BRAVEHEART-BATTLE: die letzten Updates vor der Schlacht …

BraveheartBattle 2010 – hart, härter, Braveheart!

Die heiße Phase der Schlachtvorbereitungen für den Braveheart Battle 2010 hat begonnen, denn es sind nur noch 3 Tage bis zum Start dieses Extremlaufs.
Langsam bekommen wir Klarheit über das Wetter – es wird richtig gut: eiskalt, windig, eklig, vielleicht wird es in Franken sogar schneien, soll doch keiner sagen, dass wir es kuschelig warm hatten!
Und wir kennen jetzt die Strecke: es ist ein 18,64 km langer Laufparcours ausgewiesen und wir Läufer des Braveheart Battle 2010 müssen uns warm anziehen:


an 33 Folterstationen müssen wir beweisen, dass wir wahrlich echte Bravehearts sind und wir müssen uns mit Tapferkeit, Mut, Ausdauer und absolutem Siegeswillen durch den Höllentrip kämpfen. Ab dem Startschuss am Samstag um 12:00 Uhr bleiben genau 6 Stunden Zeit, um die Strapazen des Rockstar Braveheart Battle 2010 zu bewältigen und die „Medal of Honor“ zu erkämpfen.

6 Stunden? Beim ToughGuy, der ähnlich lang ist, habe ich kaum mehr als 120 Minuten gebraucht! Wenn ich mich also auf 360 Minuten einstellen muss, dann bedeutet dies, dass ich noch mehr frieren werde. Vielleicht sollte ich heute Abend und auch noch bis zum Start am Samstag ordentlich essen, um mir noch eine wärmende Speckschicht anzufuttern, damit ich diesem Problem Herr werde?
Beim Zielfoto allerdings sollten die Speckröllchen wieder weg sein, immerhin könnte ja jemand die Fotos ansehen und erstaunt rufen: „Schau mal da, Dickie Tom!“

Bereits jetzt freue ich mich auf die die Braveheart Battle-Partys vor und nach dem Lauf. Wenn diese nur halb so professionell sind wie die des StrongManRuns, dann werde ich mich doppelt freuen, dass ich auch noch von Samstag auf Sonntag in Münnerstadt schlafen werde. Schade nur, dass ich – entgegen dem StrongManRun – hier wohl nicht in die VIP-Zelte gehen darf. Oder hat einer der vielen Götter im Himmel ein Einsehen mit mir und lässt eine VIP-Karte vom Himmel fallen?

Ich werde schon am Freitag Nachmittag ins Frankenland fahren und habe mir für zwei Nächte eine Bleibe gebucht. So kann ich mich am Samstag früh gut auf die Schlammlöcher vorbereiten, auf den 6,5 m hohen Wall und auf die rutschigen Seilstege. Aber ich hoffe doch, dass die 6,5 Meter optimistisch gemessen wurden und wir alle nach dem Lauf feststellen, dass das „keine 20 Zentimeter“ waren, die 32,5 Mal diese 6,5 Meter ergeben sollten.

Ich werde mich dann mit einer ganzen Dose Melkfett einreiben, meine ToughGuy Handschuhe reaktivieren und mich in alte Laufklamotten werfen, bei denen es nicht schade ist, wenn ich hier oder da ein Löchlein ins Gewebe reiße.
Den Lauf selbst werde ich sehr bedächtig angehen, um Zeit zu haben, vor den Kameras zu posieren. Außerdem muss ich meine Kraft einteilen, weil ich am Sonntag ja noch einen kleinen „Bonbon“-Lauf absolvieren möchte.

Die Reihenfolge der Hindernisse des Braveheart Battle 2010:

1. Schäferswand „Brave Wall“: Ein höllisch hohes Kletterhindernis eröffnet den Braveheart Battle 2010 Parcours und macht uns Braveheart-Anwärter sogar insgesamt 4 mal schwindelig.
2. Direkt danach zwingt uns der „Creep Trench“ für 50 m auf die Knie. So schön haben wir noch nie gebetet!
3. Schweißtreibend sein wird es sein, wenn wir uns durch das Kriech- und Kletterhindernis „Hell Pipes“ / Seger-Tunnel kämpfen. Wir Kampf-Säue werden dort ein ständiges „Auf und Nieder“ erleben.
4. Das Stufenhindernis „Step Peel“ bringt uns Himmelsstürmer dann dem Braveheart Battle Himmel entgegen und dem Sieg einen Schwertschlag näher. Schlimmer als der „Sächsische Mt. Everest Treppenmarathon“ kann das nicht werden!
5. Danach wird endlich ein wenig gelaufen. Nach einer längeren Strecke an der Lauer entlang, auf der wir richtig Tempo machen können, müssen wir den Fluss über die „Soapy Ropes“ von überqueren – wer hier fällt, holt sich mehr als nur nasse Füße. Aber wer fällt, der fällt wenigstens auf.

Dann ist Halbzeit des Braveheart Battle 2010. Bestimmt bekommen wir dann einen Pausentee und vom Inspektor einen ordentlichen Einlauf. Schon jetzt höre ich die melodische Stimme des Drill Inspektors, der, um die säuselnde Stimme zu schonen, durch ein auf „extrem laut“ gestelltes Megaphon ruft: „Los Ihr Luschen!“. Und damit sich diese freundliche Botschaft bis in die Zehenspitzen verteilt, hält der Coach jedem einzelnen der ermatteten Tee-Trinker dieses röhrende Megaphon direkt ans Ohr. Das Klingeln im Kopf wird uns dann in die gesamte zweite Hälfte begleiten …

Dann wird die Kampflaufstrecke auf der anderen Flussseite ohne weitere Hindernisse zurückgelaufen, wie schade. Aber zum Glück droht an der Verpflegungsstation der Kampf um Wasser, Obst und isotonische Getränke. Wer Glück hat und etwas davon abbekommt, der darf am Ende dieser Braveheart Battle Etappe noch einmal die Hindernisse 3, 2 und 1 bezwingen.

