Because the night belongs to … Runners

Ein Blog bleibt ein Blog, auch wenn er schon lange nicht mehr beschrieben wurde. Es gab ja auch nicht viel zu schreiben. „Marathon und länger“, das sagt ja schon, dass ich eben einen Marathon oder etwas Längeres Laufen muss, um überhaupt etwas zum Schreiben zu haben.
Und ich musste meine Schreibblockade hinter mich bekommen.
So entgingen Dir meine wenigen „Marathon und länger“ Episoden seit meinem Marathon „M 275“ in Idar-Oberstein, dem „Bärenfels Marathon“. Aber Du kannst Dir das alles zumindest ergebnismäßig hier ansehen:
https://marathonundlaenger.wordpress.com/201-mul-lauf-lebenslauf/

Aber nun zu meiner Nummer 292, einem kleinen Ultra.
Eigentlich war ich ja für die 75km des „Dutch Coast Ultra by night“ gemeldet. Ich wusste von dem Lauf, weil mein alter Laufkumpan Chris von Minden mal aus dem Kreisverkehr heraus wollte, um einfach nur geradeaus zu Laufen.
Den Helder liegt in den Niederlanden ganz weit oben, dort war der Start am 9. Februar, Abends um 21.00 Uhr. Und das Ziel war in „Castricum aan Zee“, deutlich südlicher als Den Helder.
Ich hatte meine Absicht, dort zu Laufen, kurz auf Facebook erwähnt, da meldete sich mein Freund Carsten Senst, dass er gerne mitkommen würde. Das hat mich gefreut, aber wir konnten nicht zusammen hinfahren. Zumindest aber konnte er sein Auto im Ziel stehen lassen und wir fuhren gemeinsam zum Start nach Den Helder.
Marita Polat kümmerte sich erst um das Auto, dann ein wenig um sich und anschließend um mich.
Dass das nötig wurde, tut mir leid. Und ohne „spoilern“ zu wollen: Später im Text erfährst Du, warum es nötig war. Bis dahin verrate ich Dir diese Binsenweisheit: Gehe auf den Wegen, die Du kennst oder die Dir angegeben wurden und versuche nicht, irgendwie anders durchzukommen. Glaube mir hier, ich habe es bewiesen.

Der „Wienerhof“ in Den Helder ist ein nettes Hotel mit einer urigen Kneipe. Auf den Holzträgern, die das Dach halten, stehen lustige Sprüche drauf, zujmindest mutmaße ich das. Aber mein Niederländisch ist aber auf einige wenige Worte begrenzt, sodass ich nicht jeden Spruch übersetzen konnte. Aber die vielen Teilnehmenden, teils Läuferinnen und Läufer der 75km, meist aber Teilnehmende der 50km, waren allesamt gut drauf und der Umgang miteinander war herzlich und von gegenseitigem Respekt geprägt.
Chris startete für die 50km, Carsten und ich für die 75km.
Es gab die Option, beim einzigen VP bei Kilometer 31,5 „downzugraden“ auf die 50km Strecke. Der Vorteil davon war nicht nur, dass Du weniger weit zu Laufen hast, sondern auch, dass Du am Strand bleiben konntest, während die 75km Läufer noch ein wenig durch die Dünen geschickt wurden.
„Downgraden ist nicht gut für die Psyche,“ sagte ich zu Carsten und ich war mir sicher, vor der Herausforderung „Dünen“ nicht zu kapitulieren, obwohl mir der Dünenpart doch Sorgen bereitete.

21.00 Uhr, Startschuss vor dem „Wienerhof“ und alle rannten los, als gäbe es am VP nichts mehr zu futtern, wenn man dort zu spät ankommen würde. 31,5km auf Sand, in der Nacht, ich ging davon aus, dass Carsten und ich den VP nach vier Stunden erreichen würden.
Aber dafür waren wir viel zu schnell. Überhaupt nicht mein Tempo. Und dennoch waren wir eher die Nachhut und wir wunderten uns, ob die Leute vor uns so fit waren oder sich einfach verzocken würden.
Nach zwei Stunden „für mich zu schnell“ bat ich Carsten, mich doch alleine zu lassen, damit ich mein Tempo reduzieren konnte, ohne mich dabei vom Laufpartner unter Druck gesetzt zu fühlen. Zudem war der Gedanke „downgraden ist nicht gut für die Psyche“ irgendwo auf dem sandigen Untergrund verloren gegangen.
Wir rannten, rechts von uns das Meer. Eigentlich schön, aber ein Meer, dass Du hörst, aber nicht siehst – es war irgendwie schade drum. Links von uns waren die Dünen, ganz schön hoch, fand ich. Und der Strand war unglaublich breit, bestimmt 100 oder sogar 150 Meter.
Wenn Du diese Gegend nicht kennst, dann lasse Dir gesagt sein, dass dies ein Manko ist. Fahre hin, schaue es Dir an, am Besten aber nicht in der Nacht und nicht im Winter.

