingen, die in so einer schönen Landschaft ganz besonders reizvoll sind.
Ob Du Bungee in diese Schlucht springst, dort einfach nur zeltest, wanderst oder ob Du als Läufer den 102 Kilometer langen und 6.200 Höhenmeter starken Trail des Canyon du Verdon wagst, jeder wurde angesteckt und träumt dann nur noch wehmütig von der Schönheit dieses Fleckchens Erde.
Ich befürchte, am Wochenende werde ich mich auch anstecken.

Schon als ich 2009 beim Hollenlauf Hans-Peter Gierath’s Freund Rolf Wäsche vom Lauftreff SV Westum kennen lernte, war ich fasziniert von dem, was ich von ihm hörte. Rolf erzählte mir, dass er den Hollenlauf nur ganz langsam angeht, weil er sich eigentlich auf einen „ganz verrückten Lauf“ freut, eben den Trail durch den Canyon du Verdon. Besonders fasziniert war er von der Aussicht, so viele Höhenmeter auf dieser eher kurzen Strecke bewältigen zu können, von der Hitze in der Tiefe des Canyons und von dem unschlagbaren Laufangebot der Franzosen.
Später dann, als ich den Bericht der beiden Läufer auf der Internet-Seite des SV Westum gelesen habe, wusste ich: da musst Du hin, das ich Dein Lauf!

Und später dann, Anfang 2010, als sich HaPe’s Krankheit dahingehend bemerkbar machte, dass er den dringenden Wunsch, wieder an die Stelle der Ansteckung zurückzukehren, geäußert hat, da war mir klar, dass ich ihn bei dieser Reise begleiten werde. Seither träume ich und fiebre ich ein wenig in Richtung dieser Schlucht.


Nur irgendwann in der marokkanischen Wüste habe ich für ein paar Stunden Sorgenfalten auf mein alterndes Gesicht bekommen. Das war, als ich hörte, dass der dreimalige MdS-Finisher und zweimalige Deutschlandlauf (DL) Finisher, mein Freund Rolf Mahlburg, vor Jahren, noch vor seinen großen Laufhighlights, sich in den Canyon wagen wollte. Damals war dieser Lauf noch eine 3-Tages-Veranstaltung, die von der Läuferlegende Anke Molkenthin in Deutschland protegiert wurde, wie der Marathon des Sables auch.
Rolf sprach damals Anke an und wollte diesen Lauf buchen, aber Anke schüttelte den Kopf und riet ihm: „Rolf, mach doch erst mal etwas Leichteres, mach erst mal den Marathon des Sables!“

Ich glaube, es war der Tag beim MdS, als es mir so unendlich schlecht ging, als ich diese Geschichte gehört habe. Der Marathon des Sables etwas Leichtes gegenüber dem Trail durch den Canyon du Verdon?
Ich war froh, dass ich in diesem Moment, an diesem Tag und in dieser Situation meine Anmeldung zum Trail im Canyon nicht stornieren konnte. Aber ich gehe daher bewusst und vorsichtig in dieses Abenteuer. Rolf Wäsche vom Lauftreff SV Westum hat dort in Südfrankreich sein läuferisches Waterloo erlebt. Der erfahrene Ultraläufer (AK M65) hatte bis dahin noch nie einen Lauf abgebrochen, im Canyon du Verdon jedoch fand er seinen Meister. Finde auch ich meinen Meister auf diesen 102 Kilometern?

„Ist der Lauf nicht Dein Freund, so ist er Dein Lehrer,“ sagt man. Ob der Canyon mein Freund sein wird oder eben mein Lehrer, das weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass ich viele Fotos machen werde und ich will jede einzelne der maximal 35 Stunden in der Gluthitze des Canyons genießen.
Ich möchte, dass dieser Trail mein Freund wird und dass ich dann auch an der „französischen Krankheit“, der „gewissen Maladie“, der „Seuche“ leide – und das, so lange ich lebe!

