Mount Everest Base Camp: „60 K Extreme Ultramarathon“

Am 29. Mai 1953 bestiegen der Sherpa Tenzing und der Neuseeländer Sir Edmund Hillary zum mutmaßlich ersten Mal den „Berg der Berge“, den höchsten Berg der Welt in absoluter Höhe gemessen, den Mount Everest. Und jetzt, 60 Jahre später, riefen die nepalesischen Ausrichter des THEM (Tenzing Hillary Everest Marathons) zu einem neuen Ereignis, dem „60 K Extreme Ultramarathon“.

Am 29. Mai 2013 um 6 Uhr war der Start, ganz weit hinten im Mount Everest Base Camp. Einen Tag zuvor schon haben wir ihn geprobt, beim „Mock Race“, dem Teststart, damit die Damen und Herren Journalisten nicht so früh aufstehen müssen. Damit genug gutes Licht da ist für die Pressefotos. Und vielleicht auch, damit wir am frühen Morgen uns nicht auf dem Weg zum Start verlaufen. Das half aber nichts, ich habe es dennoch geschafft. Im Verlaufen bin ich ja wirklich gut.
Wenigstens eine Stärke …
Der Wecker steht auf 5 Uhr, aber meine nicht immer geliebte Eigenschaft, immer etwas vor dem Klingeln wach zu liegen, ließ mich schon um 4.45 Uhr aufstehen. Ich hatte am Vortag des Laufs in Gedanken Dutzende Male durchgespielt, was ich beim Lauf anziehen werde, dennoch überlegte ich an diesem Morgen alles wieder ganz neu. Gut war, dass wir die Jacken und eine Hose am Start in einen Beutel packen konnten, der dann nach Namche Bazaar gebracht wurde. Ich konnte also ohne Bedenken eine Oberhose und eine schöne warme Winterjacke überziehen, um nicht zu frieren. Darunter erst ein wärmendes Sportunterhemd, darüber ein Langarmshirt und darüber die heiß geliebte schwarze X-BIONIC Weste gegen den Wind und darüber noch das offizielle Laufshirt, das uns der Veranstalter mit dem Hinweis übergeben hat, dass das Tragen des Shirts unabdingbar sei.
Das wiederum hatte etwas Gutes. Coca-Cola war ja der Hauptsponsor des Laufs, das entsprechende Getränk aber gab es bei keinem der Verpflegungspunkte. Immerhin hatten wir so das Logo auf dem Shirt und das Logo war auch auf den selten angebrachten Fähnchen, die uns den Weg weisen sollten.

Frühstück gab es ab 5.45 Uhr, ich war schon eine Viertelstunde vorher da und saß einsam auf einem Klappstuhl im Essenszelt. Die Tische waren schon abgebaut, Porridge kannst Du aber auch gut ohne Tisch zu Dir nehmen. Für mehr reichte es nicht. Wenn ich nervös bin, dann bekomme ich einfach nichts in mich hinein. Irgendwann trudelten auch die anderen Starter beim Frühstück ein und ich ging schon mal zum Start, zumindest versuchte ich das.
Prompt verlief ich mich und kam wieder zum Zelt zurück und schloß mich denen an, die den Eindruck machten, den Weg zum Start zu kennen. Und das war gut so. In dem vielen Weiß des Camps hätte ich wohl lange suchen müssen, um den Weg zum Start zu finden, trotz des Trainings am Vortag.
Mock Race
Es war warm am Start, zumindest warm für die Höhe von immerhin 5.350 Metern und weil alle anderen Läufer viel weniger anhatten als ich, beschloss ich, meine Entscheidung bezüglich der Kleidung noch einmal zu korrigieren und verzichtete auf das wärmende Unterhemd.
Nirmala Giri aus Kathmandu vom Orga-Team richtete noch ein paar mahnende Worte an uns alle. „Don’t push the others or you will be disqualified,“ sagte sie und Bob, der Australier, lachte und meinte, er könne gar nicht gestossen werden, weil er ja sowieso ganz hinten laufen würde.
Das irrst Du Dich, dachte ich, weil ich mir den letzten Platz schon vor Tagen für mich ausgekuckt habe.
Meine Rennstrategie war klar und einfach: langsam starten und das Ding in Ruhe abwickeln. Ich war auch der Einzige der 19 Starter, der von vornherein seine Laufzeit auf 15 Stunden festgelegt hatte, während die meisten Anderen sich auf eine Zeit unter 12 Stunden eingestellt hatten.
Bis zu dem Punkt, an dem der Loop der 60K Läufer begann, kannten wir alle ja die Strecke, immerhin sind wir sie vorsichtig und langsam nach oben gewandert. Und wir alle wussten, wie schwer das war, wie die Strecke trotz einem durchschnittlichen Gefälle stetig rauf und runter ging, nicht laufbar war und ich mir ganz sicher war, dass es sehr schwer werden würde, diese Strecke zu bewältigen.

Und da war ja auch noch der Engländer, der im Vorjahr den Marathon mit fantastischen 6.15 Stunden gepackt hat und 2013 auf 6 Stunden kommen wollte. Er war schon lange im Himalaya, auf die Höhe adaptiert und einschlägig trainiert und er sagte, dass er plant, in 45 Minuten (!) vom Start bis Gorak Shep und in weiteren 60 Minuten von Gorak Shep bis zur zweiten Versorgung zu laufen.
Gorak Shep liegt fast auf der gleichen Höhe wie das Base Camp, der Weg dazwischen ist holprig, steinig, geht rauf und runter und Michele Ufer und ich sind die Strecke in 2 1/2 Stunden gewandert. Dabei waren wir die ersten aus unserer Gruppe. 45 Minuten? Das geht einfach gar nicht.
Wenn ich diese Strecke in 1 1/2 Stunden schaffen würde, dann wäre das schon gut in meinem Plan. Also langsam und ganz hinten laufen. Bob, dachte ich, um den Platz an der roten Laterne werden wir uns dann wohl streiten müssen …

Ich schaute mich in der Gruppe der Ultraläufer um. Lauter hypertrainierte Menschen und ich irgendwo dazwischen. Mein Zimmer- und Zeltpartner Henk Sipers hatte schon auf den Marathon herruntergegradet, weil er sich beim 60 K Loop wegen seiner Höhenangst die schweren Passagen nicht zugetraut hatte. Frank Rocktäschel, erst ein Marathoni, dann zum Ultramarathon hochgegradet, wechselte zum Halbmarathon, weil sein Gesundheitszustand einfach nicht mehr hergab.
Und dann rief Nirmala Giri den Start aus, den Start zum Lauf. Und so lief ich eben auch.

Auf halber Strecke durch das Mount Everest Base Camp lagen das Frühstückszelt und unsere Schlafzelte und der Rest unserer Gruppe stand da und klatschte. Ich hatte mittlerweile auch den schlanken und von mir hoch eingeschätzten tätowierten Australier und seinen Kumpel überholt, sicher nur, weil sich die beiden auf den glitschigen Steinen nicht wohl fühlten. Und ich überholte und überholte, während ich die Führenden allerdings schon lange nicht mehr sah.
Nach 17 Minuten hatte ich die 1 1/2 Kilometer durch das Base Camp geschafft, 13 Minuten vor meinem Plan. Und nach 54 Minuten war ich in Gorak Shep – und es wäre mehr drin gewesen, wenn ich nicht so verhalten gestartet wäre. Ich überholte und wurde überholt, aber ich blieb an denen, die mich passierten, immer dran.
Es lief wirklich fantastisch gut und ich begann, meine Ziele zu revidieren.
Statt der 15 Stunden Laufzeit könnten es vielleicht tatsächlich nur 12 Stunden werden, dachte ich. Voraussetzung war eine kumulierte Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 Minuten pro Kilometer, vorausgesetzt, die 60 Kilometer waren auch richtig ausgemessen. Ich lag permanent knapp über 10 Minuten pro Kilometer, Tendenz besser werdend.

