Rosa Elefanten im Auto und gelbe Enten on air

Der Stau auf der Anfahrtsstraße vor dem ToughGuy Event ist legendär. Nur der StrongManRun kann da noch mithalten in Sachen Läuferbehinderung. Also musst Du früh dort sein, um kein Risiko einzugehen, nicht pünktlich am Start zu sein.
Meine toughen Begleiter Bernie Conradt, Kurt Süsser, Alex Metzler, unsere Haus- und Hof-Fotografin Gabi und ich haben uns also am Sonntag schon um 8.45 Uhr aufgemacht, die 10 Autominuten lange Strecke zu bewältigen.

Beim Frühstück waren wir noch normal verrückte Läufer, aber danach begann unsere Verwandlung. Franz Kafka hätte angesichts dieser Metamorphose sein legendäres Werk umgeschrieben und hätte seinen Romanhelden Gregor Samsa nicht als ekligen Käfer, sondern als rosa Elefanten aufwachen lassen. Weil rosa Elefanten interessanter sind als klebrige Riesenkäfer, vor allem dann, wenn in den Elefanten so toughe Jungs im besten Mannesalter stecken. Nur Alex muss ich hier ausnehmen, weil er fast 20 Jahre jünger ist wie wir, also gewissermaßen noch in den Elefanten-Kindergarten geht.

Klicken: Mehr Fotos von den vier rosa Elefanten gibt es hier auf Facebook!

Die vier rosa Elefanten hatten dann bei der Fahrt zum ToughGuy auch keine Probleme, bei Kreuzungen in den fließenden Verkehr einzufädeln. Auto fahrende rosa Elefanten haben scheinbar stets Vorfahrt.

Es war also erst kurz nach 9 Uhr, als wir am ToughGuy Gelände ankamen, aber es war schon richtig voll dort. Vor allem vor dem „Forehead Marking“, der Hütte, wo uns die Startnummer in schwarzem Filzstift auf die zartrosa Elefantenhaut geschrieben wurde, drängten sich endlos viele Läufer, Journalisten und interessierte Zuschauer.
Unser Elefantenkostüm verfehlte seine Wirkung nicht. Unglaublich viele Menschen wollten sich mit uns fotografieren lassen. Klick hier, klick da, immer wieder. Ein Fernsehteam holte uns zum Interview, schade, dass ich nicht weiß, wo das dann gesendet wurde. So vertrieben wir vier elefantenstarken Jungs die Zeit, weil wir warten mussten: auf unsere graue Maus.


Die Rolle der Elefantenerschreckerin spielte Steffi, die sich schon vor Monaten per eMail unserem Team angeschlossen hatte. Aber Wolverhampton ist zu groß, um sich zufällig zu sehen und Steffi kam einfach zu spät, wirklich sehr schade.
Folglich sind wir dann eine halbe Stunde vor dem offiziellen Start in die Startbox der „Queen Wisitors“ gegangen, dem zweiten Startblock, gleich nach den „King Wisitors“.
Zwar hätte ich als beurkundeter ToughGuy 2009 auch in einem anderen Startblock starten dürfen, aber als rosa Elefant allein sein wollte ich dann doch nicht. Rosa Elefanten sind eben etwas schüchtern und ängstlich.

Wir vertrieben uns die halbe Stunde erst mit Gesprächen im Startblock. Da waren die blauen Münchner Schlümpfe, die wir schon am Vortag kennen gelernt hatten, die beiden Schweizer mit den Helmkameras aus unserem Hotel, die uns beim Frühstück erzählt haben, dass sie die Wasseraufnahme in Form von vielen Gläsern bitteren Guinness Bieres bis kurz vor 4 Uhr am Morgen noch hart trainiert hatten.
Ganz wach sahen die wirklich nicht aus, bei Schweizern ist man aber nie ganz sicher, ob die Langsamkeit angeboren ist oder vom Trainingslager her stammt.

Und da waren viele anderen, die sich immer für die kleine Elefantenherde interessiert haben, wir aber interessierten uns vor allem für „Mr. Mouse“. Nachdem unsere Maus Steffi nicht bei uns war, wollten wir wenigstens ein Foto mit „Mr. Mouse“ machen. Also überquerten wir die Absperrungen, gingen zu ihm und bekamen, was wir wollten. Ganz begeistert war er nicht, aber er war wenigstens geduldig.
„Mr. Mouse“ war früher mal in Wuppertal und er wurde nicht müde, davon zu erzählen.