23.00 Uhr, ich war nun alleine. Wer vor mir war, war vorne, wer hinter mir war, der blieb es auch. Das Feld hatte sich doch deutlich auseinander gezogen, auch Carsten sah ich bald nicht mehr, so schnell war er nach vorne geeilt. Ich lief, aber ich gönnte mir auch gelegentliche Gehpausen. Die Muskeln schmerzten, erst nur die Oberschenkel, dann links auch die Unterseite des Oberschenkelmuskels, später auch die linke Wade. Dennoch war ich nach 4 Stunden und 7 Minuten am VP.
Wenn ich aber bedenke, wie schnell wir in den ersten beiden Stunden waren, dann war mir klar, dass ich mit der Zeitvorgabe (8.00 Uhr am nächsten Morgen) die 75km nicht werde bewältigen können. Zudem wurden in meinem Kopf die Dünen immer höher, der Sand immer weicher und die körperlichen Schmerzen nahmen weiter zu. Also zog ich die „Notbremse“ und erklärte dort am VP, auf 50km „downgraden“ zu wollen.

Also nicht rein in die Dünen, sondern einfach weiter den Strand entlang rennen. Es lief dann wieder besser, ich wurde etwas schneller, aber dann glaubte ich, auf meiner Garmin den Track nach links abbiegen zu sehen. Ein Städtchen, wie schön. Aber konnte das schon Castricum aan Zee sein?
Bestimmt nicht, dachte ich, aber die Uhr … und ich hatte keine Brille dabei, um mir das auf dem kleinen Display besser ansehen zu können.
Also bog ich ab, schaute mal, welches Örtchen das denn ist. Es war mittlerweile deutlich nach 3.00 Uhr und die schönen Strandlokale waren zwar noch beleuchtet, aber leer und verschlossen.
Also nahm ich mein Smartphone, schaltete alles ein, was ich brauchte, um mal bei Google Maps nachzusehen, wo ich denn war. Aber ich bekam kein Netz, auch nicht nach etlichen Versuchen.
Ich ging immer weiter weg vom Strand, bis ich ein großes Gebäude fand, wo der Hausflur beleuchtet und die Türe offen war. Aber auch da war niemand, aber ich „Blindfisch“, ohne Brille, die für „ältere Herren“ leider notwendig ist, brauche halt Helligkeit, um kleine Zeichen sehen zu können. Dank der Beleuchtung des Treppenhauses sah ich, dass ich irgendwie übersehen habe, auch „Mobile Daten“ anzuklicken. Kein Wunder, dass da das INet nicht geht. Also habe ich die „mobilen Daten“ eingeschaltet und Maps zeigte mir, dass ich in „Egmond an Zee“ war.
Egmond, ich dachte an Goethes Trauerspiel „Egmont“ und ich fühlte auch so etwas wie Enttäuschung in diesem Moment. Aber Maps zeigte mir einen kurzen Weg quer zum Strand, bei dem ich nicht den Weg zurückgehen musste, den ich gekommen war, sondern so wenigstens ein wenig Weg einsparen konnte.
Später dann stand da auch ein Hinweisschild „Strand“ mit einem Pfeil. Noch 7,5 Kilometer bis Castricum, ein knappes Stündchen noch, dachte ich.
Ich dachte … falsch.

Die beiden Veranstalter, Henri Thunnissen und Rinus Running, hatten im Vorabbriefing geschrieben, dass sie die Strecke ein wenig geändert haben, damit wir nicht durch kniehohes Wasser waten müssen.
Durch Wasser waten? Am Strand? Verstehe ich nicht …
Ich war also auf dem kurzen Weg zum Strand und sah ein mit rot/weißen Balken gesperrten Weg. Aber was soll das denn sein, dachte ich mir. Ich ging daran vorbei, bis ich einen kleinen Tümpel auf dem Weg sah und so wusste ich gleichzeitig, was Henri und Rinus gemeint haben und auch, warum der Weg eigentlich gesperrt war. Also zurück zur letzten Kreuzung der Dünenwege, die ich überquert hatte und dann nach Gefühl und etwas Maps eine Alternative wählen, die nicht gesperrt war. Ich fand eine. Etwas länger der Weg bis zum Strand, aber zum Zurückgehen nach Egmond hatte ich auch keine Lust.