Nun wollte ich, dass ich nach Möglichkeit von den nepalesischen Wunderläufern nicht vor der 2-Stunden-Marke überholt würde. Das habe ich nicht ganz geschafft, nach 1:55 Stunden war es so weit, ein Nepali kam angeflogen. Offiziell eine Stunde nach uns gestartet war er mehr als doppelt so schnell wie ich. Egal, es half mir, weil ich mich in diesem Moment nicht mehr auf dem richtigen Weg befand, sondern auf der anderen Seite des Taleinschnitts lief. Also rüber. Glück gehabt.
Und nach und nach flogen auch andere Nepali an mir vorbei. Unglaublich, was in dieser Höhe doch läuferisch für manche doch noch möglich ist.
Map
Die beiden, die mich zwischen dem Base Camp und Gorak Shep überholt haben, sah ich nun immer näher kommen. Da ging noch was. Oder besser: die beiden gingen. Dann riss erst einmal die Schnürung an meinen Hoka One One Schuhen. Der Metallhaken der rechten Gamasche sägte so lange daran, bis die Schnürung aufgab und riss. Die restlichen 50 Kilometer musst Du also mit offenem Schuh bewältigen, dachte ich und versuchte, den Fuß noch kontrollierter aufzusetzen, um nicht immer im Schuh hin und her zu wackeln.
5 weitere Kilometer später riss auch das unter den Schuh gezogene Band der linken Gamasche. Damit es nicht ständig wild umher schlug, stellte ich mich mit dem rechten Fuß darauf, machte mit dem linken Fuß einen großen Schritt und riss das Band endgültig ab. Das war sicher die richtige Entscheidung.
Diese beiden Malheurs allerdings hatten die beiden vor mir genutzt, um den Abstand wieder größer zu machen.

Zuletzt liefen wir an den Gedenksäulen an die toten Mount Everest Besteiger vorbei, eine kurze Bekreuzigung, ein paar Gedanken an die Toten und weiter ging es. Danach führte der Weg kurz nach oben, um danach steiler abzufallen. Wir waren schon kurz vor Dingboche, kurz vor dem Startpunkt des Halbmarathons. Auf dem Weg nach oben schloss ich auf die beiden auf und ich überholte sie just oben auf dem Grat. Und dann ging es bergab.
Ich rannte, die beiden hinter mir aber auch.
So langsam könnten die schnellsten ausländischen Marathonis kommen, dachte ich. Ein Grund, schneller zu werden. Die beiden hinter mir gaben die Hoffnung auf das Verbessern ihrer Position auf und genau nach 17.76 K, nicht nach 21.2 K, war ich am Start des Halbmarathons. 2 Stunden und 58 Minuten waren vorbei, die kumulierte Durchschnittsgeschwindigkeit betrug jetzt fast exakt 10 Minuten pro Kilometer.

Jetzt begann der kleine Loop. Offiziell drei Kilometer ansteigend bis zum Wendepunkt, der dann nach 2.850 Metern auch tatsächlich da war und dann diese Strecke wieder zurück. Wenn die erste Hälfte des Marathons etwas mehr als 3 1/2 Kilometer zu kurz war und auch beim Loop insgesamt 300 Meter fehlten, dann könnte das auch darauf hindeuten, dass die Gesamtstrecke vielleicht auch etwas kürzer ist als die angegebenen 60 Kilometer, dachte ich. Eine Zeit unter 12 Stunden wurde immer wahrscheinlicher.
Auf dem Weg runter nach dem Wendepunkt traf ich erst Michele Ufer, dann Craig Langobardi. Beide anderen 60 K Läufer aus unserer Gruppe waren hinter mir. Michele aber sah gut und frisch aus, Craig war schon sichtlich mitgenommen. Fast am Ende des Loops traf ich noch den Amerikaner Max und den Reutlinger Michael, die sich eine Zeit um die 6:30 Stunden für den Marathon vorgenommen hatten. Ich traf aber keinen der Marathonis aus meiner Gruppe.
Für den Loop benötigte ich 1:03 Stunden, wir sind eine Stunde vor den Marathonis gestartet … das sah richtig gut aus. Keiner aus meiner Gruppe war also schneller als ich.

Und so setzte ich mir ein neues Ziel. Ich wollte vor der Abbiegung zum 60 K Loop auch nicht mehr überholt werden. Nicht von den Ultras und schon gar nicht von den mir bekannten Marathonis. Die Abbiegung kam genau bei der 29.5 Kilometer-Marke. Leider also genau dann, wie es am Anfang nach zweimaliger Korrektur des Wertes angekündigt wurde. Ich hatte mittlerweile 4:55 Stunden auf der Uhr.
Rund 5 Stunden für die erste Hälfte, dann verbleiben noch 7 Stunden für die zweite Hälfte, dachte ich. Das sieht doch richtig gut aus, um unter 12 Stunden zu bleiben.

Aber nun, da ich die Marathonstrecke verlassen hatte, wurde ich träge, müde und meine Motivation sank. Der Loop zeigte sich als extrem schwierig, die „3 1/2 Kilometer“ bis Phortse waren mehr als 5 1/2 Kilometer lang, so lang, dass ich schon Sorge hatte, den Kontrollpunkt dort übersehen zu haben. Und es ging rauf und runter, meist in Form von Treppenstufen.
Direkt an der Abzweigung machte ich eine kleine Pause, um drei Schalen der warmen Suppe zu schlürfen und wurde von einem Ultra überholt. Bei km 35 wurde ich von der Amerikanerin Michelle überholt und ich konnte einfach nicht an ihr dran bleiben. Vor allem bergauf ging scheinbar gar nichts mehr bei mir. Ständig musste ich durchschnaufen und ein paar Sekunden stehen bleiben.
Michele Ufer erreichte mich nach 37.5 Kilometern, genau dann, als ich mir mal wieder ein Päuschen gönnte. An ihm aber blieb ich dran. Ein wenig zumindest. Aber auch hier musste ich einsehen, dass da im Moment psychisch und physisch die Luft raus war und so nahm der Abstand zu ihm permanent zu. Möge wenigstens Craig noch hinter mir bleiben … und natürlich und vor allem der Australier Bob.
Am Anfang hätte mir das Tragen der roten Laterne nichts ausgemacht, jetzt allerdings wollte ich sie keinesfalls bekommen …

Ständing ging es rauf auf 4.400 Meter, um dann wieder auf 3.800 Meter zu fallen. Rauf, runter, steil, steiler. Und auf der anderen Seite des Tals sahen wir auch die Laufstrecke, die es dann wieder zurück gehen würde. Auch kein Zuckerschlecken.
Irgendwann war ich dann kurz vor Na-La, dem Wendepunkt des Loops. Eine Heidelandschaft, ein großes Gebäude mit einem blauen Dach, das musste der Kontrollpunkt sein. Ich war total am Ende und brauchte einen psychologischen Schub.
Das große Gebäude mit dem blauen Dach war längst passiert und es passierte noch immer nichts. Doch nun sah ich, wie ich sorgsam meine Füße durch die Heidekräuter schwang, die Amerikanerin Michelle und Michele Ufer vor mir. In Sichtweite. Ich schloss auf und wir suchten den Wendepunkt Na-La.
Auf der anderen Seite des Tals wehte eine Fahne im Wind und drei Menschen winkten. Was wollen die?

Michelle, Michele und ich überlegten, ob wir hier einfach durch den Fluß waten könnten. Die Amerikanische Michelle und ich waren dafür, Michele Ufer war dagegen. Und das war auch gut so. Wir erkannten nun, dass die Winkenden mit ihren Armen Richtung Oberlauf des Flusses zeigten und wir gingen weiter. Am Fluss entlang zu gehen war unmöglich, also mussten wir ständig rauf und runter, den angrenzenden Hügeln folgen. Und dann war sie endlich da: Na-La, die Brücke.
Michele hatte sie als Erster entdeckt und nun ging alles wieder ein wenig schneller.
Über die Brücke, über den reißenden Fluss, an unserem bedauernswerten Sherpa Lila vorbei, der eisern im kalten Wind ausharren musste, den Weg zurück, ein wenig nach oben, immer Richtung der im Wind wehenden Fahne.
Kein anderer Läufer war in Sichtweite, wir waren vollkommen alleine.

Bei der Fahne gab es nichts außer dem guten Rat, dass der nächste Kontrollpunkt „nahe“ sei und es dort Suppe gäbe. Aber die Erlösung ist der Bibel nach ja auch „nahe“, wahrscheinlich haben diese beiden „nahe“ etwas miteinander zu tun, aber irgendwann erreichten Michelle und ich diesen Kontrollpunkt. Michele war zu diesem Zeitpunkt ein wenig nach hinten abgefallen, er holte uns aber schnell wieder ein, nämlich dann, als Michelle und ich den Kontrollpunkt verließen und beim Ausgang rätselten, ob wir nach rechts oder nach links zu gehen hätten.
Ich war für links, Michelle war für rechts. Als Michele dann kam, war auch er für rechts und so machten wir uns auf den Weg. Daran, dass Wegmarkierungen eher selten waren, hatten wir uns ja schon gewöhnt, hier aber fand ich die Situation extrem unglücklich.

