Mein längstes Rennen …

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(klicken zum Vergrößern …)

Es war Mittwoch, 9 Uhr englische Zeit.
34 Starter standen an der Startlinie und warteten auf den Startschuss zum 250 Meilen (400 Kilometer) langen THAMES RING RACE. Ich weiß nicht, was die anderen Starter dachten, ich aber schaute mir die anderen Starter an und fühlte mich untertrainiert angesichts der optischen Zustände der Mit-Teilnehmer.
Als es dann los ging, stürmten alle, wie immer viel zu schnell, an die Themse, um sich auf die lange Reise zu machen. Ich versuchte, mich weiter hinten einzuordnen, um die erste Etappe bis zum CP1 in Hurley, also in etwa den ersten der neuneinhalb Marathons, nicht schneller als in 6 Stunden zu schaffen.

Ich erinnerte mich an das Jahr 2011. Damals war ich auch schon dort am Start, ich ging die lange Strecke viel zu schnell an, auch, um nicht hinter meinem ehemaligen englischen Laufpartner Bob Lovegrove zu liegen. Das war ein echter Amateurfehler, das Rennen nicht nach einem eigenen, auf das eigene Laufvermögen abgestellte, Plan zu laufen, sondern sich von externen Einflüssen leiten zu lassen. Das Resultat war 2011 gewesen, dass ich danach so langsam wurde, dass ich den CP3 in Yiewsley erst so spät erreichte, dass ich übermüdet war, aber nicht genug Zeit zum Cut-Off geschaffen hatte, um auszuschlafen. Dort müssen die Läufer um 9.30 Uhr am Donnerstag den CP verlassen haben und ich kam damals erst um 7.30 Uhr dort an, zu wenig Zeit zur Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme, Umstellung der Kleidung von Nacht auf Tag, zum Schlafen usw.

Nach 5 Stunden und 50 Minuten war ich dann tatsächlich am CP1. Ich lag weit hinten im Starterfeld, aber ich fühlte mich gut, aß etwas, trank viel und füllte meinen Rucksack auf. Dann ging es schnell weiter. Jeder weitere Marathon sollte in knapp 8 Stunden bewältigt werden, so mein Plan.
In Chertsey lag der CP2, bis dahin ging es immer an der Themse entlang. Da gab es teilweise wunderbare Villen und Gehöfte zu bewundern, meist mit immens großen Grundstücken und je näher wir Richtung London kamen, desto häufiger waren auch ganz moderne Bauwerke zwischen den typisch englischen Herrenhäusern zu bestaunen.
Wer deutsche Flüsse kennt, der weiß um die Begradigungen der letzten zweihundert Jahre, der denkt an einen Fahrradweg neben dem Fluss. Die Themse ist da vollkommen anders. Sie fließt in Bögen, wie sie will, meist liefen wir wirklich nur auf einem „footpath“, einem Trampelpfad, neben dem Fluss, der gelegentlich auch etwas weiter vom Fluss entfernt war. Dann galt es, Gatter zu passieren, Tore auf- und wieder zu zu machen, Leitern zu überwinden, es ist tatsächlich noch sehr natürlich dort im schönen England.
Oft führte uns der Weg aber auch einfach über Rasenstücke, Parks, Wiesen und gelegentlich aber auch über Feldwege und sogar über richtige Straßen, gelegentlich sogar mitten durch die angrenzenden Ortschaften.
Etwas ganz Besonderes war es aber, die Themse bei Eaton zu belaufen. Eaton ist ja wie manch andere Universitäten für die hervorragenden Ruderer bekannt und just an diesem Wochenende gab es eine Ruderregatta auf der Regattastrecke der Themse. Tausende von Zuschauern waren vor Ort, es gab einen VIP Bereich für die „upper 10.000“ direkt auf der Laufstrecke. Wir mussten einen Umweg über die Stadt nehmen. Anschließend kamen die öffentlichen Bereiche mit Catering-Ständen en masse, mit Engländerinnen und Engländern, die einzeln teilweise so skurril angezogen waren, dass allein dieser Anblick die Reise wert gewesen wäre. Ich brauchte einige Zeit, um zu bemerken, dass die skurrilsten Anzüge meist vielfach vertreten waren. Fast alle Zuschauer kamen im Outfit Ihrer Universität, Ihrer Verbindung, Ihres Clans, sehr traditionell, sehr bunt, sehr britisch. Skurril, aber nicht ohne Stil und Charme.
Ich gestehe, solch eine Ansammlung von Menschen schon lange nicht mehr gesehen zu haben. Den Kontrast dazu bildeten die Ruderer, um die sich alles drehte. Ein tolles Bild für uns. Nur das Laufen fiel uns allen sehr schwer. Zwar war der Weg hier tatsächlich gepflastert und einigermaßen breit, aber wir mussten stets auf die unzähligen Menschen achten, die auf dem Weg standen, uns entgegen kamen oder die wir überholen wollten. Und da Besucher nie alleine sind, sind zwei gut situierte Herren fortgeschrittenen Alters, die nebeneinander gehen oder stehen, eben auch einigermaßen breit. Ich lief über Kilometer hinweg Slalom von der einen Grasseite neben dem Weg auf die andere Grasseite, um wenigstens einigermaßen schnell weiter zu kommen. Erst am Ende der Regattastrecke konnte ich wieder normal weiterlaufen. Ich war froh, aber auch ein wenig traurig, denn eigentlich sollte man sich die Gelegenheit, solch ein Event wie die anderen Zuschauer „ganz normal“ zu besuchen, nicht entgehen lassen.

Irgendwann verließen wir an einem Park die Themse und querten einen großen Park nahe eines Luxushotels, um den berühmten „Grand Union Canal“ zu erreichen. Dort waren anfangs noch Häuser zu sehen, dann folgte ein Industriegebiet, dann begann die weite Landschaft. In diesem Industriegebiet verlor ich dann auch die Orientierung und wusste nicht mehr weiter. Ich versuchte mehrere Möglichkeiten, den weiteren Weg zu finden, alle vergebens. Welchen Fehler ich machte, weiß ich auch heute noch nicht, ich verlor viel Zeit mit der Sucherei und überlegte, was zu tun sei.
Noch ein paar Minuten zuvor überholte ich einen anderen Läufer, der sich auf einer Parkbank zum Schlafen hingelegt hatte. Sollte ich zurück gehen, mich zu ihm gesellen und dann gemeinsam suchen?
Ich wusste aber nicht, ob er einen Kurzschlaf halten wollte oder vielleicht sogar eine oder zwei Stunden zu schlafen gedachte.
Ich entschied mich, über eine Schleuse zu gehen und den angrenzenden Hang hinauf zu gehen. Ich kam dort in einen riesigen und wunderschönen Park mit einem imposanten Herrenhaus. Es gab ein bewachtes Tor zur Straße und ich folgte dieser Straße einigermaßen parallel zur Themse. Nach einem Kilometer fand ich einen riesigen öffentlichen Park und wählte die Lauf- und Fahrradwege darin aus, bis ich zu einem Schild kam, das zum „Grand Union Canal“ zeigte. Alles war wieder im Lot, der Morgen begann zu grauen und da mein Plan für die erste Nacht sowieso keinen Schlaf vorsah, war ich auch sehr gut im Plan. Ich war auch überhaupt nicht müde, als ich in Yiewley ankam, dort, wo zwei Jahre zuvor für mich das Ende der langen Reise war.
Aber ich ließ mich dort ein wenig massieren, leider und unverständlicherweise war es die einzige Massagestelle des gesamten Laufs und die war auch nur privat von einer Schwedin gemanagt worden. Aber besser ein Mal als kein Mal.

Der Canal ist weitgehend Tristesse pur. Da ist der Trampelpfad rechts oder links des Kanals, da sind die Hausboote, die angelegt haben, „mooring“ nennen das die Engländer, und da ist rechts und links etwas Landschaft. Keine Häuser, keine Ortschaften, nichts, das Abwechslung für die Augen versprechen könnte. Nur manchmal kamen Schleusen, manchmal fehlten die Hausboote. Für mich, der ich großartige Blicke von den Gipfeln liebe, war das schon eine immense Herausforderung. Aber ich kannte das ja und ich war darauf eingestellt. Und ich wusste ja, dass viele der Kilometer, die ich zurück zu legen hatte, von Kilometer-Paten gekauft wurden, für einen guten Zweck, für Kinder, deren größter Traum es vielleicht war, sich mal solch eine Landschaft ansehen zu können.