Und so begann meine private Dünenreise. Nach zwei Kilometern kam wieder ein Tümpel auf dem Weg. Aber nun dachte ich mir, dass ich da durch muss. Knöchelhoch stand das kalte Wasser, aber was so ein Läufer ist, der schafft das. Und es waren ja nur vielleicht 50 Meter und es ging weiter.
Der nächste Tümpel war schon tiefer und länger, ich sah das Ende weiter weg am Horizont. Auch da musst Du durch, Herr Läufer, dachte ich mir und watete durch die Flut. Dann ging es über einen Hügel und ich kam zu einem See.
Nun war die Größe unabsehbar und das Wasser, in das ich mich wieder begeben habe, ging mir bis zur Hüfte. Ich versuchte, nach Maps dem Weg zu folgen. Sehen konnte ich keinen Weg mehr und als es immer tiefer ging, verließ ich die Maps Route, um nicht vollkommen einzugehen. Aber irgendwann sah ich eine Wegmarkierung, watete dorthin und ging trockenen Fußes am Seeufer zurück, bis ich den Weg wieder fand.
Nun ging es nur noch bergauf, also kein Wasser mehr! Und der Strand war nur noch einen Steinwurf entfernt!
Ich ging also hoch auf die Düne und sah den Strand. Und einen Läufer, der da von rechts nach links an mir vorbei lief. Einzig die Höhe und die Gefährlichkeit der Steilküste waren das Problem, das ich nicht lösen konnte, also ging ich oben an der Kante weiter. Dann musste ich wieder weg vom Strand, weil da ein sehr steiles Tal war, das umlaufen werden wollte.
Es ging über Stacheldrähte hinweg, immer wieder musste ich die letzten Meter zurück gehen, weil „das Gute so nah“ war, also der Strand, dennoch aber unerreichbar. Bis ich zum einem Stück kam, das sandig aussah und ich die Chance sah, dort zum Strand runter zu kommen.
Die Laufhose klitschnass, auf den Hosenboden gesetzt und zum Strand runtergerutscht. Ich sah aus wie ein paniertes Schnitzel, aber ich war am Strand.
Nur noch 3,6 Kilometer am Strand. Dank der Kälte des Wassers waren meine Beinmuskeln wieder fit, ich konnte wieder durchlaufen, auch schneller als zuvor.

So skurril dieses kleine Dünenerlebnis war, so schön war es auch. Es war tatsächlich mein Highlight auf der Gesamtstrecke und ich war dort die ganze Zeit über glücklich, auch im tiefen Wasser.

Kurz vor fünf Uhr lief ich also ins Ziel. Vorher rief ich Marita an, dass sie doch etwas früher zum Abholen kommen möge. Drei Stunden Schlaf für sie musste einfach ausreichen. Das sind drei Stunden mehr als ich, oder?

Später schrieb mir Carsten dann, dass ich die Zeitvorgabe bei den 75km wohl nicht geschafft hätte. Prima, dachte ich. Ich hatte meinen Dünenlauf ja auch ohne die Schleife durch die Dünen. Und ich hatte Wasser, Sand und sehr viele Dornen.
Zwei davon habe ich mitgebracht, versenkt in meiner rechten Hand. Mal sehen, ob die irgendwann irgendwie rausgehen. Aber mit solch einem „Piercing“ bin ich ja auch hip und modern.
Zusammenfassend sei noch erwähnt, dass dieser sehr persönliche und kleine Lauf ein kleines Schmuckstück ist, das in keiner Sammlung fehlen sollte.
Ob Du dort die kurzen Strecken bis 25km wählst, die 50km, die 75km oder sogar die „volle Dröhnung“ mit 100km, das ist egal. „Hauptsache Italien„- hätte wohl die frühere Nationalspieler Andreas Möller gesagt.
Hauptsache Meer, Dünen, Sand, Wasser und Dornen, sage ich.

