Aus der Rhein-Zeitung von heute …

Grafschafter Ultraläufer Eller rennt 400 Kilometer die Themse entlang

Grafschaft – Was Thomas Eller an den meisten Wochenenden des Jahres so treibt, können Normalsterbliche kaum nachvollziehen. Selbst passionierte Hobbyläufer schütteln nur den Kopf.

Extremläufer Thomas Eller (Vettelhoven) hat kürzlich den längsten Lauf seines Lebens absolviert: 95 Stunden hat er für die 400 Kilometer des englischen „Ultralaufs Thames Ring 250“ gebraucht.

Es ist dann auch eine völlige Untertreibung, wenn man den Ultraläufer aus Grafschaft-Vettelhoven als „positiv verrückt“ bezeichnet. „Besessen“ würde es eher treffen, ja, vielleicht sogar „durchgeknallt“. Der Erzählton, in dem Eller locker, unaufgeregt und wie selbstverständlich von seinen Trips zu Himalaya, Mont Blanc und Sahara erzählt, verschärft diesen ersten Eindruck.

Die jüngste Aktion des 51-Jährigen: Knapp 95 Stunden war er Anfang Juli in England unterwegs, um 400 Kilometer an der Themse entlang zu laufen. Der „Thames Ring 250“ ist der längste Ultralauf in Europa; auch wenn es nächstes Jahr einen 800-Kilometer-Lauf durch Norwegen und das ewige Eis geben soll.

Selbst für Eller, den in Sachen Laufen auf dieser Welt nicht mehr viel schrecken kann, war England eine extreme Erfahrung, die er grade so geschafft hat. Vor zwei Jahren hatte er nach 120 Kilometern aufgeben müssen. Dabei ist es weniger das Zeitlimit von 100 Stunden, das den diesmal 34 Startern im Nacken saß und dem nur vierzehnTeilnehmer entgingen. Es sind landschaftliche Ödnis und Monotonie, die Auge und Gehirn des Läufers quälen.
Denn: Der Thames-Ring-Lauf streift weder Englands malerische Grafschaften und Cottages. Er führt selten durch verträumte kleine Orte. Nein, dieser Ultralauf frustriert die Starter mit fast jedem der 400 Kilometer.

Die Hälfte der Zeit geht es stupide entlang des Kanals, meist über einen Trampelpfad, vorbei an (und manchmal auch durch) Büsche, Brennnesseln und Hecken. Ab und an lockert ein Hausboot die Szenerie ein klein wenig auf – eine wahre Wohltat für die Seele. Kaum verwunderlich, dass sich diese Plackerei fast nur Engländer antun: Unter den 34 Startern waren nur sechs Ausländer.

Einer davon war Eller, und der hatte sich diesmal ein wenig stärker unter Druck gesetzt: Mit der Aktion „Füße tragen Leben“ wollte er den Bunten Kreis Bonn-Ahr-Rhein-Sieg (Hilfe für schwerstkranke Kinder und Familien) unterstützen: Bekannte, Freunde, Fremde, Firmen konnten einen oder mehrere der 400 Kilometer für einen Spendenbetrag „kaufen“. So kamen insgesamt 1700 Euro zusammen.

Im Nachhinein sagt Eller: „Aufgeben konnte ich schlecht. Die Spendenaktion hat mich stark motiviert. Außerdem wollte ich hier auch mal ins Ziel kommen.“ 2011 war Eller mit dieser „stupiden Lauferei“ nicht klar gekommen. Zudem war er das Rennen, in dem es für die Läufer trotz der Ultradistanz um mehr als nur das Ankommen geht, viel zu schnell angegangen.

Diesmal aber hat er es nach 94 Stunden und 44 Minuten ins Ziel geschafft. Acht Kilogramm leichter als am Start. Trotz der zehn Liter Wasser, die er bei solch einem Ereignis täglich trinken muss. Was das Essen angeht, legt Eller bei seinen Ultraläufen kulinarisch niedrige Maßstäbe an – da geht’s vor allem um Kohlenhydrate: Dabei sind die Klassiker Reis und Nudeln mit Soja- oder Tomatensoße, die einschlägig bekannten Energieriegel. In England haben sie an den Verpflegungsstationen Gummibärchen angeboten, Schokolade, saure Gurken. Eller hat gerne zugegriffen: „Bei diesen Belastungen kann man ja gar nicht so viel Energie zu sich nehmen, wie man verbrennt.“

Geruht und geschlafen hat er während der vier Tage zwar auch. Aber die Dosis lag doch deutlich unter den landläufig empfohlenen acht Stunden. Die erste Nacht ist Eller komplett durch gelaufen. In der zweiten Nacht hatte er das gleiche vor, ist im Zelt am zweiten Checkpoint aber eingeschlafen; drei Stunden später war er wieder unterwegs.

Das gleiche Spiel in der dritten und vierten Nacht. Eller: „30 Minuten Schlaf pro Nacht reichen während eines solchen Rennens aus.“ Einige seiner Läuferkollegen bevorzugten es gar, drei Nächte lang gar nicht zu schlafen.

Dass man die 400 Kilometer an der Themse trotz flacher Laufstrecke nicht einfach so wegsteckt, merkte Eller noch zwei Wochen nach dem Zieleinlauf: Beim 1. Eiger Ultra Trail (101 Kilometer) musste er aufgeben. Und so konzentriert er sich jetzt voll auf die zweite Teilnahme am Ultra-Trail du Mont Blanc Ende August.

Von Chamonix aus geht es hier 166 Kilometer (9600 Höhenmeter) rund um das Mont-Blanc-Massiv. Dort braucht es schon mal einen Hubschrauber, der Verpflegung zu besonders exponierten Raststellen bringt. Bis der höchste Berg Europas ruft, will Eller noch hier und da einen Marathon laufen. Aber nach diesen 42,195 Kilometer geht das Vergnügen für Ultraläufer ja bekanntlich erst richtig los.

Von unserem Redakteur Jan Lindner

Der direkte Link zum Artikel in der Rhein-Zeitung:
http://www.rhein-zeitung.de/region/lokales/bad-neuenahr_artikel,-Grafschafter-Ultralaeufer-Eller-rennt-400-Kilometer-die-Themse-entlang-_arid,1018043.html

Mein längstes Rennen …

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(klicken zum Vergrößern …)

Es war Mittwoch, 9 Uhr englische Zeit.
34 Starter standen an der Startlinie und warteten auf den Startschuss zum 250 Meilen (400 Kilometer) langen THAMES RING RACE. Ich weiß nicht, was die anderen Starter dachten, ich aber schaute mir die anderen Starter an und fühlte mich untertrainiert angesichts der optischen Zustände der Mit-Teilnehmer.
Als es dann los ging, stürmten alle, wie immer viel zu schnell, an die Themse, um sich auf die lange Reise zu machen. Ich versuchte, mich weiter hinten einzuordnen, um die erste Etappe bis zum CP1 in Hurley, also in etwa den ersten der neuneinhalb Marathons, nicht schneller als in 6 Stunden zu schaffen.

Ich erinnerte mich an das Jahr 2011. Damals war ich auch schon dort am Start, ich ging die lange Strecke viel zu schnell an, auch, um nicht hinter meinem ehemaligen englischen Laufpartner Bob Lovegrove zu liegen. Das war ein echter Amateurfehler, das Rennen nicht nach einem eigenen, auf das eigene Laufvermögen abgestellte, Plan zu laufen, sondern sich von externen Einflüssen leiten zu lassen. Das Resultat war 2011 gewesen, dass ich danach so langsam wurde, dass ich den CP3 in Yiewsley erst so spät erreichte, dass ich übermüdet war, aber nicht genug Zeit zum Cut-Off geschaffen hatte, um auszuschlafen. Dort müssen die Läufer um 9.30 Uhr am Donnerstag den CP verlassen haben und ich kam damals erst um 7.30 Uhr dort an, zu wenig Zeit zur Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, Umstellung der Kleidung von Nacht auf Tag, zum Schlafen usw.

