Davos K78 – da wo’s schön ist!

K78, C42, K42, K31, K21, K11, dazu noch Walk K11 und Mini A, Mini B und Mini C
… so viele Zahlen!

Und gleich noch eine: die 75!

Davos

An den legendären Lauf in Davos habe ich eigentlich keine guten Erinnerungen.
Im Vorjahr war ich für den K78 angemeldet, aber ich wurde eine Woche davor beim Nachtlauf Baiersbronn nach Baden-Baden krank, richtig krank.
Von Versorgungsstelle zu Versorgungsstelle wurde es schlimmer, ich wurde schlapper, die Augen wurden glasiger und das Fieber stieg.
Getröstet hat mich nur der Umstand, dass ich mal wieder mit meinem Lauffreund Dirk Joos laufen durfte. Da er am Bodensee wohnt und zudem meist eher kürzere Rennen absolviert, ist es eher selten, dass wir uns live beim Laufen sehen.
So bleibt mir nur, ihn aus der Ferne zu beobachten, seine ständig neuen persönlichen Bestzeiten zu bewundern und zu hoffen, ihn hin und wieder irgenwo zu treffen.

Ein weiterer Motivator war, dass ich bei diesem Lauf nach Baden-Baden den „Cool Runner“ Bernie Conradt kennen gelernt habe. Und gleich haben wir uns schon zu Beginn des Laufs für Davos K78 verabredet.

Aber meine Krankheit war so schlimm, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Drei Tage musste ich anschließend im Bett verbringen und ich blieb schwach bis Davos.
Mein Büro und alle Freunde rieten mir dann dringend, auf den Start in Davos zu verzichten und ich stimmte zu. Am Freitag Nachmittag, also direkt vor dem Lauf, war ich dann dabei, meine gepackten Laufsachen wieder auszupacken, als sich Träne um Träne aus den Augen schlich. Da wusste ich, dass ich einfach starten muss.

Also fuhr ich um 16 Uhr los Richtung Davos und erreichte Davos kurz vor Mitternacht. Ich glaube, ich habe das letzte freie Zimmer bekommen, nachdem mir ein Mitarbeiter der Reception eines großen Davos Hotels einen Tipp gegeben hat. Das letzte Zimmer, bezogen endlich um 0.30 Uhr, aufstehen um 5 Uhr!
Viel Geld für wenig Schlaf, aber ich war glücklich. Und das TURMHOTEL hatte ein Läuferfrühstück mit Nudeln und Tomatensauce und allem, was das Läuferherz erfreut.

Beim Start ging es mir noch gut. Schon bald fand ich Bernie Conradt und dort lernte ich auch Kurt Süsser kennen, den ich dann spätestens beim TransAlpineRun 2008 (TAR) noch viel besser kennen und schätzen gelernt habe. Ich schloss mich den beiden an, bis zu der „Stelle der Entscheidung“ kurz vor dem km 30. Da geht es nach links ab in die Berge. Ich fühlte mich schwach und hatte Angst, noch nicht wieder fit zu sein, die Zeitlimite nicht zu schaffen oder sogar ein echtes körperliches Problem zu bekommen.
Da geht es nach rechts das Tal entlang, das ist der C42, die Versuchung. Ich bin ihr erlegen. Geärgert habe ich mich aber spätestens im Ziel, weil ich in einem kleinen Dörfchen ohne Atmosphäre ankam, mit dem Züglein wieder nach Davos gebracht wurde und das schönste des Davoser Laufs, den Einlauf ins Stadion, nicht erleben durfte.
Und mir fehlten die Höhenmeter für das Training für den bald folgenden TAR, auch etwas, was mir Sorgen machte.

Diesem Umstand ist zu verdanken, dass ich das GONDO EVENT kennen gelernt habe. Genau eine Woche später und der schönste Lauf, den ich in 2008 gemacht habe. Viele Läufer des folgenden TAR waren da und ich konnte die Höhenmeter in die Beine bekommen, die mir eine Woche zuvor in Davos abgegangen sind. Für mich war das das große Glück und ich bedauere, dass ich dieses Jahr dort nicht mehr dabei sein kann. Wirklich schade!