Nach gut 200 Metern wedelte eine Nepali aufgeregt mit den Armen, um uns zu signalisieren, dass wir falsch seien. Sicherheitshalber griff ich mir meinen Zettel mit den nächsten Kontrollpunkten, ging zu ihr und fragte nach Dole, dem nächsten Zwischenziel. „Dole, Dole,“ sagte sie und zeigte aufgeregt in die Richtung, aus der wir gerade gekommen waren. Also zurück, am letzten Kontrollpunkt wieder vorbei.
Es kam wieder eine Abzweigung und noch eine und wieder gab es keine Wegmarkierungen. Aber wieder zeigte eine Nepali uns in etwa den Weg. Wir gingen langsam, ständig auf die Dame schauend, die wir aber nicht mehr zu interessieren scheinten. Wir waren wohl richtig mit dem eingeschlagenen Weg.

Beim letzten Kontrollpunkt hieß es, dass der nächste Kontrollpunkt „nur 5 Kilometer“ weg sei und es „nur abwärts“ ging. Abwärts aber hieß, dass wir ständig höher kamen und dann irgendwann, ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Führung unserer kleinen Gruppe übernommen, um wenigstens den Anschein zu geben, etwas zu wissen, gab ich auf. Ich stoppte und sagte Michele und Michelle, dass ich nicht sicher wäre, ob wir richtig wären. Aber die mittlerweile 4 Kilometer zurück gehen, um dann vielleicht zu merken, dass wir doch richtig waren, wollte ich auch nicht.
Michele aber griff zu seinem Garmin, schaute auf den Track, den er sich im Computer zuvor gebastelt hatte, und sagte, dass wir richtig wären. Warum hat er von diesem Teil und dem Track nicht zuvor erzählt, das Teil nicht schon vorher befragt? Ich war verärgert und glücklich zugleich, glücklich vor allem, weil klar war, dass „nur 5 Kilometer“ eben oft länger sind wie geplant und dass „nur abwärts“ auch relativ ist.
Nach 12:19 Stunden erreichten wir endlich Dole, mit 4.200 Höhenmetern auf einem der höchsten Punkte des Loops, zwar 270 Meter tiefer liegend als der letzte Kontrollpunkt, aber unter „nur abwärts“ stellte ich mir dann doch etwas anderes vor.

Es gab schon vor dem Lauf eine Riesendiskussion ob der Cut-Off Zeiten. Beim Marathon gibt es: keine. Beim Ultra aber sollte es welche geben. Erst hieß es, dass diejenigen, die nach 11 Stunden noch nicht in Na-La seien, dort stoppen sollten, dort schlafen sollten, um dann am nächsten Morgen um 6 Uhr weiter zu laufen. Dann wurde diese Grenze auf 12 Stunden verlängert und schlussendlich galt offiziell diese Regelung:
Wir laufen 12 Stunden lang und gehen danach in die nächstgelegene Lodge. Ein Sherpa wird da sein, der uns in der Lodge betreut, der die Kosten verauslagt, wir bekommen eine Decke, ein Abendessen und ein Frühstück.
Eine Pflichtausrüstung gab es nicht, etwas halbwegs Sinnvolles wie beispielsweise ein Kopflicht war nicht verlangt. Daher kam auch die Angst der Veranstalter, wir könnten in der Nacht verloren gehen oder abstürzen. Ob die nun gewählte Lösung aber gut war? Ich bezweifle das sehr und zumindest drei Nachtläufer zeigten später auch, dass sie mit diesem „gut gemeinten Vorschlag“ nicht einverstanden waren.

Die 12 Stunden waren in Dole also um und ich fokussierte mich, da ich ja mit Zahnbürste und Zahncreme bewaffnet war, auf die Nächtigung. Die Lodge fanden wir eher zufällig, weil noch ein paar Wasserflaschen draußen auf einem Tischchen standen. Der Lodge-Inhaber war vollkommen erstaunt, dass ich dort schlafen wollte, er war aber auch froh ob des unerwarteten Umsatzes.
Michelle und Michele aber wollten unbedingt weiter, trotz der anderslautenden Weisung durch das Orga-Team. Da die beiden zusammen aber nur eine Kopflampe hatten, war deren weiterer Weg wohl eher problematisch gewesen. Einer leuchtet, einer geht – und anders herum. Michelle und Michele waren gegen 22 Uhr endlich in Namche Bazaar, das Ziel war längst unbesetzt, die beiden mit den Nerven am Ende.
Ich jedoch genoss mein traditionelles nepalesisches Abendessen: Reis mit Linsen, vorab eine heiße und wirklich leckere Gemüsesuppe. Zwei junge Männer, Wanderer aus Dänemark, saßen am Tisch neben mir und wir unterhielten uns über Nepal, den Himalaya und über das Essen.

Eine Stunde und 10 Minuten später kamen dann Craig und der Kanadier Mike in der Lodge an. Es war längst dunkel, regnete stark und ich fragte mich, wie die beiden die Lodge finden konnten. Die Wasserflaschen waren längst nach innen geholt worden, wie auch immer, die beiden waren da und nahmen zusammen das Zimmerchen neben meinem.
200 nepalesische Rupien, rund 1.80 EUR, kostete jeden die Nacht in der Lodge, eine Flasche Coca-Cola allerdings kostetet 300 nepalesische Rupien. Hier sind die Werte also etwas verschoben, das war jedoch kein Grund, mir nicht eine Flasche Cola zu gönnen. Und ich lud meine Garmin 310 nach, auch für 300 Rupien die Stunde.
Ich hatte die Garmin angelassen, weil ich am nächsten Tag einfach wieder auf Start drücken wollte, um kumulierte Werte zu haben.
Das hat aber nicht funktioniert, weil sich die Uhr irgendwann in der Nacht selbständig in den Werten zurückgesetzt hat. Weil sie aber die ganze Nacht an war, war der Stand des Akkus trotz der einstündigen Nachladung bedrohlich tief.

Um 5 Uhr wurden wir geweckt, ich war wieder um 4.45 Uhr wach, stets vor dem Wecker. Frühstück statt um 5.30 Uhr schon um 5.15 Uhr und um 5.40 Uhr waren wir fertig. Wir beschlossen, nicht bis 6.00 Uhr zu warten, sondern eben diese 20 Minuten früher zu starten.
Aus dem starken Regen des Vorabends war mittlerweile sehr starker Regen geworden, so stark, dass meine aufnahmebereite Garmin 310, eigentlich eine Uhr, die man auch für das Triathlon verwenden können sollte, leidenschaftlich viel Wasser in sich aufnahm, wahrscheinlich, weil sie dachte, dass sie nun, da die Garantiezeit abgelaufen war, auch einmal auf Lebensende gepolt sein wollte.
Bye bye, liebe Garmin 310!

Wir wussten, dass wir nach einer längeren Hochebene noch einmal bis auf 3.600 Meter steil absteigen und auf der anderen Seite des Tales wieder auf die Höhe von 4.200 Metern aufsteigen mussten. Meine Bergaufschwäche war nach der Nacht vollkommen verschwunden und ich trieb Craig und Mike nach oben an. 44 Minuten für 600 Höhenmeter, kein schlechter Wert, finde ich.
Und oben fehlte nicht nur der Kontrollpunkt, sondern auch mal wieder die Markierung. Wir versuchten es mit dem Weg nach links, gingen dann zurück, in ein Restaurant und wir ließen uns den Weg nach rechts beschreiben.

Nach 2 Stunden und 30 Minuten Laufzeit am zweiten Tag, zusammen also nach 14 Stunden und 59 Minuten, war ich dann im Ziel. Craig und Mike bekamen nahezu die gleiche Zeit aufgeschrieben, weil die Zeitnehmer nicht verstanden, dass die beiden erst deutlich nach mir in der Lodge waren. Macht auch nichts, der morgentliche Lauf mit den beiden war toll, motivierend und wir verstanden uns als Team hervorragend.

Es waren also unter dem Strich doch genau die 15 Stunden geworden, die ich ursprünglich auch geschätzt habe. Es waren insgesamt mehr als 67 Kilometer Laufstrecke gewesen, ich benötigte 5 Stunden für die ersten 30 Kilometer und 10 Stunden für die zweiten 30 Kilometer, die eigentlich 37 Kilometer waren. Ohne die Übernachtung aber hätte ich zweifellos länger gebraucht, die Regeneration über Nacht hat ein Stück weit funktioniert.

