Osh, Kyrgystan (Kirgistan)

DSC_3810Heiß ist es in Osh, vermutlich noch heißer als in Deutschland. Und vermutlich ist es dennoch im Winter kälter als bei uns. Kontinentales Klima halt, weit und breit kein Meer, das die Temperaturunterschiede begrenzen könnte. Osh liegt eben schon weit in Asien, direkt an Russland klebend.

Schön ist es nicht in Osh, vermutlich würde ich, wenn ich hier ein Jahr bleiben müsste, mindestens depressiv werden. Das „System UdSSR“, die bürgerkriegsähnlichen Konflikte vor einigen Jahren, die schwache Wirtschaftskraft, hier versucht jeder nur, zu überleben.
DSC_3815So viele Bettler, vor allem alte Frauen und alte Männer, habe ich noch nie in einer Stadt gesehen. Aber die, die davon nicht betroffen sind, zweifellos die überwiegende Mehrheit, sind stolz. Auf sich, auf Kyrgystan.

Junge Männer tragen gerne ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Kyrgystan“ und dem nationalen Grafiksymbol dazu. Oder ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Russia“.
Davon ist man nicht weit entfernt, nicht nur wegen der gemeinsamen Grenze, die zufälligerweise auf dem Grat zwischen Basecamp 3 und dem Gipfel des Pik Lenin verläuft, sondern auch, weil die vielen Jahre im kommunistischen System der UdSSR, später der GUS-Staaten, tiefe Spuren hinterlassen haben.

Ältere Männer tragen oft einen ganz besonderen,  einen typisch kirgiesischen Hut, traditionell, hoch, mit einem Schlitz vorne in der Krempe und mit einem Text, den ich nicht lesen konnte. Dieser Hut wurde oft mit einer Weste kombiniert, die mich an Zimmermannsleute erinnerte.
DSC_3858Über die Stadt verteilt sieht man viele Statuen in kleinen Parks, selten aber sind diese Statuen ohne Macken und noch seltener ist der dazu gehörige Park gepflegt. Vertrocknetes Gras, herumliegender Müll, vieles wirkt trostlos, nicht nur in diesen Parks. Lampen sind oft zerschlagen und ohne Funktion, Springbrunnen funktionieren selten und die Fahrgeschäfte auf dem dauerhaften Jahrmarkt, einem Abklatsch des Wiener Praters, sind uralt und weisen ebenfalls oft erhebliche Macken auf. Und dennoch ziehen sie die Familien mit kleinen Kindern magisch an, die Kinder, die für den Gang auf den Rummel ganz besonders schön angezogen daher kommen. Mutti gibt sich immer dann besondere Mühe, wenn es auf den Jahrmarkt geht.
DSC_3812 DSC_3854 DSC_3865 DSC_3883 DSC_3895Staubig ist die Stadt, überall spürst und siehst Du den Dreck der Stadt, verursacht durch die Autoabgase der vielen, meist sehr alten Autos und durch das Aufwirbeln des Drecks, der sich eben überall befindet. Selbst nahe dem Stadtzentrum ist bei weitem nicht jede Straße geteert und durch das Befahren dieser Dreckstraßen wird die Luft der Stadt zusätzlich belastet.
DSC_3877 DSC_3896Chaotisch ist die Stadt und die Ampelschaltungen sind oft unglaublich, das haben die Fußgänger oft genauso „grün“ wie die Autofahrer. Es wäre also naiv, bei „grün“ einfach und blind über die Straße zu gehen. Vielleicht macht sich deshalb keiner die Mühe, bei einer Straßenüberquerung bis zur Fußgängerampel zu marschieren, man versucht es genau da, wo man ist, erst einmal bis in die Straßenmitte und dann, im zweiten Teil, ganz rüber. Angst hatte ich dabei oft, meist habe ich mich an Frauen mit kleinen Kindern orientiert.
Dennoch habe ich einige Straßenüberquerungen überlebt, weil hier jeder auf jeden aufpasst, zum Glück. Einen Verkehrsunfall habe ich nicht gesehen, obwohl vieles oft eng aussah und aufgeregt mit intensivem Hupen begleitet wurde. Die Hupe ist halt in vielen Ländern der beste Freund des Autofahrers, auch hier in Osh.

Dicke Menschen habe ich nicht gesehen, doch, einen Mann, aber der war die absolute Ausnahme. Es gibt zwar einige Männer und wenige Frauen mit einem mehr oder weniger großen „Bäuchlein“, die meisten Menschen aber sind schlank. Und gutaussehend sind sie, vor allem die Frauen.
Moderne Frauen, die gerne „bunt“ tragen und sich ihrer Wirkung bewusst sind. Traditionelle Frauen, die sich mit Kopftuch oder Burka mehr oder weniger verhüllen. Eine Frau hatte sogar den Sehschlitz mit einem undurchsichtigen schwarzen Netz verschlossen.
Bemerkenswert fand ich vor allem einen der vielen Behinderten der Stadt. Etwa Mitte 20 Jahre alt, beide Beine oberhalb der Knie amputiert, Prothesen gab es nicht, dafür aber etwa 10, 15 cm dicke Schaumstoffpolster als Laufflächen, Beine und Polster mit Stoffbändern umwickelt, damit das Ganze hält.
Einen kleinen Spazierstock hatte er in der rechten Hand, den brauchte er zum kontrollierten Gehen auf den verbliebenen Beinstümpfen. In der linken Hand hielt er ein Speiseeis, an dem er regelmäßig leckte. Dabei sah er sehr glücklich aus, er lächelte und war mit sich und seiner Situation zumindest in diesem Moment offensichtlich im Reinen.