„Keine gute Idee!“

Ich werde nie das erste Mal vergessen, als ich eher zufällig in Ölüdeniz Urlaub machte. Dort gibt es, nur wenige Hundert Meter von der eigentlichen Stadt Ölüdeniz entfernt, die Ferienanlage „Lykia World“, ein ehemaliger Robinson Club, der aber schon etliche Jahre jetzt unter türkischer Leitung ist. Dadurch ist er kaum schlechter geworden,  dafür aber deutlich preiswerter. Und internationaler, was ich sehr schätzte.

Wir sind als komplette Familie hingereist, ich glaube, es war unser letzte gemeinsamer Urlaub. Danach folgten noch manche Urlaube mit der Tochter, manche mit dem Sohn, aber „alle zusammen“ war uns leider nicht mehr vergönnt. Vielleicht ändert sich das wieder, wenn die Studien der erwachsenen Kinder abgeschlossen und Enkelkinder da sind …

Unweit dieses Clubs sah ich damals ein Schild an einem Trail rauf auf den Babadag, den riesigen Hausberg von Ölüdeniz. Ohne GPX-Track, aber mit vollem Vertrauen in eine „ordentliche Beschilderung“, wagte ich den Weg auf den Berg. Der Trail war meist nur zu erahnen und ich begann irgendwann fast zu verzweifeln, weil ich dachte, komplett weg zu sein vom Trail. Ich erblickte noch einen Hügel vor mir, der die Sicht nach oben versperrte und ich sagte zu mir, dass ich dort noch rauf gehe. Wenn ich dann den Gipfel nicht sehen würde, dann würde ich umdrehen.

Und da huschte über mich ein Tandem-Paraglider, so nah über mir, dass ich die Gespräch zwischen dem Lenker und der Gastfliegerin mithören konnte. Sie war Britin, das war unverkennbar. Die ganze Ecke dort ist fest in den Händen von einst blasser, nun aber krebsrot gebrannter, Massentouristen, meist älter, meist mit typisch englischen Tatoos. Und gleich folgte der nächste Paraglider – und noch einer. Männer und Frauen unterschiedlichster Nationalität, aber eines hatten sie gemeinsam: Alle waren glücklich!

Am nächsten Tag paraglidete also die Familie Eller, nur Pascal wollte nicht, was ich bis heute nicht verstehe. Ein Start auf diesem Berg, knapp zweitausend Meter über Ölüdeniz, was angeblich die größte Höhendifferenz für touristisches Tandem-Paragliding auf der Welt ist – und mit einer Aussicht auf ein Stück Welt, das so schön ist, dass Du glaubst, ein Kunstmaler hätte sich das alles ausgedacht und es wäre gar nicht real. Die „Blaue Lagune“ (Fotos der „Blue Lagoon“ findest Du hier), der halbmondförmige, riesige Strand, die meist niedrige Bebauung, Ölüdeniz wirkt beschaulich nur wenig deutet darauf hin, dass es ein Hotspot für Touristen ist, es gibt keine Bettenburgen, Ölüdeniz ist einfach zauberhaft und wahrlich attraktiv.

An einem anderen Tag führte mich mein Lauftraining nur wenig hoch und ich entdeckte den „Lycian Way“, den „Lykischen Weg“ oder auf türkisch den „Likya Yolu“. Weiterlesen

UTMB – mehr als nur ein Lauf

Der UTMB, ausgeschrieben Ultra Trail du Mont Blanc, Webseite: www.utmbmontblanc.com, nennt sich selbst „Weltgipfel des Trailrunning“. Es ist DER Traillauf schlechthin, Maßstab für alle anderen entsprechenden Großereignisse, Vordenker neuer Ideen und für die rund 10.000 Teilnehmer, die für die Bewerbe des UTMB in einem komplizierten Mix aus Qualifikationen und einer Lotterie ausgewählt werden, das spektakuläre Jahreshighlight.
Dort zwischen Chamonix, Courmayeur, Champex-Lac, Trient und Bourg St. Maurice werden Läuferträume wahr und Läufer*innen zu Held*innen. Weiterlesen

Der STUNT und die DSGVO

Eine Woche vor dem KÖLNPFAD musste es noch einmal ein längerer Lauf für mich sein.
„Eigentlich“ wollte ich mich ja vom 18. Juni bis zum 23. Juni in Korsika auf dem GR-20 austoben, dieses Event von Michi Raabs Laufcoaches.com liegt mir ja seit Jahren sehr am Herzen.
Da verbinden sich eine der großartigsten Berglandschaften Europas mit der Stille und Abgeschiedenheit auf dem Trail. Kein Handy hat Empfang und ein „Netz“ gibt es auch nicht, zumindest fast nie. Und Du verbringst eine ganze Woche im Kreis unglaublich netter und entspannter Laufkolleg*innen, bei kühlem Kastanienbier und in heimlicher Verehrung eisgekühlter Flaschen Coca-Cola.
Ein „muss man gemacht haben“ für Dich, finde ich jedenfalls.