Nach 5 Stunden und 50 Minuten war ich dann tatsächlich am CP1. Ich lag weit hinten im Starterfeld, aber ich fühlte mich gut, aß etwas, trank viel und füllte meinen Rucksack auf. Dann ging es schnell weiter. Jeder weitere Marathon sollte in knapp 8 Stunden bewältigt werden, so mein Plan.
In Chertsey lag der CP2, bis dahin ging es immer an der Themse entlang. Da gab es teilweise wunderbare Villen und Gehöfte zu bewundern, meist mit immens großen Grundstücken und je näher wir Richtung London kamen, desto häufiger waren auch ganz moderne Bauwerke zwischen den typisch englischen Herrenhäusern zu bestaunen.
Wer deutsche Flüsse kennt, der weiß um die Begradigungen der letzten zweihundert Jahre, der denkt an einen Fahrradweg neben dem Fluss. Die Themse ist da vollkommen anders. Sie fließt in Bögen, wie sie will, meist liefen wir wirklich nur auf einem „footpath“, einem Trampelpfad, neben dem Fluss, der gelegentlich auch etwas weiter vom Fluss entfernt war. Dann galt es, Gatter zu passieren, Tore auf- und wieder zu zu machen, Leitern zu überwinden, es ist tatsächlich noch sehr natürlich dort im schönen England.
Oft führte uns der Weg aber auch einfach über Rasenstücke, Parks, Wiesen und gelegentlich aber auch über Feldwege und sogar über richtige Straßen, gelegentlich sogar mitten durch die angrenzenden Ortschaften.
Etwas ganz Besonderes war es aber, die Themse bei Eaton zu belaufen. Eaton ist ja wie manch andere Universitäten für die hervorragenden Ruderer bekannt und just an diesem Wochenende gab es eine Ruderregatta auf der Regattastrecke der Themse. Tausende von Zuschauern waren vor Ort, es gab einen VIP Bereich für die „upper 10.000“ direkt auf der Laufstrecke. Wir mussten einen Umweg über die Stadt nehmen. Anschließend kamen die öffentlichen Bereiche mit Catering-Ständen en masse, mit Engländerinnen und Engländern, die einzeln teilweise so skurril angezogen waren, dass allein dieser Anblick die Reise wert gewesen wäre. Ich brauchte einige Zeit, um zu bemerken, dass die skurrilsten Anzüge meist vielfach vertreten waren. Fast alle Zuschauer kamen im Outfit Ihrer Universität, Ihrer Verbindung, Ihres Clans, sehr traditionell, sehr bunt, sehr britisch. Skurril, aber nicht ohne Stil und Charme.
Ich gestehe, solch eine Ansammlung von Menschen schon lange nicht mehr gesehen zu haben. Den Kontrast dazu bildeten die Ruderer, um die sich alles drehte. Ein tolles Bild für uns. Nur das Laufen fiel uns allen sehr schwer. Zwar war der Weg hier tatsächlich gepflastert und einigermaßen breit, aber wir mussten stets auf die unzähligen Menschen achten, die auf dem Weg standen, uns entgegen kamen oder die wir überholen wollten. Und da Besucher nie alleine sind, sind zwei gut situierte Herren fortgeschrittenen Alters, die nebeneinander gehen oder stehen, eben auch einigermaßen breit. Ich lief über Kilometer hinweg Slalom von der einen Grasseite neben dem Weg auf die andere Grasseite, um wenigstens einigermaßen schnell weiter zu kommen. Erst am Ende der Regattastrecke konnte ich wieder normal weiterlaufen. Ich war froh, aber auch ein wenig traurig, denn eigentlich sollte man sich die Gelegenheit, solch ein Event wie die anderen Zuschauer „ganz normal“ zu besuchen, nicht entgehen lassen.

Irgendwann verließen wir an einem Park die Themse und querten einen großen Park nahe eines Luxushotels, um den berühmten „Grand Union Canal“ zu erreichen. Dort waren anfangs noch Häuser zu sehen, dann folgte ein Industriegebiet, dann begann die weite Landschaft. In diesem Industriegebiet verlor ich dann auch die Orientierung und wusste nicht mehr weiter. Ich versuchte mehrere Möglichkeiten, den weiteren Weg zu finden, alle vergebens. Welchen Fehler ich machte, weiß ich auch heute noch nicht, ich verlor viel Zeit mit der Sucherei und überlegte, was zu tun sei.
Noch ein paar Minuten zuvor überholte ich einen anderen Läufer, der sich auf einer Parkbank zum Schlafen hingelegt hatte. Sollte ich zurück gehen, mich zu ihm gesellen und dann gemeinsam suchen?
Ich wusste aber nicht, ob er einen Kurzschlaf halten wollte oder vielleicht sogar eine oder zwei Stunden zu schlafen gedachte.
Ich entschied mich, über eine Schleuse zu gehen und den angrenzenden Hang hinauf zu gehen. Ich kam dort in einen riesigen und wunderschönen Park mit einem imposanten Herrenhaus. Es gab ein bewachtes Tor zur Straße und ich folgte dieser Straße einigermaßen parallel zur Themse. Nach einem Kilometer fand ich einen riesigen öffentlichen Park und wählte die Lauf- und Fahrradwege darin aus, bis ich zu einem Schild kam, das zum „Grand Union Canal“ zeigte. Alles war wieder im Lot, der Morgen begann zu grauen und da mein Plan für die erste Nacht sowieso keinen Schlaf vorsah, war ich auch sehr gut im Plan. Ich war auch überhaupt nicht müde, als ich in Yiewley ankam, dort, wo zwei Jahre zuvor für mich das Ende der langen Reise war.
Aber ich ließ mich dort ein wenig massieren, leider und unverständlicherweise war es die einzige Massagestelle des gesamten Laufs und die war auch nur privat von einer Schwedin gemanagt worden. Aber besser ein Mal als kein Mal.

Der Canal ist weitgehend Tristesse pur. Da ist der Trampelpfad rechts oder links des Kanals, da sind die Hausboote, die angelegt haben, „mooring“ nennen das die Engländer, und da ist rechts und links etwas Landschaft. Keine Häuser, keine Ortschaften, nichts, das Abwechslung für die Augen versprechen könnte. Nur manchmal kamen Schleusen, manchmal fehlten die Hausboote. Für mich, der ich großartige Blicke von den Gipfeln liebe, war das schon eine immense Herausforderung. Aber ich kannte das ja und ich war darauf eingestellt. Und ich wusste ja, dass viele der Kilometer, die ich zurück zu legen hatte, von Kilometer-Paten gekauft wurden, für einen guten Zweck, für Kinder, deren größter Traum es vielleicht war, sich mal solch eine Landschaft ansehen zu können.

In Berkhamstedt am CP4 hatte ich schon ein deutliches Zeitpolster auf die Cut-Off Zeit herausgearbeitet, sodass ich es mir leisten konnte, am CP5 in Milton Keynes planmäßig drei Stunden zu schlafen, auch wenn mich das nahe an die Cut-Off Zeit brachte.
Meine Mission in England war „finishen“, nur das zählt, dachte ich.
Dann kam der Freitag und mit dem Freitag kam auch die Hitze. Sie war vom Wetterbericht angekündigt, aber sie traf mich dennoch mit voller Wucht. Es war das heiße Wochenende, an dem Andy Murray in Wimbledon bei 40 Grad Hitze zum ersten Mal seit Menschengedenken wieder den Wimbledon-Titel wieder auf der britischen Insel halten konnte.
Bis zum CP6 in Nether Heyford ging es noch mit dem Temperaturen, aber am Nachmittag wurde ich in der Hitze langsamer und langsamer und ich musste mich richtig quälen. Zum Glück waren die Cut-Off Zeiten je Etappe nun etwas üppiger, sodass mein langsamer werden sich nicht negativ auf mein Zeitpolster auswirkte.
Es ging an einer Canal Kreuzung dann in den „Oxford Canal“. Diese seltenen Kreuzungen wollten alle mit Bedacht gelaufen sein, zu schnell hat man den falschen Wasserweg gewählt. Aus der Historie des Laufs wusste ich, dass manche Läufer solch einen Fehler erst nach 20 Meilen bemerkt hatten.
Hilfreich war aber stets, dass die Brücken nummeriert waren und ich verglich die Nummern immer mit meinem ausgedruckten Plan.
Da es keinen GPX-Track der Strecke gab und seitens der Organisatoren noch vieles so gehandhabt wurde „wie früher“, bekamen wir an jedem CP immer einen ausgedruckten und laminierten Plan der Strecke bis zum nächsten CP und wir mussten den alten Plan immer abgeben. Es war keine optimale Lösung, aber man gewöhnt sich im Laufe der fast 100 Stunden an dieses Procedere.

Wenn ich aber gehofft hatte, dass die Strecke nach dem „Grand Union Canal“ neben dem „Oxford Canal“ besser würde, dann wurde ich bitter enttäuscht. Das Gegenteil war der Fall. Dieser Trampelpfad war wesentlich seltener begangen und oft durch dornige Gewächse und Brennnesseln überwuchert. Wenn man immer darauf achtet, sich nicht allzu oft an den Dornen zu kratzen und auch sich nicht allzu oft an den Brennnesseln zu verbrennen, dann reduziert das die Laufgeschwindigkeit weiter.
Und die Läufer vor mir hatten zweifellos hier noch größere Probleme. Es waren aber nicht mehr allzu viele Läufer im Rennen, die die Strecke hätten niedertrampeln können. Stück für Stück reduzierte sich die Läuferschar von den ursprünglichen 34 auf schlussendlich 14 Läufer, die es bis nach Streatley/Goring schafften.
Außerdem war der „Oxford Canal“ wesentlich weniger befahren, es gab oft stundenlang keine bemannte Schleuse, keinen Kiosk, kein Hausboot, nichts, wo ich hätte Wasser nachfüllen konnte. Und die Temperaturen stiegen und stiegen.
Zwei Mal luden mich Hausbootbewohner auf eine Cola oder ein Wasser ein. Ich schenkte diesen Menschen fünf Minuten Zeit, eine nette Geschichte und ein gutes Gefühl und ich ging dann weiter im Bewusstsein, hier etwas wirklich Großartiges zu leisten.
In manchen Phasen fielen mir diese Gedanken aber wesentlich schwerer.
Richtig anstrengend waren auch die beiden Berge. Zwei Mal verschwand der Canal in einem Tunnel und unser Weg führte uns einige Meilen über den Berg wieder ins Tal. Ein Mal davon durfte ich zwei Anläufe dafür nehmen, weil ich mich verlaufen hatte und wieder am Ausgangspunkt ankam. Ich wurde aber davor gewarnt, dass das passieren kann. Einer hatte einmal sogar diesen Fehler nicht bemerkt und ist dann den Canal einfach wieder zurück gelaufen, im festen Glauben, auf der anderen Seite des Berges angekommen zu sein.