Mr. Mouse, der Erfinder des ToughGuy. "Jetzt aber schnell wieder hinter die Absperrung!" meint er danach.

Noch immer waren zehn lange Minuten zu überstehen, bis der legendäre Kanonenböller als Startsignal ertönen würde. Langsam wird es doch etwas zäh, dachte ich.
Zum Glück hatte einer der toughen Wartenden einen Football dabei, den er wahllos in die Menge schoss. Dort von irgend jemandem aufgefangen, wurde er zurück geschossen oder zurück geworfen, wenn der Fänger sich den Abschlag mit dem ovalen Ei nicht zutraute.
Und bei jedem Abschlag ging ein begeistertes Raunen durch die wartende Menge und bei jedem Wurf ein enttäuschtes Grummeln. Dieses Mitmachen hielt die Laune oben, auch wenn nur die wenigsten von uns den Football tatsächlich einmal anfassen konnten.

Noch fünf Minuten vor dem Start, die Anspannung stieg. Die Startboxen wurden voller und voller und die Menge drückte schon merklich in Richtung des vermeintlichen Ausgangs, um später eine bessere Ausgangsposition zu haben.

Wir alle hatten am Vortag in unserer Starttüte eine kleine gelbe Plastikente gefunden. Die sollten wir auf der Unterseite mit unserer Startnummer versehen und später dann in einen See werfen, um dann, wenn wir wieder an dem See vorbei kommen würden, diese wieder aus dem Wasser zu ziehen. Erwischt Du Deine Ente, dann gewinnst Du etwas. Kein großer Gewinn für eine winzig kleine Chance, dachte ich.

Das müssen Andere auch gedacht haben und so entschieden sie, ihre Ente als Wurfgeschoss gegen die ToughGuys des Nachbar-Startblocks zu verwenden. Und so flog eine gelbe Ente von dem Startblock der „Wetnecks“ zu uns „Queen Wizitors“ herüber. Natürlich haben wir dieser Ente gleich ein Rückflugticket spendiert.

Innerhalb kürzester Zeit flogen dann Hunderte gelber Enten von einem Startblock zum nächsten, um gleich wieder zurückgeschickt zu werden. Schon diese Bilder, schon dieser Spaß hat aus diesem Event etwas ganz Besonderes gemacht. Ein Bild für Götter! So viel Spaß vor dem Start hatte ich schon lange nicht mehr.

Oben auf dem Hügel stand „Mr. Mouse“ mit seinem Team, eine schottische Gruppe im Kilt spielte ununterbrochen Dudelsackmusik und wir alle fieberten, dass endlich die große alte Kanone diesen Lauf freigeben würde.
Erst die „King Wizitors“, dann wir. Wir überkletterten die Absperrungen, kämpften uns den steilen Berg hinunter und warteten.

Und dann ging es endlich los …

Toughe Tage in Wolverhampton

Was ist er nun, der „ToughGuy“?
Die Veranstaltung, über die die „Birmingham Mail“ geschrieben hat:

„Es gibt viele Wege, auf denen ein Sonntag genussvoll verbracht werden kann. Aber einige Menschen würden in diese Wege auch eine zermürbende Laufstrecke einschließen, deren Härte an Körperverletzung grenzt.
Da gibt es Sümpfe, Drahtverhaue, Elektroschocks, lichterloh brennende Gräben und einen Unterwasser-Tunnel.
Trotz dieser Herausforderungen hat dieses Rennen 4.000 Menschen angezogen, an diesem „ToughGuy“ Event in den West Midlands teilzunehmen.
Es ist schwierig zu wissen, ob man diesen Menschen zu Ihrer Charakterstärke gratulieren soll … oder ob man denen nicht besser einen Besuch beim Pyschiater empfehlen sollte.
Aber eines ist sicher – das war wirklich ein Haufen von sehr toughen Jungs und Mädels, ganz sicher.“

Darf sich dieses Rennen wirklich mit dem Titel des „härtesten Rennens der Welt“ schmücken? Oder ist das nur ein Lauf für spätpubertierende Mädels und Jungs, deren Eltern sie nicht oft genug in schmutzigen Bachbetten spielen ließen, veranstaltet von einem exzentrischen und vollkommen „durchgeknallten“ Engländer gehobenen Alters, der seinen Spaß daran hat, makabere und zumindest grenzwertige Spielchen mit seinen Landsleuten und einigen Ausländern zu veranstalten?