Walpurgisnacht auf dem Blocksberg

Es sollte dunkel sein in der Nacht auf den Bergen. Nicht aber in dieser Nacht. Maifeuer brennen auf den Gipfeln, um der heiligen Walburga zu gedenken. Die Pestilenz soll sie weghalten von den Menschen, die Tollwut und den Husten.
Die Menschen tanzen in dieser Nacht in den Mai hinein, in der Nacht, die genau in der Mitte liegt zwischen der Frühlings-Tagundnachtgleiche und der Sonnenwende und die Hexen fliegen eifrig auf ihren Besen und reinigen dabei die Luft.
Der Brocken im Harz ist mit dem Hexenplatz und der benachbarten Rosstrappe das Zentrum dieses alten heidnischen Walpurgisnacht-Brauchtums.


Die beste Zeit also, um auf den Brocken zu laufen.
Steil ist sie, die durch Betonplatten panzerbefahrbar gemachte Strecke, die ohne Windungen direkt hinauf führt von der Eckertalsperre auf den mystischen Berg, den Brocken. Und sie ist ein Teil von gleich drei Lauf-Events, die dieses Teilstück im Nationalpark Harz nutzen, vor allem, weil der Läufer hier merkt, wie schwer ein Aufstieg sein kann.
Die Brocken-Challenge, der Brocken-Marathon und eben auch der Brocken-Ultra führen die Läufer jene rund 1.000 Höhenmeter nach oben, um dort Heinrich Heines „Die Harzreise“ zu genießen, im Schweiße des Angesichts, abgekämpft und müde. Dass Petra Rösler, Natascha Bischoff und ich am Sonntag diese Harzreise übertrieben wörtlich genommen haben, sei vorweg erwähnt.

Und die meisten, die einen der drei Events schon mal gelaufen sind, berichten von einem mystischen Brocken, der im Nebel oder in Wolken liegt und kein Einsehen hat, dass die Läufer auch mal bis ins Tal sehen wollen.
Das galt auch für unseren zweiten Tag, den Sonntag, der so nebelige Sichtverhältnisse bot, dass auch die gelbe Jacke unserer Vor-Läuferin uns nicht auf dem rechten Weg – oder genauer gesagt auf dem mittleren Weg – führen konnte.
Am ersten Tag aber, am Samstag, da war die Luft klar und rein. Die Sonne scheinte, der Blick war frei bis in die Täler. Hier hatten die Hexen mit ihrer Luftreinigung wirklich gute Arbeit geleistet.
Und der Brocken war voll mit Menschen, die die Frühlingssonne für einen kleinen Spaziergang nutzten. Freilich waren der überwiegende Teil der Brockenbesucher mit der Bimmelbahn oder einem Pferdefuhrwerk nach oben gekommen und so entgingen sie den Strapazen des Aufstiegs, vor allem, wenn Du von ganz unten, von Eckertal kommst.
Nur die 26 Läufer der Schar von Dieter Grabow gingen zu Fuß und das, nachdem wir bis Eckertal schon rund 50 Kilometer über flaches Land gelaufen waren, teilweise an der Oker entlang, durch Wälder, durch Dörfer oder einfach auf befestigten Wegen überland.

Ich wollte eigentlich langsam sein und mich endlich auch tempomäßig auf die TorTOUR de Ruhr einstellen, also wartete ich erst auf den vielgeprüften Hans Würl, lief zuerst mit ihm und so ließ ich Lars Schläger ziehen. Aber dann lief ich mit Frank Endriss voraus, nachdem er mir erzählt hatte, dass auch er Mitte Juni durch den Canyon du Verdon laufen will. Wir haben uns beim Reden von Hans Würl und Günter Meinhold abgesetzt, ohne das wirklich zu merken. Und dann war Frank plötzlich auch weg und ich lief für rund 30 Kilometer ganz alleine.
Nach Eckertal dann, als es steil wurde, lief ich plötzlich doch noch unerwarteterweise auf Lars auf und wir haben beide unseren schnellen Bergschritt gewählt, um möglichst schnell auf dem Brocken zu sein.

