Die Eifel ist überall

2014-05-03 14.32.17Der „The Trail Yonne“ – was für ein schönes Bild hatte ich mir von diesem Trail gemacht!

Im Burgund laufen, das regt die Phantasie an, es klingt nach weiten und steilen Weinbergen und nach großen, alten, herrschaftlichen Weingütern. Man stellt sich eine hügelige Landschaft vor, in der Forstwege durch die riesenhaften Weinberge führen.
Es hätte also alles so schön sein können dort an der Yonne im französischen Burgund.
Aber es war irgendwie wie in der Eifel.
2014-05-03 14.45.03Wir liefen über Wiesen und Felder, durch hohes Gras oder durch riesige Wälder und wir liefen einfach über Äcker, Kilometer für Kilometer. Und ständig dachte ich, dass ich das auch in der Eifel hätte haben können, direkt vor der Haustüre und nicht rund 500 Kilometer von zu Hause entfernt.
Und auch anderes war ähnlich wie in der Eifel:
ich verstand niemanden richtig!
Mein deutlich eingerostetes Schulfranzösisch ist nicht mehr viel besser wie mein Verständnis für „Eifler Platt“, im Zweifel, wenn schnell gesprochen wird, verstehe ich nur wenig bis gar nichts.
2014-05-03 15.17.06Das heißt aber nicht, dass die Strecke nicht schön gewesen wäre, schön im herkömmlichen Sinne. „The Trail Yonne“ versprach Trails und wir bekamen reichlich Trails, nur eben welche, die so gar nicht zu dem Bild passten, das ich mir vor dem Lauf davon gemacht hatte. „Du sollst Dir kein Bild(nis) machen,“ heißt es ja schon in den 10 Geboten, schon gar nicht von Ultratrails.
Du kannst nur enttäuscht werden …

Es gab viele knackige Anstiege, keine langen, eher stramm-kurze, die Dir erst nach und nach die Energie aus dem Körper saugen. Am häufigsten aber ging es über leicht ansteigende Wiesenwege. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich die wirklich nicht mag. Ich mag es, wenn es flach ist und ich gemächlich traben kann. Und ich mag es, wenn es mindestens einigermaßen steil rauf geht, zumindest so steil, dass man, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne sich umzudrehen, um nachzusehen, dass auch wirklich niemand zusieht, auf zügiges Gehen umstellen kann.
Aber die Anstiege, die eigentlich keine sind, die ich aber nur mit viel Mühe und Überwindung laufen kann und die ich am liebsten gehen würde, die Anstiege, bei denen ich immer froh bin, wenn ich einen Laufpartner habe, der noch ein paar Meter vor mir auf das Gehen umstellen will und ich mich dankbar anschließen kann und die Umstellung vor mir selbst mit dem Laufpartner rechtfertigen kann, diese Anstiege hasse ich.
Und wenn es davon sehr, sehr viele gibt und wenn ich gleichzeitig keine Laufpartner finde, dann leidet auch meine innere Einstellung zu einem Lauf.

Und Laufpartner waren wirklich nicht zu sehen. Alleine bei 40 Kilometern lief ich eine Weile mit einem jungen Mann aus Paris, der italienische Wurzeln hat und dessen Eltern sich strategisch günstig in Chamonix und in den Pyrenäen angesiedelt haben. Er war einer der ganz wenigen, der nicht vor Schreck erstarrt ist, wenn ich, nachdem ich angesprochen wurde, mit meinem Lieblingssatz: „In English please …!“ geantwortet habe. Und sein Englisch war sogar ganz ordentlich.
Leider war er mir zu schnell, zumindest in dieser Phase.

Ich hatte beschlossen, zwischen dem 40. und dem 58. Kilometer meine Krise zu nehmen. Andere werfen sich Gels ein, ich wollte es mit einer psychischen Krise versuchen. Wenn Du das machst, dann merkst Du schnell, dass diese Maßnahme wesentlich schneller ihre negative Wirkung zeigt als die Gels eine positive Wirkung zeigen würden.
Die Kunst, unglücklich zu sein, kann also auch auf Ultratrails geübt werden. Bestimmt hat österreichische Psychologe Paul Watzlawick Ultratrails im Auge gehabt, als er seine „Anleitung zum Unglücklichsein“ geschrieben hat. Die brauchte ich aber gar nicht, das ging auch so ganz gut ..

Diess Ml hbe ih abgekrzt …

Hintergrund dieser Krise war das Briefing kurz vor dem Start. Der Erzählende wies in schnellem und gutem Französisch darauf hin, dass diejenigen, die die 110 K doch nicht laufen wollten, in Villeneuve sur Yonne auf das 85 K Rennen switchen können. So viel Französisch verstand ich dann doch, das zu realisieren. Und weil ich dachte, dass ich eigentlich schon genügen Eifelberge gelaufen war, überlegte ich, dieses Angebot anzunehmen und den 25 K Loop, der von Villeneuve sur Yonne nach Villeneuve sur Yonne ging, einfach auszulassen.

Und da saßen doch tatsächlich die beiden Geister auf meinen Schultern, das kleine Teufelchen, das mir in epischer Breite die vielen Vorteile einer Verkürzung verkündete. „Einlaufen gegen drei Uhr, schön schlafen, wenn es noch dunkel ist,“ hieß es da. „Du hast in der letzten Zeit wirklich genug getan,“ hieß es außerdem und da kamen auch Sätze wie: „Du bist heute so schlecht drauf, die 16:40 Stunden für die 110 K schaffst Du so sowieso nicht.“ Das Teufelchen ließ mich glauben, mich ganz hinten im Feld zu befinden, bestenfalls waren zwei, drei Wanderer noch hinter mir.
Und da war da auch noch der gute Geist auf der anderen Schulter, der mich von meinem Vorhaben abbringen wollte. Der war aber irgendwie rhetorisch nicht so gut drauf und kaum zu verstehen. Vielleicht zu viel „Eifler Platt“?

Und da traf mein Kopf die Entscheidung, mich sehr, sehr langsam zu machen. Ich konnte den Läufern, mit denen ich schon seit Stunden hinterher gelaufen war, plötzlich nicht mehr folgen, die Oberschenkel begannen zu brennen und jeder Schritt wurde schwer.
Wie viel Zeit, dachte ich, wird Dir dieser junge und unerfahrene Bursche abnehmen?
Ich wusste, dass ich ihn nicht mehr sehen würde. Und auch damit hatte ich Recht.