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Makaber ist schon vieles dort bei Wolverhampton. Bei keinem anderen Lauf unterschreibst Du ein „Death Warrant“, das Eingeständnis, dort auf den heiligen Äckern erfrieren, verdursten oder an einem Herzinfarkt sterben zu können und dass nur Du selbst dafür verantwortlich bist.
Noch etwas makabrer aber ist das unwiderrufliche Angebot des Veranstalters, der sich bescheiden „Mr. Mouse“ nennt, dass Du, wenn Du zehn Mal beim „ToughGuy“ teilgenommen hast, auf diesem heiligen Gelände zur letzten Ruhe gebettet werden kannst. Und danach kannst Du Tausende von Jahren lang verrückten Menschen dabei zusehen, wie sie dort Herausforderung für Herausforderung annehmen, um am Ende eine schwere Medaille zu erhalten, die an einem simplen Plastikband hängt.

Wenn Du am Tag vor dem Lauf auf dem Gelände des „ToughGuy“ bist und nicht weißt, dass es sich um einen Lauf handelt, der seit vielen Jahren veranstaltet wird und weltweite Beachtung gefunden hat, dann würdest Du denken, dass hier ein paar englische Bauerntrampel versuchen, aus einer halbgaren Idee unendlich viel Kohle zu machen.
Alles, was Du siehst, ist improvisiert. Die T-Shirts sind hässlich, die Grafiken grauenvoll, die Tische, die Unterstände, alles ist eine Notlösung, Improvisation pur. Die Menschen, die die „Merchandise-Abteilung“ beleben, würdest Du selten in den dunklen Ecken deutscher Wochenmärkte erwarten, so einfach gestrickt sehen die aus. Dabei wirst Du das Gefühl nicht los, dass hier alle miteinander verwandt sind und dass manche hier gleichzeitig Onkel, Sohn und Vater von anderen sind und Dir fallen die Statistiken über die Inzucht-Raten in Europa ein.
War da England nicht immer ganz weit vorne?

Einfachst gebaut sind auch die Hindernisse. Da schauen spitze Nägel aus dem Holz heraus, die gespannten Sicherheitsnetze helfen Dir, Deinen Glauben an den lieben Gott wieder zu finden, weil Du denkst, dass beten mehr hilft als diese Netze. Und Du bekommst Stromschläge in einer Stärke, die Dir, wenn Du am Lauftag nicht sowieso Dein Hirn am Start abgegeben hättest, dieses aus dem Schädel blasen würden.
Die heilige Institution des deutschen TÜV würde sich wohl mit Grausen abwenden und kaum ein einziges dueser Hindernisse frei geben.

Dann schaust Du Dir die vermeintlich schwersten Hindernisse an. Du siehst 12 Millimeter starkes Eis auf dem Wasser in dem Kanal, in dem Du keine 24 Stunden später durch das kalte Nass laufen wirst. Du siehst die drei auf Höhe des Wasserspiegels montierten Stämme und die eben so hohe Brücke und Du weißt: hier wirst Du tauchen!
Kein Mensch schafft das, denkst Du noch – und Du sowieso nicht!

Und dennoch wirst Du keinen Tag später in diesem Wasser sein und Du wirst gar nicht richtig merken, dass es kalt ist. Aber beim Tauchen in das kalte Wasser wird Dir der Atem stocken und Du musst Dich regelrecht zwingen, tief einzuatmen. Das wird so weh tun, das weißt Du. Aber dieses Hindernis wird das Schlimmste von allen sein, denkst Du.

Aber Du irrst. Weil Du den „Vietkong Tunnel“ noch nicht kennst.