In Berkhamstedt am CP4 hatte ich schon ein deutliches Zeitpolster auf die Cut-Off Zeit herausgearbeitet, sodass ich es mir leisten konnte, am CP5 in Milton Keynes planmäßig drei Stunden zu schlafen, auch wenn mich das nahe an die Cut-Off Zeit brachte.
Meine Mission in England war „finishen“, nur das zählt, dachte ich.
Dann kam der Freitag und mit dem Freitag kam auch die Hitze. Sie war vom Wetterbericht angekündigt, aber sie traf mich dennoch mit voller Wucht. Es war das heiße Wochenende, an dem Andy Murray in Wimbledon bei 40 Grad Hitze zum ersten Mal seit Menschengedenken wieder den Wimbledon-Titel wieder auf der britischen Insel halten konnte.
Bis zum CP6 in Nether Heyford ging es noch mit dem Temperaturen, aber am Nachmittag wurde ich in der Hitze langsamer und langsamer und ich musste mich richtig quälen. Zum Glück waren die Cut-Off Zeiten je Etappe nun etwas üppiger, sodass mein langsamer werden sich nicht negativ auf mein Zeitpolster auswirkte.
Es ging an einer Canal Kreuzung dann in den „Oxford Canal“. Diese seltenen Kreuzungen wollten alle mit Bedacht gelaufen sein, zu schnell hat man den falschen Wasserweg gewählt. Aus der Historie des Laufs wusste ich, dass manche Läufer solch einen Fehler erst nach 20 Meilen bemerkt hatten.
Hilfreich war aber stets, dass die Brücken nummeriert waren und ich verglich die Nummern immer mit meinem ausgedruckten Plan.
Da es keinen GPX-Track der Strecke gab und seitens der Organisatoren noch vieles so gehandhabt wurde „wie früher“, bekamen wir an jedem CP immer einen ausgedruckten und laminierten Plan der Strecke bis zum nächsten CP und wir mussten den alten Plan immer abgeben. Es war keine optimale Lösung, aber man gewöhnt sich im Laufe der fast 100 Stunden an dieses Procedere.

Wenn ich aber gehofft hatte, dass die Strecke nach dem „Grand Union Canal“ neben dem „Oxford Canal“ besser würde, dann wurde ich bitter enttäuscht. Das Gegenteil war der Fall. Dieser Trampelpfad war wesentlich seltener begangen und oft durch dornige Gewächse und Brennnesseln überwuchert. Wenn man immer darauf achtet, sich nicht allzu oft an den Dornen zu kratzen und auch sich nicht allzu oft an den Brennnesseln zu verbrennen, dann reduziert das die Laufgeschwindigkeit weiter.
Und die Läufer vor mir hatten zweifellos hier noch größere Probleme. Es waren aber nicht mehr allzu viele Läufer im Rennen, die die Strecke hätten niedertrampeln können. Stück für Stück reduzierte sich die Läuferschar von den ursprünglichen 34 auf schlussendlich 14 Läufer, die es bis nach Streatley/Goring schafften.
Außerdem war der „Oxford Canal“ wesentlich weniger befahren, es gab oft stundenlang keine bemannte Schleuse, keinen Kiosk, kein Hausboot, nichts, wo ich hätte Wasser nachfüllen konnte. Und die Temperaturen stiegen und stiegen.
Zwei Mal luden mich Hausbootbewohner auf eine Cola oder ein Wasser ein. Ich schenkte diesen Menschen fünf Minuten Zeit, eine nette Geschichte und ein gutes Gefühl und ich ging dann weiter im Bewusstsein, hier etwas wirklich Großartiges zu leisten.
In manchen Phasen fielen mir diese Gedanken aber wesentlich schwerer.
Richtig anstrengend waren auch die beiden Berge. Zwei Mal verschwand der Canal in einem Tunnel und unser Weg führte uns einige Meilen über den Berg wieder ins Tal. Ein Mal davon durfte ich zwei Anläufe dafür nehmen, weil ich mich verlaufen hatte und wieder am Ausgangspunkt ankam. Ich wurde aber davor gewarnt, dass das passieren kann. Einer hatte einmal sogar diesen Fehler nicht bemerkt und ist dann den Canal einfach wieder zurück gelaufen, im festen Glauben, auf der anderen Seite des Berges angekommen zu sein.

