Feels Like Home To Me …

Wenn man so etwas vorhat wie den Tor des Géants (TdG) zu laufen, dann ist es hilfreich, die Strecke des Laufs zumindest teilweise vorab zu erkunden. Eric Tuerlings hat die meisten deutschen Läufer dazu eingeladen, Uwe Herrmann und ich sind diesem Ruf gefolgt.

Wir haben uns die vierte von sieben Etappen zum Probelaufen ausgesucht, gerne noch garniert mit einer anderen Etappe – oder zumindest mit einem Teil davon. „Die vierte Etappe,“ sagte Eric „ist die schwerste von allen. Hier sind die meisten Läufer ausgestiegen, 5.200 von 24.000 Höhenmetern gibt es auf dieser Etappe und auch die Organisatoren warnen vor der Schwierigkeit dieser Etappe.“
2010 hat der schnellste Finisher diese Etappe in gut 13 Stunden bewältigt, der langsamste Finisher hat dafür 29 Stunden gebraucht.
Knapp über 50 Kilometer in einer so langen Zeit? Gut, wir sind nicht beim Stadtmarathon, aber vier Stundenkilometer sollten im Schnitt immer drin sein, mit Essenspausen sollten 16 Stunden also ausreichen, dachten wir. Wir irrten uns gewaltig, soviel sei vorab verraten.

Die Strecke war nicht wirklich sensationell. Es fehlten die grandiosen Ausblicke auf Gebäude oder Landschaften, es war nicht der UTMB mit dem Blick auf den „weißen Riesen“, nicht der Grand Canyon oder der Zion National Park.
Aber es war eine ehrliche und typische Berglandschaft, wie ich sie vielfach als Kind bei den Wanderungen mit meinen Eltern und meinen Geschwistern erlebt habe.

Als Kind und als Jugendlicher habe ich die Wanderungen mit meinen Eltern nie wirklich geliebt. Meine Eltern waren stets zu schnell für uns Kinder, zudem war der Spaßfaktor stets extrem gering. Also blieben mir nur sehr wenige Highlights in den Alpen in Erinnerung, dazu gehörten auch die Drei Zinnen bei Sexten. Erst Jahre später habe ich dann die  Drei Zinnen am Abschlusstag des TransAlpineRun 2008 erneut erlebt und die Erinnerungen waren auch sofort wieder da. Meine Eltern jedoch hat das alles leider nur wenig interessiert.

Genau wie damals war es auch an diesem Wochenende. Die wenig spektakulären, aber vertrauten Bergwelten weckten in mir sofort Erinnerungen an damals und sofort fühlte ich so etwas wie ein „zuhause sein“ in den Alpen.
Ich kann gar nicht wirklich erklären, was es genau war, das mich zu dem Gefühl brachte, „zuhause“ angekommen zu sein, aber gerade die italienischen Dolomiten mit ihrer Schroffheit und mit durch aufgeschichtete große Steinplatten begehbar gemachten Wege sind mir ja so vertraut.

Auch die enorme Freundlichkeit der Italiener gab mir das Gefühl „zuhause“ zu sein.
Das begann schon mit der netten Dame im Fremdenverkehrsbüro in Donnas. Wir brauchten eine Unterkunft für die Nacht und sie organisierte die Anmietung einer kleinen Wohnung in einem der Nachbardörfer.
Und wir stellen ihr Frage auf Frage und anstatt verärgert zu reagieren, beantwortete sie diese alle mit einem „Ja“, egal, womit wir auch ankamen.
Wahrscheinlich hätte sie auch weiter gehende Fragen mit einem freundlichen „Ja“ beantwortet, aber wir waren zufrieden und froh, dass jeder von uns nebenbei ein Magazin mit den Höhenwegen des Aostatals erhalten hat. Dieses Magazin ist sehr nützlich für die Detailplanungen für den TdG, finde ich.
Sie rief auch bei den Vermietern an, kündigte uns als Zu-Fuß-Ankommer an und sie wusste natürlich auch alles über den TdG.


Unsere Vermieterin im hübschen Örtchen Marine mit ihrer erwachsenen Tochter war sehr stolz, TdG –Läufer im Haus zu haben.
Natürlich wusste auch sie alles über den TdG
.
Für unser Frühstück schenkte sie uns drei saftige und leckere Birnen und sie verwies uns auf das just an diesem Freitag stattfindende „Schwarzbrotfest“, das eigentlich eher ein „Fleischfest“ war.
Natürlich gingen wir dort hin, setzten uns an einen Tisch, der noch freie Plätze hatte. Wir aßen, Eric und Uwe zuerst Speck auf Schwarzbrot, danach wir alle einen überbackenen Ziegenkäse auf Toast, anschließend einen Salat und zuletzt einen prall gefüllten Fleischteller mit so vielen Fleischsorten, dass dem geneigten Fleischesser keine Wünsche mehr offen blieben.

Und auch ich als Vegetarier wurde versorgt. Ich erhielt einen Käseteller, der so übervoll war, dass es unmöglich war, ihn am Abend komplett zu leeren, also blieb noch etwas für das Frühstück am nächsten Morgen übrig.
Als Schüler habe ich einige Jahre lang Käse auf dem Wochenmarkt verkauft, ich kenne mich mit Käse also einigermaßen aus. Und das, was mir an diesem Abend geboten wurde war wirklich sehr ordentlich, richtig lecker.

