Von Königstein nach Elb-Florenz – Laufen in wunderschöner Landschaft

Stressig und bemerkenswert, zwei Attribute, die auf den Oberelbe-Marathon (OEM) vom Sonntag, 25. April, passen.

Begonnen hat der OEM für mich schon am Freitag Abend. Nach zwei Stunden Tennis-Doppel in der Halle bin ich noch zum Mannschafts-Trainingsspiel auf den Außenplatz gefahren. Der rote Sand dort ist noch frisch und weich, viel zu weich für ein ordentliches Spiel. Ich spielte keine zehn Minuten, bis ein so starker Schmerz in mein rechtes Knie fuhr, so stark, dass ich nur noch humpeln konnte. In diesem Moment fragte ich mich, ob es das schon gewesen war mit dem Marathon in Sachsen. Am Samstag, dem Termin meines Abfluges nach Dresden, waren die Schmerzen im Knie noch immer da, nicht mehr so stark, aber dennoch wahrnehmbar.

Diese Schmerzen, verbunden mit dem Umstand, dass ich seit Mittwoch Strohwitwer und quasi alleinerziehender Vater bin, ließen mich ständig überlegen und rechnen, wie ich alle meine Verpflichtungen am Samstag unter einen Hut bekommen würde. Ich dachte auch daran, den OEM notfalls abzusagen, weil zum Einen das Knie noch nicht wieder intakt war und zum Anderen man ja auch mal für die Familie zurückstecken muss.


Und die Aufgaben für den Samstag waren gewaltig:

– ich musste noch etwa drei Stunden im Büro wichtige Mails schreiben, die ich am Vortag zugesagt hatte
– unser Sohn Pascal hatte um 14 Uhr einen Cross-Duathlon-Wettbewerb in Andernach und musste um 13 Uhr dort sein
– unsere Tochter Milena musste vier Kuchen für ein Spenden-Event zu Gunsten des Tanzania-Schulprojektes backen
– die Kuchen sollten um 12 Uhr am Eventort sein
– eine Mitarbeiterin sollte in Langenfeld noch Ware von mir bekommen
– Pascal wollte gegen 17 Uhr in Andernach wieder abgeholt werden

Hektische Betriebsamkeit im Hause Eller, eifrige Diskussionen, wie wir all das koordinieren können und am Ende hatten wir einen Plan:
Erst habe ich meine Büroarbeit gemacht, Milena hat sich als Bäckerin versucht, dann haben Pascal und ich die Kuchen weggebracht und sind anschließend gleich nach Andernach gefahren. Dort habe ich Pascal und sein Fahrrad ausgeladen und bin gleich weiter nach Langenfeld gefahren, nicht aber, ohne zu Hause noch die Autos zu tauschen. Eigentlich bin ich mehr „tief geflogen“ als gefahren, aber die Polizei hatte glücklicherweise ein Einsehen und hat auf die Aufstellung von Radarfallen an diesem Tag verzichtet. Vor allem aber war ich dankbar, dass Milena, seit einigen Wochen mit einem eigenen Auto „bewaffnet“, die Abholung von Pascal zugesagt hatte. Diese Sorge war ich also los.
Nun ging es auch gleich zurück Richtung Flughafen Köln-Bonn und ich erreichte den Check-In-Schalter fünf Minuten vor der Boardingzeit. Alles war perfekt.
Und mein Knie? Ich hatte es einfach vergessen, aber jetzt hat es wieder geschmerzt. Also einfach nicht mehr daran denken!

Am Kölner Flughafen hat mir die Sicherheitskontrolle nicht nur mein Haarspray aus dem Hangepäck in die „Gelbe Tonne“ entsorgt, auch mein Shampoo musste verschwinden. Haarspray läuft auch unter „Flüssigkeiten“ und dass das Shampoo fast leer war und nur noch die Mengenangabe für gefüllte Flaschen die 100ml-Grenze überstieg, interessierte niemanden. Übersehen haben die strengen Herren in dunkelblau, dass ich ein Messer in der Kulturtasche hatte. Ob mit Haarspraydosen schon Flugzeuge entführt wurden, weiß ich nicht, kleine Messer aber sind definitiv ein geistig-moralischer Anschlag auf die US-Sicherheitsgesetze. Das kleine Messerchen war übrigens das Messer, das ich beim Marathon des Sables (MdS) mitgenommen hatte und dort zur Pflichtausrüstung gehörte und ich wusste bis zur Rückreise nicht, dass es sich dort im Kulturbeutel versteckt hat. So ein Schlingel, aber ein Messer ist ja auch nur ein Mensch.