Den CP7 in Fenny Compton erreichte ich am frühen Abend des Freitags. Ich hatte mir ein immens großes Zeitpolster vor dem Cut-Off herausgearbeitet, lag immerhin auf Rang 12 von Anfang 20 zu diesem Zeitpunkt noch verbliebenen Läufern, aber ich wusste, dass ich so nicht weiterlaufen konnte.
Eine Entscheidung musste her. Und ich entschied mich, mich ganz ans Ende des Rankings fallen zu lassen, um meinen mittlerweile elefantös aufgedunsenen und schmerzenden Fesseln die maximale Regenerationszeit zu gönnen. Und ich entschied mich, mich mit dem letzten Platz abzufinden. „Hauptsache, das Finish klappt,“ dachte ich.
Und so hatte ich Zeit bis Samstagfrüh um 2 Uhr. Ich aß ausgiebig, Gabi cremte die Beine, Fesseln und Füße mit Hirschtalg und einer After Sun Lotion ein und ich versuchte, mich ins Schlafzelt zu bewegen. Ohne mich stützen zu lassen ging das aber nicht. Ich war total am Ende und die meisten Beobachter strichen mich schon im Geiste von der Teilnehmerliste.
Schlaf aber hat einen eigenen Zauber. Ich regenerierte, zum Glück. „Als Du zwei Minuten vor dem Cut-Off erst das Lager verlassen hast,“ sagte später eine der Ladies der Organisation zu mir, „dachten wir schon, dass Du es nicht mehr rechtzeitig schaffst!“ Aus dem CP draußen bist Du nämlich erst, wenn auch Deine Schuhe den CP verlassen haben. Und wer denkt, dass nur die schweizer Uhren genau gehen, die englischen Uhren tun es ebenfalls. Und wer den CP zu spät verlässt und sei es auch nur um eine Minute, der ist draußen.
Ich war also Letzter. Aber ich konnte wieder laufen. Es war dunkel, tiefe Nacht, es war wunderbar kühl, feucht, nicht kalt, optimal zum Laufen. Es war „meine Zeit“. Und in „meiner Zeit“ war ich auch nicht lange Letzter. Und auch nicht lange Vorletzter. Ich überholte eifrig Läufer auf Läufer, bis ich gegen 10.30 Uhr im CP8 in Lower Heyford ankam. Dort machte ich gleich zwei dumme Fehlerchen hintereinander.
Fehler 1: Anstatt nur kurz zu verweilen blieb ich bis zum Schluss des CPs und machte ein Nickerchen.
Um 14 Uhr ging es dann weiter. Die Sonne heizte die Gegend so sehr auf, dass es wirklich unerträglich war. Ich passierte schon nach wenigen Minuten Javed und wegen Fehler 2: Schnell laufen war nach zweieinhalb Stunden „Schicht am Schacht“ bei mir. Ich hatte meine Geschwindigkeit von 3.25 Meilen pro Stunde am Vormittag auf 3.5 Meilen pro Stunde erhöht und plötzlich ging nichts mehr. Der Kreislauf drohte abzusacken, mir wurde schummrig vor Augen und nur „Aunt Annie’s Teeroom“ rettete mich. Ich setzte mich in den Tearoom, trank zwei halbe Liter eiskalte Coca Cola und machte 30 Minuten lang gar nichts. Erst dann setzte ich meinen Weg langsam wieder fort. Javed hatte mich längst wieder überholt, aber ich sah ihn später wieder in Sichtweite und erreichte ihn, als er sich an einem offenen Wasserhahn erfrischte. Wir gingen ein paar Meilen zusammen und erreichten kurz vor Oxford eine Canal-Kreuzung. „Hier habe ich vor vier Jahren verloren,“ sagte Javed. „Ich lag zu dieser Zeit in Führung, aber ich nahm hier den falschen Weg.“ Ich war froh, ihn in diesem Moment neben mir zu wissen.
Aber plötzlich schaltete Javed den Turbo ein und ich war nicht mehr imstande, ihm zu folgen und kurze Zeit später, bei dem schwierigen Übergang vom „Oxford Canal“ zur Themse, war ich ganz allein. Ich wusste, dass es schwer war, den richtigen Weg zu finden. „Da gingen schon viele verloren!“ schärfte man mir ein. Es war auch auf dem Plan falsch und unverständlich beschrieben. Aber wenn man weiß, dass es schwer ist, dann tastet man sich mehr voran als dass man läuft. Und ständig fragte ich Passanten, ob ich auf dem richtigen Weg war. Mit deren Hilfe schaffte ich es an die Themse ohne allzu viel Zeit verloren zu haben, aber mein Tempo glich dem der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB): Kaum merkliche Bewegungen!
Ich schob mich mehr vorwärts als dass ich ging, von Laufen war schon lange keine Rede mehr. Ich passierte ein großes und schönes Restaurant mit einem riesigen Biergarten davor, da stand einer auf und kam auf mich zu. „Du musst Tom sein,“ sagte er. „Ich bin Jack. Ich habe auf Dich gewartet. Ich begleite Dich jetzt bis zum nächsten CP.“ Der arme Jack musste sich mein langsames Tempo antun, aber dank netter Gespräche und seiner immensen Ruhe, die er ausstrahlte, schaffte ich die 7 Meilen bis zum CP9 in Abingdon dann doch irgendwie. „Drei Läufer sind hinter Dir,“ sagte Jack. Drei Läufer? Einer davon war Javed, der sich mit den beiden anderen, Ernie und Kate, dort im Biergarten ein Abendessen gegönnt hat.
Es gehörte zur Strategie von Javed, nur kurz im CP9 zu bleiben, um durch die Nacht ins Ziel zu laufen. Kein Grund für mich, meine gewählte defensive Strategie zu ändern.
Im CP9 angekommen machte ich das gleiche Procedere wie am Vortag. Ausgiebig essen und trinken, Hirschtalg und After Sun Lotion für die Beine, Fesseln und Füße, viel trinken und schlafen bis zum Ende der Cut-Off Zeit. Dachte ich zumindest.
Der Verantwortliche für diesen CP riet mir dringend davor ab, bis 2:30 Uhr auszuharren, weil er der Ansicht war, ich würde sonst das letzte Stück nicht mehr in den gesetzten 10.5 Stunden schaffen. „Und wenn Du eine Minute zu spät einläufst, dann bist Du kein Finisher!“ Mir war klar, dass ich keine Probleme mit der Zeit haben werde und wollte dennoch an meiner Strategie festhalten. Ausserdem dachte ich, dass es im Wesentlichen sein Interesse war, den CP früher schließen zu können.
Andy, der Läufer vor mir, war schon bei der Schleuse des ersten Bogens, einem Punkt, den ich erst im Morgengrauen des nächsten Tages erreichen sollte, als ich noch beim Essen war. Javed war mit seiner Strategie sicher auch schon weit vor mir, aber Ernie und Kate schliefen auch im Schlafzelt. Sie wollten um 1 Uhr geweckt werden. Geweckt werden von einem, der eigentlich will, dass er den CP vorzeitig abbauen kann, bedeutet, dass er die beiden so lautstark geweckt hat, dass auch ich wach war. Ich konnte gar nicht anders. Und ich konnte nicht wieder einschlafen. Nach einer weiteren Viertelstunde entschied ich, jetzt doch zu gehen, diesem Herren einen früheren Feierabend zu gönnen. Ich zog mich an und verließ den CP dreißig Minuten nach Ernie und Kate.
Nach Abingdon wurde die Strecke sehr, sehr einsam. Ich hätte nie geglaubt, dass die Themse so einsam sein kann. Es waren zwei Bögen der Themse zu laufen, einer einsamer als die andere. Ich wurde schon vorgewarnt, dass alleine der erste Bogen einige Stunden Zeit in Anspruch nehmen würde. Auf der Karte sah das gar nicht so wild aus. Und es war wieder angenehm kühl und feucht in der Nacht, ich konnte wieder einigermaßen laufen und ich holte Ernie und Kate schon nach vierzig Minuten ein. Was für ein Gefühl. Ich war nicht mehr Letzter! Und ich war auch nicht mehr letzter Mann! Position halten, mehr geht nicht, dachte ich.

Der erste Bogen war passiert, der zweite begann, Nebel lag über den Feldern, die Sonne ging auf. Es war einsam, aber wunderschön, ein perfekter Morgen. Und es waren nur noch gut 10 Meilen zu gehen, ich war sicher, finishen zu können, ich war nicht Letzter, mir ging es richtig gut. Und ich begann, gelegentlich wieder zu laufen. Am Ende des zweiten Bogens überquerte ich die Themse, es ging durch ein Dörfchen und von rechts aus einer Seitenstraße kam Andy, der ja schon am Vorabend am Ende des ersten Bogens war. „Wo kommst Du denn her?“ fragte ich ihn. „Ich war so müde,“ antwortete er, „ich musste schlafen.“ Und ich bot ihm an, ab sofort gemeinsam weiter zu laufen. Wir trabten also gemeinsam und ich wunderte mich, dass ich tatsächlich dauerhaft laufen konnte, ohne Gehpausen machen zu müssen. Ich sagte mir aber auch, dass ich es nicht zulassen wollte, diesen frisch gewonnenen Platz im Ranking wieder abgeben zu müssen. Ich wollte also alles tun, um nicht hinter Andy zu fallen. Das war aber nicht nötig, er strich nach zwei Meilen die Segel und ließ sich nach hinten fallen. Auf den folgenden sieben Meilen nahm ich ihm noch 21 Minuten ab.

Und rund drei Meilen vor dem Ziel, ich war mittlerweile in ein echtes „Runner’s High“ gefallen und lief schneller als zu jeder anderen Zeit des Rennens, passierte etwas, mit dem ich auch nicht mehr gerechnet hätte. Javed hing an einem Straßenschild, vollkommen am Ende. Er versuchte 50 Meter lang, mir zu folgen, es ging aber nicht. Ich flog dem Ziel entgegen. Noch zwei Meilen.
Und ich rannte über eine Wiese und da stand Jack. Jack vom gestrigen Abend. Jack, der mich in meiner dunkelsten Periode des Laufs bespaßt und begleitet hat. Und ich rannte an ihm vorbei. Er staunte ungläubig. Ich lief und lief und lief und nahm Javed auf knapp drei Meilen 33 Minuten ab. Selbst Andy überholte Javed noch und lief 12 Minuten vor ihm ins Ziel.
Ich aber rannte und rannte, noch über die beiden letzten Brücken zwischen Streatley und Goring. Ich sah schon das Ziel, hörte die Menschen im Ziel und ich hörte erst auf, zu laufen, als ich die Ziellinie überschritten hatte. Sechseinviertel Stunden hatte ich noch für die letzte Strecke zwischen CP9 und dem Ziel gebraucht, ich hätte mir noch fünfeinviertel Stunden länger gönnen können. Alles war plötzlich so klar und leicht und ich fragte mich, warum ich in der Hitze des Freitagnachmittag und des Samstagnachmittag solche Probleme hatte.
Ich war drin, 400 Kilometer in 94 Stunden und 44 Minuten waren gelaufen. Von den 34 Startern kamen am Ende nur 14 Läufer ins Ziel, ich war Zehnter, Andy Elfter, Javed wurde Zwölfter und Ernie und Kate kamen danach zusammen ins Ziel, geschunden und spät, aber dennoch sicher vor dem Cut-Off.
Kate war übrigens erst die zweite Frau überhaupt, die dieses Thames Ring Race finishen konnte! Der Sieger, Steve, brauchte mit 66 Stunden und 47 Minuten fast 28 Stunden weniger als ich, es war mir egal.
Mission Finish erfüllt,“ dachte ich und ich wurde mit einer Finisherplakette belohnt, die es wirklich wert war, sich so zu schinden. Ein Metalloval „Thames Ring, 248 Miles, 175 Locks“ mit einem Steuerrad in der Mitte, aufgeschraubt auf ein Holzplättchen und darauf noch eine dünne Metallplatte mit „BRITAINS LONGEST NON-STOP RACE 2013“ eingraviert.
Ich war stolz und ergriffen und zum Schluss liefen dann doch bei mir wieder die Tränen._10th Thomas Eller 9444
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230 Kilometer und das Peter-Prinzip …

Das „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“, dieses 400 Kilometer Nonstop-Rennen, sollte mir 2013 Klarheit verschaffen, ob ich überhaupt noch in der Lage bin, lange Distanzen zu meistern.