Ich bin mit Lars schon so oft gelaufen, zuerst den Trans Alpine Run 2008, zwei Mal den Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon, den Unter-Tage-Marathon in Sondershausen, den UTMB, den Lars und ich dann gleichzeitig abgeschlossen hatten, nachdem wir uns auf dem letzten Berg trafen, aber noch nie konnte ich so viel mit ihm reden wie auf dem Weg hinauf auf  den Berg, der als Grenzberg für Westler zwar immer präsent, aber eben gesperrt und unerreichbar war. Dieses Reden war richtig schön und ohne die gegenseitige Motivation wäre ich wohl nur etwas langsamer nach oben gekommen.
Und dann, als es rund 10 Kilometer lang auf der Asphalt-Straße runter bis nach Schierke ging, da sammelten wir auch noch Björn Gnoyke ein, dessen Wadenkrämpfe nun, mit uns laufend, weggezaubert waren. Ob hier auch noch die Hexen im Spiel waren?
Wir legten uns jedenfalls mächtig ins Zeug und wäre ich nicht am Ende die Spaßbremse gewesen, dann hätten wir das Tempo von teilweise deutlich unter 5 Minuten pro Kilometer auch noch auf den beiden letzten Kilometern eingehalten. Aber so reduzierte ich das Tempo ein wenig, weil längst klar war, dass wir unter der Marke von 8:30 Stunden enden würden.
Genau dann fingen auch die Spiele der Fußball-Bundesliga an und Lars wollte doch wenigstens am Radio dabei sein, wenn „seine“ Schalker um die letzte Chance kämpften, doch noch Deutscher Fußballmeister zu werden. Das aber konnte ohne die Hilfe der Hexen nicht funktionieren – und die waren ja alle auf dem Brocken, dem „Blocksberg“, versammelt. Kein Schalker Sieg also, lieber Lars, aber dafür haben Lars, Björn und ich gemeinsam einen 10. Platz der Tageswertung erreicht und das in, wie ich finde, guten 8:25:58 Stunden. Für 75 Kilometer und rund 1.000 Höhenmeter ist das respektabel, als Vorbereitung für die TTdR230 eigentlich zu schnell. Und zu kurz.

26 Starter versammelten sich also in Braunschweig, nachdem Dieter Grabow zum Brocken-Ultra gerufen hatte, um zwei Mal 75 Kilometer weit zu laufen, zwei Mal den Brocken zu besteigen  und zwei Mal vom Organisationsteam gut versorgt und behütet zu werden. Für so einen kleinen Lauf war die Versorgung vorbildlich, nur eines hätte ich mir noch gewünscht, das bei den meisten Ultra-Läufen vergessen wird: Salztabletten oder eben einfach eine offene Schale mit Jodsalz.
Ansonsten aber war alles da. Von Malzbier über alkoholfreies Bier, ein Isogetränk, Wasser, Säfte, Cola und was ich besonders schätzen gelernt habe war die große Menge an Christinen Sportdrinks, die nach Limone schmeckten und ungeheuer erfrischend waren.
Zu Essen gab es hochwertige Riegel, Erdnüsse, Schokolade, Käsewürfel, Salami, Salzbrezeln und auch etwas, was ich normalerweise nie essen würde: Kinder Milchschnitten. Labberiges Zeug, aber es hat geschmeckt, den Zuckerhaushalt korrigiert und es hat wirklich geholfen.