Welcher unselige Geist mich dann in Dresden geritten hat, als ich mich entschloss, nicht in Dresden zu nächtigen, sondern gleich den Zug nach Königstein zu nehmen, weiß ich nicht. Dieser Geist bescherte mir aber das mitleidige Kopfschütteln eines Hotelangestellten, der mir sagte, dass in Königstein wohl kein einziges Bettchen mehr zu bekommen wäre. Aber der Sachse war nett und er kümmerte sich dahingehend um mich, dass er ein paar Hotels in Nachbarorten anrief, um für mich eine bezahlbare Nächtigungsmöglichkeit zu finden.
Fündig wurde er in der schönen Kurstadt Gohrisch, etwa vier Kilometer weit entfernt. Ich hatte keine Lust, ein Taxi zu bitten, auch, weil es in Königstein gar keinen Taxistand gibt und die Taxen aus Pirna hätten geholt werden müssen. Und all das wegen vier Kilometern?
Wenn ich aber gewusst hätte, dass Gohrisch auf dem Berg liegt und drei dieser vier Kilometer steil ansteigend verlaufen, dann hätte ich es mir wohl überlegt, dorthin laufen zu wollen. Andererseits hilft Dir dieses Profil am nächsten Tag auf dem Rückweg.

In Gohrisch wechselten sich Ferienwohnungen mit Pensionen, Villen und Hotels ab und ich bekam im Parkhotel Margaretenhof ein nettes kleines Einzelzimmer, eigentlich mehr, als ich erhofft hatte. Und ich konnte ein wenig Carbo-Loading betreiben und habe zum Abendessen die chinesischen Mie-Nudeln gewählt und dazu eine große Flasche fast stilles Mineralwasser.
Das Frühstück war leider nicht läufergerecht, aber dennoch lecker und ausgiebig. Sicher habe ich wieder zu viel gegessen und meine Fettpölsterchen weiter verstärkt, aber das musste sein, um die Frühstücksmusik vergessen zu machen. „MDR 1“ lief da und ich hoffte, dass sich ein anderer Gast über diese Musik beschweren würde. Leider war ich so früh am Morgen der einzige Gast, also musste ich die Musik ertragen und immer beruhigend auf meine Ohren einreden.

Als ich dann beim Start ankam, war es noch immer kühl. Und es war noch einigermaßen leer dort. Von den rund 1.000 Marathonis waren noch keine 200 auf dem Platz und der Moderator bemühte sich mit Kräften, diese kleine Truppe bei Laune zu halten. Er interviewte einen Läufer in dem auffälligen Gelb des „100 Marathon Clubs“ und fragte ihn, der wie vielte Marathon das denn nun für ihn sei. „So Gott will, dass ich hier durchkomme,“ sagte er, „ist es mein 411 ter Marathon!“
Nun suchte der Moderator jemanden, der seinen ersten Marathon läuft und er wurde fündig bei einer Dame, die von ihrem ersten „Halben“ berichtet hat, den sie in 2009 in 2:12 Stunden gelaufen war. Ich weiß nicht, wie es ihr am Ende beim „Ganzen“ ging, aber ich habe mich gefragt, warum jemand den OEM als Premieren-Marathon auswählt. Üblich sind doch eher Stadtmarathons wie Frankfurt, Köln oder Berlin.
Nun sah mich der Moderator an und fragte mich nach meinen Läufen und ich antwortete artig, dass es mein 91. Marathon sein würde. Die nachfolgende Feststellung von ihm, dass ich es dann wohl in 2010 noch nicht in den „100MC“ schaffen würde, beantwortete ich mit dem Versprechen, dass es irgendwann im Sommer schon soweit sein sollte. Allein die Läufe, bei denen ich schon zugesagt habe, rechtfertigen diese Annahme.
(Kurz überlegt: der Brocken-Ultra am Wochenende bringt am Samstag die Nummer 92 und am Sonntag die Nummer 93, dann kommt der K-UT (Keufelskopf Ultra) als Nummer 94 und die Nummer 95 sollte die „TorTOUR de Ruhr“ bringen. Der Mittelrhein-Marathon und dann der Canyon du Verdon, die 24 Stunden von Rockenhausen, dann sollten es 98 sein – und der kleine Rest ergibt sich noch)

Ich habe dann noch ein wenig von der bevorstehenden TorTOUR de Ruhr erzählt und auch davon, dass es auch kürzere Strecken als die übermächtig erscheinenden 230 Kilometer gäbe. Aber als ich den Ausdruck „Bambini-Lauf“ für den 100km-Lauf verwendet habe, musste er schon ein wenig lachen. Ich durfte mich entfernen, so schien es zumindest.
Nun erzählte der Moderator, dass ja gerade eben erst der Wüstenlauf „Marathon des Sables“ geendet hätte und ich zeigte kurz auf und bekannte mich schuldig. Also musste ich wieder zu ihm und von der Wüste erzählen.
Später dann, als Achim auf das Startgelände lief, sagte ich zum Moderator, dass er auch in der Wüste gewesen wäre und so war auch sein Statement erwünscht. Warum er das eigentlich überhaupt nicht wollte? Na ja, vielleicht schreibt er das ja mal auf seinem BLOG.