Wir saßen neben zwei älteren Paaren, wobei der eine Herr nicht nur früher ein richtig guter Marathonläufer war, sondern auch beim TdG 2010 geholfen hatte. Alle vier wussten natürlich alles über den TdG und eine der Damen hatte auch eine eigene Meinung dazu. Sie schaute uns mitleidig an und klopfte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Aber sie war auch diejenige gewesen, die dafür gesorgt hat, dass ich meinen tollen Käseteller bekommen habe.
Was in Deutschland wohl ein Zeichen für „Ihr spinnt doch … “ ist, bedeutet im Aosta-Tal ganz sicher etwas wie „Wahnsinn, dass Ihr Euch das zutraut. Wir werden Euch unterstützen, wo wir können!“

Am nächsten Tag, beim Lauf, erreichten wir gegen Mittag hungrig die erste Hütte, ein Refugio. Dort haben wir nicht nur viele Menschen getroffen, die uns nach dem TdG befragt haben, natürlich wussten auch die alles über den TdG.
Wir bekamen von der Hüttenwirtin sogar einen „Athletenrabatt“, ein alter Bergspezialist von der Bergwacht versprach auch, uns, falls notwendig, aus dem Berg zu retten.
In der Hütte hingen das TdG-Plakat vom letzten Jahr, garniert mit vielen Unterschriften und daneben hingen etliche Fotos von TdG-Läufern.
Das ganze Aosta-Tal scheint im TdG-Fieber zu sein. Ist das nicht herrlich?


Am Abend, viel später als geplant, erreichten wir das Örtchen Niel, endlich, gefrustet und mittlerweile ohne Wasservorräte, hungrig und ohne einen Riegelvorrat. Direkt nach Niel beginnt ein 900 HM Aufstieg, den man nicht mit leerem Magen angehen sollte. Aber was tust Du, wenn es schon 22.30 Uhr ist und eigentlich alles schon geschlossen hat?
Uwe suchte nach dem Dorfbrunnen, ich schlich mich in ein Haus, das weder ein Restaurant war noch ein Hotel, es schien mir eher eine Art „Zimmervermietung mit Verköstigung“ zu sein.
Die Türe war offen und ich hoffte, zumindest frisches Wasser für uns zu bekommen.

Immer halbstöckig waren Zimmertüren, von denen die ersten vier Türen aber alle geschlossen waren. Dann aber kamen mir Menschen entgegen und ich hörte Stimmen von ganz oben. Ich ging weiter und fand einen wunderschönen Raum vor, wo ein Mann vor einer Schale Nudeln mit Pesto saß und mit der Dame des Hauses redete.
Ich fragte ganz lieb, ob das hier ein Restaurant sei und erzählte, dass wir drei hungrig und durstig seien.
„Ihr seid hier wegen dem TdG?“ fragte die Dame des Hauses und ich bejahte das. Auch sie wusste natürlich alles über den TdG und sagte, dass die Küche schon etwas für uns zaubern könnte.
Wir waren so glücklich und meine Sorgenfalten auf der Stirn verschwanden. Wir waren „zuhause“, das Gefühl war riesig und wärmte uns sehr.
Wir bekamen eine vegetarische Lasagne mit Pesto, viele Hinweise über den TdG, unter anderem den, dass viele Läufer wie wir die vierte Etappe auswählen würden, um dann zu resignieren und zu erklären, nicht starten zu wollen.
Ganz ehrlich, auch ich hatte phasenweise ähnliche Überlegungen, nach dieser Information aber ging es mir wieder viel, viel besser.
Wir hinterließen unsere Namen, damit die Dame des Hauses nachsehen kann, wie es uns dann ergehen wird und sie verriet uns, dass dann beim Event direkt vor ihrem Haus ein Versorgungspunkt sein wird.

Am Ende fragte sie noch, ob wir einen „gateaux“ haben wollten und wir drei schauten uns dekadent an, grinsten und nickten zufrieden.
Es gab für jeden ein unglaublich großes Stück Schokoladenkuchen, das wir dann, wider besseres Wissen, komplett verschlangen.
Am liebsten hätte ich die Dame „Mama“ genannt, ich fühlte mich wohl, wie früher als Kind, wenn es eine Belohnung gab.

Kurzum, ich bin ja einer, der immer „das Gefühl“ braucht und all das gab es im Aosta-Tal zu Hauf.
2010 haben 1.200 Helfer dafür Sorge getragen, dass die Läufer bestmöglich versorgt wurden, dieses Jahr werden es nicht weniger sein.
Eric, Uwe und ich werden dann im September „zuhause“ sein, uns „zuhause“ fühlen.


Bella Italia, danke an alle, die so lieb zu uns waren.
Die Strecke selbst aber war extrem hart, aber dazu beim nächsten Mal …

Die Rhein-Zeitung hat geschrieben …

(Klicken zum Vergrößern ... )

Da war ich aber glücklich, als mir eine Freundin einen Artikel aus der Bonn / Koblenzer Rhein-Zeitung mitbrachte.
„Den Typ kenn‘ ich doch,“ dachte ich.

Häufig wurde schon über meine bescheidenen Läufe in den lokalen kostenfreien Regionalzeitungen berichtet, die „große Bühne“ Rhein-Zeitung allerdings blieb meistens stumm.

Nur nach dem TransAlpineRun 2008, dem Marathon des Sables 2009 und dem leider erfolglosen PTL 2010 bekam ich deren Aufmerksamkeit. Und eben jetzt nach den 24 Stunden Burginsellauf von Delmenhorst.

Ob es jetzt die knapp 190 Kilometer waren? Oder die Verbesserung meines Bestwertes um 12 Kilometer? Oder war es vielleicht meine Mitgliedschaft im „100 Marathon Club“ (100MC)?
Ich weiß es nicht und ich will es auch gar nicht wissen. Ich weiß nur, dass ich das als Finisher des TdG Ende September wieder haben will.