6. Mit einem „Riverdance“ – Tanz über den Fluss – geht es weiter bei Station 6: nur wer seine innere Balance erlangt, kommt trocken über die rutschige Dünisch-Brücke. Ich glaube, ich setze mich dort im Schneidersitz auf das Holz, falte meine Hände zur Meditation auseinander, lasse ein tiefes „Ommm“ durch den Körper jagen und stehe erst wieder auf, wenn ich so viel innere Balance gefunden habe, dass ich über diese Hürde fliegen kann.
7. Direkt danach folgen die „Straw Hump“ Swinger-Barrikaden: Münnerstadts „rote Meile“ besteht aus mehreren Strohballen verschiedener Höhen. Offensichtlich wissen die Münnerstädter also nicht, dass Swinger ihr Glück nicht unbedingt in Strohballen suchen.
8. Bis wir Braveheart-Möchtegerns uns wieder bei einer langen, geraden und hindernisfreien Sprint-Strecke erholen können, kommen wir erst noch zum „Hoop Tomb“, der „Knochenbrecher“-Hürde.
9. Eine wahrlich große Herausforderung des Braveheart Battle 2010 wird der enorm kräftezehrende Quad-Schwarz-Graben, „Death Valley“ genannt, bei dem es durch einen unwegsamen Hohlweg 3,5 km steil bergauf geht. Dagegen wird mein Juni-Trip zum „Canyon du Verdon“ ein wahres Zuckerschlecken sein. Aber Zucker kann sehr gefährlich sein …
10. Zum Abkühlen dürfen wir dann durch die „Sludge Zone“ kriechen, durch 50 m Schlamm. Das klingt irgendwie eklig. Zwar hat Mutti gesagt: „Dabei sein ist alles!“, aber sie hat auch gesagt, dass ich mich nicht schmutzig machen soll.

11. Danach wartet das  „Straw Hump“ Strohhindernis, die Reichenbacher Barrikaden, errichtet von der Reichenbacher Dorfjugend, auf uns, der ideale Hautkitzel, bevor wir anschließend durch den Reichenbacher Schlammsee getrieben werden. Den Schlamm seh’n im Schlammsee …, aber „Dabei sein ist alles!“
12. Das „Loch Ness“ ist nur für Braveheart-Schwimmer geeignet. Mitte März bietet es sicher eine erholsame Badetemperatur, zumindest wird das Wasser ein halbes Grad wärmer sein als die umgebende Luft – diese Schikane wird von den Fischfreunden aus Reichenbach betreut. Vielleicht sollte ich mir von meinem Vater doch die Angelrute leihen und dort nach Fischen und Ertrinkenden fischen?
13. Beim Outdoor-Extrem-Berglauf „Hamburger Hill“ auf 380 m quer durch den Wald wird es uns Braveheart Battle 2010 „fast schon“ Bezwingern sicher schnell wieder warm werden – der eine oder andere wird aber vermutlich auf der Strecke bleiben, das ist aber auch wichtig, damit die Nachfolgenden die Gestrauchelten nach dem Weg fragen können …
14. Die Bad Kissinger Höhe wird masochistischen Läufern mit Sicherheit „ein königliches Vergnügen“ bereiten. Hier verteilt der Slalomparcours „Iron Curtain“ leichte elektrische Schläge an ungeschickte Braveheart Battle Torkler. Beim ToughGuy gab es diese Stromschläge auch. Sie sind preiswerter als die Qual im örtlichen S/M – Studio, also ran an die Fäden: „Gimme more, more, more, more, more …“
15. Zu guter Letzt geht der Spaziergang wieder in das beschauliche fränkische Städtchen Münnerstadt zurück, doch muss erneut ein Braveheart Battle 2010 Schlammhindernis durchquert werden, die „Funk Holes“ der Gessner-Gräben. Langsam glaube ich doch, dass ich nicht vollkommen sauber bleiben kann. Mutti wird sich ärgern …

Bevor der kräftezehrende Rückweg beginnt gibt es noch eine erneute „Schlacht am kalten Buffet“. Zwar gilt da: „All U Can Eat“, aber nicht jeder wird zwei, drei Stündchen verweilen können, um dieses Angebot auch ausgiebig zu nutzen. Vielleicht, ganz vielleicht, haben die Betreuer der Verpflegungsstelle auch einen DELIVERY SERVICE? Sicherheitshalber schreibe ich die Adresse und die Zimmernummer meines Hotels mal auf ein Zettelchen, das ich dort liegen lasse. Wer weiß, am Ende bekomme ich noch abendlichen Besuch vom Pizza-Buffet-Man?

Nach der ausgedehnten Mittagspause am „All U Can Eat“-Stand geht es über die Folterkammern 11 – 6 zurück nach Münnerstadt und noch einmal am Fluss entlang über die Stationen 2, 3, 4, 5 sowie 3 und 2. Wenn ich es dann, noch vollgefuttert von dem Mittags-Buffet, erneut über die mörderisch hohe Schäferswand „Brave Wall“ schaffe, dann bin ich verdient im Braveheart Battle 2010 Himmel angelangt, schnappe mir die begehrte „Medal of Honor“ und trinke den Veranstaltern den ganzen Rest an ROCKSTAR-EnergyDrink leer.