Der Marathon selbst war eigentlich recht nett gemacht. Zumindest die ersten Kilometer sind traumhaft schön, wenn Du rechter Hand auf das Elbsandstein-Gebirge schaust, linker Hand ist die Festung Königstein, Du läufst Anfangs durch Waldpassagen mit ganz wenigen Häusern und es gibt ein einigermaßen welliges Profil. Später dann wird es flacher, die Bäume verschwinden und mit der zunehmenden Sonne wurde es heiß, richtig heiß. Und ich wurde braun. Die Grundfarbe aus der Wüste wurde aufgefrischt und mein Gesicht verwandelte sich innerhalb der wenigen Stunden in ein solariumverwöhntes Aufreisser-Gesichtchen.
Die Versorgung hätte besser sein können, dachte ich mir gelegentlich während des Laufs, vor allem die erste Wasserstelle ließ lange auf sich warten. Glücklicherweise blieb meine Sorge, dass die nächste Wasserstelle auch so weit entfernt sei, unbegründet und am Ende reihte sich Wasserstelle an Wasserstelle, immer eine gute Gelegenheit für mein „sprechendes Weichei“ in mir, es ein wenig gemütlicher angehen zu lassen.

Es war sowieso fatal: erst wollte ich langsam traben und hatte dem Moderator eine Zeit „knapp unter 4“ angekündigt, dann dachte ich, dass vielleicht doch etwas mehr drin wäre. Aber irgendwann wusste ich, dass ich definitiv nicht über die 4-Stunden-Marke kommen würde, eine gute Zeit aber auch nicht drin sei und ich mal wieder zeitlich im „Niemandsland“ enden würde. Und mein mit mir „sprechendes Weichei“ im Kopf sagte: „Ob 3:50 oder 3:59 ist egal – lauf locker weiter und schone Dich!“ Ich schonte mich also auf den letzten acht Kilometern und endete mit 3:57:23 Stunden, keine gute Leistung, wenn man bedenkt, dass ich eine Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:50:12 Stunden hatte.

Interessant fand ich am Ende noch die wunderschönen Villen von Elb-Florenz. Hier siehst Du Jugendstil-Architektur vom Feinsten und das gepaart mit Grundstücksgrößen, die Du sonst nur in Hollywood erlebst, einfach zauberhaft. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto mehr Menschen standen an der Strecke und applaudierten. Phasenweise hatten die Zuschauer aber wirklich gefehlt, außer in Pirna, wo wir eine große Ausgleichsrunde durch die Stadt zogen und diese Runde gesäumt war mit Menschen.

Und da war ein einsamer Brückenpfosten und wenn Du da ganz nach oben geschaut hast, dann hast du da eine Markierung erkannt. Die Markierung zeigte die „Gerhard-Schröder-Rettungslinie“, die Linie des Elbhochwassers aus dem August 2002, das den Sachsen so viel Leid und dem damaligen Bundeskanzler die Wiederwahl gesichert hat. Mann, war die Linie weit oben. Ich habe ja vieles über das Elbhochwasser gehört, aber diese hohe Linie hat mich doch erschreckt, auch jetzt noch, bald 8 Jahre nach diesem Jahrhundert-Ereignis.

Im Ziel war dann richtig Party. Das Wetter sorgte für gute Laune und zu den 1.000 Marathonis gesellten sich viele Tausend Halbmarathonis, 10km-Läufer und Walker, es gab Nudeln mit Tomatensauce, Erdinger Weißbier alkoholfrei, richtig gute und warme Duschen und eine Medaille, die wirklich schön ist. Schön und außergewöhnlich, ein Schmuckstück in meiner wirklich nicht allzu kleinen Sammlung.
Und es gab ein inspirierendes und motivierendes Gespräch mit einem anderen Ultra-Läufer, mit dem von mir so bewunderten Norman Bücher. Er war einer der Redner auf dem Läufer-Symposion vom Vortag, ich bin mit ihm den UTMB gelaufen und er war und ist immer einer, der seinen Weg im Ultra-Lauf geht. Gerade vom 160 Kilometer Himalaya-Lauf gekommen, ist er schon fast bei seinem langen Chile-Trip, der ihn in ganz besondere Gebiete der Erde bringen wird. Und spätestens in solchen Gesprächen weißt Du, dass es einerseits noch viel gibt, das auf Dich wartet und dass andererseits das, was Du tust, wirklich nur ein Anfang sein kann …