Es ist ja immer unser Kopf, der emotional getroffenen Entscheidungen rational zu begründen versucht und Dir das Gefühl gibt, richtig gehandelt zu haben. Ob Du also einen Lauf packst oder nicht, das entscheidet nie Dein Körper. Nur wenn Du Deinen Kopf steuern kannst, darin stark bist, dann bist Du auch ein guter Ultraläufer. Und wenn Du im Kopf eher weich und schwach bist, dann sind wir da in einer Liga.

Ich war fast am Ende, als endlich Villeneuve sur Yonne kam und ich überlegte, wie ich die noch kommenden 27 Kilometer (K 85) oder sogar 52 Kilometer (K 110) bewältigen sollte. Es schien mir unmöglich, bestenfalls mit ausgedehntem Wandern zu machen. Also sprach ich mit den Veranstaltern, an dieser Stelle von 110 auf  85 zu wechseln. Eine Entscheidung war getroffen, ich fühlte mich wie befreit, befreit von dem Entscheidungsdruck.
Und ich lief mit einem älternen Franzosen aus dem Verpflegungspunkt heraus und ich wünschte ihm dann noch Spaß und Erfolg beim Lauf, ich müsste ja nun ganz, ganz langsam machen. Das tat ich auch, aber er entfernte sich nicht signifikant von mir. Und nach vielleicht einem Kilometer ging es mir wieder gut. Der gute Geist und das Teufelchen hatte ich ja am Verpflegungspunkt zurück gelassen, ich hatte keinen Druck mehr und ich lief und lief und lief, vorbei an dem älteren Franzosen und überhaupt an sehr vielen, die da noch vor mir waren.
Die kumulierte Gesamtgeschwindigkeit sank sogar von 8:04 Minuten auf am Ende 8:02 Minuten, trotz einiger besonders schwerer Anstiege.

Ich errechnete in Villeneuve sur Yonne, dass ich bei einer 10er Zeit im Durchschnitt um 3 Uhr drin sein würde und diese hochgerechnete Zeit wurde besser und besser und ich wäre sogar noch vor 2.30 Uhr drin gewesen, wenn nicht am Ende noch 1,6 Kilometer dazu gekommen wären.
Ich lief in dieser Phase fast mit dem Zweitplatzierten des 110 K Rennens, Verriere Emmanuel, der vielleicht 15 Kilometer vor dem Finish auf mich auflief und dem ich lange als Pacemaker folgen konnte.

Am Ende waren es 25 Kilometer weniger als geplant. Aber statt der 16:40 Stunden, die ich prognostiziert habe, sind es dann weniger als 11:40 Stunden geworden. Das hätte also alles gepasst. Aber ich habe es nicht getan. Und das ärgert mich schon sehr.
Die Gesamtzeit von 11:35 Stunden aber freut mich genauso wie der 29. Platz von allen und der 3. Platz der Altersklasse V2H (Veterans 2, Homme).
Den jungen Mann, dem ich bei Kilometer 40 nicht mehr folgen konnte, habe ich fast 1 1/2 Stunden abgenommen, er war wohl doch etwas zu ungestüm am Anfang.
Aber er wird für die Zukunft wohl daraus lernen.
Das mussten wir ja alle tun, solche Erfahrungen mussten wir alle machen.

Solche Läufe wie der „The Trail Yonne“ zeigen mir immer wieder, dass ich „etwas mehr“ brauche, um gut laufen zu können, große Läufe wie den UTMB oder den TransGranCanaria, den Ultratramuntana auf Mallorca oder ähnliche, spektakuläre Aussichten, aufregende Wege oder einfach nette und interessante Laufpartner, die mir helfen, zu vergessen, dass ich gerade sehr, sehr langsam bin. Und ich habe wieder einmal gesehen, dass es für mich sehr schwer ist, dem „süßen Gift“ zu widerstehen, das immer dann verstreut wird, wenn es heißt, dass man verkürzen kann und dennoch gewertet wird.
Ohne diese Option wäre ich halt die gesamte Strecke gelaufen.
Und das sicher auch nicht schlecht.

Der „The Trail Yonne“, wie war er denn nun in der Zusammenfassung?
„Ganz nett“ war er sicher. Und irgendwie war ich ja gar nicht da, denn bekanntlich ist  „ein Mal ist kein Mal“.
Zwei Mal wären aber ganz sicher ein Mal zuviel …2014-05-03 20.40.26
Meinen Bericht auf laufspass.com gibt es hier …

Was ziehe ich nur an?

The_Trail_YonneNach einem Wochenende ohne Laufen, eigentlich nach zwei Wochen ohne Laufen, geht es am Samstag in der Frühe nach Sens im französischen Burgund. 110 Kilometer Trail stehen an bei einem Lauf, der sich ganz bescheiden „THE TRAIL YONNE“ nennt.
Wenn ich an das Burgund denke, dann kommen mir edle und teure Burgunder-Weine in den Sinn, dünne, bauchige Burgunder-Gläser und ich denke an die Städte Mâcon, eine der französischen Hauptstädte guter Weine, Auxerre, eine Stadt, in der noch vor einem Jahrzehnt ein international erfolgreicher Fußball gespielt wurde mit einer Mannschaft, die heute nur noch am Ende der Tabelle der zweiten französischen Liga herum dümpelt und natürlich an Dijon, die heimliche Hauptstadt des Senfs.
BurgundAn einen Ultratrail aber dachte ich nicht, bisher. Das soll sich jetzt jedoch ändern.