Groß sind sie nicht in Osh, vor allem nicht die Frauen. Die kleinen Kinder macht man fast durchweg hübsch und steckt sie in farbenfrohe Sachen. Und der kleinen Kinder gibt es mehr als genug. Und so viele hochschwangere Frauen wie an den gut zwei Tagen in Osh habe ich auch noch nie gesehen.
Und interessiert sind sie, die Bürger von Osh. Weil ich in der Stadt stets mit meinem Namibia-Hut unterwegs war, hielt mich jeder für einen Amerikaner und die wenigen, die der englischen Sprache einigermaßen Herr waren, sprachen mich an. Ob ich Amerikaner sei, Tourist und wie ich Osh finden würde.
„Interessant“ war da immer meine Standard-Antwort.
Ob man wusste, was ich damit meine? Der Glanz in den Augen und die Freude im Gesicht der Fragenden sprachen dagegen.
DSC_3819 DSC_3876 DSC_3884„Interessant“ – und da denke ich wieder an den Film „Ungeküsst“, in dem Drew Barrymoore, die die Hauptrolle dort inne hatte, erst mit Anfang 20 bemerkt hat, dass in den Vereinigten Staaten „special people“ kein Kompliment, kein Lob ist. Bis dahin hielt sie sich für etwas Besonderes …

Viele goldene Zähne habe ich gesehen, ungeheuer viele. Meist waren es die Schneidezähne und meist waren diese nicht einzeln ausgebildet, sondern, nur mit einer kleinen Rille versehen, aus einem Stück gefertigt und eingesetzt. Gerne hätte ich die Geschichten erfahren,  die zu so vielen fehlenden Schneidezähnen geführt haben, vor allem auch deshalb, weil auch viele junge Menschen davon betroffen sind.

imageDSC_3860 DSC_3861Kleine Stände auf den Straßen, gewissermaßen „Ich-AGs“, gab es zu Hauf, meist von Frauen betrieben, meist aber auch leer. Ich dachte an Aremorica in einem Asterix-Heft, wo jeder Einwohner des Dorfes Wein und Kohlen verkauft hat. Mangels Kunden setzt man sich zusammen und quatscht. Über bessere Zeiten. Statt des sich zusammen setzens gibt es heutzutage das Handy. Und so telefonieren die „Ich-AGler“ fast ständig. Überhaupt hat man das Gefühl, dass da telefoniert wird bis zum Umfallen, das Handy als Statussymbol immer und ständig am Ohr.
Meist wurden an den kleinen Ständen Lottoscheine verkauft oder zwei Sorten Eistee aus großen Fässern oder es wurden Pfirsiche angeboten, oft aber derart angeschlagen, dass ich sie aus unserem Obstkorb entfernt hätte, oder eben Melonen.
Kirgisistan scheint eine Melonen-Oase zu sein, überall siehst Du sie, sogar aufgeschnitten als Dessert im Basecamp 2 des Pik Lenin auf 4.400 Metern. Davon habe ich in den letzten Tagen mehr als genug zu mir genommen, lecker, viel Flüssigkeit, guter Geschmack.

Nicht zu mir genommen – und das nicht nur, weil ich bekanntlich vegetarisch lebe – habe ich die auf offener Straße auf einfachsten Eisengestellen gebratenen Fleischspieße. Da gab er keinen nennenswerten Abstand zwischen der Holzkohle und dem Grillgut, zudem habe ich Fleisch oft ungekühlt bei den Händlern hängen oder schon auf den Spießen für den Tag vorbereitet bei den Straßengrillern liegen gesehen, kein wirklicher Spaß bei mindestens 30 Grad im Schatten.
DSC_3849 DSC_3850 DSC_3881 DSC_3891Überhaupt, das Essen, vor allem das vegetarische …
Hunger hatte ich ja schon, aber keine Ahnung von einer kyrillischen Karte. Und weil niemand Englisch spricht und weil die Einkaufsläden zwar immer eine große Auswahl an Spirituosen, aber nie essfertige Salate hatten, bestand mein erstes Abendessen in Osh, ganz alleine, aus einer sehr kleinen Tüte Chips, vier Schokokeksen und einem Snickers, alles zu mir genommen in meinem Hotelzimmer.

Einen Tag später traf ich dann in einem Einkaufsladen, ich will das wirklich nicht „Supermarkt“ nennen, eine junge Lady, eine von denen, die mich auf Englisch ansprach und die eben mal alles von mir wissen wollten. Sie arbeitete in einem Café gleich um die Ecke, sagte sie.
„Das ist meine Chance“, dachte ich und war dann zum Mittagessen bei ihr. Schlechtes Englisch ist viel besser als gar kein Englisch!
Am Nachbartisch saß eine ältere Dame, eine Englischlehrerin, wie sie mir später sagte. Die Ansprüche sind da wohl nicht allzu hoch. Sie versuchte zu übersetzen, weil bei der jungen Bedienung nach „Where do you come from?“ und ähnliches Standards nicht mehr viele Vokabeln vorhanden waren. Ganz zum Schluss lernte ich jedoch, dass auch die Englischlehrerin neben einer merkwürdigen Aussprache auch ein merkwürdiges englisches Vokabular hatte, so wünschte sie mir, nachdem sie ihre Rechnung bezahlt hatte, auf dem Weg nach draußen „good appetit“ statt des gebräuchlichen „Enjoy your meal“.

Ich wollte also eine Gemüsesuppe, vielleicht mit Reis oder Nudeln darin, japanischer Stil vielleicht, auf jeden Fall alles vegetarisch, alles, bloß kein Fleisch. Nein, auch kein Hühnchen. Dazu einen vegetarischen Salat. Auf eine Art frittierter Kartoffel-Ecken zeigend sagte ich, dass die auch OK wären.

Ich bekam eine Hühnersupoe ohne Huhn, aber auch ohne Gemüse, Reis oder Nudeln, dafür mit den typischen Fettaugen auf der Oberfläche (Wie lange habe ich die nicht mehr fesehen?) und mit weißen, in der Flüssigkeit wabernden Fettkügelchen, die drohend darin herum schwammen, also wirklich so gar nichts für mich.
Der Salat war aber ordentlich, leider mit einer Joghurtsauce, mit Dill versetzt, immerhin genießbar und die Kartoffelecken aß ich auch zur Hälfte.
Am Abend aß ich dann aber lieber gar nichts mehr.
DSC_3829 DSC_3831 DSC_3833 DSC_3834 DSC_3835Und heute, am dritten Tag, sitze ich mit vier Russen vor dem Flughafen und wir warten darauf, dass es Mitternacht und noch ein wenig später wird. Mein Flug startet um 5.30 Uhr, ich sollte um 3.30 Uhr dort sein (sicher ist sicher), mit der Fahrt zum Flughafen hätte das ein Aufstehen zwischen 2 Uhr und 2.30 Uhr bedeutet – also kein Hotelzimmer, die Nächte sind warm und die Bänke vor dem Terminal sind groß.
Und mit den Russen habe ich vereinbart,  dass wir gegenseitig auf uns und unser Gepäck aufpassen.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich am liebsten von überall, wo ich bisher in Asien war, nie wieder zurückgekehrt wäre.
Hier in Osh aber zähle ich die Stunden, die mich erlösen, die Stunden, bis ich in den Flieger nach Istanbul einsteigen darf.