Das Messerchen im Kulturbeutel haben die Kolleginnen am Dresdner Flughafen gefunden. Aber während Du in Frankfurt oder Köln nur formale Antworten bekommst, schlug mir die Sicherheitsfrau vor, im Geschäft nebenan einen gefütterten Umschlag zu kaufen, eine Marke aufzukleben und mir dieses Messerchen an die Heimatadresse zu senden. Ich fand die Idee freundlich und kundenorientiert und habe in dem Laden die Kollegin gelobt. Die Verkäuferin in dem Laden lächelte nur und sagte: „Wir Sachsen sind eben nette Menschen!“
Ob beim Treppenmarathon in Radebeul oder beim OEM in Dresden – wo die Verkäuferin Recht hat, hat sie Recht.

Kill Bill …


„Kein idyllischer Landschaftslauf“
heißt es ja bei Michael Neumann, dem Organisator der Läufe HiLL50 und KiLL50, wobei der KiLL50 der „böse Bruder“ des HiLL50 ist. Um  diesem Titel gerecht zu werden, lässt sich der Racedirector auch immer lustige Sachen einfallen, die mir zugegebenermaßen schon ein wenig Sorge bereitet haben. Schon die Webseite (www.kill50.de) sorgt für ein gewisses Magenkribbeln, wenn da beispielsweise unter „Sponsoren“ steht:

Leider hat sich noch kein Sponsor dazu bereit erklärt den KiLL50 zu unterstützen.
Besonders interessant ware eine Werbeanbringung doch wohl für

  • Beerdigungsunternehmen
  • Taxiunternehmen
  • Physiotherapeuten

Danach folgen, wenn Du eine der begehrten Einladungen zu diesem Event ergattern konntest, eMails vor dem Lauf, die Dich auf die Tücken des Wettkampfes hinweisen sollen. Diese Mails haben dann dafür gesorgt, dass ich sicherheitshalber meine Lebensversicherung erhöht und meine weltlichen Dinge vor dem Lauf noch geregelt habe. Ein Glück, dass es wegen des möglichen Erbes nicht zu Familienstreitereien gekommen ist!

Du begreifst, dass es dunkel ist, dass es kalt sein wird und dass möglicherweise Jäger die Schwarzkittel jagen. Und Hildesheimer Jäger sind weder wählerisch noch scharfsichtig. Also kann es schon mal vorkommen, dass ein Läufer den Weg über die Jägersflinte in die gute klassische Hildesheimer Wildsauen-Wurst findet. Und Du begreifst, dass Du es wahrscheinlich auch nass sein wird und dass Du schlecht versorgt wirst, also trägst Du sicherheitshalber alles bei Dir, was Du zu essen und trinken und für Deine Lebensrettung brauchst. So schreibt Dir der Racedirector einen Kompass genauso vor wie eine Überlebensdecke, eine Trillerpfeife, Ersatzbatterien und andere Kleinigkeiten, die ich teilweise erst besorgen musste.

Und der Racedirector wird nicht wie bei anderen Läufern von Helfern begleitet, alle Mithelfenden – und das sind Junge wie Alte, die unermüdlich für die Läufer da sind, nennen sich Psychotherapeuten oder Psychologen und die braucht man schon, wenn man ein Rennen startet, das vom Sensenmann persönlich eingeläutet wird. Wohl dem, der Erfahrung im Umgang mit der Psychoanalyse hat.

Für mich war der Samstag von Anbeginn an ein Problemtag. Ein Kölner Kunde hat mich gebeten, ihm noch etwas zu bringen und so war das mein erster Termin, gleich morgens um 8.30 Uhr. Wer kann auch einem Kölner etwas abschlagen? Danach ging es nach Duisburg, wo ich einen zweieinhalb Stunden dauernden Termin hatte, für den ich aber nur 90 Minuten eingeplant hatte. Also musste es dann schnell gehen, aber ich war schon mehr als nervös, als das Navigationssystem meinte, dass ich erst um 16.18 Uhr dort in Hildesheim anlanden sollte und das Briefing begann um 16.00 Uhr, der Start sollte um 17.00 Uhr sein.