Als ich 2009 das erste Mal beim „ToughGuy“ gelaufen bin, gab es ihn noch nicht, jetzt aber fordert er Dich mehr als alles andere.
Vor allem die Schmerzensschreie der anderen Läufer in dem dunklen Schacht werden Dich in Sorge bringen und die Stromschläge, die Du dort erleiden wirst, werden höllisch weh tun, vor allem, wenn Du die Stomfäden an den Hals bekommst oder auf den Kopf.
Es wird dunkel sein, extrem anstrengend und schmerzhaft. Aber das wolltest Du ja haben …

Dann aber ist die Besichtigung der Strecke beendet, Du hast die Startnummer abgeholt und kannst Dich auf den Start am nächsten Tag konzentrieren, einem Tag, an dem ich rosa Elefanten sehen wollte …

Irgendwie schräg, der Lauf …

Senftenberg ist weit weg. Senftenberg ist vielleicht die am weitesten entfernte Stadt Deutschlands für mich, weiter als Berlin, weiter als Dresden, eben irgendwo dazwischen zwischen diesen beiden aufregenden Landeshauptstädten.
Wer baut denn so eine Stadt irgendwo ins Niemandsland, so weit weg von jeglichen attraktiven Reisezielen, fast direkt an die Grenze zu Polen? Das ist doch eine echte Fehlplanung, oder?

Senftenberg, sorbisch Zły Komorow, ist eine Mittelstadt im Süden Brandenburgs in der Niederlausitz. Sie ist Kreisstadt des Landkreises Oberspreewald-Lausitz und befindet sich an der Schwarzen Elster sowie am Senftenberger See, der einer der größten künstlich angelegten Seen Europas ist.
Senftenberg
hat viel Braunkohle, aber die hat nach der Wende 1990 ihre Bedeutung verloren und Senftenberg hat eine alte, große Sporthalle, die Niederlausitz-Halle. Und in der verstecken sich so manche Geheimnisse.


Schöne Dinge, die man von draußen nicht sehen darf:
Richtige Gästezimmer in alter DDR-Manier beispielsweise, riesengroß, sehr preiswert (14 EUR inklusive Frühstück) und zum Zwecke der Volksüberwachung extrem hellhörig, aber auch recht nett.
Und eine weiche und federnde Tartanbahn, die in den Kurven nach oben stark angeschrägt ist und die exakt 250 Meter misst.

Die Geheimnisse, die sich auf dieser Tartanbahn abspielen, sind eine Reihe von Laufveranstaltungen an einem Wochenende, Läufe von 3.000 Metern bis hin zum Ultra-Marathon, wobei der normale Marathon, der Nachtmarathon und vor allem eben der 50 Kilometer Ultra-Marathon die Höhepunkte sind.
Und weil die ganz Eifrigen unter uns Läufern, die, die in ihrem Köpfchen noch eine Schraube mehr locker haben als wir anderen, sich nicht entscheiden können, welchen Lauf sie machen sollen, machen sie halt einen Marathon am Samstag und dann den Ultra-Marathon am Sonntag.
Sigrid Eichner, die aktuelle Weltrekordhalterin in absolvierten Marathons bei den Frauen, ist eine davon. Dabei hat sie noch richtig Glück gehabt, weil sie fast nicht starten durfte. Streng bürokratisch wollte man ihr am Empfang den Start beim Ultra-Marathon verweigern, weil sie nicht vorangemeldet war. Ein paar klärende Worte mit dem Veranstalter haben sie aber dann doch wieder auf die Tartanbahn gebracht.
Wenn ich mir vorstelle, nach dem Ultra-Marathon noch einen Marathon laufen zu müssen …
Nee, Kinder, was man sich doch alles antut, um glücklich zu sein … !

Ganz bestimmt tut man das aber nur, weil die Musik, die während des Laufs gespielt wird, uns alle daran erinnert, dass wir vor 30 Jahren, als diese Musik noch jung war, auch noch jung, schnell und spritzig waren. Da liefen Titel wie „Kung Fu Fighting“ und alte Hits der ABBA, Lieder also, die wir alle zwar gerne hören, das aber nur heimlich tun, damit niemand uns in die entsprechende Altersklasse steckt. Und zugeben, dass wir diese Musik gelegentlich gut finden, würden wir niemals. Das wäre ja fast so, als wenn wir auf eine „Ü30“ Party gehen würden!