Und ich werde feiern und mich derart daneben benehmen, damit die Veranstalter mich im nächsten Jahr auf keinen Fall erneut einladen.
Der gute Eindruck, den ich noch vor dem Lauf gemacht habe, wird dann weg sein, die „Medal of Honor“ aber wird bleiben!

Was will ich mehr?

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ … wie Milan Kundera schreiben würde

Gotthold Ephraim Lessings Selbstbild:

„Ich bin weder Schauspieler noch Dichter. Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letztern zu erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht freigebig folgern. Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farbe verquistet, ist ein Maler (. . . )
Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich empor arbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt:
ich muss alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauf pressen.

Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremden Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrüßlich geworden, wenn ich zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. (. . . )
Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die Krücke unmöglich erbauen kann.“

(Hamburgische Dramaturgien, 1768)

(vergrößern durch klicken ins Bild!)

Ich habe 1982 über Gotthold Ephraim Lessing meine schriftliche Deutsch-Abiturarbeit geschrieben und die obige Passage hat mich damals wie heute bewegt. Immerzu gehen diese Sätze durch meinen Kopf, immer, wenn ich mich „nicht gut genug“ für etwas fühle, wenn ich denke „nicht genug“ zu sein, aber auch, wenn ich gelobt werde, weil manche meinen, mir würde das, was ich tue, leicht fallen.
Tut es aber nicht, ganz im Gegenteil.

Ob es im Beruf ist, in der Partnerbeziehung oder beim Laufen: ich muss mir alles hart erarbeiten, härter als manche andere. Auch ich muss alles, was ich denke, sage und tue, aus mir herauf pressen und so fehlt mir die Leichtigkeit und die Souveränität, die ich bei vielen Freunden bewundere und um die ich viele Menschen beneide. Etwas aus sich herauf zu pressen, um es zu verwenden, heisst auch, etwas bewusst zu tun und damit verweilst Du stets in der dritten Kompetenz-Stufe: der der bewussten Kompetenz.

Und Du bewunderst und beneidest die Menschen, um Dich herum, die alles, was sie tun, in der vierten Kompetenz-Stufe erledigen: der der unbewussten Kompetenz. Die haben die „Leichtigkeit des Seins“ entdeckt, während Du ständig grübelst. Die ruhen in sich, während Du rastlos getrieben bist. Und bei diesen Menschen fügt sich am Ende alles zum Guten, während Du Dir mal wieder eingestehen musst, etwas gut gemeint, aber eben nicht wirklich gut gemacht zu haben.

Es muss so schön sein, „das Händchen“ für Situationen zu haben und so erbauend, zu wissen, dass alles in einem ruht und man diese Quelle stets aufrufen kann, ohne sich dessen immer im Klaren zu sein. Wenn Du immer nachdenkst, alles durchdenkst und analysierst, dann weißt Du immer, was Dir fehlt. Und was andere Dir voraus haben. Und Du schaust diesen Menschen hinterher und beneidest sie heimlich.
Das war schon in der Schule so, wo Du immer den Eindruck hattest, mehr lernen zu müssen als die, denen alles „zufliegt“ und dennoch öffneten sich für Dich nicht immer die Türen, die anderen weit offen standen. Du bist ein Mensch, der zweifelt und fragt, der grübelt und der dennoch kein gerades Ziel hat. Gerade wir Läufer wissen, wie viel Energie verloren geht, wenn Du nicht schnurstracks und geradewegs auf Dein Ziel zuläufst. Du kannst so schnell sein, wie Du willst, Du wirst nicht als Erster ankommen können, wenn Du Umwege läufst. Aber wer weiß schon immer genau, wo das Ziel im Leben ist?
Du weißt es nicht immer, aber Du siehst, dass andere es immer im Blick haben.

Es fällt Dir auch so unheimlich schwer, dem nachzueifern, weil Dich mal wieder ein Steinchen im Schuh zum Halten zwingt und wieder ist der andere weiter. Du begegnest den Steinchen im Schuh mit Gamaschen, aber das hilft nicht. Die Steinchen im Schuh wollen einfach zu Dir, immer zu Dir.


Das ungefähr ist mein Glaubensbekenntnis im Leben, mein Bild der Welt, undifferenziert und vage. Und dann höre ich Adel Salah Mahmoud Eid El-Tawil, die männliche Stimme von „Ich & Ich“ singen und er fasst meine Gedanken so schön in einem Lied zusammen und ich erkenne „Einer von Zweien“ zu sein. Der Liedtext ist so treffend, dass ich mir kleine Tränchen aus den Augen wische, schweigend nicke und denke, dass dieses Lied genau das ausdrückt, was ich sagen wollte. Und ich suche auf YouTube nach „Einer von Zweien“ und lese in den Kommentaren, dass ich mich in guter Gesellschaft befinde. „Einer von Zweien“ heißt ja auch, dass es rund 41,5 Millionen Leidensgenossen gibt. Diese Gefühle sind es, die uns von Seminar zu Seminar treiben, die uns Bücher lesen lassen, um zu lernen zu verstehen, warum etwas so ist, wie es ist. Aber „verstehen ist der Trostpreis im Leben“, wie der Psychologe Jens Corssen immer sagt.