Und weil ich zurzeit relativ viel Zeit habe, konnte ich mich gut auf den Lauf vorbereiten. Und die Vorbereitung beginnt ja immer mit der typischen Frage:
„Was ziehe ich nur an?“
Das „kurze Schwarze“, das mich meist begleitet? Aber mit welcher Farbe kombiniert? Orange? Weiß?
Oder doch das „kurze Weiße“, das ich so gerne in den Bergen trage?
Eine echte Alternative könnte auch die schwarz/grüne Kombination sein mit dem schicken X-BIONIC POWER SHIRT, aber passt da ein roter Rucksack dazu?
Ich sehe schon: ich habe gar nichts mehr zum Anziehen, da hilft nur ein ausgiebiger Shopping-Trip!
Und was ist mit den Schuhen?
Finde ich Waldwege vor, breite Wege durch die Weinberge – oder doch Single-Trails? Überhaupt, finde ich, kann meine lädierte Psyche nur dadurch geheilt werden, in dem ich mir neue Laufschuhe hole. Schuhe kaufen als Balsam für die Seele.
Ja, ja, was Frauen die Pumps sind, sind dem Läufer die Trailschuhe …
Ob mich da mal jemand auf einer Läuferparty mit der ältesten, aber auch erfolgreichsten Anmach-Floskel der Welt zu betören versucht?
SchuhgeschaeftIch habe mir die Liste der Pflichtausrüstung angesehen, abgesehen davon, dass die heute in französischer Sprache rundgemailt wurde, gibt es da keine Überraschungen.
Mindestens 1 Liter Wasser, eine Trillerpfeife, eine Überlebensdecke, Reflektoren, ein Kopflicht, ein Ersatz-Kopflicht, soweit die Pflicht, ein Mobiltelefon, ein paar Riegel, eine Regenjacke mit Kapuze, Handschuhe, eine Mütze, eine zusätzliche, wärmende Schicht, etwas Geld für alle Fälle, eine Laufbrille, Wechselschuhe, Wechselkleidung, Sonnencreme, einen Kompass (das gibt’s doch auch als App!), ein Messer und Vaseline, soweit die Kür.
vive_la_franceUnd dann habe ich mir die Fahrtstrecke angesehen. Ich habe einmal versucht, die Strecke ohne mautpflichtige Autobahnen zu suchen und einmal mit mautpflichtigen Autobahnen. Auf jeden Fall geht es erst durch Luxemburg und dann, in Frankreich, beträgt der Zeitunterschied zwischen den beiden Alternativen rund zwei Stunden. Spare ich also an der Zeit oder an den hohen Autobahngebühren? Vive la France!
WeinkarteZuletzt noch ein Blick auf die Verpflegungsposten:
Die längste Strecke, die zwischen zwei VPs zu bewältigen ist, beträgt 24 Kilometer. Wenn ich von 9 Minuten pro Kilometer ausgehe, dann beginnt diese Etappe kurz nach Mitternacht und endet gegen 3 Uhr. Es wird also kühl sein, der Flüssigkeitsbedarf ist dann eher niedrig.
Bei K08, K26, K47, K58, K82, K96 und K105 gibt es Verpflegungsposten, immer in den Städtchen, in Sens am Start und Ziel, in Collemiers, Chaumot, Saint Julien du Sault, Villeneuve sur Yonne, erneut in Villeneuve sur Yonne, Marsangy und in Gron.
Profil2.500 Höhenmeter auf 110 Kilometer, wahrlich nicht allzu viele. Komme ich da mit 9 Minuten pro Kilometer hin, mit 16 Stunden und 30 Minuten total?
Wenn es so wäre, dann wäre der Lauf, der am Samstag um 15 Uhr beginnt, um 6.30 Uhr am Sonntagmorgen zu Ende.
Aber wie heißt es im Musical „Elisabeth“ so schön?

„Doch was nützt ein Plan, ist er auch noch so schlau, er bleibt doch immer Theorie und nur das eine weiß man ganz genau, so wie man plant und denkt, so kommt es nie!“

Es wird stark auf die Beschaffenheit der Böden ankommen, auf das Wetter und auch darauf, ob ich Lust habe, mich zu quälen oder ob ich mich lieber doch etwas schone und mit irgend einem anderen Läufer quatschend durch die Nacht laufe.

Und die Cut-Offs?
Hier zeigt sich, dass die Strecke entweder wesentlich schwieriger ist als ich sie mir vorstelle, oder aber es ist ein „Bei-uns-kommt-jeder-durch“-Lauf. Bis zum letzten Cut-Off beispielsweise hast Du 21 1/2 Stunden Zeit – für 108 Kilometer!
Die Etappe mit der längsten Strecke ohne Verpflegung musst Du spätestens um 2 Uhr 30, also nach 11 1/2 Stunden, beginnen und dann spätestens um 7 Uhr 30, also nach 16 1/2 Stunden, hinter Dich gebracht haben.
Stop, alle Überlegungen zurück. Wie waren denn die Zeiten im Vorjahr?
Mit 13:36:36 Stunden warst Du Dritter von allen bei den Männern und als dritte Frau durftest Du Dich sogar 19:42:00 Stunden lang vergnügen. Sind da die geplanten 16 1/2 Stunden für mich überhaupt realistisch?
68 Starter gab es 2013, davon kamen 67 in die Wertung, 1 Dame war „non classée“. Und 10 dieser 67 Finisher brauchten mehr als 20 Stunden?!
TrailDu, THE TRAIL YONNE im Burgund, nahe der Champagne, Du machst mir Gedanken. Und die drehen sich im Kreis.
Und da bin ich auch wieder am Anfang:
Was ziehe ich nur an?
Course

Backen für Fortgeschrittene …

MallorcaMan nehme:
Eine Insel, nicht allzu groß.
Einen Gebirgszug, möglichst schroff. Man stelle ihn ins UNESCO Welterbe World Heritage.
Einen Trail, möglichst eng und steinig.
Ein Meer, blau, zum drauf schauen.
Eine Horde Läufer, mindestens 350 Stück.
Viel direkte Sonne.
Ein Orga-Team, das sich um die Läufer kümmert.
Zuschauer, die stundenlang applaudieren und anfeuern.