Dabei war früher alles so einfach:
Der TransAlpineRun 2008 (TAR), mein erster wirklich großer Lauf, klappte besser als gedacht und machte Lust auf mehr. Die drei UTMB-Punkte, die es für diesen Stagerun gab, mussten natürlich 2009 zum UTMB führen. Wie sagte damals Bernie Conradt kurz nach dem TAR zu mir: „Jetzt hast Du drei UTMB-Punkte, jetzt musst Du auch nach Chamonix!“
In der Vorbereitung des UTMB 2009 habe ich dann im Jahr 2009 meinen ersten 24-h Lauf gelaufen, damals in Delmenhorst, immerhin über 177,5 Kilometer. Ich wollte damals unbedingt zumindest einmal die Länge des UTMB nonstop hinter mich gebracht haben.
Ich lief die 350 Kilometer des SwissJuraMarathons in 7 Etappen von Genf nach Basel und zur Absicherung lief ich noch gegen den Rat der meisten Freunde zwei Wochen vor dem UTMB die 171 Kilometer des Kölnpfads in knapp unter 24 Stunden.
Alles war einfach und gut, Zweifel gab es nicht, nie.

Auch den UTMB selbst lief ich ich guten 41:52:33 Stunden deutlich leichter und besser als geplant. Ich konnte mir sogar eine längere Schlafpause in Trient in der zweiten Nacht gönnen – welch ein Luxus!

2010 kamen dann im Frühjahr die 230 Kilometer der TorTOUR de Ruhr, ich musste leiden und kam erst im späten Dunkel ins Ziel, aber ich konnte diesen Lauf finishen – wie eben alle anderen zuvor. Zweifel gab es immer noch nicht.

Und dann begann das „Peter-Prinzip“ (das „Peter-Prinzip auf Wikipedia), das Streben nach mehr, die Gier nach Dingen, für die ich vielleicht einfach nicht gemacht bin.
PPDas Scheitern beim PTL 2010 konnte ich im Wesentlichen noch den widrigen Umständen zuschreiben, dem Wetter beispielsweise. In diesem Jahr wurde an gleicher Stelle immerhin der UTMB wegen der Wetterkapriolen nach 32 Kilometern abgebrochen. Auch dem Team, als zweites Beispiel, insbesondere den Meinungsunterschieden zwischen dem kanadisch-deutschen Part Carsten Quell und mir, nachdem der englische Part, Bob Lovegrove, das Team verlassen wollte.
Wenn Du, Carsten, dies hier lesen solltest, dann nimm bitte meine Entschuldigung an und wisse, dass ich damals kopfmäßig einfach nicht in der Lage war, solch einen Lauf erfolgreich zu stemmen.

2011 scheiterte ich dann erst bei meinem ersten Antritt beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“ – und das grandios. Ich hatte mir dort alles anders vorgestellt, ich war viel zu langsam und sehr müde und musste deshalb am CP 3 nach etwa drei Marathonlängen aussteigen.
Dann scheiterte ich 2011 auch noch beim 330 Kilometer Tor des Géants (TdG) nach knapp 200 absolvierten Kilometern. Ich war leer im Kopf, kam einfach keinen Berg mehr hinauf und beschloss, ab sofort nur noch zu weinen. Und das tat ich dann mehrere Tage lang.
100ZweifelUnd plötzlich waren sie da, die Zweifel. Und sie waren massiv und ständig präsent. Ist die Grenze von 230 Kilometern meine persönliche Leistungsgrenze?
Das einzige, was mich damals aufrecht hielt, waren der persönliche Bestwert von 189,6 Kilometer beim 24-h Lauf, wieder in Delmenhorst. Platz 5 von allen, Platz 1 der Altersklasse, das habe ich weder vorher noch nachher noch einmal erreicht.
Das war damals der Lauf meines Lebens. Ich lief und lief und lief …

2012 verkürzte ich dann meine erneute TorTOUR de Ruhr auf 100 Kilometer, ich scheiterte beim JUNUT, 2012 war ein wirklich fürchterliches Jahr für mich. Beim UTMB durfte ich wegen des Lospechs in der Lotterie auch nicht antreten, zum TdG habe ich mich erst gar nicht mehr getraut.

Aber 2013 sollte alles anders werden, alles besser werden.
Mit dem JUNUT, den ich immerhin bis zum Finisherpunkt bei 172 Kilometern geschafft habe und eben vor allem mit dem „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“. Dieses Mal musste es einfach klappen.

Ich konzentrierte mich und meine Vorbereitung vor allem auf diesen Lauf. Nach den 200 Kilometern in Indien beim Ultra India Race, den 119 Kilometern des TransGranCanaria und den 172 Kilometern des JUNUT 172 reparierte ich mein angeschlagenes Ego zuerst durch das Finish beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ und dann durch eine gute Platzierung beim 60 K Extreme Ultra vom Mount Everest Base Camp ausgehend.
Den Start bei meinem Traumlauf in Andorra über die 170 Kilometer in den hohen Bergen der Pyrenäen machte leider der nepalesische Darmvirus Giardia lamblia (Lamblien) zunichte, meine Sicherheit, gut vorbereitet zu sein, wurde dadurch aber nicht geschmälert.

Dass ich aus dem England-Lauf einen Spendenlauf gemacht habe und dass ich auch aus dem Läuferkreis so hervorragende und motivierende Reaktionen erfahren hatte, dass Webseiten wie soq.de oder meinestadt.de berichtet haben, dass die lokalen Zeitungen diesen Lauf nicht ignorierten, all das trug mich lange beim „The TRA 250 Miles Thames Ring Race“.

Bei manchem Kilometer sprach ich laut zum vermeintlich präsenten Kilometer-Paten: „Das ist Dein Kilometer. Vielen Dank für Deine Unterstützung!“
Das motivierte mich, es machte mich glücklich und glich auch den Mangel an neuen äußeren optischen Eindrücken beim Lauf aus.

Am Ende hat es dann funktioniert. Die 230 Kilometer-Grenze gibt es nicht mehr für mich. Aber die Gier nach mehr gibt es auch nicht mehr.
Es wird für mich kein „Projekt 500“ geben und keinen Frostskade 500.
Ich werde 2014 noch einmal die TorTOUR de Ruhr laufen, vielleicht einen oder zwei 24-h Läufe mit dem Ziel, näher an die 200-Kilometer-Marke heran zu laufen und im Spätsommer vielleicht ein schönes Bergevent.

Ansonsten werde ich einfach glücklich sein und wissen:
Du musst nicht wirklich wissen, wann das Peter-Prinzip für Dich erreicht ist!230

Mount Everest Base Camp: „60 K Extreme Ultramarathon“

Am 29. Mai 1953 bestiegen der Sherpa Tenzing und der Neuseeländer Sir Edmund Hillary zum mutmaßlich ersten Mal den „Berg der Berge“, den höchsten Berg der Welt in absoluter Höhe gemessen, den Mount Everest. Und jetzt, 60 Jahre später, riefen die nepalesischen Ausrichter des THEM (Tenzing Hillary Everest Marathons) zu einem neuen Ereignis, dem „60 K Extreme Ultramarathon“.