Den CP7 in Fenny Compton erreichte ich am frühen Abend des Freitags. Ich hatte mir ein immens großes Zeitpolster vor dem Cut-Off herausgearbeitet, lag immerhin auf Rang 12 von Anfang 20 zu diesem Zeitpunkt noch verbliebenen Läufern, aber ich wusste, dass ich so nicht weiterlaufen konnte.
Eine Entscheidung musste her. Und ich entschied mich, mich ganz ans Ende des Rankings fallen zu lassen, um meinen mittlerweile elefantös aufgedunsenen und schmerzenden Fesseln die maximale Regenerationszeit zu gönnen. Und ich entschied mich, mich mit dem letzten Platz abzufinden. „Hauptsache, das Finish klappt,“ dachte ich.
Und so hatte ich Zeit bis Samstagfrüh um 2 Uhr. Ich aß ausgiebig, Gabi cremte die Beine, Fesseln und Füße mit Hirschtalg und einer After Sun Lotion ein und ich versuchte, mich ins Schlafzelt zu bewegen. Ohne mich stützen zu lassen ging das aber nicht. Ich war total am Ende und die meisten Beobachter strichen mich schon im Geiste von der Teilnehmerliste.
Schlaf aber hat einen eigenen Zauber. Ich regenerierte, zum Glück. „Als Du zwei Minuten vor dem Cut-Off erst das Lager verlassen hast,“ sagte später eine der Ladies der Organisation zu mir, „dachten wir schon, dass Du es nicht mehr rechtzeitig schaffst!“ Aus dem CP draußen bist Du nämlich erst, wenn auch Deine Schuhe den CP verlassen haben. Und wer denkt, dass nur die schweizer Uhren genau gehen, die englischen Uhren tun es ebenfalls. Und wer den CP zu spät verlässt und sei es auch nur um eine Minute, der ist draußen.
Ich war also Letzter. Aber ich konnte wieder laufen. Es war dunkel, tiefe Nacht, es war wunderbar kühl, feucht, nicht kalt, optimal zum Laufen. Es war „meine Zeit“. Und in „meiner Zeit“ war ich auch nicht lange Letzter. Und auch nicht lange Vorletzter. Ich überholte eifrig Läufer auf Läufer, bis ich gegen 10.30 Uhr im CP8 in Lower Heyford ankam. Dort machte ich gleich zwei dumme Fehlerchen hintereinander.
Fehler 1: Anstatt nur kurz zu verweilen blieb ich bis zum Schluss des CPs und machte ein Nickerchen.
Um 14 Uhr ging es dann weiter. Die Sonne heizte die Gegend so sehr auf, dass es wirklich unerträglich war. Ich passierte schon nach wenigen Minuten Javed und wegen Fehler 2: Schnell laufen war nach zweieinhalb Stunden „Schicht am Schacht“ bei mir. Ich hatte meine Geschwindigkeit von 3.25 Meilen pro Stunde am Vormittag auf 3.5 Meilen pro Stunde erhöht und plötzlich ging nichts mehr. Der Kreislauf drohte abzusacken, mir wurde schummrig vor Augen und nur „Aunt Annie’s Teeroom“ rettete mich. Ich setzte mich in den Tearoom, trank zwei halbe Liter eiskalte Coca Cola und machte 30 Minuten lang gar nichts. Erst dann setzte ich meinen Weg langsam wieder fort. Javed hatte mich längst wieder überholt, aber ich sah ihn später wieder in Sichtweite und erreichte ihn, als er sich an einem offenen Wasserhahn erfrischte. Wir gingen ein paar Meilen zusammen und erreichten kurz vor Oxford eine Canal-Kreuzung. „Hier habe ich vor vier Jahren verloren,“ sagte Javed. „Ich lag zu dieser Zeit in Führung, aber ich nahm hier den falschen Weg.“ Ich war froh, ihn in diesem Moment neben mir zu wissen.
Aber plötzlich schaltete Javed den Turbo ein und ich war nicht mehr imstande, ihm zu folgen und kurze Zeit später, bei dem schwierigen Übergang vom „Oxford Canal“ zur Themse, war ich ganz allein. Ich wusste, dass es schwer war, den richtigen Weg zu finden. „Da gingen schon viele verloren!“ schärfte man mir ein. Es war auch auf dem Plan falsch und unverständlich beschrieben. Aber wenn man weiß, dass es schwer ist, dann tastet man sich mehr voran als dass man läuft. Und ständig fragte ich Passanten, ob ich auf dem richtigen Weg war. Mit deren Hilfe schaffte ich es an die Themse ohne allzu viel Zeit verloren zu haben, aber mein Tempo glich dem der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB): Kaum merkliche Bewegungen!
Ich schob mich mehr vorwärts als dass ich ging, von Laufen war schon lange keine Rede mehr. Ich passierte ein großes und schönes Restaurant mit einem riesigen Biergarten davor, da stand einer auf und kam auf mich zu. „Du musst Tom sein,“ sagte er. „Ich bin Jack. Ich habe auf Dich gewartet. Ich begleite Dich jetzt bis zum nächsten CP.“ Der arme Jack musste sich mein langsames Tempo antun, aber dank netter Gespräche und seiner immensen Ruhe, die er ausstrahlte, schaffte ich die 7 Meilen bis zum CP9 in Abingdon dann doch irgendwie. „Drei Läufer sind hinter Dir,“ sagte Jack. Drei Läufer? Einer davon war Javed, der sich mit den beiden anderen, Ernie und Kate, dort im Biergarten ein Abendessen gegönnt hat.
Es gehörte zur Strategie von Javed, nur kurz im CP9 zu bleiben, um durch die Nacht ins Ziel zu laufen. Kein Grund für mich, meine gewählte defensive Strategie zu ändern.
Im CP9 angekommen machte ich das gleiche Procedere wie am Vortag. Ausgiebig essen und trinken, Hirschtalg und After Sun Lotion für die Beine, Fesseln und Füße, viel trinken und schlafen bis zum Ende der Cut-Off Zeit. Dachte ich zumindest.
Der Verantwortliche für diesen CP riet mir dringend davor ab, bis 2:30 Uhr auszuharren, weil er der Ansicht war, ich würde sonst das letzte Stück nicht mehr in den gesetzten 10.5 Stunden schaffen. „Und wenn Du eine Minute zu spät einläufst, dann bist Du kein Finisher!“ Mir war klar, dass ich keine Probleme mit der Zeit haben werde und wollte dennoch an meiner Strategie festhalten. Ausserdem dachte ich, dass es im Wesentlichen sein Interesse war, den CP früher schließen zu können.
Andy, der Läufer vor mir, war schon bei der Schleuse des ersten Bogens, einem Punkt, den ich erst im Morgengrauen des nächsten Tages erreichen sollte, als ich noch beim Essen war. Javed war mit seiner Strategie sicher auch schon weit vor mir, aber Ernie und Kate schliefen auch im Schlafzelt. Sie wollten um 1 Uhr geweckt werden. Geweckt werden von einem, der eigentlich will, dass er den CP vorzeitig abbauen kann, bedeutet, dass er die beiden so lautstark geweckt hat, dass auch ich wach war. Ich konnte gar nicht anders. Und ich konnte nicht wieder einschlafen. Nach einer weiteren Viertelstunde entschied ich, jetzt doch zu gehen, diesem Herren einen früheren Feierabend zu gönnen. Ich zog mich an und verließ den CP dreißig Minuten nach Ernie und Kate.
Nach Abingdon wurde die Strecke sehr, sehr einsam. Ich hätte nie geglaubt, dass die Themse so einsam sein kann. Es waren zwei Bögen der Themse zu laufen, einer einsamer als die andere. Ich wurde schon vorgewarnt, dass alleine der erste Bogen einige Stunden Zeit in Anspruch nehmen würde. Auf der Karte sah das gar nicht so wild aus. Und es war wieder angenehm kühl und feucht in der Nacht, ich konnte wieder einigermaßen laufen und ich holte Ernie und Kate schon nach vierzig Minuten ein. Was für ein Gefühl. Ich war nicht mehr Letzter! Und ich war auch nicht mehr letzter Mann! Position halten, mehr geht nicht, dachte ich.