Michelle und Michele sind über 3 1/2 Stunden durch die Nacht und den Regen gelaufen, mit einem gemeinsamen Kopflicht, der Australier mit den vielen Tattoos lief erst gegen 3 Uhr oder 4 Uhr, also weitere 5 oder 6 Stunden später, in Namche Bazaar ein. Ursprünglich wurden die drei dann ohne Zeiten gewertet, mittlerweile kamen errechnete Zeiten dazu.
Für alle Seiten blieb aber ein doofes Gefühl. Hier sind die Veranstalter dringend geraten, sich von Anfang an entweder auf ein Zwei-Tage-Event einzurichten oder mit einer Pflichtausrüstungsliste die Nacht zur Laufzeit dazu zu nehmen und wie bei anderen Ultraläufen auch, Cut-Off Zeiten und eine Maximalzeit im Ziel vorzuschreiben.
Denn so viel gefährlicher wie die Laufstrecken des TdG, des PTL, des UTMB und anderer Bergläufe, die über eine oder teils über zwei und mehr Nächte gehen, war diese Strecke definitiv nicht, ganz im Gegenteil.

Es bleibt aber die Erinnerung an eine teilweise wunderschöne und hammerharte Strecke auf höchstem Level, gerade der Loop des 60 K hatte es da in sich, mit einer Strecke, die meist über 4.000 Metern lag und es bleibt die Erinnerung daran, auf der angeblich „höchsten Uphill Trail Running Section“ gewesen zu sein.
Schade war, dass es eben nur so wenige Teilnehmer waren.
Der Australier Bob allerdings hatte von Anfang an Recht. Er hielt die rote Laterne fest und sicher über die gesamte Laufstrecke fest. Und auch deswegen ist er ein Held, wie alle, die diesen „60 K Extreme Ultramarathon“ in seiner ersten Ausführung gewagt haben.
Results

Hoka One One, One

Da war ein Stachel im Fleisch, tief drin, ein wenig schmerzhaft und der musste unbedingt raus. Geholt habe ich mir diesen Stachel in den Jahren 2009 und 2010, vor allem in 2009.
Damals war es mein erster Start beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ und ich wusste noch nicht, wie weh das treppab laufen tun kann!
Und so lief ich, viel zu schnell auf den ersten Runden, Runde um Runde, um nach 60 Runden einfach keine Lust mehr zu haben. Weil meine Gabi aber noch nicht aus dem Hotel zurück war, ließ ich mich erst noch massieren und lief dann noch eine Ehrenrunde, bis sie an die Strecke kam.
Mir ging es gut zu diesem Zeitpunkt, ich hatte allerdings die 60. Runde in einer Zeit bewältigt, die nicht mehr schlechter werden durfte, um noch eine Chance auf den „Gipfelsturm“ zu haben. Und daran hatte ich meine berechtigten Zweifel. Heute weiß ich, dass ich die letzten 40 Runden wohl kaum mehr in den noch verbliebenden 12 Stunden hätte abspulen können.

2010 versuchte ich es erneut. Halbherzig zwar und fast direkt nach dem „Marathon des Sables“. Die Fersen waren noch offen von den Riesenblasen des MdS, es war eine große Dummheit, dort überhaupt wieder zu starten.
Und das tat ich dann 2011 und 2012 auch nicht mehr.

Aber 2013, in dem Jahr, in dem ich vor allem Laufen will, musste es wieder sein. Niemals, dachte ich mir, kann ich diesen Stachel aus dem Fleisch ziehen, wenn ich es nicht 2013 schaffe, also schrieb ich mich ein. Und von da an wurde ich von Tag zu Tag nervöser.
Mit dem Ultra India Race und dem TransGranCanaria, mit dem NEU, dem RheinBurgenWeg-Lauf und dem JUNUT 172  hatte ich eine gute läuferische Grundlage geschaffen, Treppen gelaufen war ich aber – überhaupt nicht!
Noch 2009 war die lange Treppe in den Weinbergen, direkt hinter dem ALDI in Ahrweiler, mein bester Freund. 2013 blieb für dieses Training einfach keine Zeit. 14 Runden auf einer Treppe in Playa des Inglès im Februar gab es, immerhin. Aber sonst – nichts. Die große Leere.

Und wenn man sich unsicher fühlt, dann muss eben das Equipment helfen. Und da sorgte ich mich zuerst um die Schuhe. Ich wollte unbedingt mit neuen, gut gedämpften Tretern nach Radebeul fahren. Aber mit welchen?
Salomon und La Sportiva bauen die Schuhe nur in Kindergrößen, die Auswahl ist also beschränkt.
Aber wozu hat man Freunde? Wozu gibt es „den Dealer“ aus Wattenscheid?
Ein paar Gespräche vor dem RBW, eine Mail danach und ich hatte „my first HOKA“. Hoka One One Stinson EVO zum Ersten, Größe US 13,5, per Post zugestellt zwei Tage vor meiner Abreise nach Radebeul, perfekt abgepasst …Hoka

Ich will noch nichts über diesen Schuh sagen, wenn es bergab geht und Deine Füße stets im Schuh nach vorne drängen, die Zehen und oft auch die Zehennägel bei jedem Schritt bergab vorne im Schuh anstoßen, für die Abstiege auf der Treppe aber waren Hoka One One eine erstklassige Wahl. Es stimmt schon: irgendwie ist Hoka One One laufen wie fliegen!
Und so traute ich mich, diese Herausforderung anzugehen, um diesen Stachel endlich dem Fleisch entreissen zu können.

Natürlich lief ich nicht alleine. „You never walk alone“, in der Ultralauf-Familie schon gar nicht. Dieter Ladegast war da, mit dem ich erst eine Woche vorher mit dem JUNUT gemeinsame Veranstaltung teilen durfte. Er lief dort 101 Kilometer, ich ja 172,7 Kilometer. Sein Freund und Dauerbegleiter Hartmut Lindner war ebenfalls da. Auch er lief eine Woche zuvor noch beim JUNUT mit, er allerdings gönnte sich die gesamten 230 Kilometer des Jurasteigs.
Beide liefen ein grandioses Rennen, lagen lange hinter mir, um mir dann zu zeigen, dass es eine bessere Renneinteilung gibt wie die, die ich gewählt hatte. Vielleicht aber lag das aber auch nur an der Kiste alkoholfreien Weizenbiers, die die beiden während der 24-stündigen Veranstaltung geleert haben.

Und da waren auch Kristina Tille und Andreas Geyer, mit denen ich nicht nur zwei Wochen zuvor den RheinBurgenWeg-Lauf bestritten hatte, sondern die auch bei dem schwierigen Parcours des TransGranCanaria dabei waren. Beim TransGranCanaria 2012 liefen die beiden mich noch in Grund und Boden, 2013 überholte ich beide schon kurz hinter Garanon.
Weil aber jedes Rennen anders ist, hat Tini beim Treppenmarathon mit dem Streckenrekord für Frauen gezeigt, welche läuferische Klasse sie verkörpert, Andy musste schon in der Nacht mit Magenproblemen ausscheiden. Das aber hatte auch etwas Gutes: bei der Siegerehrung gab es wunderschöne Fotos von beiden.
Liebe kann doch wirklich sehr schön sein …
TiniAuch Matthias Becker aus dem badischen Biberach im Kinzigtal war da. Auf ihn freute ich mich deshalb besonders, weil ich ihn schon lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. Und in dieser langen Zeit ist vieles passiert. Matthias wurde zum zweiten Mal Vater, er lief den Deutschlandlauf ein zweites Mal und er stoppte auch beim Treppenmaraton erst, als nach 116 Runden die 24 Stunden fast abgelaufen waren.
Nee, das wäre gar nichts für mich. Nicht eine einzige Runde mehr als die geforderten 100 Runden, Überstunden schieben ist in meinem Plan nicht angelegt.

Ingolf Löhne war auch da und er konnte die 100 Runden noch kurz vor Toreschluss finishen. Er brauchte nicht einmal den kleinen „Pufferzuschlag“, den Du dann bekommst, wenn Du vor dem Ende der 24 Stunden 99 Runden geschafft hast und auf Deiner 100. Runde bist. Diese darf dann, entgegen den üblichen 24-h Läufen, noch zu Ende gelaufen werden. Brauchte er aber nicht, alles prima.