Am 29. Mai 2013 um 6 Uhr war der Start, ganz weit hinten im Mount Everest Base Camp. Einen Tag zuvor schon haben wir ihn geprobt, beim „Mock Race“, dem Teststart, damit die Damen und Herren Journalisten nicht so früh aufstehen müssen. Damit genug gutes Licht da ist für die Pressefotos. Und vielleicht auch, damit wir am frühen Morgen uns nicht auf dem Weg zum Start verlaufen. Das half aber nichts, ich habe es dennoch geschafft. Im Verlaufen bin ich ja wirklich gut.
Wenigstens eine Stärke …
Der Wecker steht auf 5 Uhr, aber meine nicht immer geliebte Eigenschaft, immer etwas vor dem Klingeln wach zu liegen, ließ mich schon um 4.45 Uhr aufstehen. Ich hatte am Vortag des Laufs in Gedanken Dutzende Male durchgespielt, was ich beim Lauf anziehen werde, dennoch überlegte ich an diesem Morgen alles wieder ganz neu. Gut war, dass wir die Jacken und eine Hose am Start in einen Beutel packen konnten, der dann nach Namche Bazaar gebracht wurde. Ich konnte also ohne Bedenken eine Oberhose und eine schöne warme Winterjacke überziehen, um nicht zu frieren. Darunter erst ein wärmendes Sportunterhemd, darüber ein Langarmshirt und darüber die heiß geliebte schwarze X-BIONIC Weste gegen den Wind und darüber noch das offizielle Laufshirt, das uns der Veranstalter mit dem Hinweis übergeben hat, dass das Tragen des Shirts unabdingbar sei.
Das wiederum hatte etwas Gutes. Coca-Cola war ja der Hauptsponsor des Laufs, das entsprechende Getränk aber gab es bei keinem der Verpflegungspunkte. Immerhin hatten wir so das Logo auf dem Shirt und das Logo war auch auf den selten angebrachten Fähnchen, die uns den Weg weisen sollten.

Frühstück gab es ab 5.45 Uhr, ich war schon eine Viertelstunde vorher da und saß einsam auf einem Klappstuhl im Essenszelt. Die Tische waren schon abgebaut, Porridge kannst Du aber auch gut ohne Tisch zu Dir nehmen. Für mehr reichte es nicht. Wenn ich nervös bin, dann bekomme ich einfach nichts in mich hinein. Irgendwann trudelten auch die anderen Starter beim Frühstück ein und ich ging schon mal zum Start, zumindest versuchte ich das.
Prompt verlief ich mich und kam wieder zum Zelt zurück und schloß mich denen an, die den Eindruck machten, den Weg zum Start zu kennen. Und das war gut so. In dem vielen Weiß des Camps hätte ich wohl lange suchen müssen, um den Weg zum Start zu finden, trotz des Trainings am Vortag.
Mock Race
Es war warm am Start, zumindest warm für die Höhe von immerhin 5.350 Metern und weil alle anderen Läufer viel weniger anhatten als ich, beschloss ich, meine Entscheidung bezüglich der Kleidung noch einmal zu korrigieren und verzichtete auf das wärmende Unterhemd.
Nirmala Giri aus Kathmandu vom Orga-Team richtete noch ein paar mahnende Worte an uns alle. „Don’t push the others or you will be disqualified,“ sagte sie und Bob, der Australier, lachte und meinte, er könne gar nicht gestossen werden, weil er ja sowieso ganz hinten laufen würde.
Das irrst Du Dich, dachte ich, weil ich mir den letzten Platz schon vor Tagen für mich ausgekuckt habe.
Meine Rennstrategie war klar und einfach: langsam starten und das Ding in Ruhe abwickeln. Ich war auch der Einzige der 19 Starter, der von vornherein seine Laufzeit auf 15 Stunden festgelegt hatte, während die meisten Anderen sich auf eine Zeit unter 12 Stunden eingestellt hatten.
Bis zu dem Punkt, an dem der Loop der 60K Läufer begann, kannten wir alle ja die Strecke, immerhin sind wir sie vorsichtig und langsam nach oben gewandert. Und wir alle wussten, wie schwer das war, wie die Strecke trotz einem durchschnittlichen Gefälle stetig rauf und runter ging, nicht laufbar war und ich mir ganz sicher war, dass es sehr schwer werden würde, diese Strecke zu bewältigen.

Und da war ja auch noch der Engländer, der im Vorjahr den Marathon mit fantastischen 6.15 Stunden gepackt hat und 2013 auf 6 Stunden kommen wollte. Er war schon lange im Himalaya, auf die Höhe adaptiert und einschlägig trainiert und er sagte, dass er plant, in 45 Minuten (!) vom Start bis Gorak Shep und in weiteren 60 Minuten von Gorak Shep bis zur zweiten Versorgung zu laufen.
Gorak Shep liegt fast auf der gleichen Höhe wie das Base Camp, der Weg dazwischen ist holprig, steinig, geht rauf und runter und Michele Ufer und ich sind die Strecke in 2 1/2 Stunden gewandert. Dabei waren wir die ersten aus unserer Gruppe. 45 Minuten? Das geht einfach gar nicht.
Wenn ich diese Strecke in 1 1/2 Stunden schaffen würde, dann wäre das schon gut in meinem Plan. Also langsam und ganz hinten laufen. Bob, dachte ich, um den Platz an der roten Laterne werden wir uns dann wohl streiten müssen …

Ich schaute mich in der Gruppe der Ultraläufer um. Lauter hypertrainierte Menschen und ich irgendwo dazwischen. Mein Zimmer- und Zeltpartner Henk Sipers hatte schon auf den Marathon herruntergegradet, weil er sich beim 60 K Loop wegen seiner Höhenangst die schweren Passagen nicht zugetraut hatte. Frank Rocktäschel, erst ein Marathoni, dann zum Ultramarathon hochgegradet, wechselte zum Halbmarathon, weil sein Gesundheitszustand einfach nicht mehr hergab.
Und dann rief Nirmala Giri den Start aus, den Start zum Lauf. Und so lief ich eben auch.

Auf halber Strecke durch das Mount Everest Base Camp lagen das Frühstückszelt und unsere Schlafzelte und der Rest unserer Gruppe stand da und klatschte. Ich hatte mittlerweile auch den schlanken und von mir hoch eingeschätzten tätowierten Australier und seinen Kumpel überholt, sicher nur, weil sich die beiden auf den glitschigen Steinen nicht wohl fühlten. Und ich überholte und überholte, während ich die Führenden allerdings schon lange nicht mehr sah.
Nach 17 Minuten hatte ich die 1 1/2 Kilometer durch das Base Camp geschafft, 13 Minuten vor meinem Plan. Und nach 54 Minuten war ich in Gorak Shep – und es wäre mehr drin gewesen, wenn ich nicht so verhalten gestartet wäre. Ich überholte und wurde überholt, aber ich blieb an denen, die mich passierten, immer dran.
Es lief wirklich fantastisch gut und ich begann, meine Ziele zu revidieren.
Statt der 15 Stunden Laufzeit könnten es vielleicht tatsächlich nur 12 Stunden werden, dachte ich. Voraussetzung war eine kumulierte Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 Minuten pro Kilometer, vorausgesetzt, die 60 Kilometer waren auch richtig ausgemessen. Ich lag permanent knapp über 10 Minuten pro Kilometer, Tendenz besser werdend.

Nun wollte ich, dass ich nach Möglichkeit von den nepalesischen Wunderläufern nicht vor der 2-Stunden-Marke überholt würde. Das habe ich nicht ganz geschafft, nach 1:55 Stunden war es so weit, ein Nepali kam angeflogen. Offiziell eine Stunde nach uns gestartet war er mehr als doppelt so schnell wie ich. Egal, es half mir, weil ich mich in diesem Moment nicht mehr auf dem richtigen Weg befand, sondern auf der anderen Seite des Taleinschnitts lief. Also rüber. Glück gehabt.
Und nach und nach flogen auch andere Nepali an mir vorbei. Unglaublich, was in dieser Höhe doch läuferisch für manche doch noch möglich ist.
Map
Die beiden, die mich zwischen dem Base Camp und Gorak Shep überholt haben, sah ich nun immer näher kommen. Da ging noch was. Oder besser: die beiden gingen. Dann riss erst einmal die Schnürung an meinen Hoka One One Schuhen. Der Metallhaken der rechten Gamasche sägte so lange daran, bis die Schnürung aufgab und riss. Die restlichen 50 Kilometer musst Du also mit offenem Schuh bewältigen, dachte ich und versuchte, den Fuß noch kontrollierter aufzusetzen, um nicht immer im Schuh hin und her zu wackeln.
5 weitere Kilometer später riss auch das unter den Schuh gezogene Band der linken Gamasche. Damit es nicht ständig wild umher schlug, stellte ich mich mit dem rechten Fuß darauf, machte mit dem linken Fuß einen großen Schritt und riss das Band endgültig ab. Das war sicher die richtige Entscheidung.
Diese beiden Malheurs allerdings hatten die beiden vor mir genutzt, um den Abstand wieder größer zu machen.