Und ich sage artig: DANKE RHEIN-ZEITUNG !

Weil Familie über alles geht …

Der Frust wegen dess missgückten England-Laufs saß tief. So tief, dass ich überlegt habe, an diesem Wochenende doch noch einen Lauf einzuschieben, also machte ich mich auf die Suche.
Zuerst dachte ich an Guido Huwiler, der mit vielen anderen Lauffreunden den Ultratrail Verbier St. Bernard vor sich hatte. Das ist ein klasse Lauf mit rund 6.000 Höhenmetern, aber Verbier ist doch extrem weit von Bonn entfernt.

Außerdem gab es den Lavredo Ultratrail in den südtiroler Dolomiten. Das ist auch nicht gerade um die Ecke, aber die Gegend ist so schön, dass das schon eine Sünde wert ist. Die Meldeliste allerdings war schon lange geschlossen, über diese Sünde brauchte ich also nicht nachzudenken.

Der Preussen 100er schied aus, weil er am Sonntag stattfindet. Und das geht gar nicht. Meine Frau Gabi arbeitet seit Donnerstag bis zum frühen Samstag Abend in Stuttgart und kommt dann erst spät zurück. Zudem muss sie am Montag gleich wieder in der Stuttgarter Ecke arbeiten und fährt daher schon am Sonntag Nachmittag wieder in den Süden. Ein Lauf an diesem Sonntag wäre also ein Affront gewesen.

Also der Thüringen Ultra, dachte ich. Aber auch der hat so seine Tücken. Meine Tochter Milena fragte mich beim Frühstück am Freitag, ob für den Samstag Abend ein Auto für sie zur Verfügung stehen würde, weil am Samstag Abend die „Rheinkultur“ stattfinden würde, immerhin mit dem Topact Razorlight. Nun haben wir zurzeit nur zwei Autos, eines davon hat Gabi in Stuttgart, das andere sollte mich nach Thüringen bringen.
Milena war schon ein wenig enttäuscht und so versprach ich ihr, schnellstmöglich wieder zu Hause zu sein. Mein Plan war dann, um 19 Uhr zu starten, die 100 Meilen in 20 bis 22 Stunden abzuwickeln und dann gleich heim zu fahren. Das könnte alles gerade so klappen, dachte ich.
Es klappte aber nicht.


Erst einmal musste ich bis 15 Uhr arbeiten, dann stand ich vor Alsfeld auf der BAB 5 in einem Megastau, sodass ich erst kurz vor 19 Uhr am Start war, an einen Start um 19 war nicht zu denken, weil ich weder umgezogen war noch etwas gegessen hatte. Also ein Start um 20 Uhr, wieder eine Stunde „Luft“ weniger.
Aber ich spitzte die Ohren, als beim Briefing kurz vor dem Start gesagt wurde, dass diejenigen, die bei der 100 K Verpflegung aussteigen, dennoch gewertet werden, eine Urkunde und das Finisher-T-Shirt erhalten. Das war Musik in meinen Ohren und ich beschloss, diese Option zu ziehen, wenn der Lauf länger dauern würde als geplant.

Er dauerte lange, das zeigte sich schon sehr früh. Gegen diesen Lauf, insbesondere auf den ersten 70 Kilometern, war der MIAU regelrecht einfach zu laufen, an eine Wiederholung der Laufzeit dort war nicht zu denken. Vor allem die langen Anstiege und die durch den vorangegangenen Regen matschig-klebrige Strecke forderten die Läufer schon sehr. Dass es obendrein extrem rutschig war tat ein Übriges. Ein böser Sturz eines Läufers direkt hinter mir ist ein Beleg für diese Problematik.
Schon nach 15 Meilen war für mich klar, dass ich die angebotene Option des Verkürzens nutzen werde.

Für den Lauf entschied ich mich für die extrem leichten roten Trailschuhe Roclite 285  von INOV-8. Zwar gab es auch viele Asphalt-Passagen, aber der Trail dominierte doch. Beim Packen schaute ich mir die Schuhe an und hatte das Gefühl, dass sie mit mir sprechen wollten. Noch nie habe ich sie so weit laufen lassen, noch nie wurden sie schlammig und wirklich gefordert.
Und sie wollten dreckig werden, sie wollten Auslauf haben und sie wollten gefordert werden …

Vor dem Start war ich noch nicht wirklich angekommen. Ich war hektisch und fahrig und „Runningfreak“ Steffen Kohler fragte mich, warum ich so nervös sei. Er kennt mich eigentlich eher ruhig. Sigi Bullig wiederum meinte, er würde mich nur so hektisch kennen …

Nach der Startklappe beschloss ich, sehr langsam zu laufen und war schnell nicht nur der Letzte der 2o Uhr Starter, ich war auch früh ganz allein, so allein, dass ich mich auch schnell verlief. Ich war verzweifelt und wollte dem Lauf schon den Titel des am schlechtesten beschilderten Laufs aller Zeiten geben und dachte sogar kurz ans Aufhören.
Erst als ich endlich das Kopflicht aufsetzte und anmachte geschah ein Wunder. Die zumindest für mich kaum sichtbaren Markierungen fingen an zu leben. Sie blendeten regelrecht zurück. Ob es einfache Reflektoren an den Verkehrsschildern oder den Bäumen waren oder Reflektoren, die liebevoll an die einzelnen Markierungsbänder angebracht wurden –  ab dann war es ein anderer Lauf, einer ohne Verlaufen. Auch die unscheinbaren Pfeile auf dem Boden begannen im Licht zu leuchten wie ein Weihnachtsbaum und ich haderte mit mir, warum ich so lange mit dem Kopflicht gewartet hatte.