Der erste Bogen war passiert, der zweite begann, Nebel lag über den Feldern, die Sonne ging auf. Es war einsam, aber wunderschön, ein perfekter Morgen. Und es waren nur noch gut 10 Meilen zu gehen, ich war sicher, finishen zu können, ich war nicht Letzter, mir ging es richtig gut. Und ich begann, gelegentlich wieder zu laufen. Am Ende des zweiten Bogens überquerte ich die Themse, es ging durch ein Dörfchen und von rechts aus einer Seitenstraße kam Andy, der ja schon am Vorabend am Ende des ersten Bogens war. „Wo kommst Du denn her?“ fragte ich ihn. „Ich war so müde,“ antwortete er, „ich musste schlafen.“ Und ich bot ihm an, ab sofort gemeinsam weiter zu laufen. Wir trabten also gemeinsam und ich wunderte mich, dass ich tatsächlich dauerhaft laufen konnte, ohne Gehpausen machen zu müssen. Ich sagte mir aber auch, dass ich es nicht zulassen wollte, diesen frisch gewonnenen Platz im Ranking wieder abgeben zu müssen. Ich wollte also alles tun, um nicht hinter Andy zu fallen. Das war aber nicht nötig, er strich nach zwei Meilen die Segel und ließ sich nach hinten fallen. Auf den folgenden sieben Meilen nahm ich ihm noch 21 Minuten ab.

Und rund drei Meilen vor dem Ziel, ich war mittlerweile in ein echtes „Runner’s High“ gefallen und lief schneller als zu jeder anderen Zeit des Rennens, passierte etwas, mit dem ich auch nicht mehr gerechnet hätte. Javed hing an einem Straßenschild, vollkommen am Ende. Er versuchte 50 Meter lang, mir zu folgen, es ging aber nicht. Ich flog dem Ziel entgegen. Noch zwei Meilen.
Und ich rannte über eine Wiese und da stand Jack. Jack vom gestrigen Abend. Jack, der mich in meiner dunkelsten Periode des Laufs bespaßt und begleitet hat. Und ich rannte an ihm vorbei. Er staunte ungläubig. Ich lief und lief und lief und nahm Javed auf knapp drei Meilen 33 Minuten ab. Selbst Andy überholte Javed noch und lief 12 Minuten vor ihm ins Ziel.
Ich aber rannte und rannte, noch über die beiden letzten Brücken zwischen Streatley und Goring. Ich sah schon das Ziel, hörte die Menschen im Ziel und ich hörte erst auf, zu laufen, als ich die Ziellinie überschritten hatte. Sechseinviertel Stunden hatte ich noch für die letzte Strecke zwischen CP9 und dem Ziel gebraucht, ich hätte mir noch fünfeinviertel Stunden länger gönnen können. Alles war plötzlich so klar und leicht und ich fragte mich, warum ich in der Hitze des Freitagnachmittag und des Samstagnachmittag solche Probleme hatte.
Ich war drin, 400 Kilometer in 94 Stunden und 44 Minuten waren gelaufen. Von den 34 Startern kamen am Ende nur 14 Läufer ins Ziel, ich war Zehnter, Andy Elfter, Javed wurde Zwölfter und Ernie und Kate kamen danach zusammen ins Ziel, geschunden und spät, aber dennoch sicher vor dem Cut-Off.
Kate war übrigens erst die zweite Frau überhaupt, die dieses Thames Ring Race finishen konnte! Der Sieger, Steve, brauchte mit 66 Stunden und 47 Minuten fast 28 Stunden weniger als ich, es war mir egal.
Mission Finish erfüllt,“ dachte ich und ich wurde mit einer Finisherplakette belohnt, die es wirklich wert war, sich so zu schinden. Ein Metalloval „Thames Ring, 248 Miles, 175 Locks“ mit einem Steuerrad in der Mitte, aufgeschraubt auf ein Holzplättchen und darauf noch eine dünne Metallplatte mit „BRITAINS LONGEST NON-STOP RACE 2013“ eingraviert.
Ich war stolz und ergriffen und zum Schluss liefen dann doch bei mir wieder die Tränen._10th Thomas Eller 9444
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230 Kilometer und das Peter-Prinzip …

Das „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“, dieses 400 Kilometer Nonstop-Rennen, sollte mir 2013 Klarheit verschaffen, ob ich überhaupt noch in der Lage bin, lange Distanzen zu meistern.

Dabei war früher alles so einfach:
Der TransAlpineRun 2008 (TAR), mein erster wirklich großer Lauf, klappte besser als gedacht und machte Lust auf mehr. Die drei UTMB-Punkte, die es für diesen Stagerun gab, mussten natürlich 2009 zum UTMB führen. Wie sagte damals Bernie Conradt kurz nach dem TAR zu mir: „Jetzt hast Du drei UTMB-Punkte, jetzt musst Du auch nach Chamonix!“
In der Vorbereitung des UTMB 2009 habe ich dann im Jahr 2009 meinen ersten 24-h Lauf gelaufen, damals in Delmenhorst, immerhin über 177,5 Kilometer. Ich wollte damals unbedingt zumindest einmal die Länge des UTMB nonstop hinter mich gebracht haben.
Ich lief die 350 Kilometer des SwissJuraMarathons in 7 Etappen von Genf nach Basel und zur Absicherung lief ich noch gegen den Rat der meisten Freunde zwei Wochen vor dem UTMB die 171 Kilometer des Kölnpfads in knapp unter 24 Stunden.
Alles war einfach und gut, Zweifel gab es nicht, nie.

Auch den UTMB selbst lief ich ich guten 41:52:33 Stunden deutlich leichter und besser als geplant. Ich konnte mir sogar eine längere Schlafpause in Trient in der zweiten Nacht gönnen – welch ein Luxus!

2010 kamen dann im Frühjahr die 230 Kilometer der TorTOUR de Ruhr, ich musste leiden und kam erst im späten Dunkel ins Ziel, aber ich konnte diesen Lauf finishen – wie eben alle anderen zuvor. Zweifel gab es immer noch nicht.

Und dann begann das „Peter-Prinzip“ (das „Peter-Prinzip auf Wikipedia), das Streben nach mehr, die Gier nach Dingen, für die ich vielleicht einfach nicht gemacht bin.
PPDas Scheitern beim PTL 2010 konnte ich im Wesentlichen noch den widrigen Umständen zuschreiben, dem Wetter beispielsweise. In diesem Jahr wurde an gleicher Stelle immerhin der UTMB wegen der Wetterkapriolen nach 32 Kilometern abgebrochen. Auch dem Team, als zweites Beispiel, insbesondere den Meinungsunterschieden zwischen dem kanadisch-deutschen Part Carsten Quell und mir, nachdem der englische Part, Bob Lovegrove, das Team verlassen wollte.
Wenn Du, Carsten, dies hier lesen solltest, dann nimm bitte meine Entschuldigung an und wisse, dass ich damals kopfmäßig einfach nicht in der Lage war, solch einen Lauf erfolgreich zu stemmen.

2011 scheiterte ich dann erst bei meinem ersten Antritt beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“ – und das grandios. Ich hatte mir dort alles anders vorgestellt, ich war viel zu langsam und sehr müde und musste deshalb am CP 3 nach etwa drei Marathonlängen aussteigen.
Dann scheiterte ich 2011 auch noch beim 330 Kilometer Tor des Géants (TdG) nach knapp 200 absolvierten Kilometern. Ich war leer im Kopf, kam einfach keinen Berg mehr hinauf und beschloss, ab sofort nur noch zu weinen. Und das tat ich dann mehrere Tage lang.
100ZweifelUnd plötzlich waren sie da, die Zweifel. Und sie waren massiv und ständig präsent. Ist die Grenze von 230 Kilometern meine persönliche Leistungsgrenze?
Das einzige, was mich damals aufrecht hielt, waren der persönliche Bestwert von 189,6 Kilometer beim 24-h Lauf, wieder in Delmenhorst. Platz 5 von allen, Platz 1 der Altersklasse, das habe ich weder vorher noch nachher noch einmal erreicht.
Das war damals der Lauf meines Lebens. Ich lief und lief und lief …

2012 verkürzte ich dann meine erneute TorTOUR de Ruhr auf 100 Kilometer, ich scheiterte beim JUNUT, 2012 war ein wirklich fürchterliches Jahr für mich. Beim UTMB durfte ich wegen des Lospechs in der Lotterie auch nicht antreten, zum TdG habe ich mich erst gar nicht mehr getraut.

Aber 2013 sollte alles anders werden, alles besser werden.
Mit dem JUNUT, den ich immerhin bis zum Finisherpunkt bei 172 Kilometern geschafft habe und eben vor allem mit dem „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“. Dieses Mal musste es einfach klappen.

Ich konzentrierte mich und meine Vorbereitung vor allem auf diesen Lauf. Nach den 200 Kilometern in Indien beim Ultra India Race, den 119 Kilometern des TransGranCanaria und den 172 Kilometern des JUNUT 172 reparierte ich mein angeschlagenes Ego zuerst durch das Finish beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ und dann durch eine gute Platzierung beim 60 K Extreme Ultra vom Mount Everest Base Camp ausgehend.
Den Start bei meinem Traumlauf in Andorra über die 170 Kilometer in den hohen Bergen der Pyrenäen machte leider der nepalesische Darmvirus Giardia lamblia (Lamblien) zunichte, meine Sicherheit, gut vorbereitet zu sein, wurde dadurch aber nicht geschmälert.