Der legendäre Berglauf in der Schweiz

Der legendäre Berglauf in der Schweiz


Und dieses Jahr? Die Geschichte wiederholt sich. Wieder habe ich glasige Augen, ich huste sehr viel und ich schwitze in der Nacht drei Garnituren Nachtwäsche durch.

Ob mich das wieder den K78 kostet?

Aber eines weiß ich sicher: wenn ich mir den K78 nicht zutraue, dann starte ich nicht in Davos, sondern in Bergün.
Dort startet der K42, eine Marathon wie der C42, aber eben gebirgig und wunderschön – und der Zieleinlauf findet auch da im Davoser Stadion statt.

Ich will, ich will, ich will!

Mal sehen, wie ich mich entscheide. Leider werde ich Dich vermutlich lange nicht darüber informieren können, weil meine liebe Familie und ich direkt im Anschluss an den Zieleinlauf weiterfahren nach Istrien / Kroatien, um den Urlaub dort zu verbringen. Kein Asien, kein Amerika, mal wieder Europa.

Ob ich dort häufig online gehen kann und will?

Was aber war mit der Zahl 75?

Na ja, Davos wird ein kleines Jubiläum sein, es ist mein 75. Marathon und länger … ach was, jetzt schon?

Wilma, der Liebling aller Läufer und Betreuer …

Wilma. Wilma wer?

Wilma Vissers aus Illgau am schweizerischen Vierwaldstätter See hat einen typisch schweizer Nachnamen, sieht sehr schweizerisch aus und hat auch einen unüberhörbaren Dialektanklang.
Aber ist das wirklich Schweizerdeutsch?

Beim SwissJuraMarathon hatten wir Deutsche, die in der Schweiz wohnen, Schweizer, die in Deutschland wohnen, eine Französin, die in Holland wohnt und eben auch eine Holländerin, die in der Schweiz wohnt.
Wilma Vissers lief am liebsten so, wie es sich für Eidgenossen gehört: in Orange!

Und wo Wilma auch hinkam, bei den drei Verpflegungspunkten, im Ziel, bei Mitläufern oder den anderen Supportern, Wilma war immer der Liebling unter den Teilnehmern. Wahrscheinlich, weil sie sich so viel Mühe gegeben hat, jedem einzelnen gerecht zu werden, jeden einzelnen als Mensch wahrzunehmen und mit wirklich jedem Spaß zu haben.

Wilma wurde bei den Frauen die drittschnellste Frau und an den ersten Tagen habe ich sie immer weit vor mir gesehen – unerreichbar in der Ferne.

Aber nicht auf der 4. Etappe. Da lief ich schon kurz hinter der 3. Versorgung auf Wilma auf und wir beschlossen, die restlichen 13 Kilometer gemeinsam zu laufen und gemeinsam zu finishen. Und wir beschlossen, viel zu quatschen, das war wirklich schön.
Dabei machten wir noch einigermaßen Druck, um unsere Positionen zu halten und etwa drei Kilometer vor dem Ziel schaute ich nach hinten – da war weit und breit niemand mehr.

Wenn Wilma und ich dann gedacht hatten, dass das so bleiben sollte, dann waren wir aber getäuscht. Jörg Heisig aus Duisburg war plötzlich bei uns. Ich dachte ihn schon lange hinter mir gelassen zu haben, aber Jörg hatte ein unglaubliches Finish. Jörg wollte dann mit uns ins Ziel kommen und so meisterten wir die letzten Kilometer ratschend und tratschend und liefen Händchen haltend gemeinsam ein:

Wilma
Am meisten habe ich bei Wilma bewundert, wie intensiv sie sich jeden Tag nach meinem und dem Befinden der anderen erkundigt hat. Auch an den Tagen 5 und 6, wo ich nicht mehr schnell laufen konnte, motivierte sie mich und versuchte, mich dazu zu bewegen, bei ihr zu laufen. Aber das ging leider gar nicht.

Erst am 7. Tag, am letzten Tag, blieb ich wieder lange mit und bei Wilma. Nur ihrem Lauftempo auf den flachen Abschluss-Kilometern den Basler Fluss „Birs“ bis zur Rheinmündung und dann noch weiter bis zum Basler Münsterplatz konnte ich nicht mehr stand halten und so verlor ich bescheidene 5 Minuten auf Wilma. Ein guter Grund, gemeinsam auch in Basel zu feiern!