Und wenn wir dann abheben, dann werden mir nur die Worte in den Sinn kommen: „Heim, heim, heim …“DSC_3901 DSC_3907


Nachtrag: Der Shop im Terminal ist schon geschlossen, aber einer der Russen sagte mir, dass gleich um die Ecke ein kleiner Laden wäre. Ich ging in die gezeigte Richtung und stellte fest, es waren sogar Dutzende kleiner, einfacher Läden, immer nebeneinander, alle mit nahezu dem gleichen Angebot, viele Sweeties dabei, aber kein Salat.
Ich bin in einen Laden nach dem nächsten gegangen, ohne etwas zu finden, was ich wollte, bis mich nach vielleicht sechs Läden ein Kirgiese auf Englisch (!) fragte, was ich denn haben wolle.
„Einen Salat“, antwortete ich, „Karotten oder ähnliches“.
Und dann führte er mich zu fünf seiner Kumpels, die gerade beim Essen waren, unter anderem: Salat. Eine Art Sauerkraut-Salat mit Rindfleisch-Stückchen in der einen Schüssel und, etwas für mich, ein leckerer Weißkohlsalat in einer anderen Schüssel. Dazu bekam ich eine Art Brot, eine köstliche lokale Spezialität, kleine, in Fett ausgebackene Rauten und später gab es noch ein mit kleinen Kartoffelstückchen gefülltes Teigtäschchen und eine Cola.
Vier der sechs Jungs sprachen ein akzeptables Englisch und wenn einem mal eine Vokabel gefehlt hatte, dann hat er im Kreis nachgefragt, meist hat es dann geklappt. Oder man hat es irgenwie beschrieben, das, worüber man reden wollte.

Und ich beantwortete so viele Fragen. Ob ich Frau und Kinder hätte, wo in Deutschland wir wohnen würden, ob ich einen BMW fahren würde und was ich von Kirgisistan wüsste. Einer, „Sam“, der komplette Name war zu schwer für mich, der auch im Sicherheitsbereich des Flughafens arbeitet (er hatte den entsprechenden Dienstausweis um den Hals hängen), surfte gleich bei Google Pictures nach Aufnahmen aus seinem Land. Und er erzählte und schwärmte und sagte, ich müsse beim nächsten Mal unbedingt zu diesem See, zu diesem Berg, zu dieser Moschee und in dieses, in eine zauberhafte Höhle eingebaute, Museum.
Und er war schon in Österreich,  in Salzburg, Innsbruck und Reutte, wo seine Schwester lebt und er war in Bayern, in Bad Tölz und in München. Er liebt die Kultur, die Geschichte, die Schlösser und die Alpen. Ob ich auch die Geschichte der Schlösser und Könige lieben würde? „Klar,“ log ich. Und Dschingis, der junge Freund, erzählte mir viel von Osh und Biskek.
Insgesamt kam ich so dem Abflug eine Stunde näher.
Bezahlen durfte ich nicht und nichts, es sei doch eine Einladung gewesen. Und ich habe noch eine Tüte guter, grüner Trauben mit auf den Weg bekommen.
Ich dankte und ich verabschiedete mich von jedem Einzelnen mit einem festen Händedruck und ich dachte mir, dass es solch eine Gastfreundschaft einem vollkommen Fremden gegenüber auf dieser Welt nur sehr selten und in unserer mitteleuropäischen „geben-und-nehmen“-Kultur wohl gar nicht gibt.
Warm, wohlig, wunderbar …

Danke an Euch sechs Jungs, vielen lieben Dank!
DSC_3872Nachtrag 2: Das Einchecken geschieht hier in merkwürdiger Weise. Um 2.30 Uhr kam über Lautsprecher in türkischer, lokaler und englischer Sorache, dass nun das Check-In für den Flug der Turkish Airlines nach Istanbul um 5.30 Uhr Abflugszeit beginnt.
Wie saßen zu diesem Zeitpunkt im Terminal und wussten, dass es wohl über den Eingang C1 abgewickelt würde. Noch hatte ich keine Bordkarte, ich versicherte mich aber, dass es die erst später, nach der Kontrolle und der Gepäckaufgabe, geben würde.
Ein paar Lichter gingen an, etliche Menschen kamen durch die Türe, durch die wir hinein wollten. Dann geschah 20 Minuten lang wieder mal nichts. Irgendwann aber begann sich eine Reihe zu bilden und mangels besserer Ideen stellte ich mich einfach mal dazu.
Dann ging es voran, zuerst musste jeder an dem Herren vorbei, der kontrolliert het, dass man einen Pass hat – und ein Ticket. Meines war ja nur eine eMail Bestätigung, aber immerhin. Dann ging es weiter zum Scanner, ähnlich wie im Rest der Welt, nur dass ich weder Schuhe noch Gürtel ausziehen musste. Und mein Tab durfte im Koffer bleiben. Danach kam der problemlose Gang durch das Scanner-Tor.
Es folgte ein Tisch, an dem zwei Menschen eifrig bemüht waren, jedes aufzugebende Gepäckstück in Plastikfolie einzuhüllen. Bei meiner Art, den Rucksack zu packen war das aber sehr von Vorteil, vor allem wegen der nur mäßig befestigten Bergschuhe und den langen Treckingstöcken.
Irgendwann sagte einer der Herren zu mir „Hundert, Hundert“ und er zeigte auf die Pakete. Nicht viel Geld, etwa zwei US-Dollar pro Gepäckstück, aber ich war schon froh, dass ich mein kigiesisches Restgeld noch nicht verschenkt hatte.