Dass ich aus dem England-Lauf einen Spendenlauf gemacht habe und dass ich auch aus dem Läuferkreis so hervorragende und motivierende Reaktionen erfahren hatte, dass Webseiten wie soq.de oder meinestadt.de berichtet haben, dass die lokalen Zeitungen diesen Lauf nicht ignorierten, all das trug mich lange beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“.

Bei manchem Kilometer sprach ich laut zum vermeintlich präsenten Kilometer-Paten: „Das ist Dein Kilometer. Vielen Dank für Deine Unterstützung!“
Das motivierte mich, es machte mich glücklich und glich auch den Mangel an neuen äußeren optischen Eindrücken beim Lauf aus.

Am Ende hat es dann funktioniert. Die 230 Kilometer-Grenze gibt es nicht mehr für mich. Aber die Gier nach mehr gibt es auch nicht mehr.
Es wird für mich kein „Projekt 500“ geben und keinen Frostskade 500.
Ich werde 2014 noch einmal die TorTOUR de Ruhr laufen, vielleicht einen oder zwei 24-h Läufe mit dem Ziel, näher an die 200-Kilometer-Marke heran zu laufen und im Spätsommer vielleicht ein schönes Bergevent.

Ansonsten werde ich einfach glücklich sein und wissen:
Du musst nicht wirklich wissen, wann das Peter-Prinzip für Dich erreicht ist!230

The TRA 250 Miles Thames Ring Race 2013

mrtrDas Rennen des Thames Rings wurde nach 2009 und 2011 heuer zum dritten Mal ausgetragen, immer im 2-Jahres-Rhythmus. Es gab einen fantastischen Streckenrekord für Männer aus 2009 und einen für Frauen, ebenfalls aus 2009. Was ich jedoch nicht wusste, dass es außer dieser Frau weder in 2009 noch in 2011 keine weitere Dame schaffte, den Ring zu vollenden.
Ich war schon 2011 dabei gewesen, damals schaffte ich es allerdings nur bis zum CP 3.

Für mich ist es oft sehr schwer, mich umzustellen, wenn die Verhältnisse, die ich vorfinde, so gar nicht mit meinen Vorstellungen davon übereinstimmen. Und das war damals in höchstem Maße gegeben. Wenn ich mir großartige Landschaften vorgestellt hatte, fand ich ich ein zweifellos romantisches Bild vom Kanal vor, mit Hausbooten darauf, mit viel Grün außen herum, wahrlich nicht schlecht, aber solch ein Bild, das sich über Stunden nicht verändert, ist schon eine gesteigerte Herausforderung an den eigenen Geist.
Zu dem kam die erstaunliche englische Ernährung, insbesondere die vegetarische Ernährung ging wirklich gar nicht.

„Nie wieder“ war also meine damalige Lernerfahrung gewesen. Dann aber sagte ich mir, dass ich, wenn ich meine Erwartungen ändern würde und für eine bessere Kost Sorge tragen würde, durchaus die Chance hätte, dieses Ding zu schaukeln. Es hatten ja auch ganz andere schon geschafft, Jack B. Liver zum Beispiel.
Er war es ja, der ursächlich dafür verantwortlich war, dass ich von diesem Rennen überhaupt erfahren habe. Das war im Spätsommer 2009 und ich kannte Jack damals noch nicht persönlich, er war aber Teil einer virtuellen Trainingsgruppe für den UTMB 2009, die Bernie Conradt mit seinen „Coolrunners Germany“ auf „WKW“ (wer-kennt-wen) eingerichtet hatte.
Läufer wie Jack waren darin, Kurt Süsser, Norman Bücher, Ralph Kölsch, Bernie Conradt, ich, Florian Bechtel und viele andere mehr. Jack war mir damals vor allem wegen seines Namens aufgefallen.
Wir tauschten damals Trainingstipps aus, Rennerlebnisse und Berichte über eigene Befindlichkeiten und am Ende hatten wir ein großes Treffen bei Pizza und Bier in Chamonix vor dem UTMB.
Was waren wir alle aufgeregt wegen dieses Hundertmeilers!

Teil meiner UTMB-Vorbereitung war, die 350 Kilometer der letzten Austragung des Swiss Jura Trails von Genf nach Basel zu bewältigen. Es war ein 7-Tage-Etappenlauf und ich war nicht alleine, weil Achim Knacksterdt ebenfalls dort teilnahm. Antje, seine Frau, war sogar im Staff des zweiten VP gewesen, eine tägliche kleine Freude, wenn Du den VP 2 erreicht hattest. Und da war da auch noch Katja.
Katja war eine junge und gutaussehende Läuferin, die an den ersten Tagen immer an den VPs von einem ebenfalls gutaussehenden und schlanken Mann mit einem Küsschen empfangen wurde.
Ihr Freund, dachte ich damals, hätte ja auch mitlaufen können. Eine Läuferfigur hatte er zumindest.

Am Ende der 7 Etappen, wieder zu Hause, las ich im WKW den Bericht von Jack B. Liver über das 250 Miles Thames Ring Race, 400 Kilometer nonstop, was für eine gewaltige Distanz! Er benötigte rund 99 der maximalen 100 Stunden und schloss seinen Bericht mit den Worten: „… aber jetzt muss ich Schluss machen und nach Genf fahren. Meine Freundin Katja startet dort morgen früh beim Swiss Jura Trail.“
Ich kam mir so klein, einfältig und lächerlich vor, verstand, vor einer Woche Jack live gesehen zu haben und ich begriff, warum er nicht einer der Swiss Jura Trail – Teilnehmer war, nicht sein konnte.
Heute sind Katja und Jack schon lange kein Paar mehr, aber immer, wenn ich Jack treffe, denke ich an diese kleine Geschichte.
Und seither verfolgt er mich, der Ring.

TRAls ich mich 2013 angemeldet habe, schrieb Anthony, einer der beiden „Big Guys“ des Events, dass er sich noch an meine negative Wertung aus der vergangenen Veranstaltung erinnern würde und so würde er sich wundern, dass ich wieder dabei sein wolle. Na ja, niemand ist alt genug, um nicht noch etwas lernen zu dürfen.
Um mehr eigene Motivation zu haben, bin ich dann auch gerne der Einladung von Inka Orth, der Vorsitzenden des „Bunten Kreises Bonn / Bad Neuenahr“, gefolgt, einen Spendenlauf aus diesem Rennen zu machen. Wir alle schulden dieser Gesellschaft, die uns alle überdurchschnittlich verwöhnt, unseren Teil dazu zu tun, dass es für die, die es nicht so gut haben, Hilfsangebote gibt. Deshalb spenden wir, deshalb sammeln wir spenden, deshalb engagieren wir uns ehrenamtlich hier oder da.
Die Zeit war nur recht kurz gewesen, die uns für die Umsetzung blieb und mein Laufprogramm vor dem Event ließ mich kaum zu Hause sein, dennoch fanden wir schnell einen Namen für das Projekt („Füße tragen Leben“), der vielseitige Stephan Maria Glöckner, seit Jahren ein guter Freund, schuf ein Logo dazu. Der Comedian Luke Mockridge übernahm die Schirmherrschaft, Facebook, der Generalanzeiger Bonn, die Wochenzeitung Blickpunkt, die Webseiten soq.de und meinestadt.de, die Organisatoren des Ahrathon und viele andere engagierten sich in unserer Sache. Heraus kam ein gutes Ergebnis für unser „erstes Mal“.
Vom ersten bis zum letzten Kilometer waren die Kilometerverkäufe am Ende gediehen, lediglich dazwischen gab es noch Lücken, die wir gerne gefüllt gesehen hätten. Aber noch während meiner Anreise nach England konnte ich zwei Kilometer an ganz, ganz liebe Lauffreunde verkaufen. Das war für mich neue „Motivation pur“.

FTLMeine Gabi hatte sich ja irgendwann dazu entschlossen, nachzubuchen und mich zum Event zu begleiten. Zwar hatte ich klare Vorstellungen, wie ich das Ernährungsproblem lösen wollte, so aber war das alles noch viel besser. Wie wichtig diese Unterstützung gerade in den beiden letzten Nächten werden sollte, erzähle ich aber erst in einer der folgenden Geschichten. Und weil wir nun zu zweit waren und weil Gabi ja den Ring abfahren wollte, mieteten wir noch ein kleines Auto und es war egal, dass wir im Internet irrtümlicherweise einen falschen Mietzeitraum angegeben hatten. Die Dame am Hertz- Empfang bügelte das alles wieder aus.