Man hat zwei Dinge bei dieser Veranstaltung gesehen:
Erstens: Dieter Grabow ist ein Läufer, er weiß, was wir brauchen. Das aber habe ich schon beim Blick auf Dieter Grabow’s DUV-Statistik gesehen. Dieter, Runner 25309 bei der DUV, hat dabei sehr ähnliche Zeiten gelaufen wie ich. Zwar war ich in Biel 2008 um rund eine Minute schneller als Dieter in seinem besten Jahr 2004, dafür hat Dieter mir beim Rennsteiglauf 2002 gegenüber meinem besten Lauf dort in 2008 rund 4 Minuten abgenommen.
Zweitens: Dieter Grabow ist ein echter Gastgeber, er war omnipräsent. Natürlich hat er den Start eingeläutet, er war aber auch da, als die Strecke in Wolfenbüttel ein wenig schwierig zu finden war. Sie war zwar hervorragend ausgeschildert, dennoch hatte Dieter stets ein Auge darauf, dass wir uns nicht verlaufen. Und er ließ es sich nicht nehmen, auch beim Zieleinlauf bei seinen Läufern zu sein.
Bemerkenswert fand ich auch, dass er insgesamt fünf Fahrradbegleiter aufgeboten hat, einen für den führenden Läufer Dirk Vinzelberg, einen für den letzten Läufer und drei für das Mittelfeld. Die waren für mich besonders hilfreich, weil Du von denen durchaus auch mal eine Flasche Cola oder ein Fläschen Wasser bekommen konntest, wenn Du das wolltest. Zwei Mal habe ich das am Samstag in Anspruch genommen, beide Male, als ich mit Lars unterwegs war, zuerst ein Wasser bei der Eckertalsperre und dann ein Wasser und eine Flasche Cola oben auf dem Brocken, als ich schon schneeweiß auf den Händen und im Gesicht war.
Die Salzmenge, die es mir am Samstag aus dem Körper getrieben hat, ließ meine schwarze Skinfit Jacke ein ganz neues Muster haben und ich sah aus, als wäre ich durch den Schnee gelaufen. Aber ich weiß nicht, warum mich das immer so viel stärker betrifft wie viele andere. Eine Läuferin war über meinen Zustand so verwundert, dass sie sich fragte, ob sie denn normal wäre, weil man weder an ihr noch an ihren Laufklamotten irgendwelche weißen Ränder sah.

Kurzum: der Brocken-Ultra ist eine tolle zweitägige Veranstaltung, die mit viel Engagement und Liebe veranstaltet wird.
Wir Läufer können froh sein, dass es so engagierte Läufer-Kollegen wie Dieter gibt und wir sollten das durch rege Präsenz honorieren!
Wenn wir dafür den einen oder anderen Stadtmarathon auslassen, dann haben wir uns und den Veranstaltern etwas Gutes getan.
Uns, weil das Laufen durch die Natur, auf Berge, eben außerhalb der Städte, schön und gesund ist und den Veranstaltern, weil es gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, was ein bedeutet, eine Strecke von 75 Kilometern zu betreuen, auszuschildern und die Versorgungspunkte dafür zu platzieren und offen zu halten. Das verdient Respekt und Dank, finde ich.

Dass für mich der Sonntag, der Rückweg, nur weniger glücklich war, lag nicht an der Veranstaltung, sondern an der Kombination aus meinem engen Terminplan und meiner geringen mentalen Stärke. Ich hatte eine Einladung zu einem Abendessen in Bonn um 20 Uhr und wusste also, dass ich spätestens um 16 Uhr in Braunschweig losfahren hätte sollen, „geduscht, geduzt und ausgebuht“, um mit Max Goldt zu sprechen.

Nachdem Natascha, Petra und ich uns im Nebel des Brocken aber auf Heinrich Heines Spuren zu weit Richtung Ilsenburg gewagt hatten und uns so, als wir das korrigierten, hinter dem letzten Läufer fanden, war dieser ehrgeizige Zeitplan nicht zu schaffen und in solchen Situationen knickt stets meine Psyche ein und ich sinke herab von meiner „Läuferwolke Nummer 7“ in die Gefilde der Normal-Menschen, die sowieso nicht verstehen, warum ich so viele Dinge gleichzeitig versuche. Und wenn ich dann „normal bin“ und über mich nachdenke, dann sehe ich das genauso – und steige aus.
Im Falle des Brocken-Ultra bedeutete das, das ich insgesamt 30 Kilometer innerhalb der Strecke ausgelassen habe, um dann wieder 20 Kilometer vor dem Ziel erneut einzusteigen und den Rest des Weges in Ruhe nach Hause zu tippeln.
Immerhin habe ich am Sonntag immerhin insgesamt etwas mehr als 48 Kilometer hinter mich gebracht, ich bin pünktlich, entspannt und glücklich in Bonn beim Abendessen gewesen, ich habe „Kilometer gefressen“ für die TorTOUR de Ruhr – alles war gut.