Zwei Stunden lang kontrollierte ich meine Geschwindigkeit und hielt sie niedrig. Ich finde ja immer, dass Du Dich in diesen ersten zwei Stunden auf eine Geschwindigkeit einnordest und die darf nicht zu hoch sein, damit Du auch nach 12 Stunden noch dieses Tempo halten kannst.

Mit zunehmender Laufzeit wurde ich eher schneller als langsamer. Ich konnte bis zum vorzeitigen Ende bei der 100 K Marke in der Ebene laufen, etwas, was nicht wirklich typisch ist für mich. Diejenigen, die wissen, dass ich keinen „1. Gang“ habe, mögen das bestätigen. Nach 13 Stunden und 40 Minuten war ich am Ziel, zweifellos der langsamste 100 K Lauf, den ich je gemacht habe.
Angesichts der Schwere der Laufstrecke aber bin ich damit sehr zufrieden.

Bemerkenswert war für mich auch, wie viele Lauffreunde und Facebook-Freunde da waren. Viele hatte ich schon lange nicht mehr gesehen, mache gehören gewissermaßen zum Inventar jedes großen Laufevents.

Dank der Verkürzung auf die „Kurzstrecke“ war ich um 15 Uhr schon wieder zu Hause und packte meine Sachen wieder aus. Die INOV-8 Schuhe schienen mich anzugrinsen und ich hatte kurz den Eindruck, dass sie sich bei mir dafür bedanken wollten, dass ich sie so weit habe auslaufen lassen.
Angesichts der rutschige Strecke schaute ich die Schuhe ebenfalls an und bedankte mich dafür, dass sie mir recht viel Trittsicherheit gegeben hatten. Außerdem versprach ich, sie kommende Woche intensiv zu putzen.

Sie haben es verdient …

Lieber „Ring“, …

… ich weiß, dass Du sehr enttäuscht von mir sein musst. Enttäuscht, weil ich nicht alles geben konnte und wollte, was in mir steckt.
Dafür bitte ich um Entschuldigung, aber ich weiß eben auch, wo meine Schwächen und Begrenzungen liegen.

In der Bibel steht: „Du sollst Dir kein Bildnis machen!“ Aber machen wir uns das nicht andauernd?
Ich habe mir ein Bild gemacht von einer Strecke, in der ein kleines Highlight das andere ablöst. Anfangs passten mein Bild von vorab noch zu dem, was ich erleben durfte. Insbesondere die ersten 60 Meilen an der Themse waren wirklich interessant.
Beeindruckt hat mich vor allem, dass die Themse noch fast natürlich fließt, nicht im starren und von Menschenhand geformten Flussbett, dass es kein unnatürliches Ufer gibt und dass der „Thames Path“, auf dem wir liefen, selten breiter war als 40 Zentimeter.
Wunderschön aber waren auch die Häuser an der Themse. Mit jeder Meile näher an London heran wurden diese schöner und beeindruckender.
Als wir dann an Windsor Castle vorbei kamen, fühlte ich, wie die Geschichte Europas wahrhaftig wurde.

Die Themse und Schloss Windsor (Klicken zum Vergrößern)

Auch die lange Passage an der Regattastrecke vorbei erfüllte alle Klischees, die es über England gibt. Etliche Zweier, Vierer und Achter trainierten für einen Wettkampf, der wohl bald stattfinden würde, die weißen Zelte dafür wurden jedenfalls gerade überall entlang dieses Abschnittes aufgebaut.
Und so wenig sich die Monteure dieser Zelte vom Monsun haben beeindrucken lassen, die Ruderer blieben auch auf dem Wasser – und wir gewissermaßen darin.
Aber nach dem Start im Sonnenschein und den anschließenden zwei Stunden monsunartigen Regens war viel von meiner Euphorie verflogen. Ich bin doch, das muss ich gestehen, ein Lustmensch.
Auch dafür entschuldige ich mich.

Nach dem großen Regen - nasse Füße schon nach vier Stunden ...

Aber ein Lauf, bei dem viele meiner Lauffreunde präsent sind, ein Lauf, der viele spektakuläre Ausblicke auf wilde Berglandschaften bietet oder ein Lauf, bei dem die Stimmung von Anfang an so phantastisch ist wie vielleicht beim TransAlpineRun, das ist meine Welt.
Wenn ich mich aber zu den jüngsten Läufern zählen muss (es gab tatsächlich nur wenige Teilnehmer, die jünger waren als ich), dann fühle ich mich irgendwie nicht auf einer Woge der Begeisterung surfend und der Ansporn, den ich noch in Delmenhorst erfahren habe, fehlte mir vollkommen.

Die Streckenausschilderung des „Thames Path“ und später dann des „Canal Footpath“ sorgten dann schon in den ersten 24 Stunden für fünf Extrameilen und die gingen mir manchmal so aufs Gemüt, dass ich schon früh mit mir haderte. Wenn ich mit einer anderen Läuferin oder einem anderen Läufer gemeinsam herumgeirrt bin, dann war das nicht so problematisch für mich, wenn es aber dunkel ist, wenn Du müde bist und Du Dich dann irgendwo im Wohngebiet wiederfindest, wenn Du dann eine Lady ansprichst und nach der Lage der Themse fragst, eine Lady, die gerade mit ihrem Chauffeur ankommt und aus dem Wagen steigt und die Dich dann, offensichtlich stark alkoholsiert, fragt: „Are you mad?“
Das schmerzt dann sehr, vor allem, wenn Du um vier Uhr morgens extrem müde bist.
Bei einer anderen unfreiwilligen „Detour“ sah ich auf dem Plan, dass ich auf der falschen Seite der Themse war, ich sah aber auch, dass es in der Nähe eine Brücke geben musste. Eine 24 Stunden offene Tankstelle sollte hier meine Rettung sein.