Zuerst nimmst Du die Insel. Du positionierst sie so, dass sie gut erreichbar ist. Und Du positionierst sie im Süden, damit es warm ist, aber nicht zu tief im Süden, damit die Temperaturen noch auszuhalten sind.
Das Gebirge schichte nicht allzu hoch auf, damit noch Platz für Wälder und Sträucher bleibt. Am besten ist es, wenn man das Gebirge nicht mitten in der Insel aufschichtet, sondern irgendwo am Rand.
In dieses Gebirge legst Du nun den Trail. Achte dabei darauf, dass Du diesen möglichst oft wieder bis ganz runter in die Täler führst.
Das Meer legst Du um die Insel herum, damit die Aussichten darauf schön sind.
Die Läufer bereitest Du einzeln vorab vor
(siehe Rezept: Wie mache ich aus Menschen Läufer?),
achte dabei darauf, dass sie alle einen Rucksack tragen, stecke dort etwas Essbares rein und fülle die Trinkblasen mit sehr viel Wasser. Die Läufer werden es brauchen.
Wenn Du all das hast, dann köchle alles unter direkter Sonneneinstrahlung. Achte darauf, dass mindestens 27 Grad erreicht werden und dass die Hitze möglichst lange anhält und nicht allzu sehr abfällt gegen Abend.
Das Orga-Team verteile ungefähr gleichmäßig am Anfang des Trail, den wir „Start“ nennen und an das Ende des Trails, das wir „Finish“ nennen. Und vergiss nicht, dieses Team auch in den vielen Tälern zu verteilen. Statte die Team-Mitglieder mit viel Essen und mit sehr vielen Getränken aus. Sie sollen diese Sachen den Läufern geben.
Und statte die Team-Mitglieder im Finish auch mit hübschen Metallplättchen aus, die Du, damit sie besser um den Hals getragen werden können, mit einem Textilband versiehst. Dazu statte diese letzten Team-Mitglieder auch mit wärmenden Vlies-Pullis aus, die sie am Ende den Finishern geben sollen. Auf die Pullis nähe vorab ein hübsches Bildchen, dann sind die Läufer noch stolzer.
Die Zuschauer verteile sporadisch in den Tälern, die meisten aber stellst Du vor dem Finish auf. Achte darauf, dass die Zuschauer andauernd „¡Ánimo!“ rufen, je lauter, desto besser, je öfter, desto besser. Für den Erfolg des Rezepts ist es vor allem sehr wichtig, dass die Zuschauer vor dem Finish zahlreich und laut sind.
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Wenn Du all das richtig zusammenstellst, Dir die nötige Ruhe antust, das alles wirken zu lassen, dann wird das Ergebnis ein Lauf sein, der seinesgleichen sucht. Der ULTRA TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA auf Mallorca ist solch ein Lauf, der es wert ist, von vielen aus unserer Läuferfamilie gelaufen zu werden. Und das sage ich, wohl wissend, dass ich schon den einen oder anderen Lauf auf der einen oder anderen Insel hinter mir habe und deshalb durchaus Vergleiche ziehen kann.
Ganz besonders schön finde ich dabei, dass dieser Lauf nicht wie die meisten Inselläufe von einer Küste zur anderen Küste geht und man dazwischen das Meer meist gar nicht sieht, sondern der Trail läuft parallel zur nord-westlichen Küste und verwöhnt Dich immer wieder mit imposanten Ausblicken auf das große, stille, blaue Meer, das von oben immer so harmlos und glatt aussieht, so mächtig und attraktiv, dass ich stets denke, dass wir Menschen uns heimlich immer noch dahin gezogen fühlen, wo wir eigentlich herkommen.

Die Organisatoren feilen dabei ständig am Konzept und an den Details. So haben sie gegenüber 2012, wo ich dort das erste Mal gelaufen bin, den Startplatz verändert. Statt ganz profan auf der Straße neben dem „PALAU MUNICIPAL D’ESPORTS“ hat man sich für 2014 ein Kastell ausgesucht, das wunderschön erleuchtet ist und den mitternächtlichen Start besonders bemerkenswert macht.
Für Lars, Hendrik und mich, die wir uns kurz vor dem Start noch ein Wässerchen gegönnt hatten und die die Ruhe weg hatten, obwohl wir mittlerweile nur noch die „letzten Mohikaner“ in dem Bistro waren, hätte das fast ein Riesenproblem werden können. Wissend, dass der Start gleich draußen vor der Türe stattfindet, hatten wir uns gewundert, warum die anderen Läufer alle schon Richtung Start gegangen waren, bis ein aufgeregter Bistro-Mitarbeiter uns darauf hingewiesen hat, dass wir noch einen längeren Fußweg bis zum Start zu bewältigen hätten. Also zogen wir los, nicht in Hektik, aber auch ohne die übliche Gelassenheit, um gerade noch rechtzeitig zum Massenstart auf dem Kastell zu kommen.

Die zweite Änderung war, dass man nach Valldemossa, dem Startort des „Trails“, also der kürzeren Variante, nicht links über die Berge ging, sondern rechts herum durch eine Schlucht, die mich so sehr fasziniert hat, dass ich am liebsten stehen geblieben wäre. Dachte ich bislang, dass die Schlucht auf Gran Canaria, die zum Cruz Grande führt, einen „Magic Moment“ darstellt, so blieb das für mich weit hinter dieser Schlucht zurück.
Der Vorteil auf Mallorca ist dabei, dass es nicht so hoch ist und auch nicht so heiß ist im Jahresverlauf, einen richtigen Winter haben kann und daher Gebiete bewaldet sind, die auf Gran Canaria einfach nur mit niedrigem Buschwerk bewachsen sind. Und dieser optische Vorteil kommt eben dieser Schlucht zu Gute.

Aber jede Münze hat zwei Seiten, sagt man, alles hat seinen Preis. Und der Preis für diese schöne Schlucht war dann nach einem fantastischen Höhenweg mit Blick auf das Meer ein Downhill, den ich erst schnell angegangen bin. Dann aber habe ich gemerkt, dass ich das ja gar nicht kann und ich reduzierte mein Tempo. Bis dahin war ich wirklich gut in der Zeit gelegen, die ersten 56 von 112,2 Kilometern habe ich in 8:58 Stunden hinter mich bringen können.
Aber trotz dessen, dass ich langsamer wurde, begannen die Oberschenkel zu brennen und ich hatte das Gefühl, dass jetzt nichts mehr gehen würde.