Am meisten gefreut hat es mich allerdings, dass Carsten A. Mattejiet am Samstag Abend mit seiner Familie auch in der Jugendherberge von Schierke war. Auch wenn wir in einem Punkt meiner Vorbereitung für den Marathon des Sables unterschiedlicher Auffassung waren, so sind wir doch beide einigermaßen ordentliche Vertreter der großen Familie der Ultra-Läufer, jener Gemeinde, in der eigentlich nur nette Menschen zu finden sind.
Carsten und ich sind auch bei FACEBOOK als Freunde verbunden und es tat richtig gut, am Samstag Carsten tief in die Augen zu sehen, seine Hand zu drücken und zu wissen, dass wir auch im „real life“ Freunde sind.
Und für diese Erfahrung brauchten wir weder Hexen noch die Walpurgisnacht, aber so etwas am „Blocksberg“ zu erleben ist doppelt schön.

Von Königstein nach Elb-Florenz – Laufen in wunderschöner Landschaft

Stressig und bemerkenswert, zwei Attribute, die auf den Oberelbe-Marathon (OEM) vom Sonntag, 25. April, passen.

Begonnen hat der OEM für mich schon am Freitag Abend. Nach zwei Stunden Tennis-Doppel in der Halle bin ich noch zum Mannschafts-Trainingsspiel auf den Außenplatz gefahren. Der rote Sand dort ist noch frisch und weich, viel zu weich für ein ordentliches Spiel. Ich spielte keine zehn Minuten, bis ein so starker Schmerz in mein rechtes Knie fuhr, so stark, dass ich nur noch humpeln konnte. In diesem Moment fragte ich mich, ob es das schon gewesen war mit dem Marathon in Sachsen. Am Samstag, dem Termin meines Abfluges nach Dresden, waren die Schmerzen im Knie noch immer da, nicht mehr so stark, aber dennoch wahrnehmbar.

Diese Schmerzen, verbunden mit dem Umstand, dass ich seit Mittwoch Strohwitwer und quasi alleinerziehender Vater bin, ließen mich ständig überlegen und rechnen, wie ich alle meine Verpflichtungen am Samstag unter einen Hut bekommen würde. Ich dachte auch daran, den OEM notfalls abzusagen, weil zum Einen das Knie noch nicht wieder intakt war und zum Anderen man ja auch mal für die Familie zurückstecken muss.


Und die Aufgaben für den Samstag waren gewaltig:

– ich musste noch etwa drei Stunden im Büro wichtige Mails schreiben, die ich am Vortag zugesagt hatte
– unser Sohn Pascal hatte um 14 Uhr einen Cross-Duathlon-Wettbewerb in Andernach und musste um 13 Uhr dort sein
– unsere Tochter Milena musste vier Kuchen für ein Spenden-Event zu Gunsten des Tanzania-Schulprojektes backen
– die Kuchen sollten um 12 Uhr am Eventort sein
– eine Mitarbeiterin sollte in Langenfeld noch Ware von mir bekommen
– Pascal wollte gegen 17 Uhr in Andernach wieder abgeholt werden

Hektische Betriebsamkeit im Hause Eller, eifrige Diskussionen, wie wir all das koordinieren können und am Ende hatten wir einen Plan:
Erst habe ich meine Büroarbeit gemacht, Milena hat sich als Bäckerin versucht, dann haben Pascal und ich die Kuchen weggebracht und sind anschließend gleich nach Andernach gefahren. Dort habe ich Pascal und sein Fahrrad ausgeladen und bin gleich weiter nach Langenfeld gefahren, nicht aber, ohne zu Hause noch die Autos zu tauschen. Eigentlich bin ich mehr „tief geflogen“ als gefahren, aber die Polizei hatte glücklicherweise ein Einsehen und hat auf die Aufstellung von Radarfallen an diesem Tag verzichtet. Vor allem aber war ich dankbar, dass Milena, seit einigen Wochen mit einem eigenen Auto „bewaffnet“, die Abholung von Pascal zugesagt hatte. Diese Sorge war ich also los.
Nun ging es auch gleich zurück Richtung Flughafen Köln-Bonn und ich erreichte den Check-In-Schalter fünf Minuten vor der Boardingzeit. Alles war perfekt.
Und mein Knie? Ich hatte es einfach vergessen, aber jetzt hat es wieder geschmerzt. Also einfach nicht mehr daran denken!