„Kein Briefing – kein Lauf!“ hatte Michael geschrieben und ich bin ja so fürchterlich gläubig. Und deshalb war ich auch fürchterlich nervös und hektisch und begann, Minute für Minute gegenüber der vorgegebenen Zeit einzufahren. Ich wusste schon, dass ich es wahrscheinlich schaffen würde, aber noch immer war ich in meinen zivilen Klamotten und ich hatte weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen. Mein Vorsatz, irgendwo anzuhalten, um mir ein paar Spaghetti zu bestellen, war unerreichbar und mein Magen knurrte schon, als ich endlich hektisch und nur wenige Minuten vor dem Briefing eintraf.

Das war schon schlecht für die Truppe, weil ich mich als erstes an der Kuchentheke zu schaffen gemacht habe. Leider gab es nur „Süßkram“, außerdem ein „Chili con carne“, aber Fleisch, das weißt Du, esse ich nicht. Und auch keine der kleinen Würstchen, die da rumlagen, also blieb es bei ein paar Kuchenstückchen. Noch nie bin ich nur mit Kuchenstückchen gefüllt bei einem Ultra gewesen. Aber irgendwann ist jedes Mal das erste Mal.
Umziehen, Brustwarzen abkleben, Compeed Pflaster präventiv um den kleinen rechten Zeh, meinen Problemzeh, kleben, die Blase des Trinkrucksacks füllen, alles ordnen, die Tasche wieder für die einzige Verpflegungsstation packen …
Es war hektisch und holprig. Und ich hatte nichts richtiges gegessen, der Puls wurde nicht angezeigt und ich war nicht sicher, ob ich mit der Wahl der Schuhe ein glückliches Händchen hatte. Alles andere also als eine gute und ruhige Vorbereitung auf diesen Lauf.

Beim Briefing habe ich nichts verstanden, nur so viel, dass ich mir sicher war, mit einem Kollegen laufen zu müssen, der den KiLL50 schon mal hinter sich gebracht hat. Martin Raulf kam mir da gerade recht. Ich glaube, dass er auch ganz froh war, nicht alleine den Schwarzkitteln gegenüber stehen zu müssen. Martin kannte ich ja schon von der 24-h DLV Challenge in Delmenhorst, vom UTMB, wo wir zusammen die Startunterlagen abgeholt hatten. Und ich kenne Martin von etlichen Mails, ein richtiger Glücksgriff, dass er da war. Auch Michael Eßer, mein Lauffreund aus Wesseling, war vor Ort, er wäre meine zweite Wahl gewesen.

Bedauert habe ich, dass Thomas Hildebrand-Effelberg genauso absagen musste wie Florian Bechtel, mit dem ich eigentlich beim KiLL50 über die große Herausforderung 2010, den „Petit Trotte de Leon“, den PTL, reden wollte. Diesen 230 Kilometer und 17.500 Höhenmeter starken Parcours rund um Chamonix laufen zu dürfen ist mir ein Herzenswunsch, aber es setzt eine Dreiergruppe voraus und dazu fehlen mir noch zwei Lauffreunde. Flo könnte und sollte einer davon sein, ein zweiter könnte vielleicht auch der schnelle Dirk Joos (www.luminati.de/dirk) sein. Da er aber noch nicht den UTMB gefinished hat, müssen zwei der drei Läufer UTMB Finisher sein. Na ja, heute habe ich glücklicherweise Kontakt nach Kanada bekommen zu einem Läufer, der dieses Abenteuer mit mir wagen will, fehlt noch „der dritte Mann“.

Der Lauf ist schnell beschrieben: das Wetter war zu gut für die Ankündigung, wir starteten bei heißen 6 Grad und auch in der Nacht sank das Thermometer nicht unter die Marke von warmen 2 Grad ab, zudem war es trocken. Von der Strecke siehst Du nicht viel, aber die Laufstrecke selbst geht viel durch den Wald, oft auf schmalen Single-Trails, für meinen Geschmack ist der Lauf ein „MUSS“ für ambitionierte Ultraläufer. Martin und ich liefen gemeinsam die ersten 50 Kilometer, aber bei mir kamen wieder die seit der Deutschen Meisterschaft im 100km Straßenlauf andauernden Schmerzen. Es beginnt mit einem Ziehen in der rechten Sehne der linken Kniekehle und dann gibt es einen permanenten Stich in die linke Seite, in etwa auf der Höhe des Beckens, leicht Richtung linker Po-Backe nach hinten versetzt.
Schon beim Hachenburg Marathon hatte ich diese Probleme und beim „schrägen O. Weg“ litt ich noch mehr darunter als jetzt in Hildesheim.