Der Text des Liedes „Einer von Zweien“:

Einer von zweien
liebt immer etwas mehr
Einer von zweien
schaut immer hinterher
Einer von zweien
fühlt sich schwer wie Blei
und der Andere (der Andere)

Einer von zweien
hat ein Stein im Schuh
Einer von zweien
traut sich nicht so viel zu
Einer von zweien
versuchts gar nicht erst
und der Andere (der Andere)

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

Einer von zweien
grübelt zu viel
Einer von zweien
hat kein gerades Ziel
Einer von zweien
trägt eine Last mit sich rum
und der Andere (der Andere)

Einer von zweien
hat ein ganz dünnes Fell
Einer von zweien
friert so schnell
Einer von zweien
hat schon nichts mehr im Glas
und der Andere (der Andere)

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür


Und ich muss weiter hart arbeiten und alles aus mir herauf pressen, muss mich weiter „bewusst kompetent“ durch die Klippen des Lebens bewegen und ständig versuchen, die „Leichtigkeit des Seins“ zu erreichen. Aber das schafft eben nur „Einer von Zweien“. Ob ich das irgendwann auch schaffe?

Noch 369,6 Kilometer – dann wäre im März gut gesät

März 2010, die letzten 31 Tage vor dem Abflug nach Casablanca zum MdS. Und wieder habe ich zwei Tage verstreichen lassen, ohne etwas zu tun. Und wieder hat mein schlechtes Gewissen dafür gesorgt, dass ich schlecht geschlafen habe. Und wenn ich schlecht schlafe, dann träume ich mehr. Oder ich merke mir meine Träume besser.
Heute Nacht habe ich von Kamelen geträumt, Kamele, die eng verwandt mit Schafen waren. Voller Wolle, aber in der Wüste.

Nach dieser Nacht, nach diesem Traum habe ich eine Entscheidung getroffen: ich will im März 2010 insgesamt 400 Kilometer laufen, Training und Wettkampf zusammen. Das sind rund 13 Kilometer pro Tag, also durchaus nicht allzu viel. Und weil ich gestern und vorgestern keine Zeit fürs Laufen hatte – oder mir das zumindest eingeredet habe – musste ich heute etwas länger ran. Da traf es sich gut, dass mich mein Söhnchen Pascal gefragt hat, ob ich ihn auf 18.00 Uhr zum Training fahren könnte. Weiter fragte er, ob ich ihn von seiner „Herz-Dame“ um 21.00 Uhr abholen kann.

Das passt doch perfekt, dachte ich und nutzte diese Zeit, um in 2:41 Stunden 30,4 Kilometer abzuspulen. Und das war so schön. Ich habe mich für die Strecke von Bad Neuenahr Richtung Altenahr entschieden, wieder über den engen Bergtrail, der laut der Warnschilder „sehr gefährlich“ ist. Sehr gefährlich ist er aber nur für ältliche Kurgäste, für unsereins ist der Trail geradezu ideal.
Beim Laufen erinnerte ich mich an die beiden letzten Male, als ich diesen Trail gelaufen bin. Das war bei den beiden Schneeläufen an den Wochenenden vor nicht allzu langer Zeit. Damals war ich nach 35,5 Kilometern vollkommen fertig gewesen, sicher auch dem tiefen Schnee geschuldet.
Und ich war langsam, sehr, sehr langsam.

Aber heute konnte ich endlich wieder große Schritte machen, Tempo genießen und sehr konstant laufen. Nach einer Stunde hatte ich 11,4 Kilometer auf dem Garmin 310, nach zwei Stunden hatte ich 22,7 Kilometer hinter mir. Wenn das keine Konstanz ist … ich war begeistert. Es war noch hell, als ich startete und kurz vor dem Wendepunkt wurde es dunkel. Insgesamt lief ich genau 13 Kilometer Richtung Altenahr, bis ich zur Wende ansetzte. Weil ich aber viel zu früh wieder am Auto gewesen wäre und ich meinem Lieblings-Sohn keine der kostbaren Minuten bei der „Herz-Dame“ rauben wollte, andererseits hatte ich auch keine Lust, vor dem Haus auf ihn zu warten. Also lief ich am Auto vorbei und lief noch gute zwei Kilometer weiter bis in die Bad Neuenahrer Innenstadt und eben wieder zurück.
Mein Ziel war es, die 30 Kilometer voll zu machen, da ich aber noch bis zum Bad Neuenahrer Steigenberger Hotel laufen wollte, kam ich am Ende 400 Meter weiter und damit sinkt mein März-Soll auf 369,6 Kilometer.

Sorge hatte ich, als während des Rückwegs mitten auf dem Trail, mitten im dunklen Wald auf einem engen Trail, wo es links steil bis zur Ahr heruntergeht, das Kopflicht anfing zu blinken, wahrscheinlich, um mir zu sagen, dass die Batterien bald leer sind. Ich stellte mir vor, was passieren würde, wenn es plötzlich dunkel würde. Nicht, dass ich nicht nach Hause gekommen wäre, aber ich hätte auf „gehen“ schalten müssen und das hätte ich, so kalt wie es war und so nass geschwitzt wie ich war, mit Frieren bezahlen müssen. Aber die Batterien hielten und ab Ahrweiler war die Strecke auch wieder beleuchtet.

Morgen werde ich nicht laufen können, also muss ich am Freitag zumindest die 26 Kilometer für morgen und übermorgen und die 9 Kilometer, die ich aktuell noch hinter dem Soll bin, laufen, also 35 Kilometer. Aber die werde ich deutlich langsamer laufen als heute.

Hurra, ich freue mich darauf!

Die Nacht der Entscheidung in Lilienthal …

Vor dem Marathon des Sables, dachte ich Mitte der Woche, sollte ich wenigstens ein Mal noch eine der “langen Kanten” laufen. Im Februar und März allerdings gibt es nicht allzu viele Alternativen. Da gibt es am 7. März den 6-Stunden-Lauf von Stein/NL, aber das ist eher zu wenig, vielleicht 60 km, vielleicht ein wenig mehr. Und es gibt den schönen DURAVIT-Erlebnislauf am 19. März, ein wunderschöner Landschaftslauf über immerhin 65 Kilometer durch den prächtigen Schwarzwald, gespickt mit einigen Höhenmetern.
Im Vorjahr habe ich diesen Lauf genießen dürfen, aber ob es dieses Jahr klappen wird, weiß ich nicht.
Und da gibt es am 20. März den KIENBAUM 100 Lauf in Berlin, allerdings bin ich an dem Wochenende in Rom und eine Woche später gibt es die 100 Kilometer von Kelheim, aber das halte ich für zeitlich zu knapp vor dem MdS.