Das Gepäck wie den Reichstag in Berlin verpackt stellte ich meine beiden Pakete auf die Waage. Etwas weniger Gewicht wie beim Hinflug,  besser so als anders herum, dachte ich. Und erst dann durfte ich mich wegen einer Bordkarte anstellen. Das Gepäck wird direkt nach Frankfurt gecheckt, meine Bordkarte von Istanbul nach Frankfurt aber bekomme ich erst in Istanbul, schade. So habe ich das auch noch nicht erlebt.
Nun kam die Passkontrolle,  wobei der Beamte offensichtlich Spaß daran hatte, mal wieder sein Englisch auspacken zu dürfen. Wann ich angekommen wäre, wo ich war, wo ich in Deutschland wohnen würde, ob es da flach oder bergig sei.
Ich beantwortete brav alle Fragen, noch vor wenigen Jahren wäre mir das schwerer gefallen.
Ein Ausgangsstempel in den Pass, plopp, dann wollte er meine Bordkarte sehen. Auch sie wurde von ihm gestempelt.
Als nächstes ging es ein paar Meter weiter zu einer Dame, die die Bordkarte sehen wollte.  Auch sie wolkte diese stempeln und hakte meinen Sitz auf ihrer Liste ab.
Personalkosten sind wohl nicht das Problem hier, aber wenn das sich mal ändern sollte, dann könnte ich ein paar Firmen empfehlen,  die solche Ablaufprozesse optimieren und rationalisieren könnten.
Nach all dem war es 3.15 Uhr, noch 2.15 Stunden bis zum Abflug.
Mittlerweile ist es schon 5.00 Uhr und die Schlangen an der Passkontrolle werden erst jetzt kürzer, gut, dass ich früh da und dabei war …
Wie wir alle aber um 5.30 im Flugzeug sitzen sollen ist mir ein Rätsel und dennoch rollen wir um 5.50 Uhr  an und sind um 5.55 Uhr in der Luft. Und während die Sitze beim Hinflug Istanbul-Osh gnadenlos eng standen, hat beim Rückflug jeder Passagier mehr als genug Beinfreiheit. So macht Fliegen Freude.
Und wenn es heim geht, zur Familie, die man lange nicht mehr gesehen hat, dann steigert sich diese Freude noch mehr.

„Heim, heim, heim …“DSC_3455

SIT – „Ich mag es, lange unterwegs zu sein.“

Eine starke Woche noch, genauer noch acht kurze Tage, dann heißt es mal wieder „Gruezi Schwiitz!“
Oder etwas moderner: „Davos calling … !“

Auf jeden Fall rufen 201.800 Meter Trail, 11.480 Höhenmeter uphill und 11.480 Höhenmeter downhill, eine wunderbare Landschaft in der Zentralschweiz durch die Bünder Bergwelt, es rufen 18 Verpflegungspunkte, zuzüglich dem Verpflegungs-. Start- und Zielpunkt in Davos,  und es rufen wunderschöne Peaks wie der Sertigpass, der Furcola, der Lunghinpass, dass Weisshorn und der Strelapass, um nur einige der zu belaufenden oder zu „speedhikenden“ Spitzen zu nennen.

162 männliche Starter finde ich auf der Startliste für den SIT 201, davon 26 Deutsche, aber den Namen nach kenne ich nur den Chef und Herausgeber des TRAIL-MAGAZINs, Denis Wischniewski.
17 weibliche Starter garnieren diese „Königsetappe“, davon 2 Deutsche, dem Namen nach kenne ich nur die Lady, die eigentlich schon alles gelaufen hat, was sich laufen lässt, Anke Drescher. Mit ihr habe ich damals beim TdG ein paar gemeinsame Kilometer absolviert.

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Auf den kürzeren Strecken sind es 63m und 17w Teilnehmer beim SIT 141, 131m und 20w Teilnehmer beim SIT 81, 125m und 28w Teilnehmer beim SIT 41 und die Strecke, nach der es sich kaum lohnt, das Laufshirt wieder zu waschen, der SIT 21, wird von 119m und 62w Teilnehmern besucht.
Zusammen sind das 734 LäuferInnen, immerhin. Und es werden auch nicht mehr mehr werden, da die Online-Registration geschlossen ist und Nachmeldungen nicht angemommen werden können.

Und für diese 734 LäuferInnen hat sich Tuffli Events schon jetzt sehr viel Mühe gegeben. So gibt es eine Swiss Irontrail Sonderbeilage, die Du Dir bei ISSUU.com ansehen kannst, vielleicht sogar ansehen solltest. Darin ist das moderne und ausgefeilte GPS-Tracker-System beschrieben (Seite 7), das uns aus Sicherheitsgründen mitgegeben wird und über das die Betreuer, die Freunde und auch Dritte nachvollziehen können, wo beispielsweise ich mal wieder Pause mache.
Einige Läuferinnen und Läufer kommen zu Wort, so auch Anke Drescher (Seite 9) und auf den Seiten 4 und folgende findest Du ausgewählte Streckenabschnitte, die uns Bergläufern gleichsam das „läuferische Wasser im Munde zusammenlaufen“ lassen, die uns eher langsamen Läufern aber auch klar machen, dass es schon einem Stück Grenzdebilität bedurfte, dass unsereins sich da eingeschrieben hat.

Mal ganz ehrlich: Manchmal frage ich mich auch, was mich antreibt und ob ich wirklich immer richtig beraten bin, stets die langen Strecken auszuwählen?
Anstatt hier sicher den T 81 zu finishen, drängt mich irgendwas in mir, den T 201 auszuwählen, nicht immer die richtige Entscheidung, befürchte ich. Aber was soll’s, wir leben nur ein Mal und wenn ich es nicht versuchen würde, dann könnte ich auch das „Gefühl vom Scheitern“ nicht erleiden.
Und wenn es denn dann gut ausgehen sollte, dann labe ich mich am süßen Gift des Erfolgs, zumindest auf meinem bescheidenen Niveau.

Oder anders gefragt: habe ich überhaupt ein Recht, an ein Finish beim PTL mit meinen beiden „Franken-Express“-KollegInnen Gabi Kenkenberg und Jörg Konfeld zu glauben, wenn ich dieses Ding hier nicht packe?