In England dann fanden wir nach langer Suche auch noch ein Hotelzimmer für die Nacht zum Event, alles passte.
Und wenn einem so viel Gutes geschieht, dann kann der Lauf selbst auch nur gut werden, dachte ich …
FTL

Mount Everest Base Camp: „60 K Extreme Ultramarathon“

Am 29. Mai 1953 bestiegen der Sherpa Tenzing und der Neuseeländer Sir Edmund Hillary zum mutmaßlich ersten Mal den „Berg der Berge“, den höchsten Berg der Welt in absoluter Höhe gemessen, den Mount Everest. Und jetzt, 60 Jahre später, riefen die nepalesischen Ausrichter des THEM (Tenzing Hillary Everest Marathons) zu einem neuen Ereignis, dem „60 K Extreme Ultramarathon“.

Am 29. Mai 2013 um 6 Uhr war der Start, ganz weit hinten im Mount Everest Base Camp. Einen Tag zuvor schon haben wir ihn geprobt, beim „Mock Race“, dem Teststart, damit die Damen und Herren Journalisten nicht so früh aufstehen müssen. Damit genug gutes Licht da ist für die Pressefotos. Und vielleicht auch, damit wir am frühen Morgen uns nicht auf dem Weg zum Start verlaufen. Das half aber nichts, ich habe es dennoch geschafft. Im Verlaufen bin ich ja wirklich gut.
Wenigstens eine Stärke …
Der Wecker steht auf 5 Uhr, aber meine nicht immer geliebte Eigenschaft, immer etwas vor dem Klingeln wach zu liegen, ließ mich schon um 4.45 Uhr aufstehen. Ich hatte am Vortag des Laufs in Gedanken Dutzende Male durchgespielt, was ich beim Lauf anziehen werde, dennoch überlegte ich an diesem Morgen alles wieder ganz neu. Gut war, dass wir die Jacken und eine Hose am Start in einen Beutel packen konnten, der dann nach Namche Bazaar gebracht wurde. Ich konnte also ohne Bedenken eine Oberhose und eine schöne warme Winterjacke überziehen, um nicht zu frieren. Darunter erst ein wärmendes Sportunterhemd, darüber ein Langarmshirt und darüber die heiß geliebte schwarze X-BIONIC Weste gegen den Wind und darüber noch das offizielle Laufshirt, das uns der Veranstalter mit dem Hinweis übergeben hat, dass das Tragen des Shirts unabdingbar sei.
Das wiederum hatte etwas Gutes. Coca-Cola war ja der Hauptsponsor des Laufs, das entsprechende Getränk aber gab es bei keinem der Verpflegungspunkte. Immerhin hatten wir so das Logo auf dem Shirt und das Logo war auch auf den selten angebrachten Fähnchen, die uns den Weg weisen sollten.

Frühstück gab es ab 5.45 Uhr, ich war schon eine Viertelstunde vorher da und saß einsam auf einem Klappstuhl im Essenszelt. Die Tische waren schon abgebaut, Porridge kannst Du aber auch gut ohne Tisch zu Dir nehmen. Für mehr reichte es nicht. Wenn ich nervös bin, dann bekomme ich einfach nichts in mich hinein. Irgendwann trudelten auch die anderen Starter beim Frühstück ein und ich ging schon mal zum Start, zumindest versuchte ich das.
Prompt verlief ich mich und kam wieder zum Zelt zurück und schloß mich denen an, die den Eindruck machten, den Weg zum Start zu kennen. Und das war gut so. In dem vielen Weiß des Camps hätte ich wohl lange suchen müssen, um den Weg zum Start zu finden, trotz des Trainings am Vortag.
Mock Race
Es war warm am Start, zumindest warm für die Höhe von immerhin 5.350 Metern und weil alle anderen Läufer viel weniger anhatten als ich, beschloss ich, meine Entscheidung bezüglich der Kleidung noch einmal zu korrigieren und verzichtete auf das wärmende Unterhemd.
Nirmala Giri aus Kathmandu vom Orga-Team richtete noch ein paar mahnende Worte an uns alle. „Don’t push the others or you will be disqualified,“ sagte sie und Bob, der Australier, lachte und meinte, er könne gar nicht gestossen werden, weil er ja sowieso ganz hinten laufen würde.
Das irrst Du Dich, dachte ich, weil ich mir den letzten Platz schon vor Tagen für mich ausgekuckt habe.
Meine Rennstrategie war klar und einfach: langsam starten und das Ding in Ruhe abwickeln. Ich war auch der Einzige der 19 Starter, der von vornherein seine Laufzeit auf 15 Stunden festgelegt hatte, während die meisten Anderen sich auf eine Zeit unter 12 Stunden eingestellt hatten.
Bis zu dem Punkt, an dem der Loop der 60K Läufer begann, kannten wir alle ja die Strecke, immerhin sind wir sie vorsichtig und langsam nach oben gewandert. Und wir alle wussten, wie schwer das war, wie die Strecke trotz einem durchschnittlichen Gefälle stetig rauf und runter ging, nicht laufbar war und ich mir ganz sicher war, dass es sehr schwer werden würde, diese Strecke zu bewältigen.

Und da war ja auch noch der Engländer, der im Vorjahr den Marathon mit fantastischen 6.15 Stunden gepackt hat und 2013 auf 6 Stunden kommen wollte. Er war schon lange im Himalaya, auf die Höhe adaptiert und einschlägig trainiert und er sagte, dass er plant, in 45 Minuten (!) vom Start bis Gorak Shep und in weiteren 60 Minuten von Gorak Shep bis zur zweiten Versorgung zu laufen.
Gorak Shep liegt fast auf der gleichen Höhe wie das Base Camp, der Weg dazwischen ist holprig, steinig, geht rauf und runter und Michele Ufer und ich sind die Strecke in 2 1/2 Stunden gewandert. Dabei waren wir die ersten aus unserer Gruppe. 45 Minuten? Das geht einfach gar nicht.
Wenn ich diese Strecke in 1 1/2 Stunden schaffen würde, dann wäre das schon gut in meinem Plan. Also langsam und ganz hinten laufen. Bob, dachte ich, um den Platz an der roten Laterne werden wir uns dann wohl streiten müssen …

Ich schaute mich in der Gruppe der Ultraläufer um. Lauter hypertrainierte Menschen und ich irgendwo dazwischen. Mein Zimmer- und Zeltpartner Henk Sipers hatte schon auf den Marathon herruntergegradet, weil er sich beim 60 K Loop wegen seiner Höhenangst die schweren Passagen nicht zugetraut hatte. Frank Rocktäschel, erst ein Marathoni, dann zum Ultramarathon hochgegradet, wechselte zum Halbmarathon, weil sein Gesundheitszustand einfach nicht mehr hergab.
Und dann rief Nirmala Giri den Start aus, den Start zum Lauf. Und so lief ich eben auch.

Auf halber Strecke durch das Mount Everest Base Camp lagen das Frühstückszelt und unsere Schlafzelte und der Rest unserer Gruppe stand da und klatschte. Ich hatte mittlerweile auch den schlanken und von mir hoch eingeschätzten tätowierten Australier und seinen Kumpel überholt, sicher nur, weil sich die beiden auf den glitschigen Steinen nicht wohl fühlten. Und ich überholte und überholte, während ich die Führenden allerdings schon lange nicht mehr sah.
Nach 17 Minuten hatte ich die 1 1/2 Kilometer durch das Base Camp geschafft, 13 Minuten vor meinem Plan. Und nach 54 Minuten war ich in Gorak Shep – und es wäre mehr drin gewesen, wenn ich nicht so verhalten gestartet wäre. Ich überholte und wurde überholt, aber ich blieb an denen, die mich passierten, immer dran.
Es lief wirklich fantastisch gut und ich begann, meine Ziele zu revidieren.
Statt der 15 Stunden Laufzeit könnten es vielleicht tatsächlich nur 12 Stunden werden, dachte ich. Voraussetzung war eine kumulierte Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 Minuten pro Kilometer, vorausgesetzt, die 60 Kilometer waren auch richtig ausgemessen. Ich lag permanent knapp über 10 Minuten pro Kilometer, Tendenz besser werdend.

Nun wollte ich, dass ich nach Möglichkeit von den nepalesischen Wunderläufern nicht vor der 2-Stunden-Marke überholt würde. Das habe ich nicht ganz geschafft, nach 1:55 Stunden war es so weit, ein Nepali kam angeflogen. Offiziell eine Stunde nach uns gestartet war er mehr als doppelt so schnell wie ich. Egal, es half mir, weil ich mich in diesem Moment nicht mehr auf dem richtigen Weg befand, sondern auf der anderen Seite des Taleinschnitts lief. Also rüber. Glück gehabt.
Und nach und nach flogen auch andere Nepali an mir vorbei. Unglaublich, was in dieser Höhe doch läuferisch für manche doch noch möglich ist.
Map
Die beiden, die mich zwischen dem Base Camp und Gorak Shep überholt haben, sah ich nun immer näher kommen. Da ging noch was. Oder besser: die beiden gingen. Dann riss erst einmal die Schnürung an meinen Hoka One One Schuhen. Der Metallhaken der rechten Gamasche sägte so lange daran, bis die Schnürung aufgab und riss. Die restlichen 50 Kilometer musst Du also mit offenem Schuh bewältigen, dachte ich und versuchte, den Fuß noch kontrollierter aufzusetzen, um nicht immer im Schuh hin und her zu wackeln.
5 weitere Kilometer später riss auch das unter den Schuh gezogene Band der linken Gamasche. Damit es nicht ständig wild umher schlug, stellte ich mich mit dem rechten Fuß darauf, machte mit dem linken Fuß einen großen Schritt und riss das Band endgültig ab. Das war sicher die richtige Entscheidung.
Diese beiden Malheurs allerdings hatten die beiden vor mir genutzt, um den Abstand wieder größer zu machen.