Da kam mir der 100 Kilometer bzw. 100 Meilen Lauf  “X-BIONIC®” von Carsten A. Mattejiet in Lilienthal bei Bremen gerade recht. Ein Lauf, der in der Vollmond-Nacht vom Freitag, 26. Februar 2010 auf den Samstag, 27. Februar 2010 stattfinden sollte. Start war um 20 Uhr, ein Zeitlimit für die 100 Kilometer konnte ich in der Ausschreibung nicht finden, das Zeitlimit für die 100 Meilen sind 30 Stunden, also alles recht gemächlich, fand ich.
Überhaupt wirkte die Veranstaltung für mich schon wegen des exotischen Namens relativ professionell und so startete ich gegen 14 Uhr, um mich durch die vielen Freitags-Staus auf der A1 zu kämpfen. So früh loszufahren war eine wirklich gute Entscheidung, eine bessere als die, von der A1 über Recklinghausen auf die A43 Richtung Münster auszuweichen, um dann bei Münster-Süd wieder auf die A1 aufzufahren. Wenn man “vom Regen in die Traufe” kommen kann, dann habe ich das gestern erlebt.

Aber ich war Punkt 19 Uhr in Lilienthal, also eine Stunde vor dem Start, eine perfekte Punktlandung, fand ich. Vor dem Reihenhaus der Mattejiets stand ein offenes schwarzes 3×3 Meter Zelt, eindeutig der Startpunkt des Laufs. Die Grundbedingung des Laufs kannte ich schon von der Internet-Ausschreibung her, es war ein „Pendel-Lauf“, die Strecke hatte 8,1 Kilometer bis zum Wendepunkt und dann ging es ebenso weit zurück, zusammen also 16,2 Kilometer, nach 6 mal hin- und 6 mal herlaufen hast Du also 97,2 Kilometer auf dem „Tacho“, also musst Du noch eine kleine Ausgleichsrunde laufen, um die 100 „voll zu machen“. Das wollte Carsten uns dann noch sagen und zeigen, aber er hat es dann vergessen …

Schon beim Ankommen hatte ich viele Gründe, mich zu wundern. Meine Frage nach einem Toilettchen wurde mit dem Hinweis auf die Nutzung einer Ecke des Sportfeldes beantwortet, das schöne Reihenhaus hatte wohl keine Gästetoilette. Als Läufer und als Mann bin ich es ja gewöhnt, die Hecken dieser Welt zum Blühen zu bringen und in Laufkleidung habe ich auch keine Probleme damit. Aber in den zivilen Klamotten, die ich noch anhatte, schämte ich mich schon ein wenig, als eine alte Dame mit zwei kleinen Hunden vorbeikam und kopfschüttelnd vorüberging.
Danach frage ich nach einem Platz zum Umziehen. Carsten deutete mit norddeutscher Gelassenheit auf das 3×3 Meter Zelt und sagte ein knappes: „Da!“
Nun muss ich auch die Hosen wechseln und ich trage beim Laufen niemals eine Unterhose darunter, deshalb entschied ich mich für die Wechselstation „Auto“. In meinem Wagen kümmerte ich mich auch noch um meine Zehennägel, um das Einfetten der problemhaften Hautpartien und um das Abkleben der Brustwarzen. Es war eng im Auto, aber es ging.

Die wenigen Läufer, die da waren, wurden nicht miteinander bekannt gemacht, die Stimmung war bremerisch hanseatisch unterkühlt, dem Wetter entsprechend, fand ich. Und wenn Du ins Teufelsmoor rauslaufen sollst, dann solltest Du auch keine Sonne im Herzen tragen, sondern mit gedämpfter Stimmung Deine Meilen abspulen. Im Norden ist halt vieles anders, dachte ich mir. Köln, sagte ich zu mir, ist zwar die schönste Stadt der Welt, aber eben nicht das Vorbild für andere Städte. Wie schade …

Richtig überrascht aber war ich, als uns gesagt wurde, dass es nur einen einzigen Helfer gab. Der saß am Ende der Strecken, am Wendepunkt, die Wende am Start blieb unbesetzt, die Folge wäre gewesen, dass überhaupt „kein Schnack“ möglich gewesen wäre, keine Abwechslung nach jeweils ca. einer Stunde Lauferei. An Musik wollte ich ja gar nicht denken, diese Hoffnung wurde mir ja schon sehr früh genommen.
Du solltest an beiden Wendepunkten aber immer Deine Ankunftszeiten an den einzelnen Wenden auf ein Zettelchen eintragen. Wehe dem, der ohne Uhr unterwegs war, denn der Veranstalter konnte oder wollte keine Uhr neben das Zettelchen stellen. Aber das waren alles Randprobleme einer Frage, die sich mir aufdrängte, seitdem ich Lilienthal erreicht hatte:

„Was will ich hier? Wo bin ich da hingeraten?“

Ein Streckenbriefing gab es nicht, auch bekamen wir keinen Steckenplan. Zwar war mir die Strecke noch aus dem Internet einigermaßen präsent, aber „in realitas“ ist dann doch alles ganz anders, so anders, dass ich mich schon beim Zurücklaufen verlaufen hatte. Aber dazu später. Dafür aber gab es ein Lied, ein Hexenlied, zelebriert von Carstens Tochter, ein kleines Highlight an einem traurigen Abend, fand ich. Und es gab einen Start im Marathontempo. Mindestens. Und alle rannten wie blöd hinter Carsten her, wahrscheinlich, weil alle genau wie ich Sorge hatten, den kaum gekennzeichneten Weg nicht zu finden. Sechs Minuten acht Sekunden für den ersten Kilometer, 5 Minuten 45 Sekunden für den zweiten Kilometer und 5 Minuten 25 Sekunden für den dritten Kilometer….