Wilma war sicherlich die Seele der Lauftruppe und ich rufe ihr gerne zu: „Wilma, ik hou van jou!“

Schiller – der Mann aus dem Osten

Abschließen will ich meine Reihe von Geschichtchen über einige Teilnehmer des SwissJuraMarathon mit einem, dessen sonniges Gemüt es wirklich jedem leicht macht, ihn zu mögen, mit Detlef Schiller aus dem thüringischen Mühlhausen.
Schon beim Start dachte ich mir: „den kennst Du!“
Und so suchte ich in meinen Erinnerungen den Lauf, bei dem wir schon einmal zusammen gelaufen sind. Auch Detlef erinnerte sich dunkel und so begann ein langes Frage- und Antwortspiel, das am Ende erfolgreich war.

„Bist Du den TransAlpineRun 2008 gelaufen?“ fragte ich Detlef. Aber die Frage führte nicht weiter, Detlef hatte zwar schon zwei Mal den TAR hinter sich gebracht, aber nur in den Jahren 2006 und 2007.
„Harzquerung?“ fragte Detlef zurück, aber da war ich noch nie dabei. Und so folgten einige Dutzend Läufe, die uns aber nicht weiter brachten. Schließlich einigten wir uns darauf, dass es wohl beim Rennsteiglauf gewesen sein muss.
Das hätte auch sein können, immerhin wohnt Detlef fast direkt neben der Strecke. Aber dort laufen so viele Menschen, warum sollte er mir aufgefallen sein?

Keine 5 Kilometer nach dem Start fiel mir Detlefs ungewöhnlicher Laufstil auf und eine Idee ging mir durch den Kopf: „Gondo Event 2008?“
„Natürlich!“ sagte Detlef. Jetzt war alles klar, ich erinnerte mich wieder sehr gut an diesen Lauf. Es war der schönste Lauf des Jahres 2008 für mich, schöner noch als der TAR.

Gondo

Eine kleine Gruppe von 120 Mann machte sich auf, zum Gedenken an den 14. Oktober 2000, als ein gewaltiger Erdrutsch das kleine schweizer Grenzdorf Gondo, direkt an der italienischen Grenze gelegen, verschüttete und dabei 13 Menschen ihr Leben verloren, von Gondo aus über den Simplon- und den Bistinenpass einen alpinen Doppelmarathon-Erlebnislauf nach Ried-Brig und zurück zu bewältigen.
Dabei
geht es auch ohne die Benutzung einer Brücke durch einen Gebirgsfluss durch, da diese Brücke bei der Erstausrichtung des Laufs noch zerstört war.

Traumhafte Landschaft, enorme körperliche Anstrengungen und ein soziales Ziel, drei wichtige Aspekte dieses Laufs, der mir wie kaum ein anderer in Erinnerung geblieben ist. Dort lief ich einige Meter mit Detlef. Dieser Laufstil … es war in Genf für mich dann so, als wäre das Gondo Event gestern gewesen.

Aber noch war Detlef mir zu schnell, ich wollte den ersten Tag ja besonders langsam und vorsichtig beginnen. Also ließ ich ihn ziehen und konzentrierte mich darauf, mit Gottfried zu laufen und „nach hinten abzusichern“. Na ja, die letzten waren wir nicht, aber wir waren doch sehr, sehr weit hinten.

Als Gotti dann kurz der dritten Versorgungsstelle meinem Tempo bergauf nicht mehr folgen konnte lief ich alleine weiter. Vor mir sah ich Detlef laufen und dachte: „Oh, da ist er ja wieder!“ Schritt für Schritt kam ich näher und bald nach der dritten Versorgungsstelle hatte ich ihn eingeholt. „Du machst ganz schön Druck von hinten!“ beschwerte er sich.

