„An einem Sommermorgen, da nimm den Wanderstab. Es fallen deine Sorgen wie Nebel von dir ab.“ – Theodor Fontane
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Wenn wir längere Läufe planen, dann nehmen wir uns dafür viel Zeit, ganz viel Zeit. Da wird langfristig geplant, oft Monate, manchmal Jahre im Voraus. Geplant wird die Anreise mit dem Flugzeug, mit dem Auto, mit dem Fahrrad, da werden die entstehenden Kosten kalkuliert, Übernachtungsmöglichkeiten werden ergoogelt und gebucht, man sieht sich im Detail die Strecke an, bemüht unter Umständen sogar Google Earth, um sich die Strecke, die gelaufen werden soll, wirklich bildlich vorstellen zu können man fragt im Freundeskreis herum, ob auch einige der Lauffreunde bei diesem oder jenem Lauf dabei sind.
Man sucht das Internet kreuz und quer nach Berichten und Fotos ab, hofft, Hinweise zu finden, die einem den einen oder anderen Fehler ersparen helfen. Man macht sich erste und letzte Gedanken über das Material, das man für solch einen langen Lauf braucht, ob in der Wüste, im Eis, auf dem Berg oder im Moor.
Dabei gilt: je länger eine Strecke ist, desto langfristiger und detaillierter ist die Vorplanung.
Ich aber liebe auch diese Art Läufe:
Zum Beispiel, wenn „der Hexer“ Michael Frenz über Facebook anfragt, ob denn jemand spontan Lust hätte, von Detmold nach Paderborn zu laufen. Einfach so, mitten in der Woche. Viel Regen war bestellt, die Temperatur war herunter geregelt, die Bahnstrecke für den Rückweg von Paderborn nach Detmold war nicht intakt, beste Voraussetzungen also für uns.
Der Lauf aber war, abgesehen davon, dass er eben sehr nass war, vor allem am Ende, sehr nett. Ich hatte leider eine falsche Entscheidung bezüglich der Schuhe getroffen und habe auf die HOKAs verzichtet, ein Fehler, der mir schon ab Kilometer 20 klar gemacht hat, dass ich mich in diese klobigen Dinger wohl verliebt haben muss. Aber Michael war nachsichtig mit mir und hat geduldet, dass ich noch ein wenig langsamer war wie geplant.
Oder ein anderes Beispiel: wenn Andreas Haferkamp, alias „Hermann, der Einladende“, mich, in diesem Fall alias „Hermann, der Eingeladene“, zum Hermann einlädt.
So sollen die rund 156 Kilometer auf dem legendären Herrmannsweg am 24.-25. Oktober nonstop bewältigt werden, idealerweise in 36 Stunden, gerne aber auch zeitlich etwas ausgedehnter.
Für all diejenigen, die genausowenig wie ich wussten, dass der jährliche Hermannsweg-Lauf nur einen sehr kleinen Teil des Herrmannsweges darstellt, eben nur knapp 32 dieser rund 156 Kilometer, sei gesagt, dass der Hermannsweg einer der bekanntesten Wanderwege Deutschlands ist und als Kammweg des Teutoburger Waldes von Rheine bis hinauf auf den Lippischen Velmerstot verläuft.
Entlang dieses 156 km langen Weges findet man viele Sehenswürdigkeiten, wie das „Hockende Weib“ der Dörenther Klippen, Deutschlands größtes Freilicht-Musiktheater in Tecklenburg, das Schloss Iburg mit seinem barocken Rittersaal, die Sparrenburg in Bielefeld und natürlich das Hermannsdenkmal in Detmold. Aha, denke ich, da war ich doch mit Michael Frenz gerade erst?
Historisch soll dieser Weg an die Varusschlacht erinnern, in welcher Hermann der Cherusker als Anführer der Germanen vor 2000 Jahren eine entscheidende Schlacht gegen die Römer gewann. Hermann der Cherusker, der in Rom als Mündel angenommen, von den Römern als Soldat ausgebildet und in Kroatien die Kampfkunst der Römer real studieren konnte, wurde von Martin Luther so genannt, die Römer aber nannten ihn Arminius. Gut, dass Luther ihn da anders genannt hat, ich würde ja nicht so gerne als „Arminius, der Eingeladene“ mit „Arminius, dem Einladenden“ auf dem Arminiusweg unter anderem zum Arminiusdenkmal gehen.
Gut auch, dass wir nicht Hermanns Lebensweg von Germanien über Rom nach Kroatien und zurück nach Germanien laufen müssen, da würden zwei Tage innerhalb einer Woche wohl nicht reichen. Außerdem wäre es sehr schwer, vorab alle etwa 30 Kilometer ein Depot an Getränken und Nahrung anzulegen.
Welche Läufe tummeln sich dort alle auf dem Hermannsweg!
Der bekannteste ist wohl der kurze Hermannsweg-Lauf, den ich schon wegen der fehlenden Länge seit Jahren nicht mehr gelaufen bin. Im nächsten Jahr wird es dort den „Double H – Hermannsweg extrem“ über 63 Kilometer geben, auch eingeladen und organisiert von Andreas Haferkamp, aber unzählige Laufkollegen sind den ganzen Hermannsweg schon komplett gelaufen, teilweise nonstop, oft aber auch als Etappenlauf.
Rekorde brechen wollen Andreas Haferkamp, alias „Hermann, der Einladende“, und ich, alias „Hermann, der Eingeladene“, beide nicht. Ich würde es bei meinem schlechten Trainingszustand auch gar nicht erst versuchen wollen. Nach dem UTMB Ende August habe ich mir ja einen Monat der Regeneration verschrieben und ich wollte dann, so war der Plan, im Oktober bis Mitte November die Trainingsumfänge wieder so weit steigern, dass ich die 141 Kilometer des KoBoLT von Michael Eßer und Andreas Spiekermann am 23.-24. November einigermaßen bewältigen kann.
Diese spontanen 156 Kilometer auf dem Hermannsweg kommen also eher zur Unzeit, einen Monat zu früh – und damit genau richtig.
Wie ich oben schon geschrieben habe, ich liebe ja diese Art Läufe, die Läufe, die in etwa so vereinbart werden wie manche einen Kneipenbesuch unter Freunden vereinbaren.
„Hast Du in zwei Wochen schon etwas vor? Wollen wir dann in die Kneipe um die Ecke gehen, etwas trinken und dabei Fußball auf Sky ansehen?“
Bei uns entfallen halt die Kneipe, das Bier und natürlich auch der Fußball. Dafür kommen bei uns halt viel mehr Kilometer zusammen als beim Kneipenbesuch.
Sport ansehen ist zwar schön, den Trainingszustand verbessern tut Sport aber nur, wenn Du ihn auch machst.
Es ist da wie so oft im Leben bei den Dingen, die wirklich schön sind, wie beim Essen beispielsweise: Zusehen alleine macht nicht satt, reicht nicht aus.
Und so laufen wir auf dem Hermannsweg und denken an Hermann, den Cherusker, an den, der „Germanien“ ein Stück weit befreit hat.
Auch, um uns von den Alltagssorgen zu befreien.
Und auch, weil ich solche spontanen Läufe so sehr liebe.