Zuletzt liefen wir an den Gedenksäulen an die toten Mount Everest Besteiger vorbei, eine kurze Bekreuzigung, ein paar Gedanken an die Toten und weiter ging es. Danach führte der Weg kurz nach oben, um danach steiler abzufallen. Wir waren schon kurz vor Dingboche, kurz vor dem Startpunkt des Halbmarathons. Auf dem Weg nach oben schloss ich auf die beiden auf und ich überholte sie just oben auf dem Grat. Und dann ging es bergab.
Ich rannte, die beiden hinter mir aber auch.
So langsam könnten die schnellsten ausländischen Marathonis kommen, dachte ich. Ein Grund, schneller zu werden. Die beiden hinter mir gaben die Hoffnung auf das Verbessern ihrer Position auf und genau nach 17.76 K, nicht nach 21.2 K, war ich am Start des Halbmarathons. 2 Stunden und 58 Minuten waren vorbei, die kumulierte Durchschnittsgeschwindigkeit betrug jetzt fast exakt 10 Minuten pro Kilometer.

Jetzt begann der kleine Loop. Offiziell drei Kilometer ansteigend bis zum Wendepunkt, der dann nach 2.850 Metern auch tatsächlich da war und dann diese Strecke wieder zurück. Wenn die erste Hälfte des Marathons etwas mehr als 3 1/2 Kilometer zu kurz war und auch beim Loop insgesamt 300 Meter fehlten, dann könnte das auch darauf hindeuten, dass die Gesamtstrecke vielleicht auch etwas kürzer ist als die angegebenen 60 Kilometer, dachte ich. Eine Zeit unter 12 Stunden wurde immer wahrscheinlicher.
Auf dem Weg runter nach dem Wendepunkt traf ich erst Michele Ufer, dann Craig Langobardi. Beide anderen 60 K Läufer aus unserer Gruppe waren hinter mir. Michele aber sah gut und frisch aus, Craig war schon sichtlich mitgenommen. Fast am Ende des Loops traf ich noch den Amerikaner Max und den Reutlinger Michael, die sich eine Zeit um die 6:30 Stunden für den Marathon vorgenommen hatten. Ich traf aber keinen der Marathonis aus meiner Gruppe.
Für den Loop benötigte ich 1:03 Stunden, wir sind eine Stunde vor den Marathonis gestartet … das sah richtig gut aus. Keiner aus meiner Gruppe war also schneller als ich.

Und so setzte ich mir ein neues Ziel. Ich wollte vor der Abbiegung zum 60 K Loop auch nicht mehr überholt werden. Nicht von den Ultras und schon gar nicht von den mir bekannten Marathonis. Die Abbiegung kam genau bei der 29.5 Kilometer-Marke. Leider also genau dann, wie es am Anfang nach zweimaliger Korrektur des Wertes angekündigt wurde. Ich hatte mittlerweile 4:55 Stunden auf der Uhr.
Rund 5 Stunden für die erste Hälfte, dann verbleiben noch 7 Stunden für die zweite Hälfte, dachte ich. Das sieht doch richtig gut aus, um unter 12 Stunden zu bleiben.

Aber nun, da ich die Marathonstrecke verlassen hatte, wurde ich träge, müde und meine Motivation sank. Der Loop zeigte sich als extrem schwierig, die „3 1/2 Kilometer“ bis Phortse waren mehr als 5 1/2 Kilometer lang, so lang, dass ich schon Sorge hatte, den Kontrollpunkt dort übersehen zu haben. Und es ging rauf und runter, meist in Form von Treppenstufen.
Direkt an der Abzweigung machte ich eine kleine Pause, um drei Schalen der warmen Suppe zu schlürfen und wurde von einem Ultra überholt. Bei km 35 wurde ich von der Amerikanerin Michelle überholt und ich konnte einfach nicht an ihr dran bleiben. Vor allem bergauf ging scheinbar gar nichts mehr bei mir. Ständig musste ich durchschnaufen und ein paar Sekunden stehen bleiben.
Michele Ufer erreichte mich nach 37.5 Kilometern, genau dann, als ich mir mal wieder ein Päuschen gönnte. An ihm aber blieb ich dran. Ein wenig zumindest. Aber auch hier musste ich einsehen, dass da im Moment psychisch und physisch die Luft raus war und so nahm der Abstand zu ihm permanent zu. Möge wenigstens Craig noch hinter mir bleiben … und natürlich und vor allem der Australier Bob.
Am Anfang hätte mir das Tragen der roten Laterne nichts ausgemacht, jetzt allerdings wollte ich sie keinesfalls bekommen …

Ständing ging es rauf auf 4.400 Meter, um dann wieder auf 3.800 Meter zu fallen. Rauf, runter, steil, steiler. Und auf der anderen Seite des Tals sahen wir auch die Laufstrecke, die es dann wieder zurück gehen würde. Auch kein Zuckerschlecken.
Irgendwann war ich dann kurz vor Na-La, dem Wendepunkt des Loops. Eine Heidelandschaft, ein großes Gebäude mit einem blauen Dach, das musste der Kontrollpunkt sein. Ich war total am Ende und brauchte einen psychologischen Schub.
Das große Gebäude mit dem blauen Dach war längst passiert und es passierte noch immer nichts. Doch nun sah ich, wie ich sorgsam meine Füße durch die Heidekräuter schwang, die Amerikanerin Michelle und Michele Ufer vor mir. In Sichtweite. Ich schloss auf und wir suchten den Wendepunkt Na-La.
Auf der anderen Seite des Tals wehte eine Fahne im Wind und drei Menschen winkten. Was wollen die?

Michelle, Michele und ich überlegten, ob wir hier einfach durch den Fluß waten könnten. Die Amerikanische Michelle und ich waren dafür, Michele Ufer war dagegen. Und das war auch gut so. Wir erkannten nun, dass die Winkenden mit ihren Armen Richtung Oberlauf des Flusses zeigten und wir gingen weiter. Am Fluss entlang zu gehen war unmöglich, also mussten wir ständig rauf und runter, den angrenzenden Hügeln folgen. Und dann war sie endlich da: Na-La, die Brücke.
Michele hatte sie als Erster entdeckt und nun ging alles wieder ein wenig schneller.
Über die Brücke, über den reißenden Fluss, an unserem bedauernswerten Sherpa Lila vorbei, der eisern im kalten Wind ausharren musste, den Weg zurück, ein wenig nach oben, immer Richtung der im Wind wehenden Fahne.
Kein anderer Läufer war in Sichtweite, wir waren vollkommen alleine.

Bei der Fahne gab es nichts außer dem guten Rat, dass der nächste Kontrollpunkt „nahe“ sei und es dort Suppe gäbe. Aber die Erlösung ist der Bibel nach ja auch „nahe“, wahrscheinlich haben diese beiden „nahe“ etwas miteinander zu tun, aber irgendwann erreichten Michelle und ich diesen Kontrollpunkt. Michele war zu diesem Zeitpunkt ein wenig nach hinten abgefallen, er holte uns aber schnell wieder ein, nämlich dann, als Michelle und ich den Kontrollpunkt verließen und beim Ausgang rätselten, ob wir nach rechts oder nach links zu gehen hätten.
Ich war für links, Michelle war für rechts. Als Michele dann kam, war auch er für rechts und so machten wir uns auf den Weg. Daran, dass Wegmarkierungen eher selten waren, hatten wir uns ja schon gewöhnt, hier aber fand ich die Situation extrem unglücklich.