Ich weiß, dass ich bergauf einen ganz guten Schritt habe und dass mich da nur wenige überholen können. Aber ich kam auf den letzten paar Höhenmetern nicht mehr von Detlef weg und der Regen begann. Regen? Nein, es schüttete wie aus Eimern und der steile Abstieg stand uns ja noch bevor. Zum Glück war der Regen warm und Detlef und ich beschlossen, den restlichen Weg gemeinsam zurück zu legen. Redethemen hatten wir ausreichend und wir waren nass bis auf die Knochen. Und so stiegen wir gemeinsam ab, über steile und glitschige Wege und wir erreichten Hand in Hand glücklich und pitschenass gemeinsam das Ziel.

Am zweiten Tag lief mir Detlef erneut weg. Weit weg, wie ich dachte. Aber als ich die dritte Versorgungsstelle sah, erkannte ich auch, dass Detlef dort gerade wieder losgelaufen war. Zu diesem Zeitpunkt lief ich mit dem Schweizer Thomas Vetterli aus Wermatswil, einem interessanten und netten Laufkollegen, mit dem man gut quatschen kann. Wir haben uns einmal gemeinsam verlaufen und mussten uns durch einen Wald auf den richtigen Weg zurück kämpfen, aber als wir endlich wieder auf dem offiziellen Weg waren, sahen wir in Sichtweite vor uns drei andere Läufer. Und ich kannte den ungewöhnlichen Laufstil des einen Läufers.
„Detlef?!“ rief ich, aber es kam keine Reaktion. Noch einmal rief ich, diesmal noch etwas lauter: „Detlef?!“ Nun drehte er sich um, lachte und wir konnten aufschließen. Ich machte dann noch den Pacemaker für die nun auf fünf Personen gewachsene Laufgruppe, aber ich achtete darauf, dass jeder mitkam. Und kurz vor dem Ziel liefen wir alle auf einer Höhe und kamen zeitgleich ins Ziel.
Für Detlef und mich war es schon die zweite Zeitgleichheit.

Am dritten und vierten Tag konnte Detlef nicht mehr mit meinem Tempo mithalten. Vor allem der vierte Tag, mein bester Einzeltag, sorgte für einen scheinbar komfortablen Zeitvorsprung. Aber eben nur scheinbar.

An den Tagen fünf und sechs gab ich den komfortablen Vorsprung wieder komplett ab und war nun fünf Minuten hinter Detlef. Und das wollte ich am letzten Tag wieder ändern.

Dass mein letzter Tag sehr gut war, habe ich ja schon geschrieben. Nicht aber Detlefs letzter Tag. Bei ihm sammelten sich die Entzündungen an den Fußfesseln so, dass er am Ende die Schuhzungen abschnitt, weil sie so sehr auf die entzündeten Beine drückten. Aber Detlef, von vielen liebevoll „Kampfsau“ genannt, hielt durch und erreichte als vorletzter humpelnd, aber stolz, das Ziel in Basel.

Detlef hat als erfahrene Bergziege natürlich alle Qualifikationspunkte, die er für die Teilnahme am Ultra Trail de Mont Blanc (UTMB) benötigt. Aber Detlef sagte mir schon in Genf, dass er sich dieses Jahr dafür nicht fit fühlt. Krankheiten und Trainingsrückstände sind dafür verantwortlich. Aber er ist ein enorm belastbarer und leidensfähiger Läufer.
Und er ist ein guter Vater. Als seine 21-jährige Tochter ihren ersten Marathon laufen wollte, den „Möbel Kraft – Marathon“ in Hamburg, da war Detlef als Pacemaker gerade recht. Er führte das junge Talent sicher ins Ziel und das mit der guten Schlusszeit von 4:40:00 Stunden.

Und noch etwas habe ich von Detlef gelernt. Wenn Detlef von den Zeiten der ehemaligen DDR erzählt, dann fällt immer wieder der Satz: „Du musst Dich mit den Verantwortlichen immer gut stellen, dann ist auch mal mehr auf dem Teller!“ Vielleicht ist es diese sympathische Art, mit anderen Menschen umzugehen, die Detlef so beliebt macht.

Detlef, wir sehen uns wieder – irgendwann auf einem Berg!

Alles Mainz!

Wenn ich schon Geschichten und Geschichtchen vom SwissJuraMarathon schreibe, dann dürfen zwei nicht unerwähnt bleiben:

Antje und Achim Knacksterdt.