Nun, die Genehmigungen – oder besser die fehlenden Genehmigungen durch die Stadt Bergisch Gladbach – des KÖLNPFAD ließen mich zum Entschluss kommen, dass es besser ist, wenn ich nicht in die kommunikative Abgeschiedenheit Korsikas fliege. Und so hatte ich eben ein Wochenende frei.

Ein Blick auf die Eventliste und da war er, der STUNT.
Ich hatte schon oft vom STUNT gehört, aber ich war nie schnell genug mit der Anmeldung. Heuer war alles anders. Nicht ausgebucht, auch nicht wenige Tage vor dem Event. Also nix wie hin, dachte ich.

Danach folgte ein Blick auf die kleine, überschaubare, Liste der Teilnehmer. Und die Erkenntnis, dass es da mit „Tim und Struppi“ (Tim und Björn), mit Frank Müller, mit Christoph Janthur und mit Florian Bechtel viele Läufer gab, die mir sehr nahe stehen.

Die Anreise war ein Chaos, die Autobahnen waren übervoll wie selten, aber ich kam gerade noch rechtzeitig zum Briefing an, zum Abendessen, zur frühen Nachtruhe.
Und früh ging es dann auch raus aus den Federn und rauf auf den Trail.
Es war Florian Bechtel, der mich fragte, ob er bei mir bleiben könne. Flo ist mir eigentlich zu schnell, zumindest am Anfang. Aber unter der Prämisse, dass ich keine Tempoerhöhung leisten müsse, willigte ich gerne ein.

Der Rest ist eingentlich schnell erzählt, am Besten von Florian selbst. Auf seiner Homepage steht passwortgeschützt ein Artikel, der es Wert ist, der ganzen Läuferfamilie gezeigt zu werden.
Die DGSVO (Datenschutzgrundverordnung) aber macht zurzeit Dinge notwendig, die ein Einzelner auf einer kleinen Webseite kaum leisten kann, weil nicht wirklich klar ist, was sein muss, was sein kann und was „weg kann“, also nicht notwendigerweise auf die Webseite muss.
Als Nutzer von WordPress.com fühle ich mich da einigermaßen vor den Angriffen wütender Anwälte geschützt, mit einer „stand alone“ Webseite aber weiß niemand, ob die nächste ankommende Post schon eine Abmahnung ist.

Daher habe ich mit Florian vereinbart, dass ich seinen Text einfach hierher kopiere.
Viel Spaß beim Lesen:


Vor zehn Jahren war ich beim Stunt100 und es war überwältigend. So hart, so überwältigend hart. Dieser Fanatismus, es unbedingt schaffen zu wollen, ja: es zu müssen! Und dann diese Schmerzen! Und ich habe es geschafft. 30 Stunden und 36 Minuten. Wow. Zehn Jahre sind seit diesem ersten 100-Meilen-Lauf vergangen. Zehn Jahre, in denen ich so viel Spaß hatte, so viel erlebt hab. Zehn Jahre, in denen ich gefühlt 30 gelebt habe. Auch Wow! Zeit, den Stunt100 noch mal zu rocken! Weiterlesen

MyMAI …

MyMAI

Er hätte so schön werden können, der Mai, MyMAI. Geplant mit einem „Doppelpack“ aus der TorTOUR de Ruhr (TTdR) und dem Grand Union Canal Race (GUCR), aber wenn die Planung am warmen Schreibtisch zu Hause gemacht wird, dann besteht immer die Gefahr, dass da etwas dazwischen kommt, was sich „Realität“ nennt …

Und so stehen am Ende von MyMAI nur drei Läufe in meinem Lauf-Lebenslauf:
U 254 – Rengsdorfer Westerwaldlauf, 50 km, 10. Mai, 6:19:30
U 255 – 44 km Veedels Verzäll dreij, Köln, 13. Mai, GL
U 256 – TorTOUR de Ruhr 230,  Winterberg-Duisburg, 19./20. Mai, 34:21:00
Wie gut hätten sich da noch die 145 Meilen des GUCR gemacht?