Am Kölner Flughafen hat mir die Sicherheitskontrolle nicht nur mein Haarspray aus dem Hangepäck in die „Gelbe Tonne“ entsorgt, auch mein Shampoo musste verschwinden. Haarspray läuft auch unter „Flüssigkeiten“ und dass das Shampoo fast leer war und nur noch die Mengenangabe für gefüllte Flaschen die 100ml-Grenze überstieg, interessierte niemanden. Übersehen haben die strengen Herren in dunkelblau, dass ich ein Messer in der Kulturtasche hatte. Ob mit Haarspraydosen schon Flugzeuge entführt wurden, weiß ich nicht, kleine Messer aber sind definitiv ein geistig-moralischer Anschlag auf die US-Sicherheitsgesetze. Das kleine Messerchen war übrigens das Messer, das ich beim Marathon des Sables (MdS) mitgenommen hatte und dort zur Pflichtausrüstung gehörte und ich wusste bis zur Rückreise nicht, dass es sich dort im Kulturbeutel versteckt hat. So ein Schlingel, aber ein Messer ist ja auch nur ein Mensch.

Welcher unselige Geist mich dann in Dresden geritten hat, als ich mich entschloss, nicht in Dresden zu nächtigen, sondern gleich den Zug nach Königstein zu nehmen, weiß ich nicht. Dieser Geist bescherte mir aber das mitleidige Kopfschütteln eines Hotelangestellten, der mir sagte, dass in Königstein wohl kein einziges Bettchen mehr zu bekommen wäre. Aber der Sachse war nett und er kümmerte sich dahingehend um mich, dass er ein paar Hotels in Nachbarorten anrief, um für mich eine bezahlbare Nächtigungsmöglichkeit zu finden.
Fündig wurde er in der schönen Kurstadt Gohrisch, etwa vier Kilometer weit entfernt. Ich hatte keine Lust, ein Taxi zu bitten, auch, weil es in Königstein gar keinen Taxistand gibt und die Taxen aus Pirna hätten geholt werden müssen. Und all das wegen vier Kilometern?
Wenn ich aber gewusst hätte, dass Gohrisch auf dem Berg liegt und drei dieser vier Kilometer steil ansteigend verlaufen, dann hätte ich es mir wohl überlegt, dorthin laufen zu wollen. Andererseits hilft Dir dieses Profil am nächsten Tag auf dem Rückweg.

In Gohrisch wechselten sich Ferienwohnungen mit Pensionen, Villen und Hotels ab und ich bekam im Parkhotel Margaretenhof ein nettes kleines Einzelzimmer, eigentlich mehr, als ich erhofft hatte. Und ich konnte ein wenig Carbo-Loading betreiben und habe zum Abendessen die chinesischen Mie-Nudeln gewählt und dazu eine große Flasche fast stilles Mineralwasser.
Das Frühstück war leider nicht läufergerecht, aber dennoch lecker und ausgiebig. Sicher habe ich wieder zu viel gegessen und meine Fettpölsterchen weiter verstärkt, aber das musste sein, um die Frühstücksmusik vergessen zu machen. „MDR 1“ lief da und ich hoffte, dass sich ein anderer Gast über diese Musik beschweren würde. Leider war ich so früh am Morgen der einzige Gast, also musste ich die Musik ertragen und immer beruhigend auf meine Ohren einreden.