Auf jeden Fall zähle ich schon die Tage bis Davos, die Spannung und die Vorfreude steigt, gepaart jedoch mit einer gehörigen Portion Skepsis und Selbstzweifeln. Gelaufen bin ich nur wenig in den letzten Wochen, gewandert aber bin ich dafür sehr viel.
„Ich mag es, lange unterwegs zu sein,“ sagte Anke Drescher. Ich mag das auch, sehr sogar …DavosFür die 4 UTMB-Punkte laufe ich nicht in der schönen Schweiz, ich laufe, um mal wieder eine „Story to be told“ zu erleben, eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.
Aber nach den kleinen und großen Pannen dieses Jahres und in Anbetracht dessen, was da an Problemchen dieses Jahr noch kommen kann … vielleicht würde ich genau diese 4 UTMB-Punkte irgendwann mal dringend brauchen.
Für die nächste Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, dann aber in und um Chamonix …
2015

Mehr als nur ein Stock

Ideen uns Skizzen von Philip Mes (www.philipmes.de)

Ideen uns Skizzen von Philip Mes (www.philipmes.de)

Viola Zaltron ist zwei Jahre alt und sie wartete am TorTOUR-Samstag auf ihren Vater Andrea, der ihr versprochen hatte, unseren gemeinsamen Workshop vom Freitag nicht mehr allzu lange dauern zu lassen.
Viola wird wahrscheinlich in vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren die neue Chefin von FIZAN sein (Fizan Srl, Via Borgo Tocchi, 18, 36027 Rosà (Vicenza), Italien), einem der internationalen „big player“ in der Stockherstellung.
Sie wäre dann die vierte Generation von Zaltrons, die sich um alles kümmern, was wichtig ist, damit die Stöcke, die dort produziert werden, möglichst perfekt sind.
2014-06-06 18.22.39Andrea, der jetzige Chef, ist ein sympathischer Mittvierziger, den man aber gerne einige Jahre jünger schätzen würde. Er beaufsichtigt jetzt, eben in der dritten Generation, dieses Unternehmen, von dem ich, ehrlich gesagt, erst im vergangenen Sommer anlässlich der TRAIL-MANIAK Veranstaltung „Vom Marienplatz auf das Top of Germany“ gehört habe.
International ist man also noch erheblich besser aufgestellt als im Teilmarkt Deutschland, das war eine von vielen neuen Erkenntnissen, die ich bei der Werksbesichtigung gewinnen konnte, mit der der Workshop zum Thema „Wir machen den perfekten Stock“ begann. Dass man aber auch im Telmarkt Deutschland ganz vorne dabei ist, dafür setzt sich insbesondere der deutsche Distributor von Fizan, die Christoph & Markus Krah GmbH (www.krah.com) ein.
2014-06-07 08.36.58Andreas Großvater begann 1947 mit der Produktion der ersten Stöcke. Und er war, damals noch woanders angestellt, weltweit der erste, der Stöcke aus Aluminium herstellte. Leki folgte dann ein Jahr später und irgendwann wurde Stahl als Stockmaterial nirgendwo mehr verwendet und Bambus, die Alternative, verschwand ebenfalls aus der Produktion.
Heute ergänzt Carbon das Materialspektrum, Aluminium aber ist aber seit damals das meist genutzte Material.
Ganze 6 Paar Stöcke verließen die provisorische Produktionsstätte damals. Im gesamten Kalenderjahr 1947!
Und auch 1948 war Andreas Großvater noch woanders angestellt, bis er mutig genug war, sich ausschließlich auf die Herstellung von Stöcken zu verlassen. Damals waren mit Stöcken hauptsächlich Winterartikel gemeint, heute aber machen die Sommerstöcke rund 70% des Gesamtumsatzes aus.
2014-06-06 15.01.102014-06-06 15.06.182014-06-06 15.05.40 Und etwas größer und vielfältiger ist die Produktion seither auch geworden. Aus diesen 6 Paar im Jahr 1 sind mittlerweile rund 500.000 Paar Stöcke pro Kalenderjahr geworden.
Wow, was für eine Zahl! Wäre ich vorher gefragt worden, ich hätte diese Zahl erheblich kleiner eingeschätzt.
Und wenn ich bis zum Workshop dachte, dass es eben zwei Materialien gibt, dass es einteilige, zwei-, drei- und vierteilige Stöcke gibt, dass es Stöcke mit Innenverschluss und mit Außenverschluss gibt, Stöcke für Skifahrer, Skilangläufer, Nordic Walker, Trailrunner, Wanderer und dass es Stöcke als Gehhilfe gibt, dass es verschiedenste Spitzen für den Boden und Schlaufen für die Hände gibt, ich hätte mir nicht träumen lassen, wie viele verschiedene Modelle da permanent gefertigt werden müssen.
2014-06-06 14.59.07Vielen Stöcken sieht man dabei die Herkunft gar nicht an. Da steht nämlich nicht immer Fizan drauf, wo Fizan drin ist, sondern da steht vielleicht ELAN oder die Marke anderer Skihersteller drauf, da steht „Carabinieri“ drauf oder der Name und das Logo eines Trailrunning-Events. Und die Stöcke von Manfrotto kommen auch von Fizan.
Ganz aktuell werden die Läufer unter Euch, die beim ZUT 2014, beim Zugspitz Ultra Trail, unterwegs sein werden, dort eigene Eventstöcke mit dem ZUT-Logo finden, hergestellt in einem einzigartigen und patentierten Sublimationsdruck-Verfahren, das so gut ist, dass kleinste Buchstaben noch transferiert werden können.
Da ich ja selbst viel in Sublimation drucke, Tassen, T-Shirts und ähnliche Artikel, keine Stöcke, war ich ob dieser Erkenntnis und dieser Parallelität schlichtweg begeistert.
Dennoch werden die überwiegende Zahl der Stöcke im Siebdruck, in der „silk screen“-Technik, bedruckt.

Beim anschließenden, von TRAIL-MANIAK initiierten, Workshop wurde uns allen dann klar, dass unsere Eingangsgedanken meistens weit weg von dem waren, was machbar ist, dass vieles schon realisiert wurde und dass dennoch jeder seine eigene Vorstellung vom „perfekten Stock“ hat.
Schon über die Frage, ob wir Trailrunner einteilige oder dreiteilige Stöcke benötigen und darüber, ob die mehrteiligen Stöcke höhenverstellbar sein sollten, stritten wir. Da ist der Transport, vor allem im Koffer oder im Handgepäck, da ist die Mitnahme im Rucksack. Da ist aber auch die Erkenntnis, dass kein Trailrunner die Regel befolgt, Stöcke beim Aufstieg 10 Zentimeter kürzer zu haben als bei Abstieg.
Ich stelle mir immer den Stau auf dem Grat vor, wenn alle Trailrunner auf der kleinen Fläche stehen bleiben, um die Stocklänge zu verändern …
Herrlich streiten konnten wir auch über die Schlaufen, die verwendet werden sollten. Ich hatte bisher ja nur die losen Schlaufen von Komperdell, eine Mischlösung von Black Diamond und habe die Schlaufenlösung, wo man die Schlaufe ständig um die Hand gezippt hat und die Schlaufe immer wieder in den Stock ein- und ausklickt, erst an diesem Tag kennen gelernt. Damit auf dem Trail unterwegs zu sein war aber ein spätere, eine gute Erkenntnis, die ich für die nächsten Bergläufe in Andorra und in der Schweiz weiter testen werde.
Die letzte Streitfrage aber war die „modernste“, nämlich die über das Material. „Carbon ist cool“ hieß es da. Carbon ist aber auch hoch angesehen beim Kunden und daher lässt sich ein höherer Verkaufspreis realisieren. Carbon hat aber nicht nur Vorteile. Und der leichteste Teleskopstock der Welt, natürlich ein FIZAN-Stock, wiegt nur 158 Gramm und ist aus Aluminium, nicht aus Carbon.
2014-06-06 14.46.54Als Resultat dieses Workshops hat Andrea einige Vorstellungen von uns erhalten und er soll versuchen, daraus etwas ganz spezielles für TRAIL-MANIAK zu basteln, mit einem eigenen Design und einer eigenen Kombination aus Materialien, Techniken und Nutzen.
Ich bin gespannt, was wir da noch erleben werden.