War sie auch, weil ich dort auf meine Kreditkarte eine Flasche Coca-Cola und zwei Dosen Red Bull erwerben konnte. Die Auskuft aber war genauso schmerzhaft wie die zuvor: „There is no brigde around here!“
Lieber Tankwart, die Brücke war keine vierhundert Meter nach Deiner Tankstelle, bitte lerne doch Deine nähere Umgebung kennen. Zumindest wenn mit einzelnen Ultraläufern zu rechnen ist, ist eine möglichst gute Ortskenntnis für Tankstellenbetreiber oberste Bürgerpflicht – finde ich wenigstens. Lieber Tankwart, können wir uns auf diese Formulierung einigen?

Aber den Umstand, dass ich jetzt enttäuscht und gedemütigt auf meinem heimischen Sofa sitze, diesen Dingen zuzuschreiben, greift zu kurz. Ich kam mental nie wirklich bei diesem Lauf an. Meine große Vorfreude, das Bewusstsein, in Delmenhorst gut gelaufen zu sein und meine Naivität haben dazu geführt, dass ich den Vorbericht zu diesem Lauf schon im EUROSTAR Zug zwischen Brüssel und London geschrieben habe.
Ich werde ihn natürlich nie veröffentlichen, er liest sich in etwa so, wie die Konzertkritik über ein Klaviersonett eines jungen Künstlers, wenn Du weißt, dass der Schreibende taub ist.

Die Regattabahn-Abschnitte auf der Themse

Wenn man so einen Lauf macht und ihn bestehen will, dann muss alles passen. Mental und körperlich. Und mein Geist war nicht aufs Beißen eingestellt. In den ersten 24 Stunden habe ich gerade mal 86,7 Meilen zurücklegen können. Keine Schande, wenn es ein Bergparcours gewesen wäre, aber für einen völlig flachen Weg einfach enttäuschend.

Lieber „Ring“, ich hasse es, mir ständig Gedanken um die Cut-Off Zeiten machen zu müssen und ich werde stets nervös, wenn meine zuvor ausgedachte Strategie nicht greift. Mein Ziel war es, am ersten Tag 3 Kontrollpunkte zu erreichen und dann zu schlafen. Ich hoffte auf ein Ankommen um 1 Uhr in der Nacht, aber ich befürchtete auch, dass ich erst um 3 Uhr ankommen würde. Tatsächlich da war ich aber erst um 7 Uhr am Morgen, zweieinhalb Stunden vor dem Cut-Off. Und ich war so müde, dass ich auf den letzten Meilen vor dem Kontroll- und Versorgungspunkt wie ein Betrunkener gewankt bin und Sorge hatte, in den Kanal zu fallen.
Ich brauchte dringend Schlaf, aber bei nur zweieinhalb Stunden Zeit? Und dann musst Du den Versorgungspunkt ja verlassen haben, also hätte ich maximal zwei Stunden schlafen können.
Ich habe mich dann auf eine Stunde Schlaf eingelassen, eine Stunde, in der ich überhaupt kein Auge zumachen konnte. Ich lag statt in einem geschlossenen Zelt in einem nach allen Seiten offenen 3×3 Meter Zelt, es war abschüssig und der Wind fiel mir ständig ins Gesicht. An meiner Müdigkeit änderte sich also nur wenige Stunden lang etwas, danach begannen die Augen erneut zuzufallen.


Was mir aber wirklich den Rest gegeben hat, war dann der Kanal. Schon die Abzweigung von der Themse zum Kanal war mit einer langen Suchaktion verbunden, die mich am Ende in ein extrem nobles Hotel geführt hat, um dort nach dem richtigen Weg zu fragen. Ich bekam auch die richtige Antwort, aber ich habe mich in diesem Moment wie ein Hausierer gefühlt.
Und dann also kam der Kanal und ich lief durch die Suchaktion wieder auf zwei Läufer auf, die ich schon weit hinter mir wähnte.
Und der Kanal war schmutzig und er roch unangenehm.

Hausboote sind fast wie Perlen hintereinander aufgereiht und angeleint, weil die Besitzer oft dauerhaft darin leben, um sich die teuren Mieten in London zu ersparen. Nicht angeleint aber waren deren Hunde und die Hunde der vielen Spaziergänger und wer mich kennt, der weiß, wie panisch ich auf nicht angeleinte Hunde reagiere, vor allem, wenn es dann Rassen sind, die richtig gefährlich aussehen.
Die Hausboote sind oft in einem erbärmlichen Zustand, viele riechen nach Öl, Diesel oder Benzin und nach einigen Meilen wird alles langweilig.
Der Kanal sieht aus wie vor zehn Meilen und er wird in zehn Meilen noch genau gleich aussehen.
Nur die Frage, ob er sich mal nach rechts oder nach links biegt, beschäftigt Dich noch.