Achim ist schon lange ein lieber Lauffreund gewesen. Wir sind zum ersten Mal beim 65km langen Eisweinlauf von Offenburg nach Baden-Baden zusammen gelaufen. Fasziniert haben mich dabei von Anfang an seine Marathonzeiten: unter drei Stunden!

Als bekennende Marathonschnecke mit einer Bestzeit von 3:38:30 Stunden ist es unvorstellbar, dass jemand in meinem Umfeld, der auch ungefähr so alt ist wie ich, solche Zeiten läuft!
Daraus entwickelte sich eine langjährige Lauffreundschaft, die im gemeinsamen Ziel „SwissJuraMarathon 2009“ gipfelte.

Antje, seine kluge Frau, kennt jeder der vielen SMJ-Läufer: sie war Supporterin bei der 3. Verpflegungsstelle und hat sich stets liebevoll um die einzelnen Läufer gekümmert.

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Die Hinreise nach Genf durfte ich mit den beiden erleben, da war viel Zeit zum Reden und planen. Ich war sehr froh über das Angebot, mit den beiden diese Autofahrt zu machen und eben nicht wie geplant den Flieger zu nehmen. Das dauerte zwar erheblich länger, dafür war schon das Problem gelöst, wie ich vom Genfer Flugplatz zur ersten Übernachtung nach Saint-Cergue komme. Es hat sich dabei gezeigt, dass das weiter war, als ich dachte.

Für mich hatte diese „Dreier-Beziehung“ einen weiteren Vorteil: wenn ich irgendwann einmal von meinen Etappen zurück kam, hatten Antje und Achim meist schon mein Gepäck gesichert, hatten mir eine Matratze reserviert – so einen Service hätte ich bei anderen Etappenläufen gerne wieder!

Nur ein Mal, am Mittwoch, bei der 4. Etappe, durfte ich mich revanchieren. Achims schwächster Tag und mein bester Tag fielen zusammen, wie Weihnachten und Ostern auf einen Tag – und ich kam vor Achim ins Ziel. Das war meine Chance, für die beiden die Matratzen zu platzieren und das Gepäck zu betreuen.

Achim hatte sich am Vortag bei einem Sturz eine Rippe gebrochen. Das war zumindest seine eigene erste Diagnose. „Es hat richtig gekrackt!“ sagte er zu mir. Und meine Leiden begannen ja erst am Donnerstag, also einen Tag später. Alles passte und ich war schneller als Achim! Hurra!

Aber ich durfte nicht mehr allzu viele Witze machen, die gebrochene Rippe tat immer weh, wenn ich Achim zum Lachen gebracht habe. So richtig ernst bleiben ist aber nicht meine Stärke. Und spätestens, als meine Sehnenscheiden-Entzündung aufkam und ich zu Achim sagte, dass ich bis dahin immer dachte, eine Sehnenscheiden-Entzündung gäbe es bei Männern nur im rechten Arm, musste er sich halten vor Lachen und es tat höllisch weh.

Antje und Achim stammen aus Mainz und sind Mainzer mit Haut und Haar. Dazu gehört natürlich auch eine Dauerkarte bei den 05ern im Mainzer Stadion. Ich finde Mainz 05 auch ohne „Kloppi“ einen tollen Verein, das verbindet. Fußball ist ja sowieso mein Thema, also gingen uns die Gesprächsthemen nie aus.

Ganz am Ende, im Ziel in Basel, haben die Mainzer dann noch einmal bewiesen, dass Mainzer etwas ganz Besonderes sind: eine große Delegation von 6 Läufern machten sich auf den Weg, ihre Helden des SwissJuraMarathon in Basel zu begrüßen. „DIE BRETZELWETZER“ heißt diese Laufgruppe und „DIE BRETZELWETZER“ haben bewiesen, dass Mainzer die ihren nie alleine lassen!