Als der Lauf am Samstag um 16 Uhr begann war die Wettergöttin mit uns. Es war nicht kalt, aber eben auch nicht warm. Und es war trocken, ein richtig gutes Läuferwetter eben. Auch die Nacht war perfekt, nicht allzu kalt. Beim NEU hatte es noch geschneit in der Nacht, beim RheinBurgenWeg-Lauf eine Woche später froren wir bei Temperaturen um den Nullpunkt, beim JUNUT sah vieles schon besser aus. In Radebeul aber waren die Nachttemperaturen optimal für uns.
Das aber änderte sich schon am frühen Sonntagvormittag. Die Sonne brannte auf die Strecke und machte uns Stunde um Stunde das Laufen schwerer. Ein derber Sonnenbrand im Gesicht sorgte dann ein paar Tage lang bei mir dafür, dass sich ständig Hautpartien im Stirn- und Gesichtsbereich verabschiedeten.
IMG_5166Was treibt einen Menschen an, sich bei solch einem Rennen einzuschreiben?
Dieser Lauf ist wirklich nicht für normale Läufer gemacht. Schon die nackten Zahlen beeindrucken:

39.700 Stufen aufwärts
39.700 Stufen abwärts
8.848 positive Höhenmeter
84,4 km Laufdistanz
24 Stunden Maximalzeit

Ich wusste ja, dass es schon einige aus unserer Ultralauf-Familie gibt, deren Namen in ein Messingschild graviert ist, das auf dem „Gipfelkreuz“ festgeschraubt wurde. Ich betrat also kein „Neuland“, ich wusste aber, dass es die größten Probleme durch das zu schnelle Herunterspringen auf den Treppen gibt. Und das hat sich mehr als bewahrheitet. Nach vielleicht 20 Stunden gab es Läufer, die die Stufen nur noch rückwärts hinunter gehen konnten, ich sah schmerzverzerrte Gesichter und Teilnehmer, die so leer waren, dass ihnen nur noch die Aufgabe übrig blieb.
Messing
60 Starter im „Alleingang“, wie die Einzelläufer heißen, standen auf der Liste, nur 58 davon sind auch tatsächlich gestartet. 28 davon haben die 100 Runden geschafft, 2 Frauen, 26 Männer. Und manche von denen, die es deutlich nicht geschafft haben, erzählten mir, dass sie vor allem schlecht durch die Nacht kamen.
Ein weiterer Grund, ein Stoßgebet nach oben zu richten. Wie richtig war es doch, das „eine Nacht durchmachen“ zu trainieren, beim NEU, beim RBW, beim JUNUT.

Interessant war für mich am Ende schon, dass jeder Teilnehmer andere Probleme hatte. Ich zum Beispiel kam die Treppe nicht mehr rauf. Treppab tippelte ich fast noch wie zu Beginn leichtfüßig hinab und ließ vor allem die „Problemkinder“ locker hinter mir. Bei dem Asphaltstück, ca. 150 Meter leicht bergab, kam jeder noch einigermaßen klar, diese Passage zurück aber zeigte schon deutlich den körperlichen Zustand der einzelnen Läufer. Und dann, treppauf, gab ich den in dieser Runde gewonnenen Vorsprung auch gleich wieder ab.
Aber es ging tatsächlich bergauf fast nichts mehr bei mir.
Irgendwann half mit dann ein Plättchen Traubenzucker, aber die gute hochgerechnete Zeit, die ich noch lange erträumte, schwand zusehends. Irgendwann war es mir zum Beispiel nicht mehr möglich, die Lücke zu Dieter und Hartmut zu schließen, die sich aufgetan hatte, nachdem die beiden irgendwann die Runde Rückstand, die sie hatten, aufgeholt hatten und mich überholten.
Und die Lücke wuchs und wuchs und wurde zu einer Runde Vorsprung, zu zwei Runden, zu drei …

In dieser Phase änderte ich meine Ziele deutlich nach unten und wollte nur noch finishen. Und ich begann zu rechnen. Mal blieben mir noch 17 1/2 Minuten pro Runde, das wurde dann auf 18 Minuten ausgebaut und so richtig beruhigt und sicher, dass ich es packen würde, war ich, als ich rechnerisch noch 20 Minuten für jede weitere Runde gehabt hätte. So viel konnte einfach nicht mehr schief gehen, dass ich so lange gebraucht hätte.

Treppenmarathon 2013 fotografiert von Mirko Leffler_1Aber ohne drei Motivatoren hätte ich mich wohl nicht so willensstark gezeigt. Der erste Motivator war das stets gefüllte Weizenbierglas, das Dieters Frau immer hielt, kombiniert mit Dieters Aussage, ich könne ruhig mal aus seinem Glas trinken. Ich tat es drei Mal – und jedesmal löste das alkoholfreie Weizenbier einen kleinen Schub in mir aus. Auf seine Weise war „Maisel`s Weisse alkoholfrei“ schon etwas wirklich Gutes.

Der zweite Motivator war der ewig positive Mirko Leffler. Ich freue mich sowieso immer, wenn ich ihn sehe, was aber nicht allzu häufig vorkommt. Das nächste Mal wird das wohl beim „Borderland Ultra“ sein, einen Tag nach unserer Landung aus Nepal. Und dass ich ihn und auch Ulf Kühne vorhin nicht erwähnt habe, lag einfach daran, dass die beiden in sogenannten „Dreier-Seilschaften“, also in Dreierteams, liefen. Und da hatte ich vorab nicht auf die Teilnehmerlisten gesehen und beim Start war Mirko auch noch nicht da, die Dreier-Seilschaften starten ja deutlich später. Mirko war natürlich viel schneller als ich, er warf mir aber immer, wenn er an der Reihe war, zu laufen, einen hochgereckten Daumen und ein aufmunterndes „Du packst das!“ zu.
Bei so viel Zuversicht konnte ich gar nicht anders, als diese Erwartungshaltung zu erfüllen.

Der dritte Motivator war, wie sollte es anders sein, meine Gabi, die, außer in der Zeit der Bettruhe im Hotel, eifrig an der Seite ausgeharrt hatte. Hin und wieder hatte sie die Kamera gezückt, um Fotos zu schießen, hin und wieder hielt sie mir aber auch ein Schälchen mit frischem Obst, ein Becher mit Getränken oder ein Tellerchen Nudeln mit Tomatensauce hin, damit ich nicht die Laufstrecke verlassen musste, um mich im Zelt zu bedienen.
Das kostet ja alles Zeit und bringt mich aus dem Trott. Dann lieber mit dem Tellerchen Nudeln langsam gehend essen. Die wenigen Ausschläge in den Rundenzeiten nach unten sind Belege für diese Essensrunden.
Treppenmarathon 2013 fotografiert von Mirko Leffler_2Und dann irgendwann, nein, nicht irgendwann, sondern nach echten 99 und gefühlten 150 Runden, kommen dann Deine beiden letzten Runde. Ich sah auf die Uhr und bemerkte, dass ich wenigstens noch unter der 23-Stunden-Marke abschließen könnte, also mussten die beiden Runden etwas schneller gelaufen werden. Zur Sicherheit.
Am Ende hätte ich sogar noch mehr als fünf Minuten langsamer sein können und hätte immer noch eine „22“ vorne gehabt. Immerhin.
Anfangs war es sowieso nur mein Ziel gewesen, diesen Stachel der Vergangenheit aus dem Körper zu ziehen, das Ding zu finishen und keinen Moment an Resultate oder Zeiten zu denken. Im Laufe des Rennens änderte sich das dann aber hin und auch wieder her.

Und wie glücklich ich mit diesem Resultat bin, belegen auch meine vielen Tränen, die sich bereits in der letzten Runde unaufhörlich über die Wangen ergossen, dann wieder mal aufhörten, neu kamen und richtig stark wurden, nachdem ich die Ziellinie endgültig und letztmalig überschritt.
Um es mit Steve Martin in „Reichtum ist keine Schande“ zu sagen: Jetzt ist mein Name auch auf einem Messingplättchen auf dem Gipfelkreuz.
„Jetzt bin ich wer!“
Reichtum

Ein halber RBW, ein ganzer RBW und nun noch eineinhalb davon …

Ostersamstag, 21 Uhr in Düren auf dem Annakirmesplatz.