Zuletzt liefen wir an den Gedenksäulen an die toten Mount Everest Besteiger vorbei, eine kurze Bekreuzigung, ein paar Gedanken an die Toten und weiter ging es. Danach führte der Weg kurz nach oben, um danach steiler abzufallen. Wir waren schon kurz vor Dingboche, kurz vor dem Startpunkt des Halbmarathons. Auf dem Weg nach oben schloss ich auf die beiden auf und ich überholte sie just oben auf dem Grat. Und dann ging es bergab.
Ich rannte, die beiden hinter mir aber auch.
So langsam könnten die schnellsten ausländischen Marathonis kommen, dachte ich. Ein Grund, schneller zu werden. Die beiden hinter mir gaben die Hoffnung auf das Verbessern ihrer Position auf und genau nach 17.76 K, nicht nach 21.2 K, war ich am Start des Halbmarathons. 2 Stunden und 58 Minuten waren vorbei, die kumulierte Durchschnittsgeschwindigkeit betrug jetzt fast exakt 10 Minuten pro Kilometer.

Jetzt begann der kleine Loop. Offiziell drei Kilometer ansteigend bis zum Wendepunkt, der dann nach 2.850 Metern auch tatsächlich da war und dann diese Strecke wieder zurück. Wenn die erste Hälfte des Marathons etwas mehr als 3 1/2 Kilometer zu kurz war und auch beim Loop insgesamt 300 Meter fehlten, dann könnte das auch darauf hindeuten, dass die Gesamtstrecke vielleicht auch etwas kürzer ist als die angegebenen 60 Kilometer, dachte ich. Eine Zeit unter 12 Stunden wurde immer wahrscheinlicher.
Auf dem Weg runter nach dem Wendepunkt traf ich erst Michele Ufer, dann Craig Langobardi. Beide anderen 60 K Läufer aus unserer Gruppe waren hinter mir. Michele aber sah gut und frisch aus, Craig war schon sichtlich mitgenommen. Fast am Ende des Loops traf ich noch den Amerikaner Max und den Reutlinger Michael, die sich eine Zeit um die 6:30 Stunden für den Marathon vorgenommen hatten. Ich traf aber keinen der Marathonis aus meiner Gruppe.
Für den Loop benötigte ich 1:03 Stunden, wir sind eine Stunde vor den Marathonis gestartet … das sah richtig gut aus. Keiner aus meiner Gruppe war also schneller als ich.

Und so setzte ich mir ein neues Ziel. Ich wollte vor der Abbiegung zum 60 K Loop auch nicht mehr überholt werden. Nicht von den Ultras und schon gar nicht von den mir bekannten Marathonis. Die Abbiegung kam genau bei der 29.5 Kilometer-Marke. Leider also genau dann, wie es am Anfang nach zweimaliger Korrektur des Wertes angekündigt wurde. Ich hatte mittlerweile 4:55 Stunden auf der Uhr.
Rund 5 Stunden für die erste Hälfte, dann verbleiben noch 7 Stunden für die zweite Hälfte, dachte ich. Das sieht doch richtig gut aus, um unter 12 Stunden zu bleiben.

Aber nun, da ich die Marathonstrecke verlassen hatte, wurde ich träge, müde und meine Motivation sank. Der Loop zeigte sich als extrem schwierig, die „3 1/2 Kilometer“ bis Phortse waren mehr als 5 1/2 Kilometer lang, so lang, dass ich schon Sorge hatte, den Kontrollpunkt dort übersehen zu haben. Und es ging rauf und runter, meist in Form von Treppenstufen.
Direkt an der Abzweigung machte ich eine kleine Pause, um drei Schalen der warmen Suppe zu schlürfen und wurde von einem Ultra überholt. Bei km 35 wurde ich von der Amerikanerin Michelle überholt und ich konnte einfach nicht an ihr dran bleiben. Vor allem bergauf ging scheinbar gar nichts mehr bei mir. Ständig musste ich durchschnaufen und ein paar Sekunden stehen bleiben.
Michele Ufer erreichte mich nach 37.5 Kilometern, genau dann, als ich mir mal wieder ein Päuschen gönnte. An ihm aber blieb ich dran. Ein wenig zumindest. Aber auch hier musste ich einsehen, dass da im Moment psychisch und physisch die Luft raus war und so nahm der Abstand zu ihm permanent zu. Möge wenigstens Craig noch hinter mir bleiben … und natürlich und vor allem der Australier Bob.
Am Anfang hätte mir das Tragen der roten Laterne nichts ausgemacht, jetzt allerdings wollte ich sie keinesfalls bekommen …

Ständing ging es rauf auf 4.400 Meter, um dann wieder auf 3.800 Meter zu fallen. Rauf, runter, steil, steiler. Und auf der anderen Seite des Tals sahen wir auch die Laufstrecke, die es dann wieder zurück gehen würde. Auch kein Zuckerschlecken.
Irgendwann war ich dann kurz vor Na-La, dem Wendepunkt des Loops. Eine Heidelandschaft, ein großes Gebäude mit einem blauen Dach, das musste der Kontrollpunkt sein. Ich war total am Ende und brauchte einen psychologischen Schub.
Das große Gebäude mit dem blauen Dach war längst passiert und es passierte noch immer nichts. Doch nun sah ich, wie ich sorgsam meine Füße durch die Heidekräuter schwang, die Amerikanerin Michelle und Michele Ufer vor mir. In Sichtweite. Ich schloss auf und wir suchten den Wendepunkt Na-La.
Auf der anderen Seite des Tals wehte eine Fahne im Wind und drei Menschen winkten. Was wollen die?

Michelle, Michele und ich überlegten, ob wir hier einfach durch den Fluß waten könnten. Die Amerikanische Michelle und ich waren dafür, Michele Ufer war dagegen. Und das war auch gut so. Wir erkannten nun, dass die Winkenden mit ihren Armen Richtung Oberlauf des Flusses zeigten und wir gingen weiter. Am Fluss entlang zu gehen war unmöglich, also mussten wir ständig rauf und runter, den angrenzenden Hügeln folgen. Und dann war sie endlich da: Na-La, die Brücke.
Michele hatte sie als Erster entdeckt und nun ging alles wieder ein wenig schneller.
Über die Brücke, über den reißenden Fluss, an unserem bedauernswerten Sherpa Lila vorbei, der eisern im kalten Wind ausharren musste, den Weg zurück, ein wenig nach oben, immer Richtung der im Wind wehenden Fahne.
Kein anderer Läufer war in Sichtweite, wir waren vollkommen alleine.

Bei der Fahne gab es nichts außer dem guten Rat, dass der nächste Kontrollpunkt „nahe“ sei und es dort Suppe gäbe. Aber die Erlösung ist der Bibel nach ja auch „nahe“, wahrscheinlich haben diese beiden „nahe“ etwas miteinander zu tun, aber irgendwann erreichten Michelle und ich diesen Kontrollpunkt. Michele war zu diesem Zeitpunkt ein wenig nach hinten abgefallen, er holte uns aber schnell wieder ein, nämlich dann, als Michelle und ich den Kontrollpunkt verließen und beim Ausgang rätselten, ob wir nach rechts oder nach links zu gehen hätten.
Ich war für links, Michelle war für rechts. Als Michele dann kam, war auch er für rechts und so machten wir uns auf den Weg. Daran, dass Wegmarkierungen eher selten waren, hatten wir uns ja schon gewöhnt, hier aber fand ich die Situation extrem unglücklich.

Nach gut 200 Metern wedelte eine Nepali aufgeregt mit den Armen, um uns zu signalisieren, dass wir falsch seien. Sicherheitshalber griff ich mir meinen Zettel mit den nächsten Kontrollpunkten, ging zu ihr und fragte nach Dole, dem nächsten Zwischenziel. „Dole, Dole,“ sagte sie und zeigte aufgeregt in die Richtung, aus der wir gerade gekommen waren. Also zurück, am letzten Kontrollpunkt wieder vorbei.
Es kam wieder eine Abzweigung und noch eine und wieder gab es keine Wegmarkierungen. Aber wieder zeigte eine Nepali uns in etwa den Weg. Wir gingen langsam, ständig auf die Dame schauend, die wir aber nicht mehr zu interessieren scheinten. Wir waren wohl richtig mit dem eingeschlagenen Weg.