Aber was heißt es, hier einen Ultra-Marathon zu laufen? 50 Kilometer, genau wie in Rodgau. Flach, noch flacher als in Rodgau, außer natürlich in den Kurven. Nicht allzu weit, gemessen an anderen Ultra-Veranstaltungen, aber irgendwie doch anders als in Rodgau.
Hier sind es nicht 10 Runden wie in Rodgau, sondern es sind eben mal 200 Runden. 200 Runden! Wenn ich Eier in der Schüssel schaumig schlage, dann erleben die keine 200 Runden …
Irgendwie schräg, der Lauf – und das nicht nur wegen der überbauten Kurven.

Wenn Du so einen Lauf machst und ihn einigermaßen ambitioniert angehst, dann wirst Du immer wieder einige Läufer überholen. Und das Überholen in der Kurve ist am Anfang noch lustig, dann aber wird es lästig, dann ärgerlich und am Ende überholst Du nur noch  auf den beiden Geraden, weil das ständige „auf die höher gelegenen Bahnen laufen“ anstrengend ist. Du liebst es anfangs, Du hasst es am Ende.

Ich hatte mich während des Laufs einer Lady angeschlossen, Kerstin Wohlgemuth aus der Oberlausitz – Niederschlesien, die von Ihrem Trainer sehr genau auf das für sie optimale Tempo eingestellt wurde, bei jeder der 200 Runden gab er seinen Kommentar zur aktuellen Geschwindigkeit. Beste Voraussetzungen für einen guten Lauf, dachte ich.

Aber die Lady, die am Ende Platz 2 in der Damenwertung und Platz 1 in der Alterswertung „W55“ belegte, war mir zu schnell. Ich dachte anfangs, sie läuft auf „sub 4:30 Stunden“, das hätte ich mir vielleicht noch zugetraut, Sie lief aber „sub 4:20 Stunden“, eindeutig nicht mein Laufniveau.
Von Runde 25 bis 100 lief ich mit ihr, dann aber habe ich mich etwas zurück fallen lassen, um mir dann auf den folgenden 100 Runden ständig zu sagen, dass 2:10 Stunden für die erste Hälfte einfach zu schnell für mich waren, eine deutlich schwächere zweite Hälfte folgte, als Strafe gewissermaßen. Aber es hat Spaß gemacht, anfangs mit Kerstin so konstant zu laufen.

Der Veranstalter hat mir vor dem Lauf schon gesagt, dass die weiche Tartanbahn die Bänder und Sehnen besonders stark fordern würde und ich muss feststellen, dass diese Vorhersage nicht ganz falsch war. Vor allem zwischen den Runden 150 und 170 hatte ich ein riesiges Motivationsloch und ich bin froh, dass sich das dann irgendwann wieder gegeben hat.
Aber die Oberschenkel brannten und ich konnte einfach keine großen Schritte mehr machen, das Tempo fiel kontinuierlich ab und so brauchte ich für die zweiten 100 Runden 2 Stunden und 36 Minuten, fast eine halbe Stunde länger als für die erste Hälfte!
Ungeheuerlich eigentlich, aber ich hatte keine Lust, mich da zu quälen. Schade eigentlich, so im Nachhinein betrachtet …

Versteckt unter der hohen Hallendecke blieb dann auch, dass ich dort in Senftenberg zum ersten Mal meine Altersklasse gewonnen habe – ich wollte es erst gar nicht glauben. Vor allem wollte ich nicht glauben, dass man mich in der Klasse „M50“ führt. Wie kommen die denn auf so etwas? Ich bin doch kaum älter als Ende 30, höchstens Anfang 40 !!!
Aber wenn man die Altersklasse gewinnt, dann ist man auch bereit, in der Klasse „M50“, „M60“ oder noch älter zu starten.


Als ich also nach rund 4:46:32 Stunden endlich über die Ziellinie lief (zum zweihundertsten Mal an diesem Tag!), rief der Moderator, dass eben der Sieger der „M50“ eingelaufen sei. OK, es war nur eine kleine Gruppe von Läufern in der Klasse „M50“ vertreten, aber immerhin, ich fand es toll und war stolz auf mich.
Und so ganz nebenbei habe ich meine persönliche Bestzeit auf 50 Kilometer auch noch dramatisch verbessert, um ganze 22 Sekunden! Das ist dann auch ganz anders und viel besser als in Rodgau.