Aber es war wohl das Wetter, das mir einen Strich durch mein ehrgeiziges Ziel gemacht hat und ein wenig auch die kurze Abfolge der ultralangen Kanten.

Beim „Westerwaldlauf“ um Rengsdorf herum war Badetag. Es schüttete, wir froren und wir zitterten. Und ich war am Ende der 50 Kilometer auch ziemlich fertig. Dennoch war es ein kleines Highlight, mit dem Erfinder der „Clean your trail“ Aktion, Sascha Rupp, und mit Christoph Mintgen gelaufen zu sein.

Einen Samstag später kümmerte ich mich um den Versorgungpunkt beim „25km Kölnpfadwandern im 4/4 Takt“, kein Wandern für mich, auch kein Laufen – und das alles bei bestem Frühsommerwetter.
Und dann, einen einzigen Tag später, als ich mit der großen Familie der KÖLNPFAD UltraläuferInnen beim „Veedels Verzäll dreij“ unterwegs war, war es wieder nass. Von oben, von unten, von der Seite. Und solch ein Wetter trübt natürlich auch immer ein wenig die Stimmung, bei allen. Und jeder ist, pitschnass bis auf die Haut, dann froh, in sein Auto zu kommen, um nach Hause fahren zu können.
Neben den Mitte 20 LäuferInnen, die mich da auf dem „Veedels Verzäll dreij“ begleitet haben, verdiente sich Patric Wurmbach Bestnoten, weil er im Regen unter einer Bushaltestelle die Stellung hielt und den Verpflegungspunkt auch für die Langsameren unter uns offen hielt.
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Und dann kam die TorTOUR.
Selten fühlte ich mich besser vorbereitet, mein Laufpensum der letzten Monate war ordentlich und ich hatte endlich mal keine Schmerzen mehr. Nicht an den Füßen, vor allem nicht an den Zehen, nicht in den Knien und auch nicht in den Waden.
Das muss an der Kombination der neuen HOKA-Schuhe gelegen haben, die ich, weil HOKA „meine“ Schuhgröße US 13,5 nicht mehr liefert, in US 14 geholt hatte.
Zudem hatte ich die Einlagen in die Schuhe eingebracht, ein Unterfangen, dass mich bei der Schuhgröße US 13 oder US 13,5 immer in Not bei den Zehen brachte.
Durch die Einlagen wird der Fußraum verkleinert, der gesamte Fuß angehoben und damit verkleinert sich auch der Spielraum der Zehen.
Mit den neuen, noch etwas größeren, Schuhen und den Einlagen scheine ich eine gute Lösung gefunden zu haben.

Meine Gabi war meine Supporterin und wir nächtigten in einem Ortsteil von Winterberg. Nach dem großen „Hallo“ und „Juhu“, nach unendlich vielen gedrückten Leibern und nach so viel Wiedersehensfreude ob der vielen bekannten Gesichter bei diesem wohl einmalig familiären Lauf, nach dem Briefing im neuen TTdR-Shirt, langärmlig und im Sublimationsdruck hergestellt und somit mit besten Voraussetzungen, in die Gruppe meiner Lieblingsshirts aufzusteigen, und nach einer kleinen Wartezeit ging es dann endlich los.