Diese Phase war die vielleicht einzige, vor der ich Sorge hatte.
2012 erreichte ich Valldemossa um 7:40 Uhr und dann, nach dem nächsten Uphill, rannten mich die noch frischen Cracks des kurzen Trails TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA, der um 8:00 Uhr startet, auf dem Downhill tot. Eingeschüchtert ob meiner Langsamkeit blieb ich immer wieder stehen, um die Züge der Cracks vorbei zu lassen, für die es ja der erste Downhill war.
Die großartige Steph Lieb von den TRAIL-MANIAKs war da auch darunter.
2014 wollte ich diese Situation weitgehend vermeiden. Ich lief also schon um 6:59 Uhr in Valldemossa ein und um 7:02 Uhr dort aus und der erste der schnellen Trailer holte mich erst kurz vor dem Ende des deutlich schwierigeren Downhills ein.
Dennoch blieb das Überholen durch die Trailer ein Dauerzustand und ich weiß nicht, ob ein Start um 10 Uhr da nicht sinnvoller wäre.
Insgesamt überholten mich bis zum Finish 431 der rund 1.200 Starter, also rund ein Drittel der Gestarteten. Und ich war nun wirklich nicht langsam unterwegs.

Von Läufern des Ultra wurde ich sehr selten überholt. Die Schnellen waren ja sowieso vorne, da ich wie immer langsam und verhalten begann. Deshalb war ich anfangs recht weit hinten im Feld, aber dann holte ich Position für Position auf. Natürlich hat jeder seine guten und schwachen Phasen und so gab es einige Ultras, die mich überholten, die ich überholte und mit denen ich im Grunde einen großen Teil des Rennens gemeinsam gelaufen bin.
Aber eben die Trailer, die mich überholten, waren seit Valldemossa mir gegenüber ja 58 Minuten schneller unterwegs, keine Frage, dass die alle nicht mehr einzuholen waren. Dennoch tröstete es mich, dass mir 417 Läufer des Trails diese 58 Minuten nicht abnehmen konnten, obwohl sie die rund 46 Kilometer zuvor nicht in den Beinen hatten und dass beispielsweise der letzte der Trailer kaum mehr als drei Stunden weniger für seine Strecke gebraucht hat wie ich für die gesamte Strecke.

Dann aber kamen die Verpflegungspunkte mit Kohlenhydraten. Hintereinander folgten Nudeln, Reis und erneut Nudeln. Auch das war neu. Ein Mal Nudeln in Soller war alles, was es 2012 gab. Und noch etwas war neu und absolut himmlisch: Wasser und Cola wurden in großen Bottichen gekühlt und waren zwar nicht eiskalt, aber eben nett kühl.
Mit Grausen erinnere ich mich an die Cola im Jahr 2012, die so warm war, dass ich sie nicht mehr haben und trinken konnte.

Und es kam Soller. Soller ist ein wirklich nettes Städtchen mit einem pulsierenden Stadtzentrum, wo Tausende von Menschen vor den Cafés und Bistros im Freien saßen und den April einen schönen Monat sein ließen.
An denen ging es vorbei bis zum großen Verpflegungspunkt und wieder ertönten „¡Ánimo!“ Rufe. Einige der Zuschauer waren dabei enorm sachkundig und erkannten, dass die Läufer mit den grünen Startnummern in Valldemossa gestartet waren, die mit den roten Startnummern aber schon in Andratx los gelaufen waren.
Die mit den roten Startnummern waren wohl 400 Starter gewesen, davon sind 286 Läufer im Ziel angekommen, die letzten kurz vor dem Cut-Off um 24.00 Uhr.
Und weil, wie schon geschrieben, jede Medaille zwei Seiten und alles seinen Preis hat, bezahlten wir das Erlebnis in Soller mit dem Anstieg auf den höchsten Punkt des Rennens. 1.250 Meter ging es nach oben. Und das auf einem Weg, der steil war und direkt von der gnadenlos brütenden Sonne beschienen wurde.
Ein Polizist fing am Anfang jeden Läufer ab, fragte ihn, ob er wisse, wo er sei und was da auf ihn zukommen würde. Ich wusste es. Ich hatte diesen Uphill 2012 hassen gelernt. Und ich hatte die Fotos beispielsweise von Birger Jüchter und Hans-Peter Roden aus dem Jahr 2013 bewundert, die diese Passage im Nebel bewältigen durften. Wo bitteschön, ist das Paradies?
Bei 27 Grad im Schatten wird daraus eine echte Herausforderung.

Ein Sonnenstich in 2012 holte ich mir da, Nasenbluten am höchsten Punkt, weswegen ich anhalten und Läufer um ein Tempo bitten musste, später dann musste ich mich insgesamt vier Mal übergeben, eine Situation, die ich weder davor noch danach noch einmal hatte.
Ja, ich wusste, was mich erwarten würde.
Dem Polizisten sagte ich: „Ja, ich weiß, 1.250 Höhenmeter, steiler Trail, kein Schatten, brütend heiß!“
Er war zufrieden.

Ich war es auch, denn es gab dennoch hin und wieder doch etwas Schatten. Den hatte meine Erinnerung vollkommen ausgeblendet. Aber weil ja meine Oberschenkel noch immer zeitweilig gekrampft haben, musste ich unter dem Krampfpunkt laufen und wählte einen langsamen, aber stetigen Läufer als meinen Pacer, den ich keinesfalls überholen wollte. Das war eine richtig gute Entscheidung, weil ich merkte, wie ich zu regenerieren begann.
Allen, die solch eine Situation noch nie erlebt haben, sei gesagt, dass es immer die Chance gibt, zu regenerieren. Früher bin ich in solchen Situationen gelegentlich ausgestiegen, weil ich dachte, dass ich in dem Zustand, in dem ich war, nicht mehr finishen könnte. Aber wenn Du dann bewusst langsam machst, ein, zwei, drei Stunden lang, dann geht es Dir wieder besser. Und Du „verlierst“ in der Stunde vielleicht zehn Minuten, also maximal eine halbe Stunde, wenn Du das drei Stunden lang machst. Aber Du kannst wieder laufen, kannst finishen und alles wird gut.
Danke an dieser Stelle meinem unbekannten Pacer.