Die FIZAN-Stöcke, die ich mir zum Testen ausgesucht habe, sind Einteiler. Solche hatte ich nämlich noch gar nicht.
Und Andrea, selbstverständlich auch ein Sportler, dachte sich dann noch, dass er uns noch eine weitere Freude machen könnte und er lud uns zu einem eigentlich schon ausverkauften Trailrunning-Event „Antico Trail del Contrabbandiere“ am darauf folgenden Sonntag ein. 37 Kilometer mit 2.500 Höhenmetern auf dem alten Tabakschmuggler-Weg „Alta Via del Tobacco“.
2014-06-06 18.09.10 Steil rauf, steil runter, technisch schwierig und so hart, dass die zur Marathonlänge fehlenden Kilometer keine Rolle spielten, auch dank der extremen Temperaturen an diesem Sonntag war ich im Ziel so kaputt wie selten. Die TorTOURisten, die Baltic Runner und die Helden vom K-UT am Vortag können ein Lied von den Temperaturen singen.
2014-06-06 18.32.05 2014-06-06 18.32.36 2014-06-07 00.24.10Ein richtig gelungenes Wochenende war das also dort im heißen Italien. Dass Andrea uns ganz italienisch galant zu leckerstem Essen und edlen Weinen am Abend in ein Restaurant auf der Piazza in Rosà ausgeführt hat, versteht sich von selbst. Und dass wir die Produktionsstätten nicht verlassen durften, ohne zwei Flaschen vom besten Rotwein der Gegend mit uns zu nehmen, auch. Italiener sind eben perfekte Gastgeber.

Und ganz vielleicht gibt es auch für den „Franken-Express“ beim PTL Ende August noch ein ganz tolles Schmankerl. Aber weil das noch auf „vielleicht“ steht, erzähle ich davon erst, wenn es ganz sicher ist.

Viola hatte dann ihren Vater wieder, wir hatten unseren Trail, FIZAN hat neue Aufgaben und ich hoffe ungeduldig, ob wir aus dem „vielleicht“ wirklich noch ein „super geil“ machen können …

Danke für dieses Wochenende, danke Andrea, danke FIZAN!
2014-06-07 15.11.16 2014-06-07 18.52.46 2014-06-07 18.53.00

Super sexy, super geil …

Vier Wochen lang war ich jetzt auf der Insel Gran Canaria, 28 Tage lang. Und morgen ist das alles „schon“ vorbei.
Vier Wochen, in denen ich viel erlebt habe auf der Insel. Da waren ungeheuer viele Menschen. Am Strand. In den Cafés und den Restaurants. Und beim TransGranCanaria.
In den Bergen. In den Dünen. In der Sonne. Im Wasser.
Da waren kleine Menschen und große Menschen. Junge und alte, hübsche und weniger hübsche. Manche davon waren nackt, andere waren trotz der Wärme dick eingemummelt, manche zeigten ihre Tattoos, andere zeigten einfach ihren Körper.
Da waren Heteros und Schwule, Lesben, Tunten und Spießer. Da waren Läufer, sehr viele Läufer sogar. Und da waren viele ganz normale Menschen.
Und alle zusammen bildeten einen mulitnationalen Mix aus Menschen, die aber einige, wenige Ziele gemeinsam hatten:
Spaß haben, Sonne genießen, entschleunigen.


Und die meisten von ihnen fanden die Insel Gran Canaria so wie ich:
Super sexy, super geil …


Natürlich muss ich ständig an das Video von Friedrich Liechtenstein denken: „Der Tourist“, das, in exzellenter Bild- und Tonqualität, von den Werbestrategen der EDEKA-Gruppe zu einem kultigen Werbe-Video „geremaked“ wurde, ein Werbe-Video, das sogar das Bild der Deutschen im Ausland ein wenig aufhellt. Humor war ja bisher nicht unbedingt die Eigenschaft, die man in anderen Ländern mit Deutschland verband …

Am meisten fehlen wird mir der fast tägliche Spaziergang von Playa del Inglés nach Maspalomas und zurück, oft auch im Laufschritt. Je nach Ausdehnung waren das immer 10 bis 12 Kilometer, 60 Minuten bis 180 Minuten, wenn noch ein Wässerchen in einer der unzähligen Kneipen in Maspalomas dazu kam.
Je früher Du dabei los läufst oder gehst, desto besser, desto schöner und desto leerer ist dann noch der Strand.

Aber mir werden auch die Berge fehlen, die ich in den letzten zwei Jahren vor, um und bei den drei Teilnahmen am TransGranCanaria begangen habe. Im Training oder als Wanderung. In der Nacht und am Tag. Im kalten Nebel und auch in der teils brüllend heißen Sonne.