Es war der Beginn des NEU, des regelmäßig von Stefan Vilvo initiierten und organisierten „Nord Eifel Ultra“, am Osterwochenende erstmals als Nachtausgabe durchgeführt. Eine kleine Truppe Laufwilliger hatte sich zusammen gefunden, um gemeinsam durch die kalte und verschneite Nacht zu laufen.
Schlafen, sagt man ja, wird im Allgemeinen häufig überbewertet.
Und ein Lauf über 56 K mit ein paar Höhenmetern ist ja für uns in der „Familie“ auch kein Grund, uns darauf langfristig vorzubereiten. Training, sagt man ja auch, wird ja ebenfalls im Allgemeinen überbewertet.
Ich meldete mich also erst am Donnerstagabend per eMail dort an. Aber Stefan, der mich ja noch vom NEU Anfang 2011 kannte, ist flexibel und freut sich über jeden, den seine Eltern als Versorger und Fahrer / Fahrerin des Begleitfahrzeugs verwöhnen dürfen.
Und der Lauf passte optimal zu meinen Vorstellungen der Vorbereitungen für diesen „April der Wahrheit“. Ich konnte mal wieder durch die Nacht laufen, was mir in näherer Zukunft des öfteren droht, die Strecke ist nicht allzu kurz und nicht allzu flach, Düren ist noch fast in der Nachbarschaft, alles perfekt.Wenn Du 56 Kilometer gemeinsam durch die Nacht läufst und einigermaßen in der „Familie“ vernetzt bist, dann kennst Du am Anfang zwar noch kaum einen, am Ende aber, wenn am nächsten Morgen die Nacht geht, dann sieht das ganz anders aus.
Dabei ist es ja auch recht hilfreich, wenn manche Mitläufer Dir durch Wimpel oder Buttons dezente Hinweise geben, wo sie denn her kommen. Der „Wat läuft?“ – Button von Tatjana war so ein Hinweis, ein idealer Einstieg in eine immer interessantere Kommunikation. Wer mit einem „Wat läuft?“ – Button rumläuft, dachte ich, und zudem Ultraläufer ist, der kann nicht verkehrt sein. Wie wahr.

Manche der Läufer sah ich schon bei der Schlammschlacht des „Ebberg brutal“ der Endorphinjunkies aus Dortmund, eine gesprächsreiche und nette Nacht unter Gleichgesinnten war also garantiert, schade war nur, dass auch die einmal endete. Ich wäre gerne noch ein paar Stunden länger gelaufen, bei idealen äußeren Bedingungen, leichtem Schneefall, durch Nebel getrübter Fernsicht und teils glitschigem Boden. Aber wer achtet denn auf solche Details, schon gar nicht nach der Strecke des „Ebberg brutal“, nach der selbst ein „StrongManRun“ oder ein „Braveheart Battle“ zum Muskelentlastungsprogramm zählen würden.
Einer der „NEU-linge“, wie Stefan Vilvo seine Gäste liebevoll nennt, Daniel, wurde auch spontan noch ein Nachrücker für den „3. RheinBurgenWeg-Lauf 2013“ (RBW).
Am Ende des NEU sagte ich dann zu den absolvierten 56 K mit knapp 2.000 HM, dass ich das jetzt jede Woche verdoppeln wolle.

Der NEU war also ein halber RBW. Aus 56 K dort sollten also 110 K beim RBW werden und aus knapp 2.000 HM sollten ca. 4.000 HM werden. Und dann war er auch schon da, er erste schwierige Lauf im „April der Wahrheit“.
Schon die Tage zuvor waren recht hektisch, obwohl ich außer etwas Facebook-Arbeit mich im Wesentlichen nur um den 1. Verpflegungspunkt zu kümmern hatte. Aber auch das war schon viel für mich, aber wozu hat man denn Freunde? HHZwei Engel flogen also vom Himmel herunter, Engel in Form von Helmut Hanner und Annett Gottschling, beides Sportler, er sogar RBW-erfahren. Die beiden boten sich an, den VP1 mit Leben zu erfüllen, den Läufern dort die Brote zu schmieren, die Schnürsenkel zu binden und eben alles dafür zu tun, dass die 34 Läufer, die wir in drei Gruppen (schnell, schneller, noch schneller) eingeteilt hatten, müde in den VP 1 kamen, ihn aber allesamt vergnügt, gestärkt und neu motiviert verließen.
Die beiden haben einen Sonderapplaus verdient und die Gespräche mit Helmut vor dem Event haben mich oft sehr bewegt, weil ich einen Menschen entdeckt habe, der alles andere als grobgliedrig strukturiert ist, klare und gute Werte vertritt und mit dem es einfach Spaß macht, zu reden.
Aber als „Kölscher“ aus der schönsten Stadt der Welt war das ja eigentlich klar. RBWZwei Übernachtungsgäste hatte ich am Freitagabend vor dem Event, Rolli und Stefan. Und ich war Strohwitwer. Ich kann zwar einigermaßen kochen, aber „für Publikum“ hatte ich es noch nicht gemacht. Ich entschied mich getreu dem, dass man ja eine „Pasta-Party“ vor dem Lauf machen sollte – auf Reis mit einer scharfen vegetarischen Tomatensauce, auf Spiegelei und auf angebratenen Tofu.
Später dachte ich mir, ich hätte besser noch gestückelte Paprika zum Tofu dazu geben sollen … beim nächsten Mal wird auch da alles anders.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf, duschte, kümmerte mich um mich und die Laufvorbereitung, machte Tee für drei vorbereitete Teekannen, natürlich ungesüßt, „Spanischer Caluna“ Tee, Orange – Traube, fruchtig und leicht süßlich. Dann weckte ich die Rolli und Stefan, wir fuhren nach Koblenz zum Hauptbahnhof und warteten auf die Ankunft des ersten Zuges, die beiden gönnten sich dort ein Frühstück, ich vergaß zu essen. Später dann, in etwa bei km 30, erinnerte mich mein Magen daran, dass ich doch besser etwas gegessen hätte.

Ich liebe beim RBW die drei Verpflegungspunkte, allen voran natürlich den mittleren, den zweiten VP, der sich auf Schloss Rheinfels befindet. Was die Gourmet-Köche des Restaurants Schloss Rheinfels da immer wieder zaubern ist fantastisch. Purer Luxus, da will man am liebsten gar nicht wieder weg!
„Wohlfühlhotel Nr. 1“ heißt es verdientermaßen dort, aber wir können unsere müden Körper dort nicht zu Bette legen, von dort aus geht es wieder weiter in die Nacht hinein. RheinfelsWir laufen den RheinBurgenWeg ja seit drei Jahren in jeweils drei unterschiedlich schnellen Gruppen und es ist meiner Langsamkeit zu verdanken, dass ich stets die größte Gruppe leiten darf, die sich 22 Stunden Zeit für diese 110 K nehmen will. 2003 haben wir es im Wesentlichen in 20 Stunden geschafft, aber auch die beiden schnelleren Gruppen hielten sich nicht ganz an den Zeitplan.

Nach ein paar Minuten Dösen in der Sporthalle in Bingen und nach einer heißen und erfrischenden Dusche fuhren wir alle wieder an den Rhein zum Frühstück. Das war ja auch so weit, ein Kilometer, mindestens. Ultraläufern, die gerade 110 K hinter sich gebracht haben, ist das definitiv nicht zuzumuten.
Fast alle der 34 Läuferinnen und Läufer kamen mit zum Frühstück und es gab neben den Urkunden auch als Medaillen die originalen gelben Zubringerschilder zum RBW, aufgehängt an einem bordeauxroten Band, ganz edel.
Für die Urkunden und die Medaillen ist bei uns stets Axel verantwortlich, der da auch sein ganzes Herzblut hinein gibt. Die Urkunden tragen sogar die Startfotos der drei Gruppen! Gut, dass Axel wie die Läufer auch nicht an Schlaf in der Nacht denkt.
Schlafen wird im Allgemeinen ja auch überbewertet.
Dieser Lauf wäre ohne ihn gar nicht denkbar.

Und dann wollte und sollte ich das noch einmal verdoppeln, denn dann kam er auch schon, der JUNUT, der Jurasteig. Warum es dort nicht zwei RBWs wurden, sondern nur eineinhalb davon, davon erzähle ich das nächste Mal …

Das „Deutsche Haus“ in Chamonix

Deutsches Haus

Wenn Du die Teilnahme am UTMB planst, dann kommen üblicherweise die gleichen Fragen.

 Schaffe ich das überhaupt?
Welche Rennstrategie wende ich an?
Schlafe ich während des Rennes oder besser nicht und wenn ja, wo und wie oft?
Auf welches Material verlasse ich mich während des Laufs?

Und dann kommt Dir noch eine Frage in den Sinn, die auch sehr wichtig ist:
Wo wohne ich in und um Chamonix an den Tagen vor und nach dem Rennen?

Diese letzte Frage habe ich in den letzten Tagen sehr inspirierend beantworten dürfen. Ich wohne im Deutschen Haus in Chamonix – und das schon vom Sonntag, den 25. August bis zum Sonntag, den 01. September an.

Was ist das Deutsche Haus überhaupt?