Ein Verpflegungspunkt auf 850 Metern, dann der Anstieg auf den 1.250 Meter hohen Gipfel und dann ging es runter.
Aber eins hätten wir dann doch noch …
Nach dem Abstieg auf etwas mehr als 1.000 Meter geht es dann doch noch einmal auf knapp 1.200 Meter hoch, ein kleiner Test für Deine Psyche, den Du dann aber locker meisterst. Wer bis dahin rund 90 Kilometer bewältigt hat, der lässt sich von so einem letzten Berg nicht abschrecken.
Aber dann ging es wirklich runter, runter bis zum Kloster Lluc. Ich lief und trabte im Wohlfühl-Modus, ich war nicht sicher, wie es mir gehen würde und wollte mich etwas schonen.
Dann aber, nach dem letzten Verpflegungspunkt im Kloster Lluc, ging es einen letzten Trail downhill. Noch etwa 17 Kilometer, da geht noch was. Und wenn danach alles weh tut, dann ist das egal. Dann ist da das Finish und alles wird wunderbar!

Ich heftete mich an die Fersen eines Trail-Experten. Ich lief in seiner Spur, stellte die Füße dort auf, wo er es tat und so bildeten wir einen Zwei-Mann-Kurzzug, der Läufer um Läufer überholte. Wir waren so schnell, wie ich alleine niemals gewesen wäre. Ich bin ja eher ein ängstlicher Downhiller, ständig in Sorge, umzuknicken, zu stürzen oder, noch schlimmer, an jemandem vorbeizulaufen, den ich kenne und ihn nicht grüße!
Ich weiß nicht, wie viele Läufer wir auf diesen 9 Kilometern downhill überholt haben und wie viele davon Trailer und wie viele davon Ultras waren, ich weiß nur, dass ich diesen Lauf fantastisch fand.
Und dann folgten etwas mehr als 7 Kilometer fast flach bis ins Ziel. Mal auf der Straße, mal auf einem Trail daneben. Ich hielt das Laufen nicht mehr permanent durch und wechselte von schnellem Gehen über das Traben zum Laufen und wieder zurück.
Als das Schild „Noch 7 Kilometer“ kam, rechnete ich mit maximal noch 10 Minuten pro Kilometer, also mit maximal noch 70 Minuten. Ein Finish unter 19:30 Stunden war also sicher, bis dahin wären es sogar noch 74 Minuten gewesen. Unter 19:00 Stunden zu finishen war auch illusorisch, da hätte ich nur noch 44 Minuten Zeit gehabt. Eine glatte Sechser-Zeit … aber nicht nach über 100 Kilometern in den Beinen.

Und irgendwann kam dann die Stadt Pollença, das Ziel. Ich wurde schneller.
Je mehr Menschen den Weg säumten, desto schneller lief ich. Nur einmal, an einem Anstieg im Dorf, schaltete ich kurz zurück, um dann mit Verve und Elan die letzten Meter zur Finish-Line zu nehmen.
Ich packte gefühlt eine 4:30er Zeit aus, mein Garmin hatte mich schon lange verlassen, aber ich war so schnell wie selten. Vor mir, kurz vor dem Ziel, machte mir noch ein Läufer Platz und er forderte mich auf, ihn zu überholen.
Aber das wollte ich nicht und ich sagte ihm, dass ich das nicht fair fände. Wir liefen also zusammen ein und schon auf den letzten 50 Metern begannen wieder die Tränen zu laufen.

Aus den Tränen wurden Sturzbäche und die Orga-Team-Leute wussten nicht recht, was sie mit mir anfangen sollten.
Dabei war ich einfach nur überglücklich.
Das sind die Momente, für die ich laufe, für die ich lebe!
19:07 Uhr stand auf der Anzeige über mir, die Menge jubelte und ich fühlte mich so, also hätte ich dieses Rennen gerade gewonnen.
Man stellte mir einen Stuhl hin und ich bemühte mich, durch Wackeln des Oberkörpers dem Körper noch etwas Bewegung zu geben, um langsamer runter zu kommen.
Dass ich den 7. Platz der Altersgruppe MÀSTER MASC erreicht hatte, wusste ich erst viel später. Auch der 136. Platz von allen ist für mich in Ordnung. Mehr ist für mich alten Mann eben nicht mehr drin.
Im vorderen Drittel der Gestarteten, deutlich in der vorderen Hälfte der 286 Finisher, was will ich mehr?

So bleibt mir nur, mit guten Gedanken Richtung Mallorca zurück zu denken, den Organisatoren des TRAIL SERRA DE TRAMUNTANA von Herzen zu danken und ihnen zuzurufen:
„Da habt Ihr etwas ganz, ganz Tolles auf die Beine gestellt. Respekt, Hut ab und tief, ganz tief, verneigt!“Start

 

„Ja, ich will!“

Auch dieses Jahr hat wieder Gerhard Börner zu seinem JUNUT gerufen, dem 230 Kilometer langen Lauf auf dem Prädikats-Wanderweg Jurasteig und auch dieses Jahr bin ich seinem Ruf gefolgt.
Trotzdem. Und genau deswegen.
2014-04-11 13.00.32Trotzdem, dass ich 2012 schon an der sehr engen Cut-Off-Zeit zu scheitern drohte und Gerhard uns dann gesagt hat, wir sollten, weil ein Verpflegungspunkt hochzeitsbedingt sehr pünktlich schließen musste, doch einen Abschnitt statt über den Steig lieber am Fluss entlang gehen. Das wiederum hatte zur Folge, dass wir die Flussgabelung nicht realisierten und dem falschen Gewässer folgten.
Nie werde ich wohl den Anruf von TrailMaxx (Max Schiefele) vergessen, der uns darüber informieren wollte, dass er aus dem Rennen sei.
„Wo seid Ihr eigentlich?“ fragte er noch und ich nannte ihm den Ort, dessen Ortsschild wir gerade neben uns stehen hatten. „Nein, seid Ihr nicht!“ war seine Antwort.
„Klar sind wir da, ich kann doch lesen!“
„Dann seid Ihr total falsch!“ sagte Max und holte uns mit dem Auto dort ab. Ein DNF bei solch einem Rennen war neu für mich.