Es muss wohl am neunten Tag der Schöpfungsgeschichte gewesen sein, als der Schöpfer von dem, was da um uns herum ist, die grandiose Idee hatte, dass so eine Welt ohne einen Insellauf auf den Kanaren nicht „rund“ wäre. Und vielleicht hat er die Insel Gran Canaria nur aus diesem einen einzigen Grund erschaffen: für den TransGranCanaria, dafür, dass unsereins gut 120 Kilometer weit über die Insel laufen kann.
Und er machte es uns besonders schwer und so schuf er nicht nur einen Vulkan, wo man auf der einen Seite hoch und auf der anderen Seite runter laufen kann, sondern er schuf durch viele Nebenkrater eine Landschaft, in der es ständig auf und ab geht, egal, auf welchem Weg man die Insel passieren will, herrliche Blicke über eben diese Landschaft inklusive.
Damit es dann auch eine ordentliche Menge an Zuschauern geben wird, wurden dann noch die Dünen zwischen Playa del Inglés und Maspalomas geplant, Massen an Hotels wurden gebaut – alles nur, damit wir beim TransGranCanaria Spaß haben und ordentlich schwitzen können.
TGC

Bevor es aber losgehen konnte mit dem TransGranCanaria dauerte es dann doch noch einige Jahrmillionen, damit die Vegetation Zeit hatte, die Insel einzunehmen, damit sich Bäche und Quellen bilden konnten und damit der Mensch Zeit hatte, Flussbette für nur in der Regenzeit fließende Flüsse zu betonieren, alles, damit die Läufer des TransGranCanaria Gelegenheit haben, sich über diese Streckenführung aufzuregen.
Und manchmal, ganz manchmal, lässt der Himmel dann sogar noch etwas Wasser in diesen betonierten Flussbetten fließen, das ärgert die Läufer ungemein und nährt die Legenden um diesen langen Lauf über Jahre hinweg.

SerranoAber Gran Canaria hat auch noch mehr zu bieten als Strand, Dünen und den TransGranCanaria.
Kulinarisches, beispielsweise.
Neben den bekannten spanischen Köstlichkeiten, etwa dem in fast jedem Restaurant frisch aufzuschneidenden Serrano-Schinken, dem „Jamón Ibérico“, den vegetarischen und fleischhaltigen Tapas sind es vor allem die „Kanarischen Kartöffelchen mit Mojo“ (sprich: Mocho), einer Sauce, die unter anderem aus sehr, sehr viel Knoblauch besteht, die ich so gerne bestelle. Die Kartoffeln werden dabei in so salzigem Wasser gekocht, dass die Kartoffeln auf dem Wasser schwimmen.
Für wirklich wenig Geld erhältst Du da offiziell eine Vorspeise, nach der Du definitiv keinen Hauptgang mehr brauchst. Einen Liter „Aqua de Teror“ dazu – es ist einfach wunderbar.Kartoffeln

Auf Gran Canaria ist eigentlich immer Sommer. Im deutschen Winter ist die Insel vor allem von älteren Herrschaften bevölkert, die der mittel- und nordeuropäischen Kälte entgehen wollen. Und nach den Deutschen, die das größte Kontingent an Touristen stellen, folgen auch schon mit nur kleinem Abstand die Schweden und die Norweger.
Nun, im März, nimmt die Zahl der Familien vor allem mit kleinen Kindern stark zu. Gerade für Kinder und Kleinkinder ist der Kilometer lange und oft Hundert Meter breite Strand sowie die weiten Dünen dahinter ein faszinierendes Urlaubsziel.

Für mich aber ist und bleibt die Insel vor allem die Heimat des TransGranCanaria. Und damit der Treffpunkt für ungeheuer viele Lauffreunde aus Deutschland. Es ist schon erstaunlich, dass ich manche häufiger auf der Insel treffe als bei einem Event in Deutschland.
Viele traf ich in einer der vergangenen drei Editionen des Laufs nur ein Mal, manche auch zwei Mal. Und ganz wenige, Rolf und Ulla, Tini und Andy, gehören irgendwie schon fest dazu, wenn es von Playa del Inglés oder von Agaete aus nach Las Palmas oder Maspalomas geht.

Und genau da beginnen nun meine Probleme. Wenn die vier irgendwie dazu gehören, dann gehöre ich ja vielleicht auch irgendwie dazu. Aber nicht im Jahr 2015, leider.
Weil ich dann zu dieser Zeit in Tansania sein werde, auf einem noch etwas höheren Berg, als es der erloschene Vulkan Pico de las Nieves auf Gran Canaria ist, auf dem Uhuru Peak des Kilimanjaro.
Aber dann, so die vier wollen, 2016, wird es wieder heißen:

Super Lauf, super drauf,
super Land, super Strand, super Sand, supergeil …


Mehr über den Lauf an sich findest Du hier, auch von mir geschrieben:
http://laufspass.com/laufberichte/2014/transgrancanaria-2014.htm

Stories That We Could Have Told …

AwzEs war am 07. Mai 2013 in der Bielefelder Universität bei einem Poetry Slam, einem Hörsaal Slam, wie er sich nannte.
Neben vielen anderen Slammern trat auch Julia Engelmann auf, die Schauspielerin, Poetry-Slammerin, die durch ihre Auftritte in der Soap „Alles was zählt“ nationale Bekannheit erreichte. Mit diesem Auftritt als Slammerin aber hat sie einen Meilenstein gesetzt, eine Art „Bibel für uns Normalbürger“ aufgestellt und gerade wir Ultraläufer, die wir gewöhnt sind, spektakulärere Dinge zu tun als viele andere Menschen unseres Alters, fühlen uns bei diesem Beitrag gut aufgehoben.

Wahrscheinlich hast Du das YouTube-Video, in dem ihr Slam-Beitrag dokumentiert wurde, schon gesehen, der Link wurde ja im Internet rasend schnell und tausendfach geteilt.

In ihrem Slam-Beitrag ruft Julia Engelmann zu einem bewussten Nutzen der Zeit auf, die wir auf diesem Planeten haben. Ihr Text bezieht sich dabei auf das Lied „One Day / Reckoning Song“ des israelischen Folk-Rock-Musikers Asaf Avidan.

Julia Engelmann beginnt mit:
„Eines Tages, Baby, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. …“
(Original: „Oh baby, we’ll be old and think of all the stories that we could have told. …“) und sie fährt später fort mit: „Einmal bin ich fast einen Marathon gelaufen,und hätte fast die Buddenbrooks gelesen und einmal wär ich beinahe bis die Wolken wieder lila waren noch wach gewesen, und fast, fast hätten wir uns mal demaskiert und gesehn, wir sind die Gleichen, und dann hätten wir uns fast gesagt, wie viel wir uns bedeuten.“
Zuletzt will ich sie noch aus ihrem Beitrag hiermit zitieren:
„Lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen, lass uns nachts lange wach bleiben, aufs höchste Hausdach der Stadt steigen, lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen, lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, sehn, wie sie zu Boden reisen und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind und lass mal an uns selber glauben, ist mir egal, ob das verrückt ist, und wer genau guckt sieht, dass Mut auch bloß ein Anagramm von Glück ist.“

Den ganzen Beitrag siehst Du hier, er ist es wert, öfters angesehen zu werden, finde ich:

Als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte, war ich tief bewegt. Und ich begann, nachzudenken.
Ich will am Ende meines Lebens glauben, ein guter Vater gewesen zu sein.
Und ein guter Vater ist für mich nicht zwangsläufig der, der immer zu Hause ist, sondern auch der, der seinen Kindern Vorbild sein will und sein kann und der etwas zu erzählen hat von seinem Leben.
Wir können keine Helden werden, aber wir können unser Leben so gestalten, dass wir etwas zu erzählen haben. Wir haben es in unserer eigenen Hand, Gestalter unseres eigenen Lebens zu sein. Wenn nicht wir selbst, wer dann?