Als ich dann beim Start ankam, war es noch immer kühl. Und es war noch einigermaßen leer dort. Von den rund 1.000 Marathonis waren noch keine 200 auf dem Platz und der Moderator bemühte sich mit Kräften, diese kleine Truppe bei Laune zu halten. Er interviewte einen Läufer in dem auffälligen Gelb des „100 Marathon Clubs“ und fragte ihn, der wie vielte Marathon das denn nun für ihn sei. „So Gott will, dass ich hier durchkomme,“ sagte er, „ist es mein 411 ter Marathon!“
Nun suchte der Moderator jemanden, der seinen ersten Marathon läuft und er wurde fündig bei einer Dame, die von ihrem ersten „Halben“ berichtet hat, den sie in 2009 in 2:12 Stunden gelaufen war. Ich weiß nicht, wie es ihr am Ende beim „Ganzen“ ging, aber ich habe mich gefragt, warum jemand den OEM als Premieren-Marathon auswählt. Üblich sind doch eher Stadtmarathons wie Frankfurt, Köln oder Berlin.
Nun sah mich der Moderator an und fragte mich nach meinen Läufen und ich antwortete artig, dass es mein 91. Marathon sein würde. Die nachfolgende Feststellung von ihm, dass ich es dann wohl in 2010 noch nicht in den „100MC“ schaffen würde, beantwortete ich mit dem Versprechen, dass es irgendwann im Sommer schon soweit sein sollte. Allein die Läufe, bei denen ich schon zugesagt habe, rechtfertigen diese Annahme.
(Kurz überlegt: der Brocken-Ultra am Wochenende bringt am Samstag die Nummer 92 und am Sonntag die Nummer 93, dann kommt der K-UT (Keufelskopf Ultra) als Nummer 94 und die Nummer 95 sollte die „TorTOUR de Ruhr“ bringen. Der Mittelrhein-Marathon und dann der Canyon du Verdon, die 24 Stunden von Rockenhausen, dann sollten es 98 sein – und der kleine Rest ergibt sich noch)

Ich habe dann noch ein wenig von der bevorstehenden TorTOUR de Ruhr erzählt und auch davon, dass es auch kürzere Strecken als die übermächtig erscheinenden 230 Kilometer gäbe. Aber als ich den Ausdruck „Bambini-Lauf“ für den 100km-Lauf verwendet habe, musste er schon ein wenig lachen. Ich durfte mich entfernen, so schien es zumindest.
Nun erzählte der Moderator, dass ja gerade eben erst der Wüstenlauf „Marathon des Sables“ geendet hätte und ich zeigte kurz auf und bekannte mich schuldig. Also musste ich wieder zu ihm und von der Wüste erzählen.
Später dann, als Achim auf das Startgelände lief, sagte ich zum Moderator, dass er auch in der Wüste gewesen wäre und so war auch sein Statement erwünscht. Warum er das eigentlich überhaupt nicht wollte? Na ja, vielleicht schreibt er das ja mal auf seinem BLOG.

Der Marathon selbst war eigentlich recht nett gemacht. Zumindest die ersten Kilometer sind traumhaft schön, wenn Du rechter Hand auf das Elbsandstein-Gebirge schaust, linker Hand ist die Festung Königstein, Du läufst Anfangs durch Waldpassagen mit ganz wenigen Häusern und es gibt ein einigermaßen welliges Profil. Später dann wird es flacher, die Bäume verschwinden und mit der zunehmenden Sonne wurde es heiß, richtig heiß. Und ich wurde braun. Die Grundfarbe aus der Wüste wurde aufgefrischt und mein Gesicht verwandelte sich innerhalb der wenigen Stunden in ein solariumverwöhntes Aufreisser-Gesichtchen.
Die Versorgung hätte besser sein können, dachte ich mir gelegentlich während des Laufs, vor allem die erste Wasserstelle ließ lange auf sich warten. Glücklicherweise blieb meine Sorge, dass die nächste Wasserstelle auch so weit entfernt sei, unbegründet und am Ende reihte sich Wasserstelle an Wasserstelle, immer eine gute Gelegenheit für mein „sprechendes Weichei“ in mir, es ein wenig gemütlicher angehen zu lassen.