Schade, dass die Hallendecke der Niederlausitz-Halle auch dieses Geheimnis für immer bewahren wird.

Scarlett O’Hara küsst Zauberlehrling

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„Vom Winde verweht“ erlebten wir am vergangenen Samstag beim NEU (Nord Eifel Ultra) live. Und ich dachte ständig an die schöne Scarlett O’Hara, jedes Mal, wenn wir wieder ganz besonders stark „vom Winde verweht“ wurden.
Da war jeder froh, der dank ein paar Pfunden zuviel dem Wind etwas entgegen zu setzen hatte. Ich war einer davon, untertrainiert, übergewichtig und auch im optimalen Fall für Ultraläufer deutlich zu schwer.

Der stamme Wind von vorne treibt Deinen Puls nach oben, Du drückst mit dem ganzen Körper gegen den von vorne blasenden Wind und dennoch kommst Du kaum voran.
Zwei richtig stramme Laufpassagen ziemlich am Anfang der 56,3 Kilometer waren so zu bewältigen und ich überlegte, wie ich mich von diesem Lauf verabschieden könnte, ohne dass es allzu peinlich wirken würde.
Als dann der Wind jedoch nachließ, wir wieder in den Wald kamen und das Laufen wieder erträglicher wurde, war ich dann doch sehr froh, nicht „gekniffen“ zu haben.

Am Vortag noch, als ich mich auf den Lauf einzustimmen versuchte, telefonierte ich mit Susanne Alexi. Ich wusste, dass ich im Grunde seit dem Eisweinlauf Mitte Dezember keine lange Einheit mehr gelaufen bin, außerdem bin ich auch nur sehr wenige kurze Einheiten gelaufen. Ich war also faul, der Arbeit und der chronischen Unlust geschuldet.
Aber Susanne beruhigte mich, als sie sagte, dass Florian Bechtel auch schon lange keine lange Strecke mehr hinter sich gebracht hat und dass es Ultramarathon – Einsteiger geben würde, perfekt.
Auf der Webseite las ich, dass wir in einer Zeit von 7 bis 10 Minuten pro Kilometer laufen würden – und ich lachte innerlich. Doch so langsam?
So würden wir für die Gesamtstrecke bei der 7er Zeit mindestens 6 1/2 Stunden brauchen, bei der 10er Zeit sogar knapp über 9 Stunden! Wie langsam ist das denn, dachte ich. Aber ich war zufrieden, weil ich nach der langen Pause sowieso Sorgen hatte, zu langsam zu sein.
Erst am Ende der Strecke, als wir kurz vor 18.30 Uhr wieder auf dem Annakirmesplatz in Düren angekommen waren, weit über 9 Stunden nach dem Start, wusste ich, dass das alles andere als langsam für mich war. Nicht nur das: zwischen km 50 und 53 war ich weit abgeschlagen hinten, konnte kaum mehr laufen, fühlte mich elend, wechselte Laufpassagen mit Gehpassagen, weil ich vollkommen fertig war und hoffte, zumindest nicht den Anschluss an den vorletzten, an Jörg Segger, zu verlieren.

Und ich ärgerte mich über mich selbst, weil ich auf die Stirnlampe verzichtet hatte, im irrtümlichen Glauben, 56,3 Kilometer noch am Nachmittag abgelaufen zu haben. Wenn ich also den Anschluss verpasst hätte, dann hätte ich ohne Licht, ohne Karte und ohne Ortskenntnis dagestanden und mich irgendwie durchschlagen müssen. Erst ab km 53 ging es wieder und ich fand Anschluss nach vorne, aber ich sagte mir, dass ich nie wieder einen Lauf vorher einschätzen will.

Der stramme Wind von vorne, der mich stets an Scarlett O’Hara senken ließ, war aber nicht das einzige Problem, das wir hatten. Da war auch noch der Goethe’sche Zauberlehrling – und der sorgte für „Wasser satt“.