Häuser am Kanal sind selten und werden zunehmend weniger, dennoch kannst Du nicht in eine Art Trance fallen, weil Du immer wieder die Seite des Kanals wechseln musst. Du willst ja auf dem offiziellen Weg bleiben. Da aber, lieber „Ring“, hast Du mir gar keinen Gefallen damit getan, die Brücken durchzunummerieren.
Wenn Du weißt, dass Du auf der Brücke 183 auf die andere Flussseite wechseln sollst und gerade die Brücke 191 passiert hast und anfängst, zu rechnen, dann machst Du Dich selbst eher unglücklich.
Ich muss ja einräumen, beim Laufen häufig, fast ständig zu rechnen. Ich rechne meist aus, wann meine ungefähre Ankuftszeit ist, wenn ich bestimmte Geschwindigkeiten voraussetze, ich rechne aber auch aus, wie viel Zeit mich ein Verlangsamen oder ein Beschleunigen kosten würde oder gewinnen ließe. Und bei vielen Marathons fehlt mir dann zehn Kilometer vor dem Ziel die Motivation, noch einmal zuzulegen, weil ich mir ausrechne, dass es jetzt ja nur noch um vielleicht 10 Minuten im Endergebnis gehen würde. Und wenn ich dann sehe, dass ich mit dem Ergebnis auch ohne ein Beschleunigen zufrieden wäre, dann siegt meist bei mir die Einsicht, dass ich lieber glücklich als ausgepowert im Ziel ankomme.
Wer mich kennt, der weiß, dass ich sogar in fremden Toiletten die Anzahl der Fliesen auf dem Boden zähle, erst der Länge nach, dann in der Breite. Dann rechne ich aus, wie viele Fliesen hier Verwendung gefunden haben. Und wenn ich das dann habe, dann gibt es ja auch noch die Wände, alles nur, damit ich etwas zum Rechnen habe.

Mit Deinen Brücken, lieber „Ring“, aber hatte ich meine Probleme. Weil eben nach der Brücke 191 zwar die Brücke 190 kommt, danach aber kommt erst die Brücke 189 B und dann die Brücke 189 A und das wiederholt sich öfters. Wahrscheinlich wurden die Brücken sehr früh durchnummeriert und in den letzten Jahrzehnten wurden dann die Brücken, die dazu kamen, einfach mit einem „B“ benannt.
Für mich war das ein fast frustrierendes Erlebnis, obwohl ich nicht weiß, warum.
Die Entfernung zum nächsten Kontrollpunkt verändert sich ja nicht, aber in meinem Kopf läuft dann ständig ein Kopfkinofilm ab, der mich demoralisiert und wenn ich nicht wirklich gut drauf bin, dann reicht das, um diesen Film in Gedanken umzuwandeln, die ich mir weder vor dem Lauf noch nach dem Lauf zutrauen würde.
Hier fehlt mir zweifellos das nötige Maß an Härte und Stabilität, die ich bei anderen Ultraläufern so bewundere, Ultraläufer, die zwar noch 150 Meilen vor sich haben, aber die Füße voller Blasen haben, die schon alles abgeklebt haben, was abzukleben geht, die nur noch humpeln und dennoch stärker sind im Geiste wie ich.

Und deshalb, lieber „Ring“, eben deshalb, weil mir diese Härte fehlt, überlege ich, welche Konsequenzen ich aus diesem Lauf ziehen sollte. Wenn die Schuhe, die Du Dir anziehst, offensichtlich zu groß sind, dann solltest Du Dir auch darüber Gedanken machen, in Zukunft kleinere Schuhe auszuwählen.
Wenn Du keine großen Brötchen backen kannst, dann backe halt kleinere Brötchen.
Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken.

Andererseits denke ich oft auch an meinen Lauffreund Steffen Kohler, den „Runningfreak“. Bei seinem ersten 24-Stundenlauf beim IceAge in Bad Berleburg hat er unter wirklich schwierigen Verhältnissen einen Endwert erzielt, der phantastisch war. Es gibt in Bad Berleburg einen so langen und steilen Anstieg, dass er fast von Anfang an gegangen werden muss, die Läuferversorgung ist dort eher unkonventionell und das Rundenzählen wird per Zettel und Bleistift vorgenommen.
Und dennoch hat es in Delmenhorst für ihn nicht gepasst. Und dass, obwohl ich sicher war, dass er dort die 200er-Marke überschreiten könnte.

Lieber „Ring“, wir Läufer sind eben jeden Tag anders. Die Motivation, die Konstitution, der Grad der Regeneration und viele andere Faktoren gehören dazu, an einem bestimmten Tag, bei einem bestimmten Event eine besondere Leistung abrufen zu können.

Wir sind alle keine Maschinen, nur Menschen. Und deshalb habe ich bei Dir nicht funktioniert.
Bitte entschuldige.

Von Delmenhorst nach Delmenhorst …

Lange ist es noch nicht her, dass in Delmenhorst das Schlusssignal ertönt ist, aber es wirkt für mich fast unwirklich, so lange vergangen.
Es ist ja der Traum der meisten Läufer unter uns: etwas Besonderes leisten, sich selbst irgenwo abholen, das Gewesene verbessern und die Achtung und Aufmerksamkeit von Anderen erhalten.

Am Anfang meiner „Läuferkarriere“ dachte ich immer, zu schlecht zu sein, zu langsam zu laufen und zu schnell müde zu werden. Ich habe immer nur zu den Schnellen aufgeschaut, ich habe die bewundert, die weiter laufen können als ich und die Cracks unter den Läufern beneidet und in meine Abendgebete eingeschlossen.


Dabei ist es gar nicht wichtig, ob Du bei einem 24-h Lauf 120, 180, 200 oder mehr Kilometer hinter Dich bringst. Wichtig ist lediglich, dass Du weißt, wo Du stehst und dass Du dort versuchst, aus Deiner „Wohlfühlzone“ auszubrechen und eine Leistung zu bringen, mit der Du Dich am nächsten Tag im Spiegel mit Stolz betrachten kann.
Und wie diese Leistung sein muss, das entscheidest Du ganz allein. Du holst Dich eben da ab, wo Du bist. Und da sind wir alle verschieden – zum Glück.
Oder anders formuliert: lieber einen persönlichen Bestwert mit 140 Kilometern schaffen als weinend einzulaufen, weil es „nur“ 169,6 Kilometer waren und das definierte Ziel „170 Kilometer“ verfehlt wurde.