Es war sowieso fatal: erst wollte ich langsam traben und hatte dem Moderator eine Zeit „knapp unter 4“ angekündigt, dann dachte ich, dass vielleicht doch etwas mehr drin wäre. Aber irgendwann wusste ich, dass ich definitiv nicht über die 4-Stunden-Marke kommen würde, eine gute Zeit aber auch nicht drin sei und ich mal wieder zeitlich im „Niemandsland“ enden würde. Und mein mit mir „sprechendes Weichei“ im Kopf sagte: „Ob 3:50 oder 3:59 ist egal – lauf locker weiter und schone Dich!“ Ich schonte mich also auf den letzten acht Kilometern und endete mit 3:57:23 Stunden, keine gute Leistung, wenn man bedenkt, dass ich eine Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:50:12 Stunden hatte.

Interessant fand ich am Ende noch die wunderschönen Villen von Elb-Florenz. Hier siehst Du Jugendstil-Architektur vom Feinsten und das gepaart mit Grundstücksgrößen, die Du sonst nur in Hollywood erlebst, einfach zauberhaft. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto mehr Menschen standen an der Strecke und applaudierten. Phasenweise hatten die Zuschauer aber wirklich gefehlt, außer in Pirna, wo wir eine große Ausgleichsrunde durch die Stadt zogen und diese Runde gesäumt war mit Menschen.

Und da war ein einsamer Brückenpfosten und wenn Du da ganz nach oben geschaut hast, dann hast du da eine Markierung erkannt. Die Markierung zeigte die „Gerhard-Schröder-Rettungslinie“, die Linie des Elbhochwassers aus dem August 2002, das den Sachsen so viel Leid und dem damaligen Bundeskanzler die Wiederwahl gesichert hat. Mann, war die Linie weit oben. Ich habe ja vieles über das Elbhochwasser gehört, aber diese hohe Linie hat mich doch erschreckt, auch jetzt noch, bald 8 Jahre nach diesem Jahrhundert-Ereignis.

Im Ziel war dann richtig Party. Das Wetter sorgte für gute Laune und zu den 1.000 Marathonis gesellten sich viele Tausend Halbmarathonis, 10km-Läufer und Walker, es gab Nudeln mit Tomatensauce, Erdinger Weißbier alkoholfrei, richtig gute und warme Duschen und eine Medaille, die wirklich schön ist. Schön und außergewöhnlich, ein Schmuckstück in meiner wirklich nicht allzu kleinen Sammlung.
Und es gab ein inspirierendes und motivierendes Gespräch mit einem anderen Ultra-Läufer, mit dem von mir so bewunderten Norman Bücher. Er war einer der Redner auf dem Läufer-Symposion vom Vortag, ich bin mit ihm den UTMB gelaufen und er war und ist immer einer, der seinen Weg im Ultra-Lauf geht. Gerade vom 160 Kilometer Himalaya-Lauf gekommen, ist er schon fast bei seinem langen Chile-Trip, der ihn in ganz besondere Gebiete der Erde bringen wird. Und spätestens in solchen Gesprächen weißt Du, dass es einerseits noch viel gibt, das auf Dich wartet und dass andererseits das, was Du tust, wirklich nur ein Anfang sein kann …

Das Messerchen im Kulturbeutel haben die Kolleginnen am Dresdner Flughafen gefunden. Aber während Du in Frankfurt oder Köln nur formale Antworten bekommst, schlug mir die Sicherheitsfrau vor, im Geschäft nebenan einen gefütterten Umschlag zu kaufen, eine Marke aufzukleben und mir dieses Messerchen an die Heimatadresse zu senden. Ich fand die Idee freundlich und kundenorientiert und habe in dem Laden die Kollegin gelobt. Die Verkäuferin in dem Laden lächelte nur und sagte: „Wir Sachsen sind eben nette Menschen!“
Ob beim Treppenmarathon in Radebeul oder beim OEM in Dresden – wo die Verkäuferin Recht hat, hat sie Recht.