Dennoch erinnerte ich mich etwa bei km 35 an die Aussage von Michael, dass er auch die Läufer nach 50km werten wird und so beschloss ich, nichts zu riskieren, sondern, mit Martin Raulf auf dem 11. Platz liegend, nach 50 Kilometern auszusteigen. Weiter laufen hätte nur noch mehr Schmerzen gebracht und so weiß ich, dass ich jetzt erst einmal wieder einen Sportarzt aufsuchen muss, der sich mal ansieht, ob meine Statik überhaupt noch stimmt.

Ich bin bis jetzt noch nicht sicher, ob ich stolz auf mich sein soll, dass ich so vernünftig war oder ob ich traurig sein soll, weil das vorzeitige Ausscheiden meinem Ego nicht schmeichelt. Was mich aber tröstet, ist, dass ich dort wunderbare Menschen kennen gelernt habe. Einige davon, vor allem diejenigen, die mit Michael Eßer, Martin Raulf und mir auch noch die 230 Kilometer der „TorTOUR de Ruhr“ laufen, kannte ich bislang nur dem Namen nach. Jetzt kann ich diesen Namen ein Gesicht zuordnen.
Und ich habe den Racedirector Michael kennen gelernt, den ich auch sehr schätze. Und wenn er mich auch ein wenig schätzt, dann lädt er mich in der Zukunft auch noch einmal zu seinen Läufen ein, obwohl ich diesen Lauf nicht zu Ende gebracht habe.

Bitte, lieber Racedirector, bitte …

Mt. Everest Treppenmarathon 2010 …

Mt. Everest Treppenmarathon 2010

Mt. Everest Treppenmarathon 2010

Seit dem 1. September kann man sich für den „Mt. Everest Treppenmarathon 2010“ anmelden, schon jetzt sind 19 von 60 Startplätzen vergeben.
Und schon jetzt fallen mir zwei Namen auf:

Lars Schläger aus Bünde und Walti Schäfer St. Gallen in der Schweiz.

Lars begleitet mich dabei schon mehr als ein Jahr. Zuerst sind wir beim TransAlpineRun 2008 (TAR 2008 ) zusammen gelaufen. Zusammen? Natürlich lief jeder in seinem Zweier-Team, ich mit meinem lieben Laufpartner Heiko und Lars mit seinem getreuen Laufpartner Hans.
Hans und Lars habe ich dann beim „Mt. Everest Treppenmarathon 2009“ wieder getroffen und die Freude war groß. Beim TAR haben wir nur wenig Zeit gehabt, miteinander zu reden, das ist beim Treppenmarathon schon anders, immerhin sieht man sich auf jeder der 100 Runden zwei Mal, einmal aufsteigend, einmal absteigend.
Am Anfang grüßt Du noch artig jedes Mal, aber das legt sich dann …

Beim Rennsteiglauf habe ich Lars und Hans dann wieder gesehen, wie immer eher zufällig als geplant. Und beim 24-h Lauf in Delmenhorst waren die beiden dann auch am Start. Beide liefen damals in der offenen Wertung mit (Burginsel-Lauf), ich lief auf der anderen Bahn in der DLV-Challenge, aber wie zwei Ringe gab es einen Teil, der parallel lief und wo man sich regelmäßig sehen und austauschen konnte.

Dass ich Lars und Hans dann in Chamonix wieder traf – oder besser: die beiden sahen und riefen mich aus der Pizzeria heraus zu sich – war die Krönung von langen gemeinsamen Lauferfahrungen, die dann dadurch gekrönt wurden, dass Lars und ich den letzten Berg vor Chamonix gemeinsam heruntergelaufen sind.

Und nun treffen wir uns spätestens wieder beim „Mt. Everest Treppenmarathon 2010“, die Läuferwelt ist doch wirklich klein!

Und Walti Schäfer? Er ist einer von zwei Organisatoren des wunderschönen Etappenlaufs „TransSwiss“, der 438 Kilometer lang durch die schöne Schweiz geht. Gerne wäre ich dieses Jahr dabei gewesen, aber das Mammut-Programm hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nicht nur, dass mir das alles nach dem SwissJura und dem UTMB zu viel geworden wäre, meine gelegentliche Präsenz im Büro ist auch von Nöten. Zuletzt habe ich auch noch mehr Wünsche als Geld – und der „TransSwiss“ wird mich sicherlich noch irgendwann sehen.

Ich war also bei Walti für den „TransSwiss 2009“vorangemeldet und mit ihm und bei ihm habe ich die Entscheidung getroffen, trotz toller Mitläufer nicht dabei zu sein. Und wenn ich also schon nicht in die Schweiz komme, um mit Walti zu laufen, dann kommt Walti eben nach Deutschland, um mit mir zu laufen. Das ist ja auch nicht schlecht, oder?