Als ich 2012 für The North Face ein wenig über deren Läufer und meinen alten Trans Alpine Run – Laufpartner Heiko Bahnmüller schreiben durfte, lernte ich zuerst Judy Ng, die für Denis Wischniewski’s Trail Magazin schrieb und dann ihren Lebenspartner Thomas Bohne kennen. Thomas ist ein junger und sehr schneller Läufer, auch in der unsäglich nassen Nacht von Chamonix 2012. Und Judy, Thomas und ich verstanden uns spontan ausnehmend gut.
Außergewöhnlich war auch die Idee der beiden, mitten in Chamonix ein „Deutsches Haus“ einzurichten. Mit der Unterstützung des Trail Magazins, von Patagonia, Erdinger Weißbier Alkoholfrei und 4Deserts.com wurde also ein großes Chalet gemietet, in das sich deutsche Athleten und Medienvertreter einmieten konnten. Und ich war wohl der erste Läufer, der dafür zugesagt hatte. Dabei ging es den beiden darum, eine Anlaufstelle für die doch relativ wenigen vor Ort weilenden deutschen Teilnehmer zu schaffen. Eben so, wie man es beispielsweise auch von den Olympischen Spielen kennt.
Als ich am Sonntag vor dem UTMB am frühen Abend endlich in Chamonix ankam, brauchte ich schon eine Weile, um das „Deutsche Haus“ zu finden. Eine verdächtige schwarz-rot-goldene Fahne hat mir aber schließlich doch verraten, welches der vielen Chalets damit gemeint war. Außer Judy, Thomas und Marius Keil war noch niemand da, ich bezog mein Einzelzimmer, richtete mich ein und gewöhnte mich langsam an das weiche und sehr hohe Bett.



Aber Eberhard war, außer Läufer zu sein, noch mehr. Bergsteiger, Abenteurer mit einem hohen Ziel, dem höchsten, dass man auf dieser Erde anstreben kann. Henk hatte keine hohen Ziele, seine Höhenangst hinderte ihn, von der Welt über den Wolken zu träumen.
Als der Nepalese Tenzing Norgay Sherpa und der Neuseeländer Sir Edmund Hillary 1953 den Gipfel zum wahrscheinlich ersten Mal in der Menschheitsgeschichte betraten, war die Regenzeit noch etwas später, seit Jahren aber kommt sie früher und früher, eine der vielen Folgen der Klimaerwärmung.










Eschwege ist tatsächlich eine schöne Stadt mit tollen und riesigen Häusern, meist noch aus der Gründerzeit und die Laufstrecke Richtung Thüringen, die sich erst 10 Kilometer lang relativ flach durch ein Tal zieht, ist auch schön. Und dann kommt Wanfried.