Mein erster 24-h Lauf war vor zwei Jahren bei der DLV-Challenge in Delmenhorst. Ich hatte diesen Lauf ausgesucht, weil ich bis dahin nur zwei 100 Kilometer – Läufe gemacht hatte, beide waren in Biel, 2007 und 2008, und ich war der begründeten Ansicht, dass es nicht schlecht wäre, vor den 166 Kilometern des UTMB diese Strecke zumindest einmal flach gelaufen zu sein. Zwei gleichzeitige Herausforderungen, eine für mich extreme Länge und für mich extrem viele Höhenmeter, wollte ich mir nicht zumuten, da kam die DLV-Challenge genau Recht.

Und jetzt, zwei Jahre später, bei meinem zweiten 24-h Lauf, war ich also wieder in Delmenhorst, beim Burginsellauf, weil die DLV-Challenge nicht wiederholt wurde.

Dabei war die DLV-Challenge für mich optimal. Schon die Grundbedingungen waren perfekt. In der Altersklasse M40 und M45 wurdest Du nur gewertet, wenn Du mindestens 150 Kilometer gelaufen bist. Am Anfang war noch meine größte Angst, lange zu laufen und dann nicht gewertet zu werden. Der Vorteil gegenüber anderen 24-h Läufen ist aber, dass Du die Walker mit ihren Stöcken nicht auf der Strecke hast.
Staffeln waren ebenfalls verboten, auch das ist ein unschätzbarer Vorteil, weil Du Dich, wenn Du nicht sehr diszipliniert bist, doch immer ein wenig von den Staffeln zu einem schnelleren als Deinem angemessenen Tempo verleiten lässt.
Und ich bin damals mit der damals noch für dle LG Ahrweiler laufenden Sabine Strotkamp gelaufen. Sabine läuft auch für die Nationalmannschaft, ist sehr diszipliniert und hatte das gesamte DLV-Team „im Boot“.

Wir sind damals mit einer 7er Zeit gestartet und schon nach zweieinhalb Stunden waren wir mit zwei Runden Rückstand zum Vorletzten abgeschlagen ganz weit hinten. Ich hätte viel schneller gekonnt, aber Sabines Trainer, der heute ihr Ehemann ist, schimpfte uns schon dann, wenn wir mal die 1 Kilometer Runde mal mit 6:53 Minuten abgeschlossen hatten. „Ihr seid zu schnell!“ rief er uns ständig zu und meine Sorge, die 150 Kilometer-Hürde nicht zu schaffen, wuchs mit jeder Minute.

„Sabine,“ sagte ich zu ihr, „ich bin nicht hier, um Letzter zu werden!“
Aber Sabine schaute mich mitleidig an und fragte mich, wie weit ich denn zu laufen gedenke. Als ich ihr sagte, dass ich mindestens 150 K schaffen müsste, antwortete sie: „Dafür sind wir viel zu schnell!“
Ich war irritiert und sie sagte mir, dass wir, wenn wir das 7er Tempo bis zum Ende halten könnten, bei 200 Kilometern landen würden.
Mit den Stunden rutschten wir dann im Ranking immer weiter nach vorne. Ich endete dann mit 177,520 Kilometern als insgesamt Zehnter und als Fünfter der Altersklasse M45.
Das war für mich kaum mehr steigerbar und so wuchs von Monat zu Monat die Sorge, das irgendwann nicht mehr toppen oder wenigstens einigermaßen erreichen zu können.

Ich war danach bei mindestens drei weiteren 24-h Läufen angemeldet, bei einem Fun-Lauf im Saarland, bei einem 24-h Lauf in Ratingen-Breitscheid, der von meinem Freund Bernd Krayer organisiert wird und bei der Deutschen Meisterschaft im 24-h Lauf im letzten Jahr in Rockenhausen. Im Saarland und in Rockenhausen habe ich mit mäßiger Motivation immer direkt nach der Überquerung der Marathon-Marke aufgehört. Immer war ich zu schnell angegangen, jedes Mal habe ich mich über mich selbst geärgert  – und beim 24-h Lauf in Breitscheid habe ich eine andere Taktik gewählt. Hinlaufen war die Devise, nicht primär dort laufen.

All das habe ich getan, um erst gar nicht in die Versuchung zu kommen, den Bestwert von damals testen zu müssen – und daran vielleicht zu scheitern. Ich habe jeden Grund akzeptiert, vorzeitig auszusteigen, gewertet wirst Du ja auch mit ein paar Metern mehr als ein Marathon!

Und jetzt hatte ich mir für Delmenhorst Ruhe verordnet und das Glück, jede noch so bescheidene Leistung mit dem Training für England begründen zu können. Ich wollte ja gar nicht auf einen persönlichen Bestwert laufen, nur entspannt für das „TRA 250 Miles Thames Ring Race“ trainieren. Und so entschied ich, die Strategie von Sabine zu wählen, langsam zu starten und zu versuchen, so lange wie möglich auf diesem Level zu verharren.
Trotz der besten Vorsätze begann ich zwar sehr langsam, aber immer noch etwas zu schnell. Statt eines 7er Tempos hatte ich meist eine 6:35 auf dem Schirm, aber noch weiter zu reduzieren traute ich mich nicht, immerhin lief ich mit meinem Freund Birger, der von mir gedacht haben muss, dass hier eine echte Ultra-Schnecke unterwegs ist.
Sabines Trainer hätte mich wohl total „zur Sau“ gemacht wegen der meist 20 bis 25 Sekunden pro Kilometer, die ich effektiv zu schnell war.