TTdR – ein Schauspiel in fünf Akten für mich.
2010 konnte ich das Ding finishen. Dabei war das mein erster wirklich langer Lauf, nonstop war ich zuvor nur ein Mal über 100 Kilometer gekrochen, das war bei der nur ein einziges Mal durchgeführten DLV-Challenge in Delmenhorst, 177,4 km in 24 Stunden, immerhin. Und dann gleich 230 K!
Aber ich erreichte die Stele in Duisburg erst in der Nacht und ich hatte, ehrlich gestanden, gar nicht bemerkt, dass da überhaupt eine Stele stand.
Aber schon am Tag danach, als ich die Fotos der anderen Finisher sah, war ich gierig darauf, auch mein ein Foto im Hellen an der Stele machen zu können.
2012 startete ich und scheiterte an meiner Übermotivation. Ich wollte zu viel und ich gab zu wenig. Und so ging ich nach 100 Kilometern aus dem Rennen.
2014 war ich angemeldet und heiß auf den Lauf. Heiß war aber auch das Wetter damals, extrem heiß sogar. Aber ich war sowieso nicht in Winterberg, sondern in Italien, weil ich einer Einladung des Chefs des Stöcke-Produzenten FIZAN zu einem Symposion über perfekte Laufstöcke folgte. Und am Tag danach, am zweiten TorTOUR-Tag also, liefen Michi Raab und ich auf einem alten Schmugglertrail in Italien eine Kurzstrecke von knapp 40 Kilometern und ich war danach vollkommen fertig.
2016 sollte es dann eigentlich endlich soweit sein: Die geniale Gürtelschnalle, die es ja 2010 noch nicht gab, wartete auf mich in Duisburg. Gabi, meine Supporterin, musste am Samstag noch arbeiten, also lief ich mit Christoph Mintgen, bis er nicht mehr konnte oder wollte und dann noch ein Stück weiter.
Als Gabi dann in der Nähe war und mich fragte, wo ich denn sei, da „tervauschte“ ich zwei der Ruhrseen und lotste sie prompt zu einem falschen Ziel. Von dort aus musste sie dann mich erst mal richtig finden, ich wartete im VP, die Zeit lief und der Cut-Off kam immer näher. Aber dann, kurz vor vier Uhr am Sonntagmorgen, startete ich, fast zeitgleich wie die 100 km „Bambini-Läufer“, die mich dann auch gleich einholten. Und ich war sooooo müde. Ich wankte und lief gerade in einen Gartenzaun hinein, als die beiden Letzten der 100 km Starter gerade bei mir waren. Es war die Familie Hanner, die mir dann zwei RedBull Dosen eintrichterten. Danach ging es aber kaum besser, die lange Pause im VP war einfach kontraproduktiv gewesen.
Als dann Frank Nicklisch auf mich auflief und mich immer wieder führte, weil ich immer wieder wegnickte, da war es um mich geschehen. Er wollte sich ein wenig in seinem Auto, dass dann zufällig am Weg stand, ausruhen und so verschliefen wir beide das Rennen. Als wir wieder aufwachten war uns beiden klar, dass es schon so spät war, dass ein Weiterlaufen nicht mehr sinnvoll gewesen wäre.
Die Gürtelschnalle musste also weiterhin in Duisburg auf mich warten.
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Ich war schnell unterwegs dieses Jahr, etwas schneller als sonst. Und ich hatte meiner Gabi gesagt, dass sie ruhig wieder ins Hotelbettchen steigen könne, die ersten 50 km bräuchte ich keinen Support. Dachte ich, das war aber weit gefehlt.
Gefehlt, weil ich zwei entscheidende Fehler noch im Hotel machte. So vergaß ich, das Melkfett bzw. den Hirschtalg zwischen die Beine zu schmieren und ich klebte meine Brustwarzen „blind“ ab. Und so verrutschte ich mit dem Pflaster links und dieses Pflaster thronte dann somit direkt neben der Brustwarze.

Aus der Verlegenheit der beginnenden Schmerzen im Schritt half mir mein KÖLNPFAD-Partner Thorsten Klenke und das Pflaster ersetzte ich dann, als Gabi dann irgendwann in den Support eingriff. Da war die Stelle aber schon blutig gewesen.

Das Wetter war fantastisch am Samstag, nicht zu heiß, kaum direkte Sonnneeinstrahlung und ich fand relativ schnell in Georg Hilden einen Laufpartner, mit dem ich sehr lange zusammen blieb und mit dem ich die Nacht verbrachte.
Gemeinsame Nächte unter Männern sind immer etwas sehr Verbindendes, etwas, das bleibt. Finde ich zumindest.
Wir trennten uns immer nur, wenn unsere Supporter getrennt voneinander parkten, damit wir nicht zwei Mal warten mussten. Nach dem Support aber fanden wir uns schnell wieder und kämpften wieder gemeinsam.
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Ganz besonders schön war, dass wir ganz kurz vor 16 Uhr am Startpunkt der 100 Meilen – LäuferInnen ankamen, die in einer Horde zusammenstanden und auf den Startschuss warteten. Ich gönnte mir den Abstecher nach rechts in die Menge der Wartenden, drückte und herzte viele, gerade die KÖLNPFAD UltraläuferInnen hatten es mir besonders angetan, dann gingen wir erst mal ein paar Meter zurück zum Verpflegungspunkt, um uns mit einem Nudelgericht zu stärken.