Nach der Rückfahrt von Basel nach Mainz ging es schon einen Tag später für Antje, Achim, deren Tochter Hannah und deren Freundin wieder Richtung Genf – in den Urlaub. Gerne rufe ich Euch zu:
„Schönen Urlaub, danke für die gemeinsame Zeit und spielt zu viert eifrig Skip-Bo – nur nicht allzu viel laufen!“

skipbo

Vom ersten bis zum letzten Tag …

Schon auf der ersten Etappe habe ich Gottfried Oel begleitet.
Mein Ziel war es, am ersten Tag möglichst langsam und vorsichtig zu starten, schon, weil das Profil des Tages zum Rasen verleitet: fast 30 Kilometer flach, dann einen Anstieg von 1.000 Höhenmetern auf nur 10 Kilometer und anschließend wieder runter.
Gottfried erzählte mir auf der ersten Etappe seine Geschichte, die mich sehr bewegt hat. Er hatte sich im Februar des Jahres noch den Mittelfuß gebrochen und daher hatte er einen enormen Trainingsrückstand. „Eigentlich wollte ich den Start absagen, da ich aber keinen Ersatzstarter stellen konnte, wäre das gezahlte Geld nahezu weg gewesen!“ Also ging er dennoch an den Start. „Gotti“, wie seine Freunde ihn nennen, hat sich diesen Etappen-Lauf selbst zum 50. Geburtstag geschenkt, aber seine Verletztung ereilte ihn genau am Abend des Tages, an dem er am Mittag noch die Teilnahmegebühr überwiesen hatte. Welch ein Pech!
Ein wenig Laufpraxis hat es sich kurz vor dem SJM doch noch geholt. Als Brems- und Zugläufer für 4:30 Stunden beim Marathon in Regensburg konnte es zumindest sicher sein, dass diese Strecke für ihn wieder zu bewältigen war.

Kurz vor der dritten Versorgungsstelle musste Gottfried aber meinem hohen Gehtempo berauf Tribut zollen und er ließ sich ein wenig zurückfallen, während ich mir mit dem lustigen Detlev Schiller einen neuen Laufpartner gesucht habe, um den glitschigen Abstieg durch den Regen-Dauerguß zu bewältigen.

Auf der fünften Etappe lief Gottfried dann einen Kilometer vor dem Ziel auf mich auf. An diesem Tage bekam ich die schmerzhafte Muskelverhärtung im linken Oberschenkel, konnte nur noch tippeln und wurde vor allem bergab permanent überholt. Der gute Start am Tage war verloren, ich war frustriert und langsam. Aber Gotti und ich liefen gemeinsam ins Ziel, das war ein sehr schöner Moment, der mich mit dem Tag versöhnte.

Gotti

Am sechsten Tag aber lief ich erneut bis kurz vor der dritten Verpflegung mit Gottfried und Winfried aus Bremen und ich war froh, dass er bei mir war. Zwar halfen die Tapes auf dem Oberschenkel, dafür bekam ich noch eine äußerst schmerzhafte Sehnenscheidenentzündung in der linken Fußfessel. Diese Sehnenscheidenentzündung machte ein schnelles Laufen scheinbar unmöglich und deshalb hatte ich keinerlei Ambitionen auf eine ordentliche Tagesplatzierung und wollte nur kurz vor dem Ablauf des Zeitlimits im Ziel sein. Bei der zweiten Versorgung sagte man uns, dass wir noch 45 Minuten vor der Cut-Off Zeit seien, als die dritte Versorgungsstelle aber nicht zeitlich planmäßig kam, wusste ich, dass es noch sehr, sehr eng werden würde. Also lies ich die beiden stehen, nahm eine Schmerztablette und zündete den Turbo, allen Schmerzen zum Trotz.
Ich erreichte die Ziellinie des Tages rund 3 1/2 Minuten vor dem Zeitlimit, aber Winfried und Gottfried hatten richtig Pech: sie verliefen sie kurz nach der letzten Versorgungsstelle, haben das aber sehr schnell bemerkt. Also liefen sie umgehend zurück. Aber leider waren die Bändel schon entfernt worden.
Das Plärren und Schreien der beiden erreichte im Wald aber niemanden. Winfried ist dann, von der Kraft der Verzweiflung ungewöhnlich animiert, Gottis Rufen und Blicken schnell weit enteilt und so stand Gottfried nun alleine da oben am Gratweg und hat sich langsam vorwärts getastet. Irgendwann fand er dann wieder den Höhenweg, dem er folgen konnte und hielt immer sorgenvoll Ausschau nach den den Bändel-Abnehmern und hoffte, dass die sich wieder einholen ließen.
Er rutschte über schlammig zertrampelte Almwiesen und versuchte sich am Streckenplan zu orientieren, getrieben von dem Glauben, es ginge nur noch 7km bergab. Er folgt dann der Einladung einer Straße, die ihn abwärts ins Aaretal führt. Wo das Etappenziel „Balsthal“ leigt, wusste er zu dieser Zeit noch nicht, dann trifft er unten, verzweifelt und freudig zugleich, drei kräftig gebaute Wanderer, mit denen er sich zu unterhalten versucht.
Gotti beschreibt später dieses Gespräch als „schwer, obwohl die drei durchaus Deutsch sprachen“. Eines versteht er aber schon: „Du bist drei Stunden von Balsthal entfernt. Gehst über’n Berg, bist da!“