Besonders stolz auf mich war ich, weil ich 10 Runden lang der Versuchung widerstanden habe, bei jeder Runde auf den Monitor zu schauen, um nachzusehen, wo ich denn gerade platziert bin.


Es ist seit langem ein offenes Geheimnis: Du nordest Dich in den ersten zwei Stunden auf eine Laufgeschwindigkeit ein. Beginnst Du zu schnell, dann brichst Du irgendwann ein und verlierst ein Vielfaches von dem, was Du am Anfang gewonnen hast. 24 Stunden sind eben enorm lang und der Gewinn der ersten Stunden verblasst gegen den Verlust der letzten Stunden.
Folgerichtig sah ich auch, dass ich nach der Runde 11 „nur“ der 32. von allen war, der 5. der Altersklasse M50.
Mittlerweile hatte ich mich auf mein Renntempo eingenordet, die ersten zwei Stunden waren vorbei, der Mensch ist zur Maschine mutiert und die Gefahr, jetzt noch zu schnell zu werden, war relativ gering.
Und trotzdem verbesserte ich mich bis zur Geisterstunde von Runde zu Runde fast immer um einen Platz.


Als meine Gabi für sich entschieden hat, kurz nach Mitternacht, zwischenzeitlich waren 12 der 24 Stunden vergangen, etwas zu schlafen, war ich 9. von allen und 2. der Altersklasse und meine Gedanken spielten verrückt, der Ehrgeiz erwachte und alle guten Vorsätze, locker zu bleiben, gab ich irgendwo auf der Strecke ab.
In der nächsten Runde verbesserte ich mich auf den 7. Rang und eine weitere Runde später war ich schon 6. und 1. der Altersklasse.
Es war meine Vernunft, Gabi nicht zu wecken, um ihr das schöne Ereignis zu zeigen, aber es wurde mein Ziel, diese Platzierung bis ins Ziel zu retten.
Gleich darauf war ich sogar auf dem fünften Platz und dieses Ergebnis hielt ich bis zum Ende.
Erst in den letzten vielleicht drei, vier Stunden, reduzierte ich mein Tempo ein wenig, gönnte mir ein paar Gehpausen und ließ mir von Gabi und dem „Runningfreak“ Steffen Kohler ausrechnen, wie groß mein Vorsprung auf den Zweitplatzierten der Altersgruppe und auf den Sechstplatzierten des Rennens ist.
Beide Werte vermittelten Sicherheit und weil ich ja ein träger Junge bin sank meine Motivation, ständig am oberen Level für so eine Veranstaltung zu laufen, ein wenig ab und ich gönnte mir ein paar nette Gespräche mit lieben Läufern wie dem großartigen Bernd Nuss, seines Zeichens Veranstalter des 24-h Laufes „Rund um den Seilersee“ bei Iserlohn, mit Hans Würl, den ich immer wieder bei Großevents treffe und vielen Anderen.
Es war eine schöne Veranstaltung – und das nicht nur wegen des sportlichen Erfolgs.

Wenn man betrachtet, welche Mühe sich die Organisatoren machen, dann verharrt man in Demut und Dankbarkeit. Schon die Startgebühr ist bescheiden niedrig und die Versorgung lässt keine Wünsche offen.
Außer Wasser und Cola gab es alkoholfreies Weizenbier, Malzbier und eine Batterie von Säften, beginnend mit Orange und Apfel und endend mit Exoten wie Guavensaft und Mangosaft. Es gab frische Früchte, frische Ananas, Weinträubchen und erntefrische Erdbeeren.
Wer da nicht glücklich wurde, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Und den leckeren Milchreis mit Erdbeersauce, der ab 20 Uhr erhältlich war, kannte ich ja schon aus dem Jahr 2009.
Zu diesem Zeitpunkt gab es dann auch Nudeln im Überfluss, garniert mit fleischhaltiger Sauce oder, vielleicht speziell für mich, in einer vegetarischen Sauce. Richtige Läufernahrung also.

Musik vom Band am Anfang, eine Live-Band ab 20 Uhr, die allerdings etwas rockigere Musik hätte spielen können, ein Speaker mit einer wunderschön trainierten Stimme, der Lust gemacht hat, ihm immer wieder zuzuhören und als Abendabschluss in verschiedenen warmen Farben angestrahlte Bäume im Park, durch den wir liefen.

Perfekt war auch die technische Ausstattung. Jeder Läufer erhielt spezielle Transponder und innerhalb einer Megasekunde war Dein Ergebnis auf dem Monitor mit Deiner Platzierung Gesamt und AK, mit Deiner letzten Runde, der Gesamtzahl der absolvierten Runden und der Gesamtstrecke, die Du schon bewältigt hast.

Bleiben nur noch die Siegerpokale für die schnellsten Teamstaffeln, die schnellste Frau, den schnellsten Mann und die Auszeichnungen für die jeweils drei Altersgruppensieger.
Von 2009 war ich ja noch verwöhnt, als es einen Glasblock gab mit einem als Hologramm eingelaserten Läufer und meinem 5. Platz der Altersklassenwertung.
2011 aber stand in nichts nach. Die Glasaufsteller, die wir bekamen, sind zauberhaft schön, wertvoll und werden stets einen Ehrenplatz in meinem Schlafzimmer haben.


Besser, finde ich, kann man solch einen Lauf nicht machen. Und so verneige ich mich Richtung Delmenhorst und den dortigen Organisatoren.

Delmenhorst, ich komme wieder …