Ich hatte schon vor dem Start überlegt, gar nicht erst dieses Abenteuer anzugehen und ich zermarterte das bißchen Gehirn, das ich habe, was ich tun sollte, aber ich entschied mich, zumindest zu schauen, wie denn die Strecke aussieht, zumindest das bißchen der Strecke, das man im Dunklen erkennen kann. Aber das, was ich erkennen konnte, war nicht schön. Und es roch nicht gut, mal roch es nach Pferden, mal nach Moor, immer roch es aber irgendwie nicht nach Köln. Die Strecke wiederum war komplett geteert, die entsprechende Straße wiederum war von der Kälte und dem Schnee der vergangenen Wochen her noch in einem erbärmlichen und renovierungsbedürftigen Zustand, es gab sogar ein vierhundert Meter langes Teilstück, wo die Teerschicht abgetragen war, der holprige Untergrund zu sehen war und wahrscheinlich schon bald eine neue Teerdecke darauf gegossen wird. Bald, aber eben noch nicht jetzt.
Und so liefen wir auf Asphalt zwischen Wasserpfützen und Schlaglochern hindurch und ich – ich litt.

Das kurze Ausgleichsstück zum Ende, das Carsten uns noch zeigen wollte, hat er vergessen zu erwähnen, als wir daran vorbei gelaufen sind, andererseits wären mir Streckenmarkierungen auch wichtiger gewesen. Dann hätte ich kontrolliert mit einer 6 Minuten 30 Sekunden Zeit pro Kilometer starten und diese Pace halten können, so aber musste ich hinter Carsten herlaufen, viel zu schnell für so einen langen Lauf.

Und ich dachte nach, was ich bei diesem Lauf will und was für mich an diesem Abend richtig ist. Ich überlegte sogar noch, ein Zimmerchen zu mieten und am nächsten Tag den Marathon zu laufen, der am Samstag vormittag ausgeschrieben war. Oder einfach langsam zu laufen, mich irgendwann ins Auto zu setzen und das mitgebrachte Federbett zu genießen, um dann entspannt am nächsten Tag weiter zu laufen, denn Liegemöglichkeiten wurden von Carsten nicht angeboten, nicht in dem schönen Reihenhaus und auch nicht in dem 3×3 Meter Zelt davor.
Wenn ich die Übernachtungslösung gewählt hätte, dann wäre der Samstag weg gewesen und eine gewertete Laufzeit von vielleicht 18 Stunden für einen 100km-Lauf motiviert mich auch nicht wirklich.
Nein, zumindest sollte ich unter der 7er Marke von 11 Stunden und 40 Minuten bleiben. Das ist die 100km – Durchgangszeit bei der 24-h DLV Challenge in Delmenhorst aus dem Vorjahr gewesen, die normalen 100er-Läufe habe ich bisher in 11 Stunden 19 Minuten, 10 Stunden 43 Minuten und 10 Stunden 51 Minuten hinter mich gebracht und diese Zeiten will ich nicht signifikant verschlechtern.

„Was will ich hier? Wo bin ich da hingeraten?“

Und ich überlegte, was es mir bringt, 16,2km, 32,4km oder 48,6km zu laufen. Nichts. Keine Wertung, kein Finish, dafür aber ein Ende des Laufs gegen 22 Uhr, Mitternacht oder sogar zwei Uhr nachts. Und dann geht es noch vier Stunden Richtung Heimat! Wofür das alles?
Ich dachte an die Aussage von Carsten, dass seine Kinder einen ganz leichten Schlaf hätten und wir deshalb sehr ruhig sein sollten am Wendepunkt „Home“ und ich war richtig froh, dass ich Carsten nicht meine Wertsachen zum Einschließen gegeben hatte, sonst hätte ich sie wohl nicht vor dem nächsten Morgen zurück erhalten und hätte entsprechend laufen müssen.
Und ich überlegte, dass ich alles andere wie Gastfreundschaft erlebt hatte, eher Gleichgültigkeit den Läufern gegenüber, außer natürlich dem „Gerebelten“ gegenüber, den 30 EUR Startgeld, die allerdings nicht dafür ausgereicht hatten, genügend Becher zu besorgen, also sollten wir unsere Pappbecher nach Möglichkeit öfters benutzen und irgendwo abzustellen. Die Idee, den Läufern persönliche Becher auszugeben und somit auf Pappbecher zu verzichten, wie es beispielsweise beim UTMB gemacht wurde oder, ganz legendär mit faltbaren Bechern, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte, beim KiLL50.

Es war dann bei Kilometer vier, als ich beschloss, mich erst unauffällig nach hinten fallen zu lassen, um dann die Stirnlampe auszumachen, mich weiter nach hinten abzusetzen und klammheimlich und ohne Reue den alleinigen Rückweg anzutreten, um dann auf den Zettel bei der Heim-Wedemarke zu schreiben: „SORRY, ABER DAS IST WIRKLICH NICHT MEIN DING HIER!“

Ich dachte an die beiden Ameisen aus dem Gedicht von Joachim Ringelnatz und lief insgesamt rund 8 der geplanten 100 Kilometer.
Auf den kleinen Rest der Reise verzichtete ich, genauso weise.