Es waren da schon weit über 7 Stunden vergangen, das Zeitlimit kam immer näher. Gotti ist frustriert, fühlt sich allein gelassen und hätte jetzt gerne einen Mitläufer gehabt, der etwas Tröstendes sagt. Aber Winfried und ich waren ja schon weg, wahrscheinlich hätten wir alle zusammen bleiben sollen. So muss er sich in der Kunst des „inneren Dialogs“ üben, sich Mut machen und sich sagen: „Das ist OK so, wie es jetzt ist!“
Also wieder den Berg rauf, auf den Höhenweg, alles im Bewusstsein, das Zeitlimit unmöglich erreichen zu können.

Gotti erzählt mir danach: „Da es sowieso egal war, lohnt sich jetzt für mich der schöne Blick in die Landschaft – und die Juralandschaft versöhnt mich. Ich bin 6 Tage unterwegs, was habe ich alles nicht gesehen von dieser grandiosen, ins Herz gehenden Landschaft. Geheftet waren meine Augen ausschließlich auf den Weg vor mir, wie stelle ich die Füße zwischen die Wurzel und wie zwischen das weiße Kalkgestein, um nicht zu stürzen, um weiter voranzukommen. Paradox ist es schon – hier hätte ich mir 500 mal den Fuß brechen können, aber passiert ist es zu Hause auf der Teerstraße, nachts bergablaufend, ohne visuellen Kontakt mit dem Untergrund. Jetzt, aus dem Wald heraustretend, warten an der letzten Alm vor dem 7 km langen Abstiegsstück nach Balsthal die Bänder-Einsammler. Zwei Bänder, die sie vergessen haben, liefere ich noch mit Genugtuung bei ihnen ab, aber ansonsten überwiegt jetzt schon mein Gefühl der Dankbarkeit, die beiden wieder getroffen zu haben.“

Ich glaube, ich wäre richtig sauer gewesen. Aber Gotti? „Klar trug ich noch einen schweren Stein des Vorwurfes in mir, aber ich warf nicht damit, auch später nicht. Freundlich und milde werde ich von den beiden und einer weiteren Läuferin, die uns zu Hilfe kam, auf serpentinen Waldwegen nach Bahlstal begleitet. Ich kann noch bis ins Dorf laufen, dann bin ich aber auch völlig erschöpft. Nach 9 Stunden und 14 Minuten komme ich am Marktplatz in Balsthal an, diesmal als Letzter. Mir war es egal, immerhin wurde ich von Urs abschließend mit ungeduldiger Euphorie begrüßt.“

Winfried überzog mit 12 Minuten nur geringfügig, aber Gottfried entschied sich nach den Strapazen der sechsten Etappe dafür, dass er am letzten Etappentag nur noch in der 175km-Gruppe über die halbe Restdistanz starten würde. Mir hat das für ihn sehr leid getan, wahrscheinlich war es aber die richtige Entscheidung gewesen. Ein Zweifel jedoch verbleibt bei mir. Was wäre gewesen, wenn ich bei den beiden geblieben wäre?

Alles in allem war Gotti für mich einer der ehrlichsten Freunde geworden, stets freundlich und immer lächelnd. Er hat stets liebevoll von seinen zwei Töchtern Theresa und Sarah gesprochen und gezeigt, wie viel Herzblut in allem steckt, was er tut. Danke Gotti für die Begleitung und bis zum nächsten Mal!