Ich jedenfalls fiebere den kommenden 8.848 Höhenmetern und den anstrengenden 84,4 Kilometern in nur 24 Stunden maximale Laufzeit entgegen. Und ich weiß eines:

2010 werde ich diesen Lauf schaffen! Garantiert!

Volksfest statt Volkslauf in St. Ingbert

„Soli-Lauf“ hieß er offiziell, „so nie – Lauf“ würde ich ihn nennen.

Ausgeschrieben war er als 24-Stunden-Lauf, aber ich hatte glücklicherweise an diesem Tag niemals das Verlangen, mehr als 5 bis 6 Stunden zu laufen. Und selbst diese Vorgabe habe ich schon in der ersten Laufstunde schnell Richtung „Marathon“ nach unten korrigiert.

Schon das „Mühlwald-Stadion“ in St. Ingbert hatte seine Tücken. Dort, wo gewöhnlich Fußballspiele der untersten Fußball-Ligen entschieden werden, war vieles alt und renovierungsbedürftig, die Umkleideräume waren genauso weit weg von der Laufbahn wie die Toiletten. So stand ein Toilettenwagen außerhalb des Stadions auf dem Parkplatz, gut für die zahlreichen Zuschauer, schlecht für die ambitionierten Läufer.

Die 400-Meter-Bahn, auf der alles stattfinden sollte, erwies sich als eine unebene, mit Erde aufgefüllte Staub-Bahn, auf der viel Gras wuchs. Dabei war die Strecke so uneben, dass an ein kontrolliertes Runden laufen nicht gedacht werden konnte. Aber das wäre sowieso nicht möglich gewesen, weil der Lauf mehr einen Volksfest-Charakter hatte und keine Ambitionen darauf hatte, irgendwann ein beachtetes Lauf-Event zu werden.
Schon im Vorfeld fiel mir auf, dass es sehr viele und riesengroße Staffeln, aber nur sehr wenige Einzelläufer gab. Wenn ich nun erwartet hätte, dass eine Staffel sich die Zeit auf der Bahn wie auch immer teilt, dann war ich vollkommen auf dem Holzweg. Manche Staffeln hatten zehn oder fünfzehn Läufer gleichzeitig auf der Bahn – oder auch mal gar keinen.
Und von Läufern kann nur bedingt gesprochen werden.
Zwei Mütter mit Kinderwagen waren spazieren gehend genauso auf der Strecke wie Nonnen in ihren Roben, es gab viele Nordic Walker und noch mehr Fußgänger und Dutzende von Kindern, die auf der Laufstrecke gerauft oder fangen gespielt haben, meist gegen oder quer zur Laufrichtung.
Und nur die wenigsten haben der Bitte der Organisatoren entsprochen, die Innenbahn frei zu halten. Gerade am Anfang dachte ich mehr an Slalom als an kontrolliertes Laufen.

Natürlich war auch die Politik vertreten. In der „heißen Phase“ des Wahlkampfs wollten fast alle großen Parteien Flagge zeigen. Warum tun die das eigentlich nicht, wenn gerade mal keine Wahl ansteht?
Die Linken wurden von zwei Damen repräsentiert, die Werbung für das LafonTEAM machten und auch so ganz adrett aussahen. Gelaufen sind die beiden aber eher wenig.

Die Jungen Liberalen (JuLis) waren mit dem FDP-Regionalboss Oliver „Olli“ Luksic gemeinsam in einer großen Truppe unterwegs. Allerdings redeten sie ununterbrochen von Politik und waren auch nur Spaziergänger. Ob der Spitzenkandidat so bis Sans-Souci spazieren will? Mit einem aber redete keiner der Parteien: mit den anderen Läufern, warum auch, wir sollen ja nur unser Kreuzchen machen …
Die CDU war mit einer großen Truppe angereist, alle hatten orangene Leibchen an, Poloshirts aus Baumwolle, ideal zum Laufen. Nur einer der CDU-ler war wirklich ein Läufer, der Rest war eher von der Walker-Fraktion. Da die CDU aber weniger Teilnehmer aufweisen konnte wie die SPD hat die CDU dafür gesorgt, dass das Gesamtgewicht der Läufer der CDU das der SPD-ler dennoch weit übertroffen hat.