Das Deutsche Haus ist der zentrale Treffpunkt für deutsche Athleten, deren Familien und Freunde sowie Medienvertreter und Sponsoren. Das Haus befindet sich zehn Gehminuten vom Zentrum von Chamonix entfernt und lädt während der Wettkampfwoche zu gemeinsamen Veranstaltungen und Aktivitäten rund um den Trail ein.
Und ganz nebenbei wohnen auch ein paar von uns Ultraläufern dort. Und einer davon darf ich sein.DH1

Es ist dabei nicht, wie manche unterstellen, das alkohlfreie Erdinger Weißbier, warum ich mich so sehr auf diese Woche freue, es ist die Gesamtheit der Gäste, der vielen Besucher, der anwesenden Medien, die schönen Räumlichkeiten und die hervorragenden Relax-Möglichkeiten, die diese Woche zu einem kleinen Traum werden lassen.
2012 wohnte ich ja schon ähnlich exklusiv im Hotel der THE NORTH FACE Kollegen, 2013 will ich, dann ohne den immensen Termindruck wegen der vielen Pressekonferenzen, die 2012 abgehalten wurden, in Ruhe meine Mitte finden, mich auf den Lauf vorbereiten, die gemeinsamen Events dort wahrnehmen und auch wissen, wo mein Bett steht, wenn ich dann nach hoffentlich „46 Stunden minus X“ übermüdet wieder in Chamonix ankommen werde.DH3

Deutsches_Haus

(Klicken zum Vergrößern …)

2012 hatte ich eine riesige eigene Dachterasse mitten in Chamonix mit Blick auf die Holzbuden der Aussteller auf dem zentralen Platz der Läufer. Darauf war ich allerdings nie, das Wetter war einfach zu schlecht gewesen. Und hier schließt sich mein Wunsch an, den ich heute schon nach ganz oben richte:
Oh Himmel, lass das Wetter in Chamonix in dieser Woche richtig gut sein!

Dann wird der Aufenthalt und auch das Rennen mit Sicherheit ein Event, an das ich noch lange nach meiner Zeit als aktiver Läufer denken werde …

Weitere und auch topaktuelle Informationen zum Haus findet ihr außerdem

 Vielleicht trinken wir in Chamonix dann eine Fassbrause zusammen oder touren gemeinsam etwas durch die Lande?DH

… und am Ende herrscht pures Glück

Der TransGranCanaria 2013 (TGC) war schon ein wenig anders als der des Vorjahres und ich war nicht über jede Veränderung froh.
Unser Appartementhaus lag nur 50 Meter vom alten Startplatz entfernt, ideal, wenn um Mitternacht gestartet wird. Du kannst Dich noch bis 23.55 Uhr hinlegen und schlafen, die erste Nacht ist dann eigentlich gar keine mehr.
Aber der Start wurde zur „10th Edition“, zum Jubiläum, nach Agaete verlegt und das bedeutete für mich, dass ich kurz vor 9 Uhr Playa del Inglés verlassen musste, um zum Start nach Las Palmas zu fahren. Von dort gingen dann die Busse Richtung Agaete ab.
Diese waren für 22.15 Uhr geplant und ich frage mich jetzt noch, warum das alles so früh sein musste, immerhin ist Agaete nur gut 30 Kilometer von Las Palmas entfernt. Im Bus wurde ich darauf angesprochen, dass ich mich wirklich dick eingecremt hatte und man das Weiß der Sonnenmilch noch sah. Ich war wohl der Einzige gewesen, der nicht mitbekommen hat, dass es in der Nacht und am Morgen wohl satt regnen würde. „Optimistisch“ nannte man also meine Eincremorgie.
Die Fahrt war wirklich kurz und die Folge war, dass wir schon um 22.35 Uhr am Startort waren, 85 Minuten vor dem Start!

Agaete4Aber wir fanden ein Fischerstädtchen vor, das ich zwei Wochen vorher noch besucht hatte. Damals war es ruhig und fast ausgestorben, jetzt aber pulsierte das Leben dort und jeder von uns Läufern fühlte sich wie ein Star.
Da gingen die Daumen hoch für uns, die wir noch durch die Stadt schlenderten, da erhielten wir Glückwünsche und Motivation auf spanisch von wildfremden Menschen und die Musik der Sambatruppen spielte scheinbar nur für uns.
So lassen sich auch 90 Minuten bis zum Start aushalten … !

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(klicken zum Abspielen …)

Und doch ging es dann irgendwann wirklich los.
Was ich wusste, ist, dass es gleich auf den ersten 10 Kilometern auf 1.200 Meter Höhe geht. Ich erinnerte mich an die Steilstrecken des vergangenen Jahres und war auf einen enorm harten Einstieg gefasst. Es kam aber vollkommen anders.
Bis zur Höhe von 600 Metern über dem Meer war der Anstieg moderat, der Weg fast so breit und eben wie die Kurpromenade von Bad Salzuflen – easy going also. Erst danach wurde es etwas enger und schwieriger, aber noch immer war ich überrascht, wie einfach es doch nach oben ging.
Ich hatte mich ja sofort sehr weit hinten eingeordnet, einf Fehler, wie sich später heraus stellte, weil Du irgendwann an niemandem mehr vorbei kommst und Du die Lücken in der Läuferschlange vor Dir zwar siehst, Du kommst aber nicht an den Vorderleuten vorbei, um diese Lücke zu schließen.
Noch bis zur Höhe von 900 Metern über dem Meer hörten wie die Samba-Musik, sahen das hell erleuchtete Hafenstädtchen und fühlten uns beobachtet und getragen von den bewundernden Blicken der Zuschauer.

Agaete

Die Hauptstraße von Agaete zwei Wochen vor dem Event.

Wenn ich mir also Sorgen gemacht hatte, dann waren die vollkommen unbegründet, zumindest bis zur ersten Verpflegung. Und auch da war alles anders. Im Vorjahr noch stand da ein riesiger Wasserwagen und sonst nichts. Dieses Jahr war die Station voll bestückt. Für uns Vegetarier gab s lecker-süße Orangen, aber es gab auch nahezu alles, was Du Dir als Läufer wünschst. Nach 10 Kilometern aber wollte ich noch nichts essen, ich blieb beim Aussaugen der Orangenstücke.
3 1/2 Stunden gibt Dir die Organisation für diesen Streckenabschnitt, ich war bei rund der Hälfte geblieben und war noch immer sehr weit hinten. Auch an der Cut-Off Front gab es also keine Probleme.

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Blau-weiß sind die Farben von Agaete. Dieses Haus war direkt neben dem Start. Aber „in der Nacht sind alle Katzen grau“ – zum Glück habe ich diees schöne Haus auch bei Tageslicht gesehen …

Weiter ging es auf und ab auf einem Hochplateau durch Wald und Wiese und so langsam wachte der Regen auf. Erst ganz sparsam, dann aber immer stärker. Er sollte sich noch zu einem sehr starken Landregen entwickeln mit der Folge, dass die Laufhose klitschnass, die Füße durchweicht und die im Rucksack getragenen Sachen unbrauchbar wurden. Aber die Strecke blieb leicht und gut laufbar, die Ausschilderung war gut und so blieb es auch bis der Morgen graute.
Mal hörte der Regen auf, mal kam er wieder und irgendwann wurde auch die Strecke so, wie ich sie aus dem Vorjahr kannte. Enge Trails, oft überwuchert, sodass Du den Boden nicht sehen konntest, dicke Streine im Weg, steile Anstiege und noch schlimmer: steile Abstiege, die auch deshalb schwer zu laufen waren, weil die Steine durch den Regen sehr glitischig waren. Und das, was sich Trail nannte, war oft nur eine Ansammlung von Matsch. Nasse Füße waren dabei noch das kleinste Problem.

Agaete2Teilweise gab es Stellen, an denen Du Dich nur mit abgestützten Stöcken bewegen wolltest und mein Plan, unter 12 Minuten pro Kilometer zu bleiben, wurde immer mehr zur Makulatur. Immer nachdem es den Berg rauf ging war die kumulierte Zeit über der 12er Marke und das von Anstieg zu Anstieg deutlicher. Bei den Abstiegen oder den flacheren Passagen (gab’s da welche?) habe ich die kumulierte Zeit dann wieder unter diese Marke gedrückt, bei jeder Sequenz aber etwas weniger deutlich.

Mit der zunehmenden Helligkeit wurde es aber weder trockener noch wärmer, im Gegenteil. Wir liefen in ein Nebelgebiet hinein, in dem es so stark regnete und windete, dass uns richtig kalt wurde. Wie sehr war ich froh, ein wenig dieser Kälte in der Vorwoche beim privaten Training erlebt zu haben, so war ich nicht allzu schockiert. Ohne diese Vorerfahrung aber wäre ich wohl dünner angezogen gewesen und hätte noch mehr gefroren.