Kohlenhydrate, Salz, Flüssigkeit … das Regenerieren und Auftanken des Körpers kann so einfach sein!

Die Nacht war kalt und feucht. Die Ruhrauen zeigten kühlen Tau, wir froren und ich ärgerte mich, keine Handschuhe mitgenommen zu haben. Aber da meine Gedanke in solchen Situationen langsam sind und die Nacht kurz war, erledigte sich das Frieren schon mit den ersten Sonnenstrahlen.
Und von da an begann die Hitze. Keine Wolke am Himmel, viel direkte Sonneneinstrahlung und die Gewissheit, von jetzt ab gar nicht mehr so viel trinken zu können, wie der Körper es eigentlich verlangt hätte.

Und so wurden wir langsamer und langsamer und mein Wille, mich zu quälen, sank stündlich weiter. Längst war klar, dass wir im Hellen ankommen würden und während Georg noch das Ziel formulierte, eine „35“ vorne haben zu wollen, war mir alles egal und so trennten sich unsere Wege einen Halbmarathon vor dem Zielschluss und so lief er rund 23 Minuten vor mir ins Ziel ein, natürlich mit seiner „35“ vorne.

Ich aber verzweifelte an den letzten Kilometern, bei denen Du denkst, ganz bestimmt ganz gleich da zu sein, ganz gleich die orangene Stele zu sehen und ganz gleich erlöst zu sein von den Schmerzen in den Oberschenkeln und dem Ziehen im ganzen Körper.
Aber wenn die ersten 224 Kilometer noch einigermaßen kurz waren, die letzten 6 Kilometer zogen sich und mein Verstand drohte zu streiken.

Ich weiß nicht, wie ich diese letzten 6 Kilometer hinter mich gebracht habe, es war alles langsam. Ich hatte aber auch keine Lust mehr, ich wollte da dann nur noch drin sein. Für einen Schlussspurt fehlte mir die Kraft und die Einstellung.
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Aber dann war sie da, die Stele. Noch ganz weit hinten, aber so viele Menschen wünschten Glück, staunten über die Zahl 230 auf meiner Startnummer und schon deshalb ging es irgendwie weiter.
Aber dann an der Stele entlud sich die Anspannung mal wieder in sanftem Geheul. Wenig Wasser war noch im Körper verblieben, es reichte aber noch für viele Tränen.
Die Gürtelschnalle musste 2018 also nicht weiter auf mich warten, ich behüte und verehre sie jetzt in meinem Büro.

Meine Füße allerdings waren nach der Hitze und den vielen Kilometern elefantenmäßig aufgequollen und ich konnte vier Tage lang nicht richtig gehen.

Und dieser vierte Tag, der Donnerstag, war dann auch der Tag, an dem ich entschied, zwar nach England zu fliegen, aber am GUCR nicht teilzunehmen. Gabis und meine Flüge waren bezahlt, die Hotels weitgehend auch, wir gönnten uns etwas Liebe und etwas London, schrecklichen Dauerregen in Birmingham und wohlig warme Sonne in der englischen Hauptstadt.
Hätte ich die Entscheidung einen Tag später treffen müssen oder können, dann wäre ich wohl mit meinen Laufsachen nach England geflogen. Wer weiß, wofür die Pause gut war. Schlecht allerdings war sie für meinen Lauf-Lebenslauf. Und für meine Psyche.
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Dass Katrin Grieger als erst zweite Deutsche die Frauenwertung des GUCR gewinnen konnte, war jedoch mehr als ein Trost für mich und die gemeinsame Zeit mit Matthias, Katrin, Gabi und mir versöhnte mich mit der Traurigkeit, die uns Ultraläufer immer überkommt, wenn wir bei einem Laufevent vor Ort sind, aber dort nicht mitlaufen können oder dürfen.

MyMAI … kein perfekter Monat also, aber vielleicht ein guter Wegweiser für den Juni?
Zwei Marathons stehen da auf der Laufagenda und der DOLOMITI EXTREME mit 103 km und 7.150 HM.
Die 185 km auf dem GR-20 auf Korsika aber habe ich heute von meiner Agenda genommen, mir fehlt halt leider die Zeit für eine ganze Woche Laufspass, leider.
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