Es war die Nacht der Entscheidung in Lilienthal, nicht in Altona auf der Chaussee, aber ich war glücklich, als ich noch vor 21 Uhr wieder auf der Autobahn war, um kurz nach Mitternacht wieder zu Hause zu sein.

Ich weiß nicht, was die beiden Ameisen am nächsten Tag nach ihrem Lauf getan haben, ich habe mich auf das konzentriert, was ich noch mehr liebe als das Laufen: auf meine Familie.

Das einzige, was mir noch bleibt, ist DANKE zu sagen. DANKE an die beiden Ameisen, die mir mit ihrem Beispiel Vorbild waren …

Der filetierte Pfefferkarpfen-Lauf …

(klicken zum Vergrößern) - Die ersten Zeilen des Eifel-Krimis "VINO DIAVOLO" von Carsten S. Henn, der bei uns in Bad Neuenahr spielt.

Samstag, der 20. Februar, 6.00 Uhr, ich sitze im Auto, unterwegs Richtung Nürnberg-Schnepfenreuth, zum „Pfefferkarpfen-Lauf“ nach Pommersfelden. Ich war aufgeregt und freute mich, Olaf Schmalfuß, den Veranstalter des Laufs und Alexander von Uleniecki mal persönlich kennen zu lernen. Außderdem freute ich mich, Kurt Süsser, Klaus Neumann und Gottfried „Gotti“ Oel wieder zu sehen.

Mein Plan war, zwischen 9.00 Uhr und 9.30 Uhr in Nürnberg-Schnepfenreuth anzukommen, da der Lauf um 10 Uhr beginnen sollte. Für die rund 390 Kilometer hatte ich also ausreichend Zeit. Die Autobahn war leer und trocken, ich schaltete den Tempomat also auf 150 km/h und schob die erste CD des Hörbuchs „VINO DIAVOLO“ in den CD-Schlitz, das meine Frau Gabi mir am Tag zuvor noch gekauft hat. „Damit es Dir beim Auto fahren nicht so langweilig ist … !“ sagte sie.

Ich muss ja gestehen, ein großer Fan von Hörbüchern zu sein, was aber nicht bedeutet, dass ich keine Bücher lesen würde. Aber ein Hörbuch oder ein Hörspiel während der langen Fahrten erheitert oft ungemein. Und der fette Koch Julius Eichendorff aus unserem Ahrtal ist schon ein paar Lacher wert. Der Autor, Carsten Sebastian Henn, schreibt in einer unnachahmlich bildhaften Art und schon der Anfang der Geschichte hat mich fasziniert. Ich stellte mir vor, dass mir auch das passieren würde, was Julius Eichendorff erlebt hat, nämlich, dass ein schwarz gescheckter Wiederkäuer von wo aus auch immer direkt auf meinen Wagen fallen würde.


Aber das passierte natürlich nicht, es ist ja für Kühe überaus unüblich, vom Himmel zu fallen, also konnte in Ruhe zwei der vier CD’s anhören, bis ich in Erlangen-Tennenlohe von der A3 abfahren musste. Gleich sechs Kilometer weiter war dann auch das Sportheim des TB Johannis 1888, wo alle der 30 gemeldeten Läufer eintrudeln sollten. Viele waren schon da – und ich war froh, noch viel mehr Läufer zu kennen als die, auf die ich mich eingestellt hatte. Es gibt ja viele, die man oft gesehen hat, aber denen man keinen Namen zuordnen kann.

Nach ein paar Startfotos ging es auch pünktlich los, immer der Regnitz entlang, eine wunderschöne Strecke, die durch lange vermisste Sonnenstrahlen weiter verschönert wurde. Die meisten waren zu dick angezogen und ich wollte hier Vorbild sein und trug vier dünne Schichten, ein SKINFIT Unterhemd, ein kurzärmliges Laufshirt, eine dünne SKINFIT Windjacke und darüber noch eine ERIMA Laufjacke.
Und weil es ja heißt „Viel hilft viel!“ habe ich mir noch SKINFIT Armlinge gegönnt.
Kein Wunder, dass ich schon bei der ersten Verpflegungsstelle am Fuß des schon mit einem Umweltpreis ausgestatteten Schutt- und Energieberges nach 11 Kilometern klitschnass war. Hier verzichtete ich auf die Armlinge und die Windjacke. War das ein gutes Gefühl, wieder luftiger gekleidet zu sein!

Sorgen machte mir schon zu diesem Zeitpunkt mein Rücken. Nachdem ich jetzt wochenlang schmerzfrei war und auch beim Tennis die neu gewonnene Lauffreiheit genossen habe, rumorte es wieder an der neuralgischen Stelle über dem Popo. Nicht dramatisch, aber ich bin ja super vorsichtig zurzeit. Auf keinen Fall darf mir etwas vor dem Marathon des Sables passieren!
Das Rumoren des Rückens war dann den ganzen Tag lang zu spüren, aber den berühmten Stich ins Kreuz gab es nicht, zum Glück.


Nachdem wir auch auf den Schutt- und Energieberg gelaufen und auch dort oben fotografiert hatten, ging es von der Regnitz ab über das platte Land, viel Straße, ein paar Dörfer, viel Wald und vor allem noch viel Schnee. Aber kein schöner Schnee wie bei meinen Eifel-Läufen durch unberührte Schneefelder, sondern schwerer, nasser Schnee, zusammengedrückt von den Reifen von landwirtschaftlichen Fahrzeugen, wirklich unangenehm zu laufen.