Nach gut 200 Metern wedelte eine Nepali aufgeregt mit den Armen, um uns zu signalisieren, dass wir falsch seien. Sicherheitshalber griff ich mir meinen Zettel mit den nächsten Kontrollpunkten, ging zu ihr und fragte nach Dole, dem nächsten Zwischenziel. „Dole, Dole,“ sagte sie und zeigte aufgeregt in die Richtung, aus der wir gerade gekommen waren. Also zurück, am letzten Kontrollpunkt wieder vorbei.
Es kam wieder eine Abzweigung und noch eine und wieder gab es keine Wegmarkierungen. Aber wieder zeigte eine Nepali uns in etwa den Weg. Wir gingen langsam, ständig auf die Dame schauend, die wir aber nicht mehr zu interessieren scheinten. Wir waren wohl richtig mit dem eingeschlagenen Weg.

Beim letzten Kontrollpunkt hieß es, dass der nächste Kontrollpunkt „nur 5 Kilometer“ weg sei und es „nur abwärts“ ging. Abwärts aber hieß, dass wir ständig höher kamen und dann irgendwann, ich hatte zu diesem Zeitpunkt die Führung unserer kleinen Gruppe übernommen, um wenigstens den Anschein zu geben, etwas zu wissen, gab ich auf. Ich stoppte und sagte Michele und Michelle, dass ich nicht sicher wäre, ob wir richtig wären. Aber die mittlerweile 4 Kilometer zurück gehen, um dann vielleicht zu merken, dass wir doch richtig waren, wollte ich auch nicht.
Michele aber griff zu seinem Garmin, schaute auf den Track, den er sich im Computer zuvor gebastelt hatte, und sagte, dass wir richtig wären. Warum hat er von diesem Teil und dem Track nicht zuvor erzählt, das Teil nicht schon vorher befragt? Ich war verärgert und glücklich zugleich, glücklich vor allem, weil klar war, dass „nur 5 Kilometer“ eben oft länger sind wie geplant und dass „nur abwärts“ auch relativ ist.
Nach 12:19 Stunden erreichten wir endlich Dole, mit 4.200 Höhenmetern auf einem der höchsten Punkte des Loops, zwar 270 Meter tiefer liegend als der letzte Kontrollpunkt, aber unter „nur abwärts“ stellte ich mir dann doch etwas anderes vor.

Es gab schon vor dem Lauf eine Riesendiskussion ob der Cut-Off Zeiten. Beim Marathon gibt es: keine. Beim Ultra aber sollte es welche geben. Erst hieß es, dass diejenigen, die nach 11 Stunden noch nicht in Na-La seien, dort stoppen sollten, dort schlafen sollten, um dann am nächsten Morgen um 6 Uhr weiter zu laufen. Dann wurde diese Grenze auf 12 Stunden verlängert und schlussendlich galt offiziell diese Regelung:
Wir laufen 12 Stunden lang und gehen danach in die nächstgelegene Lodge. Ein Sherpa wird da sein, der uns in der Lodge betreut, der die Kosten verauslagt, wir bekommen eine Decke, ein Abendessen und ein Frühstück.
Eine Pflichtausrüstung gab es nicht, etwas halbwegs Sinnvolles wie beispielsweise ein Kopflicht war nicht verlangt. Daher kam auch die Angst der Veranstalter, wir könnten in der Nacht verloren gehen oder abstürzen. Ob die nun gewählte Lösung aber gut war? Ich bezweifle das sehr und zumindest drei Nachtläufer zeigten später auch, dass sie mit diesem „gut gemeinten Vorschlag“ nicht einverstanden waren.

Die 12 Stunden waren in Dole also um und ich fokussierte mich, da ich ja mit Zahnbürste und Zahncreme bewaffnet war, auf die Nächtigung. Die Lodge fanden wir eher zufällig, weil noch ein paar Wasserflaschen draußen auf einem Tischchen standen. Der Lodge-Inhaber war vollkommen erstaunt, dass ich dort schlafen wollte, er war aber auch froh ob des unerwarteten Umsatzes.
Michelle und Michele aber wollten unbedingt weiter, trotz der anderslautenden Weisung durch das Orga-Team. Da die beiden zusammen aber nur eine Kopflampe hatten, war deren weiterer Weg wohl eher problematisch gewesen. Einer leuchtet, einer geht – und anders herum. Michelle und Michele waren gegen 22 Uhr endlich in Namche Bazaar, das Ziel war längst unbesetzt, die beiden mit den Nerven am Ende.
Ich jedoch genoss mein traditionelles nepalesisches Abendessen: Reis mit Linsen, vorab eine heiße und wirklich leckere Gemüsesuppe. Zwei junge Männer, Wanderer aus Dänemark, saßen am Tisch neben mir und wir unterhielten uns über Nepal, den Himalaya und über das Essen.

Eine Stunde und 10 Minuten später kamen dann Craig und der Kanadier Mike in der Lodge an. Es war längst dunkel, regnete stark und ich fragte mich, wie die beiden die Lodge finden konnten. Die Wasserflaschen waren längst nach innen geholt worden, wie auch immer, die beiden waren da und nahmen zusammen das Zimmerchen neben meinem.
200 nepalesische Rupien, rund 1.80 EUR, kostete jeden die Nacht in der Lodge, eine Flasche Coca-Cola allerdings kostetet 300 nepalesische Rupien. Hier sind die Werte also etwas verschoben, das war jedoch kein Grund, mir nicht eine Flasche Cola zu gönnen. Und ich lud meine Garmin 310 nach, auch für 300 Rupien die Stunde.
Ich hatte die Garmin angelassen, weil ich am nächsten Tag einfach wieder auf Start drücken wollte, um kumulierte Werte zu haben.
Das hat aber nicht funktioniert, weil sich die Uhr irgendwann in der Nacht selbständig in den Werten zurückgesetzt hat. Weil sie aber die ganze Nacht an war, war der Stand des Akkus trotz der einstündigen Nachladung bedrohlich tief.

Um 5 Uhr wurden wir geweckt, ich war wieder um 4.45 Uhr wach, stets vor dem Wecker. Frühstück statt um 5.30 Uhr schon um 5.15 Uhr und um 5.40 Uhr waren wir fertig. Wir beschlossen, nicht bis 6.00 Uhr zu warten, sondern eben diese 20 Minuten früher zu starten.
Aus dem starken Regen des Vorabends war mittlerweile sehr starker Regen geworden, so stark, dass meine aufnahmebereite Garmin 310, eigentlich eine Uhr, die man auch für das Triathlon verwenden können sollte, leidenschaftlich viel Wasser in sich aufnahm, wahrscheinlich, weil sie dachte, dass sie nun, da die Garantiezeit abgelaufen war, auch einmal auf Lebensende gepolt sein wollte.
Bye bye, liebe Garmin 310!

Wir wussten, dass wir nach einer längeren Hochebene noch einmal bis auf 3.600 Meter steil absteigen und auf der anderen Seite des Tales wieder auf die Höhe von 4.200 Metern aufsteigen mussten. Meine Bergaufschwäche war nach der Nacht vollkommen verschwunden und ich trieb Craig und Mike nach oben an. 44 Minuten für 600 Höhenmeter, kein schlechter Wert, finde ich.
Und oben fehlte nicht nur der Kontrollpunkt, sondern auch mal wieder die Markierung. Wir versuchten es mit dem Weg nach links, gingen dann zurück, in ein Restaurant und wir ließen uns den Weg nach rechts beschreiben.

Nach 2 Stunden und 30 Minuten Laufzeit am zweiten Tag, zusammen also nach 14 Stunden und 59 Minuten, war ich dann im Ziel. Craig und Mike bekamen nahezu die gleiche Zeit aufgeschrieben, weil die Zeitnehmer nicht verstanden, dass die beiden erst deutlich nach mir in der Lodge waren. Macht auch nichts, der morgentliche Lauf mit den beiden war toll, motivierend und wir verstanden uns als Team hervorragend.

Es waren also unter dem Strich doch genau die 15 Stunden geworden, die ich ursprünglich auch geschätzt habe. Es waren insgesamt mehr als 67 Kilometer Laufstrecke gewesen, ich benötigte 5 Stunden für die ersten 30 Kilometer und 10 Stunden für die zweiten 30 Kilometer, die eigentlich 37 Kilometer waren. Ohne die Übernachtung aber hätte ich zweifellos länger gebraucht, die Regeneration über Nacht hat ein Stück weit funktioniert.