Trotzdem, dass ich 2013 bei 172 Kilometern ausgestiegen bin. Nein, kein DNF, das war im Rahmen der Möglichkeiten, aber eben ein „Finish zweiter Klasse“. Und wer will das schon?
Dabei hatte ich noch genug Zeit, die restlichen 58 Kilometer zu rennen, zu laufen, zu gehen sogar. Zu gehen wahrscheinlich, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon in meiner Moral geknickt war.
Aber die Aussicht, die vier UTMB-Punkte dennoch zu erhalten, dennoch gewertet zu werden, ein Finisher zu sein und, was genauso motivierend war, in einem richtigen Bettchen schlafen zu können, war zu schön, also verzichtete ich auf den kleinen Rest der Reise.
Aber schon eine Nacht später ärgerte ich mich sehr über mich und dieser Ärger hielt an – bis zum letzten Wochenende.

Und genau deswegen, weil ich diese Scharte beim dritten Start auszumerzen gedachte. Und so sagte ich jedem, der es hören wollte und auch denen, die es nicht hören wollten, dass man mich doch bitte so lange schlagen möge, bis ich eine solche Entscheidung, das Rennen zu verlassen, neu überdacht hätte, falls ich eine solche Entscheidung irgendwann treffen sollte.
2014 musste es einfach ein „Finish erster Klasse“ sein, mein erster von insgesamt drei 230 Kilometer-Läufen, ziemlich dicht hintereinander.
Die beiden anderen neben dem JUNUT sind noch das Grand Union Canal Race (GUCR) und die TorTOUR de Ruhr

2014 wollte ich auch alles anders machen und ich entschloss mich, das Rennen gemeinsam mit Frank Nicklisch zu bestreiten. Nach der Müritz-Umrundung und dem halben, im kalten Januar inoffiziell nachgelaufenen, KoBoLT wusste ich, dass wir gut harmonieren können und ich folgte seinem Rennplan. Die ersten 100 Kilometer wollten wir in 10 Minuten pro Kilometer absolvieren, die zweiten 100 Kilometer dann in 12 Minuten pro Kilometer. Dann die Schlafpause und ein Finish am späten Sonntagvormittag, soweit zu diesem Plan.

Wir waren langsam unterwegs, auch dank eines Abstechers in einer bayrische Dorfkneipe, die neben echten Originalen, Bayern-Bazis, wie sie im Buche stehen, auch stark gewürzte Pommes anbot, zwei kühle alkoholfreie Weißbier dazu, es war ein kleine Oase im stundenlangen Trail. Wir waren langsam, aber stets im Rahmen unseres Plans.
Zu gewinnen gab es für uns mit diesem Plan nichts, das wussten wir beide. Aber ich bin ja 2013 nicht aus Zeitmangel raus, sondern, weil ich vor der zweiten Nacht Angst hatte.
Nun, 2014, rund zwei Stunden später am Punkt 172 K, dem offiziellen Ausstiegepunkt?

Ich überlegte hin und her. Mit Frank kann ich gut auskommen, er hat viel und Gutes und Interessantes zu erzählen, auch wenn die Nacht lang ist und die Laufgeschwindigkeit niedrig, irgendwie wird es gehen.
Und da kam mir auch die Stimme in den Sinn, die Stimme, die die ultimative Frage stellte:

„Willst Du, TOM, den hier anwesenden Jurasteig-Trail als Deinen Dir ausgewählten Trail annehmen, ihn ehren, achten und lieben und ihn so lange belaufen, bis dass der Zieleinlauf Euch scheidet? Dann antworte mit „Ja“!“

2014-04-11 15.18.27Was weiß ich denn, dachte ich mir, aber ich sprach ein deutliches „Ja, ich will!“ in mich hinein.
Und ich war ein wenig stolz auf mich. Es ist so leicht, zu laufen, so lange es schnell geht, Spaß macht und nicht allzusehr schmerzt. Aber an diesem Punkt, mit schmerzenden Füßen, die so maltraitiert waren, dass ich später Blasen in einer Größenordnung entdeckt habe, wie ich sie noch nie hatte, mit Knieschmerzen in beiden Knien, mit matschigen Oberschenkeln, die zwar nicht blockierten, die mich aber auch nicht unterstützen wollten und allem voran mit einem „Wolf“ im Schritt, der so schlimm war, dass ich die bayrischen Landmädels mit meiner tief herunter gezogenen Laufhose erschrecken konnte, an diesem Punkt dennoch „Ja, ich will!“ zu sagen, darauf war ich schon stolz, weil es so einfach gewesen wäre, auszusteigen.

Um die Nacht noch kurzweiliger zu machen, nötigte ich an diesem Punkt auch noch den Moorrunner Frank, sich uns anzuschließen. Und das war gut so. Er war zu diesem Zeitpunkt einfach zu schwach, um sich gegen meine Nötigung zu wehren und so trabten wir die folgenden 58 Kilometer gemeinsam Richtung Ziellinie. Wir gönnten uns noch 90 Minuten Schlaf und erzählten uns gegenseitig Romane aus unseren Leben, romantische Schwänke aus Zeiten, in denen auch nachts die Sonne schien, in denen alles, aber auch wirklich alles besser war und wo uns junge Burschen die Frauen noch gnädig anlächelten.
Und wenn das alles heute nicht mehr so ist, wenn die Nächte kühl und dunkel sind und wenn wir für unsere Frauen längst schon altes und gewohntes Inventar geworden sind, das auch mal abgestaubt gehört, dann sind wir gegenüber damals doch eines:

Wir sind Finisher des JUNUT, des mit 230 Kilometern und rund 7.000 Höhenmetern im Aufstieg zurzeit noch zweitlängsten Ultralaufs Deutschlands. Und das kann uns keiner mehr nehmen.
2014-04-11 13.00.37Rund 200 dieser 230 Kilometer bin ich dabei an der Seite von Frank gelaufen, knapp 60 Kilometer war auch der Moorrunner bei uns. Und dazwischen bildeten wir Trios, Quartette oder mehr mit vielen der fast 100 Läufer, von denen exakt 50 ins Ziel in Dietfurt gekommen sind. Andreas Siebert ist hier an erster Stelle zu nennen, mit ihm teilten wir vor allem am Anfang Trail und Suche.