Die Brigaden in den Verpflegungsstellen taten mir oft leid, ich sah sie oft frieren und war froh, selbst wieder laufen zu können. Nach etwas mehr als der halben Strecke, ich hatte mittlerweile über 5 Stunden gegenüber dem Cut Off gewonnen, liefen wir auf eine Stelle, die ich beim zweiten langen Training in der Woche vor dem Start zufällig entdeckt hatte. Es war die Stelle, an der ich mich damals verlaufen hatte und wo ich dann den offiziellen Track des TGC 2012 verlassen hatte, um mich irgendwie nach oben zu schlagen. Damals hatten mir zwei Einheimische diesen Weg gezeigt und empfohlen.

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Ein Foto kann leider nicht ganz wiedergeben, wie schön dieser Weg war. Vielleicht hätte ein „Fisheye“-Objektiv hier geholfen. Aber wenn Du mal auf Gran Canaria bist, dann gehe nach „Cruz Grande“, um diesen schönen Weg zu wandern …

Es war ein Weg der mitten durch hohe Felsen führte, liebevoll gemacht mit tollen Ausblicken, vor allem, wenn man ihn in der umgekehrten Richtung gelaufen wäre. Ich fand ihn nach dem Training so schön, dass ich ihn meiner Gabi schon einen Tag später bei einer gemütlichen Wanderung zeigen musste. Und genau diesen Weg ging es nun nach oben. Glücklicherweise war es mittlerweile schon trocken, die Sonne ist hat sich noch sehen lassen und alles wurde wieder angenehmer, fast schön.
Oben angekommen geht es weiter auf dem Hochplateau bis zum Scheitelpunkt, der Weg dahin war aber viel weiter als vor einer Woche (!) und dort am Scheitelpunkt ging es nicht wieder runter, wie ich gelaufen war, sondern nach links.
Unvermittelt und überraschend kamen wir dann auf einen Weg, der den Roque Nublo mit dem Pico de las Nieves verbindet. 2012 war es ein Teil des Tracks und ich bin ihn mit meiner Gabi bei einer anderen Wanderung auch gegangen. Darin integriert ist ein Teilstück, das normalerweise ungesichtert, aber sehr steil ist. Im Vorjahr haben die Veranstalter für die Läufer ein Sicherungsseil angebracht und es ging diese Passage hinauf.
Dieses Jahr hatten Gabi und ich und bergauf kämpfend gesagt, dass bergab wesentlich schwieriger wäre. „Und wenn die Felsen hier nass sind, dann will ich da überhaupt nicht runter,“ höre ich Gabi noch immer sagen.
Aber der Track des TGC 2013 ging hinunter und die Felsen waren nass. Welch ein Glück, dachte ich, dass ich diese Passage schon kenne, ich glaube, Espen hätten sonst weniger gezittert wie ich. Ich bin ja so ein Angsthase, wenn ich mich nicht sicher fühle.
Anschließend kommt man auf den Parkplatz vor dem Roque Nublo, dort geht es aber nicht hinauf, was ich sehr bedauert habe, sondern runter und wieder rauf Richtung Garanon, dem höchsten Punkt der Strecke, da, wo es wie schon im Vorjahr lauwarme Nudeln gab mit einer Bolognese-Sauce. Für uns Vegetarier blieben die Nudeln eben lauwarm und trocken.
Vielleicht hat mal einer der Veranstalter eine Eingebung und es gibt dort irgendwann auch eine klassische Tomatensauce?

Agaete5Dort in Garanon gab es auch die Drop-Bags, es war der Start des Marathons und die Illusion, dass es nun nur noch abwärts gehen würde. Aus dem Vorjahr aber wusste ich aber noch, dass das ein großer Irrtum war. Ich hatte nach dem Essen und Umziehen noch immer fast fünf Stunden Reserve vor dem Cut Off, ließ mich von diesem Punkt aus auch nicht mehr überholen und ich ließ, vor allem auf den letzten acht Kilometern, mindestens drei Dutzend Läufer hinter mir. Dennoch sank mein Vorsprung auf den Cut Off kontinuierlich und ich konnte nur noch 3 1/2 dieser anfänglichen 5 Stunden ins Ziel retten.
Wer also in Garanon am Zeitlimit war, der „hatte dann auch gleich fertig“. Die Berechnung der Cut Off Zeiten könnte also ein wenig optimiert werden.

Über die Strecke von Garanon aus breiten wir hier an dieser Stelle mal den weiten Mantel des Schweigens aus, ich denke jetzt nicht mehr an die unglaublich falsche Beschilderung, die uns die längsten 13 Kilometer aller Zeiten beschert haben, erst, um uns zu ärgern und dann, um festzustellen, dass es nun noch viel kürzer war als eigentlich angegeben … steile Abstiege, Konteranstiege, der berühmt-berüchtigte Lauf durch das trockene Flussbett und das Einlaufen nach Las Palmas über ein unschönes Gewerbegebiet, all das will wirklich niemand wissen.
Welch ein Glück hatte ich, dass ich mit dem Schweden Magnus einen Laufpartner gefunden hatte, mit dem zu sprechen meine Aufmerksamkeit von den übleren Seiten des Laufs weg nahm.

Beim vorletzten Verpflegungspunkt war ich todmüde. Ich lallte nur noch wie ein Betrunkener und ich wollte unbedingt schlafen. Das ging dort aber nicht, es war zu kalt, es gab keine Liegemöglichkeit, keine Decken und das Gebläse des Heizofens war so laut, dass an Schlaf nicht zu denken war.
Gabi gab mir telefonisch noch einen kleinen „Einlauf“, also gingen wir weiter und beschlossen, schneller zu werden. Magnus meinte, dass das die Müdigkeit hemmen würde. Eine Dose Energydrink aus meinem Rucksack in mich hinein, das Tempo gesteigert ging es weiter durch die Nacht.
Und es wurde besser. Es wurde sogar wieder richtig gut.
Die Müdigkeit verschwand mit jedem Läufer, den wir überholten.

Ob das 119 K Läufer des TransGranCanaria waren oder ob wir die letzten Läufer des 83 K Advance Laufes eingeholt hatten, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich mit vielen dieser Laufkollegen Mitleid hatte. Teilweise war ein normales Gehen nicht mehr möglich, die Schmerzen sah man förmlich in den Gesichtern und ich kann mir gut vorstellen, wie frustrierend es dann sein muss, wenn dann zwei Läufer wie Magnus und ich an diesen Läufern noch einigermaßen locker vorbei gelaufen sind.
So sammelten wir Läufer für Läufer ein.

Drei Kilometer vor dem Ziel gab es dann eine Bodenmarkierung. Die kannte ich schon. Von da an geht es fast nur noch bergab und Magnus und ich trabten diese Strecke gemächlich ab. Irgendwann kam dan die große weiß angestrahlte Brücke, unter der es durch geht. Jetzt waren es nur noch 800 Meter. Das Tempo etwas reduzieren, um Kraft für die Gerade auf der Promenade zu haben, noch 400 Meter bis zum Ziel.
Jetzt langsam das Tempo steigern, die Strandpromenade entlang, am Ziel vorbei, in die Biegung rein und parallel zur Strandpromenade auf den Zieleinlauf. Schneller werden. Das geht noch was.

Hand in Hand mit Magnus liefen ich über die Ziellinie, 85 Minuten später wie erhofft, 34 Minuten später als im Vorjahr, aber glücklich. Ich gab den Zeitnahme-Chip ab, holte meine Finisherweste und grinste.

AgaeteUnd am Ende herrschte nur noch pures Glück, trotz allem Hadern, trotz des Wetters, dem Geläuf, der Versorgung, den Verlaufern und allem, worüber man während knapp 25 1/2 Stunden schimpfen kann.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine wunderschöne Inselmitte, an die Blicke auf den Roque Nublo, den Pico de las Nieves, an diese tolle Passage in den Felsen, an temporäre Laufpartner, die mich motivierten und inspirierten, an leckere Orangen und an die Gesichter meiner Gabi und Magnus‚ Freundin, in denen sich unser Glück spiegelte.

Kurz hinter Las Palmas war ich dann im Mietwagen fest eingeschlafen. Der Schlaf war gerecht und die Träume drehten sich um die letzten 119 Kilometer.

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Im Ziel, die gelbe TransGranCanaria-Finisherweste in der Hand.