Manchmal schien es mir, als wären wir beim „StrongManRun“ oder einem der anderen Matsch-Rennen. Ob es der Schnee war, der so weich war, dass Du permanent eingebrochen bist, ob es das Gras war, das sich in weichen moderigen Schlamm verwandelt hatte oder ob es die meist überfluteten Wege waren: Wasser war immer da, Wasser war omipräsent!

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Und so versuchten wir am Anfang, mit der Auswahl der optimalen Route die Füße noch einigermaßen trocken zu halten, aber schon bald war klar, dass das alles sowieso keinen tieferen Sinn ergeben würde. Von da an ging es eben geradeaus mitten durch das Wasser, mitten durch die Bäche.

Du frierst an den Füßen, an den Zehen – obenrum aber war es warm. Die Sonne erschien immer wieder am Himmel, die Luft war fast frühlingshaft warm, es war ein ganz besonderes Wochenende.
Dazu passte die Strecke, die auch sehr interessant war. Trailig, nicht allzu viele Höhenmeter, aber eben durch die Bedingungen doch sehr anstrengend.
Ob auf dem Smugglerweg, bergauf oder bergab, durch den Wald, die Wiesen oder die Dörfer – ich genoss jeden Meter, auch wenn er anstrengend war.

Und ich redete viel. Mit Susanne Alexi und Jörg Benz zuerst und dann mit Bernd Rohrmann aus Hagen. Er wurde mir beim „Trail Uewersauer“ in Luxemburg schon von Günter Meinhold kurz vorgestellt und wir liefen auch die „TorTOUR de Ruhr“ gemeinsam, er in seiner 100 Meilen-Premiere auf der 160 Kilometer Strecke, ich auf der 230 Kilometer Strecke.
Auch das weitere Programm des Jahres deckt sich auffällig oft. Rennsteiglauf, K-UT, der SH Supertrail … wir redeten ununterbrochen, bis es mir so schlecht ging, dass ich alleine sein und schweigen wollte. Aber da waren schon 50 Kilometer vorbei, es war schon dunkel und ich wollte nur noch nach Hause.

Am Ende konnte ich nicht einmal mehr auf Bernd warten. Es war schon so spät, dass ich schnell Richtung Leichlingen musste. Ein Freund hatte zu einer Après Ski Party eingeladen.
Scarlett O’Hara und der Zauberlehrling blieben auf der Strecke – aber an den unglaublichen Wind, an das viele Wasser und an einen zauberhaft anstrengenden Lauf werde ich noch lange denken.

Die NEU-linge von morgen …

Immer etwas Neues ausprobieren, immer etwas Neues laufen, was liegt da näher, als einmal diesen Lauf zu machen, den NEU.

Ich muss dazu sagen, dass ich den NEU schon im alten Jahr laufen wollte, aber das hat dann terminlich nicht gepasst.
Und auf meiner Suche nach einem Event am Wochenende habe ich gesehen, dass es leider nur sehr wenige offizielle Möglichkeiten gibt, zu laufen.
Der Honigkuchen-Marathon in Kevelaer? Zwar interessant und kultig, aber nichts für mich, für den muss man sich Monate im Voraus anmelden!
Der Indoor-Marathon in Aarhus in Dänemark? Auch interessant, aber Indoor laufe ich schon am 23. Januar in Senftenberg und Aarhus ist auch einfach zu weit für einen Wochenendlauf.
Oder doch nach Coburg zum Coburger Wintermarathon? Auch weit, finde ich, obwohl meine Schwester fast nebenan wohnt.

Also der NEU, der von Stefan Vilvo organisierte Nord Eifel Ultra, wie er sich ausgeschrieben nennt.
Start ist in Düren, also gewissermaßen vor der Haustüre, es ist ein kleiner Privatlauf, kein richtig organisierter Wettkampf, so etwas wie unser Rheinburgenweg-Lauf im März. Und diese Läufe liebe ich, sie sind so persönlich und man hat keinen Wettkampfdruck. Zeit, miteinander zu reden und sich für andere Läufe zu verabreden.

Aber mit wem redet man 56,3 Kilometer lang, wenn man niemanden kennt?
Also lohnt ein kurzer Blick auf die Liste der NEU-linge von morgen und da fällt auf, dass ich vielleicht doch die eine oder andere Läuferin, den einen oder anderen Läufer, schon irgendwo einmal gesehen habe.