Beim letzten Kontrollpunkt hieß es, dass der nächste Kontrollpunkt „nur 5 Kilometer“ weg sei und es „nur abwärts“ ging. Abwärts aber hieß, dass wir ständig höher kamen und dann irgendwann, ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Führung unserer kleinen Gruppe übernommen, um wenigstens den Anschein zu geben, etwas zu wissen, gab ich auf. Ich stoppte und sagte Michele und Michelle, dass ich nicht sicher wäre, ob wir richtig wären. Aber die mittlerweile 4 Kilometer zurück gehen, um dann vielleicht zu merken, dass wir doch richtig waren, wollte ich auch nicht.
Michele aber griff zu seinem Garmin, schaute auf den Track, den er sich im Computer zuvor gebastelt hatte, und sagte, dass wir richtig wären. Warum hat er von diesem Teil und dem Track nicht zuvor erzählt, das Teil nicht schon vorher befragt? Ich war verärgert und glücklich zugleich, glücklich vor allem, weil klar war, dass „nur 5 Kilometer“ eben oft länger sind wie geplant und dass „nur abwärts“ auch relativ ist.
Nach 12:19 Stunden erreichten wir endlich Dole, mit 4.200 Höhenmetern auf einem der höchsten Punkte des Loops, zwar 270 Meter tiefer liegend als der letzte Kontrollpunkt, aber unter „nur abwärts“ stellte ich mir dann doch etwas anderes vor.

Es gab schon vor dem Lauf eine Riesendiskussion ob der Cut-Off Zeiten. Beim Marathon gibt es: keine. Beim Ultra aber sollte es welche geben. Erst hieß es, dass diejenigen, die nach 11 Stunden noch nicht in Na-La seien, dort stoppen sollten, dort schlafen sollten, um dann am nächsten Morgen um 6 Uhr weiter zu laufen. Dann wurde diese Grenze auf 12 Stunden verlängert und schlussendlich galt offiziell diese Regelung:
Wir laufen 12 Stunden lang und gehen danach in die nächstgelegene Lodge. Ein Sherpa wird da sein, der uns in der Lodge betreut, der die Kosten verauslagt, wir bekommen eine Decke, ein Abendessen und ein Frühstück.
Eine Pflichtausrüstung gab es nicht, etwas halbwegs Sinnvolles wie beispielsweise ein Kopflicht war nicht verlangt. Daher kam auch die Angst der Veranstalter, wir könnten in der Nacht verloren gehen oder abstürzen. Ob die nun gewählte Lösung aber gut war? Ich bezweifle das sehr und zumindest drei Nachtläufer zeigten später auch, dass sie mit diesem „gut gemeinten Vorschlag“ nicht einverstanden waren.

Die 12 Stunden waren in Dole also um und ich fokussierte mich, da ich ja mit Zahnbürste und Zahncreme bewaffnet war, auf die Nächtigung. Die Lodge fanden wir eher zufällig, weil noch ein paar Wasserflaschen draußen auf einem Tischchen standen. Der Lodge-Inhaber war vollkommen erstaunt, dass ich dort schlafen wollte, er war aber auch froh ob des unerwarteten Umsatzes.
Michelle und Michele aber wollten unbedingt weiter, trotz der anderslautenden Weisung durch das Orga-Team. Da die beiden zusammen aber nur eine Kopflampe hatten, war deren weiterer Weg wohl eher problematisch gewesen. Einer leuchtet, einer geht – und anders herum. Michelle und Michele waren gegen 22 Uhr endlich in Namche Bazaar, das Ziel war längst unbesetzt, die beiden mit den Nerven am Ende.
Ich jedoch genoss mein traditionelles nepalesisches Abendessen: Reis mit Linsen, vorab eine heiße und wirklich leckere Gemüsesuppe. Zwei junge Männer, Wanderer aus Dänemark, saßen am Tisch neben mir und wir unterhielten uns über Nepal, den Himalaya und über das Essen.

Eine Stunde und 10 Minuten später kamen dann Craig und der Kanadier Mike in der Lodge an. Es war längst dunkel, regnete stark und ich fragte mich, wie die beiden die Lodge finden konnten. Die Wasserflaschen waren längst nach innen geholt worden, wie auch immer, die beiden waren da und nahmen zusammen das Zimmerchen neben meinem.
200 nepalesische Rupien, rund 1.80 EUR, kostete jeden die Nacht in der Lodge, eine Flasche Coca-Cola allerdings kostetet 300 nepalesische Rupien. Hier sind die Werte also etwas verschoben, das war jedoch kein Grund, mir nicht eine Flasche Cola zu gönnen. Und ich lud meine Garmin 310 nach, auch für 300 Rupien die Stunde.
Ich hatte die Garmin angelassen, weil ich am nächsten Tag einfach wieder auf Start drücken wollte, um kumulierte Werte zu haben.
Das hat aber nicht funktioniert, weil sich die Uhr irgendwann in der Nacht selbständig in den Werten zurückgesetzt hat. Weil sie aber die ganze Nacht an war, war der Stand des Akkus trotz der einstündigen Nachladung bedrohlich tief.

Um 5 Uhr wurden wir geweckt, ich war wieder um 4.45 Uhr wach, stets vor dem Wecker. Frühstück statt um 5.30 Uhr schon um 5.15 Uhr und um 5.40 Uhr waren wir fertig. Wir beschlossen, nicht bis 6.00 Uhr zu warten, sondern eben diese 20 Minuten früher zu starten.
Aus dem starken Regen des Vorabends war mittlerweile sehr starker Regen geworden, so stark, dass meine aufnahmebereite Garmin 310, eigentlich eine Uhr, die man auch für das Triathlon verwenden können sollte, leidenschaftlich viel Wasser in sich aufnahm, wahrscheinlich, weil sie dachte, dass sie nun, da die Garantiezeit abgelaufen war, auch einmal auf Lebensende gepolt sein wollte.
Bye bye, liebe Garmin 310!

Wir wussten, dass wir nach einer längeren Hochebene noch einmal bis auf 3.600 Meter steil absteigen und auf der anderen Seite des Tales wieder auf die Höhe von 4.200 Metern aufsteigen mussten. Meine Bergaufschwäche war nach der Nacht vollkommen verschwunden und ich trieb Craig und Mike nach oben an. 44 Minuten für 600 Höhenmeter, kein schlechter Wert, finde ich.
Und oben fehlte nicht nur der Kontrollpunkt, sondern auch mal wieder die Markierung. Wir versuchten es mit dem Weg nach links, gingen dann zurück, in ein Restaurant und wir ließen uns den Weg nach rechts beschreiben.

Nach 2 Stunden und 30 Minuten Laufzeit am zweiten Tag, zusammen also nach 14 Stunden und 59 Minuten, war ich dann im Ziel. Craig und Mike bekamen nahezu die gleiche Zeit aufgeschrieben, weil die Zeitnehmer nicht verstanden, dass die beiden erst deutlich nach mir in der Lodge waren. Macht auch nichts, der morgentliche Lauf mit den beiden war toll, motivierend und wir verstanden uns als Team hervorragend.

Es waren also unter dem Strich doch genau die 15 Stunden geworden, die ich ursprünglich auch geschätzt habe. Es waren insgesamt mehr als 67 Kilometer Laufstrecke gewesen, ich benötigte 5 Stunden für die ersten 30 Kilometer und 10 Stunden für die zweiten 30 Kilometer, die eigentlich 37 Kilometer waren. Ohne die Übernachtung aber hätte ich zweifellos länger gebraucht, die Regeneration über Nacht hat ein Stück weit funktioniert.

Michelle und Michele sind über 3 1/2 Stunden durch die Nacht und den Regen gelaufen, mit einem gemeinsamen Kopflicht, der Australier mit den vielen Tattoos lief erst gegen 3 Uhr oder 4 Uhr, also weitere 5 oder 6 Stunden später, in Namche Bazaar ein. Ursprünglich wurden die drei dann ohne Zeiten gewertet, mittlerweile kamen errechnete Zeiten dazu.
Für alle Seiten blieb aber ein doofes Gefühl. Hier sind die Veranstalter dringend geraten, sich von Anfang an entweder auf ein Zwei-Tage-Event einzurichten oder mit einer Pflichtausrüstungsliste die Nacht zur Laufzeit dazu zu nehmen und wie bei anderen Ultraläufen auch, Cut-Off Zeiten und eine Maximalzeit im Ziel vorzuschreiben.
Denn so viel gefährlicher wie die Laufstrecken des TdG, des PTL, des UTMB und anderer Bergläufe, die über eine oder teils über zwei und mehr Nächte gehen, war diese Strecke definitiv nicht, ganz im Gegenteil.

Es bleibt aber die Erinnerung an eine teilweise wunderschöne und hammerharte Strecke auf höchstem Level, gerade der Loop des 60 K hatte es da in sich, mit einer Strecke, die meist über 4.000 Metern lag und es bleibt die Erinnerung daran, auf der angeblich „höchsten Uphill Trail Running Section“ gewesen zu sein.
Schade war, dass es eben nur so wenige Teilnehmer waren.
Der Australier Bob allerdings hatte von Anfang an Recht. Er hielt die rote Laterne fest und sicher über die gesamte Laufstrecke fest. Und auch deswegen ist er ein Held, wie alle, die diesen „60 K Extreme Ultramarathon“ in seiner ersten Ausführung gewagt haben.
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