Wir können einen Marathon laufen, wir dürfen die Buddenbrooks lesen und wir wollen wenigstens einmal so lange wach bleiben, bis die Wolken wieder lila werden, am liebsten beim Durchlaufen einer oder sogar mehrerer Nächte, wir dürfen und sollen uns demaskieren und zeigen, wer wir wirklich sind und dann erkennen, dass wir alle irgendwie gleich sind. Und nicht zuletzt sollten wir uns gegenseitig sagen, dass wir uns viel bedeuten, bevor es zu spät ist und das nicht mehr gesagt werden kann. Kennen wir das nicht alle, dass wir einem verstorbenen Verwandten, einer Oma beispielsweise, noch gerne etwas gesagt hätten, warum haben wir es nicht rechtzeitig getan?

Gute Väter haben mehr Gehirnzellen im Kopf als Zylinder im Auto, davon bin ich überzeugt. Und gute Väter versuchen, ihren Kindern mitzugeben, dass sie selbst auch, so sie einmal eigene Kinder haben werden, diesen wiederum gute Väter und Mütter sind und diesen Kindern auch Geschichten erzählen können, die sie erlebt haben. Und eben nicht die Geschichten, die sie fast erlebt hätten.

Ich will ab August meinen Kindern und der Welt um mich herum eine weitere Geschichte erzählen können. Eine Geschichte, die aus meiner heutigen Sicht total verrückt ist.
Ich war zwei Mal auf dem Kilimanjaro/Tansania, ich war in Equador auf dem Cotopaxi und dem Chimborazo, immerhin auf 6.320 Metern über N.N., ich war auf dem Rinjani/Lombok, Indonesien und auf dem Auyan Tepui, wo der Angel Fall ist, der mit rund 1.000 Metern höchste Wasserfall der Welt, mitten im Venezuelanischen Regenwald.
Und jetzt will ich auf den Lenin Peak, auf 7.000 Meter über N.N.
Скайраннинг 2014Dabei will ich das erste Mal nicht auf den Berg wandern, hiken, bergsteigen, sondern ich will da hoch rennen, so weit das möglich ist. Es ist ein Rennen der russischen SkyRace-Serie, es findet am 29. Juli statt, startet auf 4.400 Metern über N.N. und endet kurz unter dem Gipfel auf einem Plateau auf exakt 7.000 Metern, endlich eine „7“ vorne … !
Dass ich dafür auf den wunderschönen Lauf im Pitztal verzichten muss, nehme ich dabei gerne in Kauf. Dass ich dafür lange Zeit weg sein werde, um mich vernünftig zu akklimatisieren, auch das nehme ich gerne an.

Julia Engelmann sagt in dem Slam-Beitrag:
„Lass uns jetzt schon Gutes säen, damit wir später Gutes ernten, … also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen.“
Wie wahr, finde ich. Sie spricht mir da aus dem Herzen, wie ich es selten erlebt habe.

Der Lenin Peak ist ist der höchste Berg der Transalai-Kette im nördlichen Teil des Pamir (Zentralasien). Mit 7.134 Metern über N.N. ist er hinter dem Pik Ismoil Somoni (früher: „Pik Stalin“ oder „Pik Kommunismus“, 7.495 Meter) der zweithöchste Gipfel des Pamir.
Lenin_peak_from_Sary-mogollogoUnd auf diesen Berg führt ein Schnelllaufrennen, das von AK-SAI Travel, Sovetskayastr. 65, 720005 Bischkek, Kirgisische Republik, http://www.ak-sai.com/ds/actions/52, durchgeführt wird.
AK-SAI Travel präsentiert sich vom 05.-09. März auf dem Stand 304 in der Halle 7.2A auf der ITB in Berlin. Wenn Du also Lust hast, da mehr Informationen zu erhalten, dann bist Du dort sicher sehr willkommen.sky-runner-series
Auf der Webseite http://www.ak-sai.com/en/mountaineering/run-up kannst Du die Details des Rennens nachlesen. Ich bin dort mit dem „2 – Program Osh – Osh full package“ dabei, ich fliege also nach Osh und nicht nach Bishkek, um die Reise ein wenig zu verkürzen.
Dort siehst Du auch die Voraussetzungen, die Leistungen und nahezu alles, was wichtig ist, zu wissen. Den Startzeitpunkt am 29. Juli allerdings habe ich noch nicht finden können, wohl aber die Schlusszeit. Um 15 Uhr am darauf folgenden Tag müssen die Teilnehmer wieder im Camp sein.

Ein guter Vater sein, das ist wirklich eine schwere Aufgabe. Geschichten zu erleben, die es wert sind, erzählt zu werden, ist auch nicht allzu leicht. Aber auch in diesem Punkt hat Julia Engelmann recht:
„… unsere Zeit, die geht vorbei, das wird sowieso passieren und bis dahin sind wir frei und es gibt nichts zu verlieren.“

Wem habe ich wegen dieser Reise zu danken? Natürlich in erster Linie meiner Frau Gabi, die für mich in Deutschland die Stellung hält, meinen Kindern, die wieder einmal eine längere Zeit auf mich verzichten müssen, aber auch Thomas Schmidtkonz, ohne dessen Unterstützung diese Reise nicht möglich gewesen wäre.
Alles über dieses Rennen findest Du dann im August auf auf Laufspass.com, natürlich.
Also los, schreiben wir diese Geschichte.

Edit: Nachlesen kannst Du diese Geschichte, Neuigkeiten darüber und das Tagebuch während des Aufstiegs und des eigentlichen Rennens hier:
https://marathonundlaenger.wordpress.com/lenin-peak-2014/
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