Die insgesamt 55,57 Kilometer bis zum Pommersfeldender Hotel „Grüner Baum“ waren insgesamt eher wenig erbaulich, von der Strecke bis zur ersten Verpflegung einmal abgesehen. Aber die Verpflegungspunkte waren sensationell. Bei der zweiten Verpflegung waren nicht nur Dutzende der berühmten Nürnberger Rostbratwürstchen gebraten, die Gastgeber dieser Verpflegungsstelle waren auch eifrig am grillen und brutzeln. Und damit wir nicht auskühlen, durften wir sogar in das eigens für uns leer geräumte Wohnzimmer gehen. Die Stühle, auf denen wir saßen, rieten uns genauso, da zu bleiben und nicht mehr weiter zu laufen wie auch die frischen Biere mit Bügelverschluss, die da auf die Leerung warteten. Aber angesichts der vielen Fleischesser und der vielen geöffneten Bierflaschen fühlte ich mich wie Julius Eichendorff und fragte mich, wo ich hier nur rein geraten bin …

Da ich ja kein Fleisch esse und auch nur wenig Alkohol trinke, konnte ich diese Angebote nicht genießen, aber ich sah das schiere Glück in den Augen der anderen Läufer und ich dachte, wenn Gott ein Deutscher ist, dann muss er im Frankenland leben, weil die Würstchen und das Bier sicher göttlich sind. Olaf hatte mich ja schon vor dem Lauf gewarnt, dass die Versorgung beim Pfefferkarpfen-Lauf so gut ist, dass wir Läufer eher zu- als abnehmen würden. Und Olaf hat nicht übertrieben, das Angebot war jedes Mal üppig und vorbildlich, fast zu viel. Für mich sowieso, da ich ja beim Laufen stets nur geringe Mengen Nahrung zu mir nehme.

Die letzte Verpflegungsstelle, die wir allerdings erst suchen mussten, war dann in einem Fahrrad-Geschäft. Auch hier konnten wir länger ausharren, weil wir nicht in der Kälte stehen mussten und die dortigen Gastgeber haben sich viel Mühe gegeben, uns alle Wünsche von den Augen abzulesen. Überhaupt habe ich an diesem Samstag nur nette Menschen erlebt, alles Freunde von Olaf. Es bewahrheitet sich auch im Frankenland immer wieder: nette Menschen haben eben nette Freunde!


Trotz der hervorragenden Verpflegung war ich am Ende sehr froh, endlich im Hotel angekommen zu sein. Der Rücken schmerzte, die Beine wollten nicht mehr und die Psyche war gebrochen. Ich entschied bereits bei km 30, dass ich diese Strecke am nächsten Tag wohl nicht zurück laufen, sondern Olafs Angebot annehmen werde, mit dem Auto noch am Samstag Abend nach Nürnberg zu fahren. So würde zwar die „104 Kilometer lange Läuferparty“ wie ein Pfefferkarpfen filetiert und halbiert sein, aber zur Rückenschonung war die Entscheidung richtig und wichtig. Und ein halber Pfefferkarpfen ist doch besser als gar keiner, oder?

Ich blieb noch zum Abendessen und redete lange und viel mit Gerhard Börner, dem PTL-Finisher des Jahres 2009, der bei Marathon4you.de den legendären Artikel geschrieben hat: „Es gab Überlebende!“
Gerhard war einer derjenigen, die ich schon oft gesehen hatte, denen ich aber keinen Namen zuorden konnte. Gleichzeitig wusste ich viel von Gerhard, weil er zwei Wochen vor dem UTMB 2009 die virtuelle Trainingsgruppe um Bernie Conradt, in der auch Kurt Süsser und ich vertreten waren, angeschrieben hatte, weil er kurzfristig noch einen Mitläufer gesucht hatte.

Ich war zwar nicht so verrückt, diese Einladung anzunehmen, weil ich mir gesagt habe, dass ich zumindest erst einmal den UTMB finishen muss, bevor ich mich an die nächste Aufgabe wage. Aber den Samen für meinen PTL Lauf im August dieses Jahres hat er damit gesät. Und als ich nach dem UTMB seinen Laufbericht gelesen hatte, wusste ich, dass ich meinen inneren Frieden nicht werde finden können, wenn ich diesen Lauf nicht probiere.
Es war schön, dass ich mich mal richtig lange mit Gerhard unterhalten konnte, vor allem, weil er beim Abendessen mein direkter Sitznachbar zur Rechten war.

Schade war, dass ausgerechnet Olaf, der Veranstalter, das Geburtstagskind, keinen der vielen Pfefferkarpfen bekommen konnte, weil zu wenige dieser Spezialitäten vorbestellt waren. Ich für meinen Teil habe mich für Sprossentaler auf leicht verkochtem Gemüse und für einen kleinen Salat entschieden, dazu gab es eine große Flasche Mineralwasser, eine gute Wahl.

Dann musste es allerdings schnell gehen, weil das Auto nach Nürnberg abfuhr, kaum Zeit, sich zu verabschieden. Nicht von Kurt, nicht von Gerhard, nicht von Tanja, Alexander, Petra … und auch nicht vom Veranstalter, vom Geburtstagskind, von Olaf.


HAPPY BIRTHDAY Olaf, danke für diesen Lauf!

Auf dem Rückweg hörte ich mir die beiden letzten CD’s des Eifel-Krimis „VINO DIAVOLO“ und ich hatte am Ende, als der Mörder gefunden und seine bewegende Beichte vorbei war, ein paar Tränchen in den Augen, so ergreifend war das weinselige Gespräch zwischen Julius Eichendorff und dem Täter, voller Liebe und Romantik.

„In vino veritas“ – im Wein liegt Wahrheit, im Laufen auch.