Die SPD war mit einer jungen Truppe vertreten, ganz sicher die größte politische Gruppe überhaupt, die die lokale Bundestagsabgeordnete Astrid Klug unterstützten. Astrid Klug hielt vor dem Start noch eine unvermeidliche Rede, gelaufen ist sie aber nicht. Dafür gab es in ihrer Truppe einige wirklich gute Läufer, schnell und ausdauernd. Diesen politischen Wettbewerb hat also die SPD klar für sich entschieden. Das ist ein echter Trost, wenn man schon keine Wähler mehr hat, oder?

Eines gab es dort wieder, was wir Läufer auf unseren Veranstaltungen meist vermissen: Raucher! Und davon gab es reichlich. Und sie rauchten überall, selbst auf der Laufstrecke. Am liebsten waren mir die Raucher, wenn sie in Gruppen von acht oder zehn Personen nebeneinander auf der Bahn spazierten und aus dem Lauf ein echtes Hindernisrennen gemacht haben.

Und da gab es noch junge Männer, die ein spezielles Training absolvierten. Gelegentlich laufe ich ja mit Bleiweste oder mit Bleigewichten an den Armen, um meine Muskeln zu stärken. Diese Jungs liefen auch mit Gewichten in der Hand. Das war nett anzusehen. Schade war nur, dass diese Gewichte flaschenförmig und mit Bier gefüllt waren. All das waren echte Motivatoren, die dafür gesorgt haben, dass Du über alles nachdenkst, nur nicht über Dein Laufen.

Das Bild vervollständigt hat sich aber dadurch, dass es außer Apfelstückchen, Wasser und einem Eistee keinerlei Verpflegung gab. Was wäre gewesen, wenn ich vorgehabt hätte, hier 24 Stunden zu laufen? Wie aber willst Du Dich als 24-Stunden-Läufer selbst versorgen?

Dass bei dem Lauf die Zeitnahme-Chips von „meisterchip.de“ manche Runde doppelt aufgezeichnet hatten und ich daher bis jetzt nicht weiß, wie weit ich in den 5 Stunden gekommen bin, die ich laufend unterwegs war, passt noch ins Bild dieser Veranstaltung.
Ich hatte ja schon während des Laufs entschieden, nur 106 Runden zu laufen, was 42,4 Kilometern entsprochen hätte. Nun hing irgendwann ein Zettel im Start/Ziel-Bereich, dass die Zeitnahme in den ersten zwei Stunden wohl nicht richtig funktioniert hätte und mir wurde angedeutet, dass vier oder fünf Runden abgezogen werden könnten. Dazu weiß ich, dass ich mindestens zwei Runden gemacht habe, wo das System mich nicht gezählt hatte (der Rennleiter begleitetet mich auf einer Bahn, weil ihm der Ausfall des Zählsystems bei mir aufgefallen war) und ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass ich nach der Korrektur mit einem Wert gewertet werde, der unterhalb der Marathon-Distanz lag. Deshalb lief ich über die 106 Runden hinaus noch 12 weitere, damit ich auf meiner GARMIN GPS Uhr und auch dort genug Sicherheit hatte, dass hier nichts passieren kann. Mal sehen, mit welchem Wert ich wirklich gewertet werde. „meisterchip.de“ sagt über sich selbst „Die besondere Art der Zeitmessung!“ Gut gebrüllt, Löwe, sage ich.

Ich habe mich wirklich gefragt, ob ich schon so abgehoben vom normalen Leben bin, dass ich von diesen Zuständen derart schockiert war? Oder ob die Veranstalter in ihrem Ehrgeiz, möglichst viele Spendengelder zu akquirieren, den Lauf vollkommen vergessen hatten? Es ist halt oft das Gleiche: wenn die Veranstalter selbst keine Läufer sind, dann werden auch die Bedingungen, die geschaffen werden, den Läufern nicht gerecht.

Alles in allem war es eine Veranstaltung, die unter der Rubrik „GUT GEMEINT“ abgehakt werden sollte. „GUT GEMACHT“ aber wäre mir erheblich lieber gewesen.

Vorerst mein letzter Eintrag …

– auf in die Schweiz, auf nach Genf!

1

Ganz viel Ehre: gleich drei Regionalzeitungen berichteten über meinen 24-Stunden-Lauf in Delmenhorst.
So lange laufen! Das ist offensichtlich total spleenig für den Durchschnitts-Deutschen.
Mir soll es recht sein …

3

Wahrscheinlich ist das für eine gute Woche mein letzter Eintrag. Ich glaube nicht, dass ich von der Schweiz aus diesen Blog bedienen kann.
Dafür berichte ich nach dem SwissJuraMarathon von 350 Kilometern Abenteuerlauf. Ich sage: „Tschüss bis Mitte Juli!“

2