Was Gerhard Börner und seine Frau Margot, sein Team aus Schwester, Schwager, Schwippschwager, Bekannten, Verwandten, Freunden, Kumpels und Unterstützern da auf die Beine gestellt hat, das ist schon phänomenal.
So ausergewöhnlich, dass nun, im vierten Jahr der offiziellen Austragung, im allerersten Jahr waren es ja nur vier wackere Testläufer, der BR sogar in der Abendschau darüber bereichtete. Ein regionaler Fernsehsender war auch da und auch Antenne Bayern und andere Rundfunksender nahmen hochachtungsvoll Notiz von diesem Event.

Und 2015?
Wenn Gerhard Börner mich also wieder fragt, ob ich starten möchte, dann antworte ich ganz bestimmt auch mit
„Ja, ich will!“
Urkunde

„Ich komme zum Schluss!“

RBWKurt Tucholsky hat in dem unter seinem Pseudonym Peter Panter veröffentlichten Text „Ratschläge für einen schlechten Redner …“ darauf hingewiesen, dass wir Brillenmenschen stets gut daran tun, zu geschichteln. Und es stimmt.

Wer kann denn den RheinBurgenWeg-Lauf begreifen, wenn er nicht die Historie des Laufs kennt?
Wenn er nicht weiß, dass er auf der gegenüberliegenden Rheinseite entstanden ist, als Achim Knacksterdt in einer kalten und schneebedeckten Nacht von dem parallel zum Rheinsteig verlaufenden RheinBurgenWeg erzählte …
Wenn er nicht weiß, dass bei der Erkundung weite Strecken unter Wasser lagen und wie schwer es war, damals überhaupt an den Rhein heran zu kommen?
RBWAber ich wollte ja zum Schluss kommen …

Einen Lauf zu beschreiben, den man selbst mitorganisiert, bei dem man die Teilnehmer mit auswählen darf, das ist schon eine ganz spezielle Aufgabe. Aber ich will mich daran versuchen. Jetzt und hier.
RBWDer RheinBurgenWeg-Lauf ist einfach ein langer Lauf in beginnenden Frühling, bei dem sorgsam ausgewählte Ultraläufer (Amerikaner würden sagen „hand-picked“) gemeinsam aus dem Winterschlaf erwachen wollen und die ein gutes Training für die großen Läufe, die vor all diesen Menschen stehen, brauchen.
Nicht alle sind Facebook-Jünger, wohl aber die meisten.
Nicht alle sind gut mit mir bekannt, aber auch hier wohl die meisten.
Aber alle sind wir Teil der großen Ultraläufer-Familie, wir alle wohnen im gleichen Haus.
Da dieses Haus aber drei Geschosse hat, haben wir beim RBW-Lauf drei Gruppen eingerichtet. Jenseits von „höher, schneller, weiter“ wollen wir das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken, mit den einzelnen Läufern reden, woran ich in meiner Gruppe allerdings grandios gescheitert bin, zu schnell zerteilte sie sich und zog sich deutlich in die Länge, wir wollen, dass die Läufer untereinander reden, sich vernetzen, gemeinsam Pause machen und herrliche Blicke über den deutschesten aller Flüsse, den deutschen Rhein, der in der Schweiz entspringt und in den Niederlanden endet, genießen.
RBWIn den drei Geschosse des gemeinsamen Läufer-Hauses wohnen unten die Schnellen, die wir in einer Gruppe zusammengefasst haben, die diese 110 Kilometer mit ordentlich Höhenmetern in 14 Stunden bewältigen sollen. Wir, die wir weiter oben wohnen, beneiden die Schnellen oft ein wenig, weil sie nur die Schiebetüre aufschieben müssen und sofort auf den Trails vor dem Garten sind. Aber ich weiß auch, dass uns die Erdgeschoss-Bewohner auch manchmal um unsere schönen Balkone und Dachterrassen beneiden und um den Ausblick von da oben. Tom Siener führte diese Gruppe an, obgleich die meisten den Weg schon aus den Vorjahren kannten.
In der Mitte wohnen die, die zügig unterwegs sind. Deren Aufgabe war es, die Strecke in 17 Stunden hinter sich zu bringen. Achim war der Gruppenkopf dieser Truppe und die Fotos, die ich von dieser Gruppe gesehen habe, zeigten entspannte Menschen, die keinesfalls gestresst oder überfordert wirkten.
Und ganz oben, in den Wohnungen mit den Dachterrassen, wohnen eben die meisten Läufer. Läufer, die es gemütlich angehen lassen wollen oder müssen. Kurz vor dem Start sind manche noch von der Mitte nach oben gezogen, sodass wir allein in dieser Gruppe 27 Läufer waren, die da am Koblenzer Hauptbahnhof Richtung Bingen gestartet sind.
Und viele davon gehörten schon zum „Inventar“ des Laufs.
RBWIch wollte zum Schluss kommen, daher ziehe ich schon jetzt ein Fazit.

Der RheinBurgenWeg-Lauf ist ein kleines Gebilde aus einzelnen Elementen. Drei Gruppen, maximal 50 Läufer, allesamt wunderbare Menschen mit großartigen Events auf ihren jeweiligen „Lauf-Kerbhölzern“, drei Verpflegungspunkte, wobei der mittlere auf dem Schloss Rheinfels mir jedesmal aufs Neue kleine Freudentränen aus den Augen drückt, Läuferinnen und Läufer, die wenigstens ein Mal im Jahr ohne Wettkampfgedanken sehr lange, ultralang, unterwegs sein wollen.
Freundliche Gesichter, interessante Geschichten, viele „hugs“ und manche „kisses“, die Chance, einen Verpflegungspunkt mal ausgiebig anzusehen, eine Halle am Ende zum Duschen und für einen kleinen Power-Schlaf und dann ein gemeinsames Frühstück mit Blick eben auf diesen Rhein, an dem wir gerade erst so lange entlang gelaufen sind.

Für mich persönlich ist der RBW-L aber auch die Chance, manche Menschen wieder zu sehen und zu sprechen, denen man, weil sie weiter weg leben, seltener begegnet. Und es ist auch eine Chance, diese langjährige Freundschaft mit meinem Laufkumpel Achim stets neu zu vertiefen.
Für mich ist es ein Wochenende voller Freude und daher gibt es hier mein Bekenntnis:
Diesen Lauf wird es geben, so lange ich laufe. Oder lebe?
Aber ist das nicht irgendwie auch das Gleiche?

Danke an alle, die dabei waren, bis 2015!