Und das sind die NEUlinge:
Florian Bechtel
Harald Gatzen
Alexander Henz [4]
Jörg Benz
Peter Virnich
Jochen Kruse
Heiko Harks
Dieter Ehrenberger
Jürgen Büchel [2]
Henk Geilen [3]
Bernd Gawrisch
Ina Heins
Tobias Lagemann [2]
Susanne Alexi [2]
Helmut Hardy [4]
Jörg Segger [2]
Stefan Vilvo [5]
Thomas Eller

Betreuung:
Peter Decker [5]
Konrad Vilvo [5]

Ich sehe schon, das kann nicht langweilig werden, da wird viel geredet.

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Also starten wir morgen früh um 9.00 Uhr gemeinsam in Düren auf dem Annakirmesplatz, um eine 56,3 Kilometer lange gemeinsame Laufrunde durch die Nordeifel zu drehen.
Vielleicht kommen ja noch ein paar Läufer dazu, vielleicht sogar auch Du?

Die Runde wird gemütlich und locker laufen, angesichts meines aktuellen Trainingszustands ist für mich auch nicht mehr drin, das passt also ideal. Aber ich hoffe, dass ich danach gerüstet bin für den 50 Kilometer Hallen-Ultramarathon in der alten von der DDR-Romantik geprägten Turnhalle in Senftenberg, ein Ultralauf, der ganz besonders fordernd sein soll, weil die Bänder und Sehnen durch den Belag des Laufkurses enorm belastet werden. Zudem musst Du, weil die Kurven angeschrägt sind, spätestens nach der Hälfte beim Überholen und Überrunden der langsameren Teilnehmer, die wegen der Fliehkraft immer innen laufen, stets einen Bogen „nach oben“ machen, um voran zu kommen.
Aber das ist eine Geschichte für die übernächste Woche.

Heute freue ich mich erst einmal auf Jörg Segger, den ich schon Monate lang nicht mehr gesehen habe. Er organisiert mit Heinrich Dahmen gemeinsam zum dritten Mal den Erft-Spendenlauf. Der NEU ist also eine guten Gelegenheit, darüber zu reden.
Ich freue mich auf Florian Bechtel, meinen „Fast-Laufpartner“ des PTL 2010. Nur die damalige schwierige familiäre Situation hat diesen Ursprungsplan scheitern lassen. Ihm bin ich wohl auch ewig dankbar, er hat buchstäblich „meinen Arsch gerettet“.
Bei der TorTOUR de Ruhr hatte ich mir in der Poritze „einen Wolf gelaufen“ und er rettete mich mich unglaublich heilsamen und wirkungsvollen medizinischen Klebebändern, die er auf die wunden Stellen klebte.

Ich freue mich auf Helmut Hardy, der für den September etwas Großes angekündigt hat und einen wirklich beeindruckenden Jahresbericht über sein Jahr 2010 geschrieben hat. Live gesehen habe ich ihn zuletzt in Troisdorf beim dortigen 6-Stunden Lauf. Er organisiert immer den wunderschönen Eifelsteig-Etappenlauf, ein Lauf, der landschaftlich so schön ist, dass man erlebt haben muss!
Und ich freue mich auf natürlich auf Susanne Alexi mit ihrem unverwechselbaren Hüpfschritt, ihrer stets guten Laune, die bei allen langen Läufen dabei ist. Nach dem „schrägen O.“, der TorTOUR de Ruhr ist sie mir spätestens durch die gemeinsamen Tage im „Petzimobil“ beim Lauf über den Elberadweg von Dresden nach Hamburg ans Herz gewachsen.
Auch wenn damals nicht alles „rund gelaufen“ ist war das insgesamt eine total tolle Tour und ich beneide Torsten Riemer und Michael Eßer schon jetzt, mit Hauke König ab dem 17. Januar einmal Schleswig-Holstein zu umlaufen, natürlich begleitet vom „Petzimobil“.

Natürlich freue ich mich auch auf Henk Geilen, Jochen Kruse, Jörg Benz und die anderen. Über die und deren Laufgeschichte schreibe ich aber ein anderes Mal …

Oh, Ihr NEU-linge, ich freue mich!