Michelle und Michele sind über 3 1/2 Stunden durch die Nacht und den Regen gelaufen, mit einem gemeinsamen Kopflicht, der Australier mit den vielen Tattoos lief erst gegen 3 Uhr oder 4 Uhr, also weitere 5 oder 6 Stunden später, in Namche Bazaar ein. Ursprünglich wurden die drei dann ohne Zeiten gewertet, mittlerweile kamen errechnete Zeiten dazu.
Für alle Seiten blieb aber ein doofes Gefühl. Hier sind die Veranstalter dringend geraten, sich von Anfang an entweder auf ein Zwei-Tage-Event einzurichten oder mit einer Pflichtausrüstungsliste die Nacht zur Laufzeit dazu zu nehmen und wie bei anderen Ultraläufen auch, Cut-Off Zeiten und eine Maximalzeit im Ziel vorzuschreiben.
Denn so viel gefährlicher wie die Laufstrecken des TdG, des PTL, des UTMB und anderer Bergläufe, die über eine oder teils über zwei und mehr Nächte gehen, war diese Strecke definitiv nicht, ganz im Gegenteil.

Es bleibt aber die Erinnerung an eine teilweise wunderschöne und hammerharte Strecke auf höchstem Level, gerade der Loop des 60 K hatte es da in sich, mit einer Strecke, die meist über 4.000 Metern lag und es bleibt die Erinnerung daran, auf der angeblich „höchsten Uphill Trail Running Section“ gewesen zu sein.
Schade war, dass es eben nur so wenige Teilnehmer waren.
Der Australier Bob allerdings hatte von Anfang an Recht. Er hielt die rote Laterne fest und sicher über die gesamte Laufstrecke fest. Und auch deswegen ist er ein Held, wie alle, die diesen „60 K Extreme Ultramarathon“ in seiner ersten Ausführung gewagt haben.
Results

Wer verkauft Leitungswasser?

Michael Frenz (Neues vom Hexer) fragte über Facebook an, ob ich Zeit hätte, mit ihm die Erkundung eines Teils der Strecke seines Barbarossa-Etappenlaufs durchzuführen.
Es ist ja nicht so, dass ich vor lauter Langeweile nie weiß, was ich mit mir anfangen soll, aber so ein Scouting ist es allemal wert, ein paar weniger wichtige Aufgaben vorzuziehen oder auf später zu verschieben. Zudem sollte es mit dem Mittwoch und dem Vatertag am Donnerstag sowieso nur ein Bürotag und ein Feiertag sein, das schien machbar.
Bei der Überprüfung des Bollerwagens stellte ich sowieso fest, dass die Vatertagstour mangels Bollerwagen und mangels alkoholischer Getränke hätte ausfallen müssen, also beschlossen Michael und ich, gemeinsam 140 Kilometer an zwei Tagen zu laufen. So weit, so gut und leicht.

Schwieriger aber wurde es dann, als es in die Detailplanung ging.
Sollten wir erst nach Sondershausen fahren und dort den Zug nach Rotenburg an der Fulda nehmen oder sollten wir nach Rotenburg an der Fulda fahren und nach den Läufen von Sondershausen mit dem Zug zurück?
Gegen die erste Variante sprach, dass wir nach der langen Autofahrt und der langen Zugfahrt kaum noch Zeit zum Laufen gehabt hätten, gegen die zweite Variante sprach, dass der letzte Zug von Sondershausen am Vater-Feiertag um 19 Uhr ging. Und 80 K auf dem Trail bis 19 Uhr? Da tickt dann irgend etwas in Deinem Läuferhirn – und das meist nicht mehr richtig.

Wir entschieden uns dann für die Variante drei, die Michael kurzfristig entwickelt hatte. Wir fuhren nach Eschwege, ganz früh am Morgen. Aufstehen um 4 Uhr, quasi mitten in der Nacht! So aber konnten wir früh in Eschwege starten, um die 80 K, die wir bis Sondershausen vor uns hatten, einigermaßen entspannt laufen zu können.
Rechtzeitig aufgestanden ist aber noch nicht rechtzeitig losgefahren und schon gar nicht rechtzeitig losgelaufen! Statt um 6 Uhr wie erhofft starteten wir tatsächlich erst um 7.45 Uhr, quasi kurz vor Mittag. Und weil der letzte Zug aus Sondershausen nach Eschwege sogar schon um 18 Uhr gefahren wäre, hatten wir rund 10 Stunden Zeit für diese 80 K, 7 1/2 Minuten pro Kilometer Trail, Gespräche über das Ausrichten von VPs, Essenspausen und sonstige Ruhezeiten inklusive.

Wir irrten uns gewaltig mit der benötigten Zeit und beschlossen nach einem guten Marathon in Mühlhausen/Thüringen, dass wir jetzt müde wären und dass Micha, der sowieso noch die letzten beiden Etappen zu erkunden hatte, auch noch die zweite Hälfte der Königsetappe mit erkunden könnte, auch deshalb, weil das schöne, wellige, waldreiche Gebiet nun durch platte Landschaft ersetzt würde.
Bei EschbornEschwege ist tatsächlich eine schöne Stadt mit tollen und riesigen Häusern, meist noch aus der Gründerzeit und die Laufstrecke Richtung Thüringen, die sich erst 10 Kilometer lang relativ flach durch ein Tal zieht, ist auch schön. Und dann kommt Wanfried.
Gleich am Ortseingang gibt es ein Restaurant, das von einer netten blonden Niederländerin geführt wird, die zudem „Frau Holland“ heißt. Kein Scherz, Tatsache.
Sie macht das noch nicht sehr lange, aber dafür ist es dort wunderschön. Ein Kanal liegt vor der Haustüre, ein Segelschiff liegt dort vor Anker. Planwägen hübschen die Terrasse vor der Restauranttüre auf und Holzfässer stehen dort herum. Bei einem Wetter wie der Hitze des Mittwoch vergangene Woche ist das ein unwirkliches, aber wunderschönes Bild.
Und danach ging es nach oben in die Berge, bis hin zu einem hohen Aussichtsturm aus Holz, von dem aus Du die gesamte Landschaft überblicken kannst.

Wenn bei Michael irgendwo Trail drauf steht, dann ist auch Trail drin, ganz sicher. Und so trailten wir Kilometer für Kilometer, erst gegen die Uhr und dann in dem Bewusstsein, dass es eben noch eine andere Lösung geben muss. Und die gab es dann ja auch, glücklicherweise.
Mir blieb in besonders guter Erinnerung der VP kurz vor Mülhausen/Thüringen. Es ist ein Demeter Laden, in dem es allerlei gesunde Sachen rund ums Essen gab. Und es gab dort auch besonders nette Leute. Der Chef dort war so nett, dass es nun dort einen VP geben wird, der auch mit gesundem Demeter Obst aufwarten wird.
Alle Barbarossa-Läufer vom Juli dürfen sich schon ab jetzt auf gesunde Vitamine freuen.

Weil wir also „nur“ einen guten Marathon gelaufen sind, waren wir auch sehr früh wieder in Eschwege. Wir blieben dann in der Jugendherberge, in der auch die Läufer untergebracht sein werden. Und auch wir standen sehr früh auf. Aber die langsameren Läufer des Etappenlaufs werden an dieser Stelle angesichts der anstehenden Königsetappe sogar noch früher aufstehen müssen als wir es taten.
Dann fuhren wir nach Rotenburg an der Fulda, um dort früh starten zu können. Je früher wir starten, dachten wir, desto früher sind wir wieder zu Hause, desto früher dürfen sich unsere Frauen wieder an uns und wegen uns freuen. Oder für uns, wer weiß das schon so genau?

Das Wetter am Donnerstag war schon deutlich kühler und in der Ausprägung ab Nachmittag auch eher feucht. Und wir glätteten die Etappe ein wenig, sodass aus den geplanten 60 K effektiv gute 50 oder 52 K wurden.
An diesem Tag trafen wir eine überforderte Bäckerin, deren Auffassungsgabe wir ein paar Mal strapazieren mussten, aber am Ende stand eine gute Bestellung für einen VP mit leckeren ISO Getränken und Kuchenstücken, die ich am liebsten alle testgegessen hätte.
Ferner trafen wir eine engangierte Klostermitarbeiterin, die sich sofort und engagiert für unsere Belange einsetzte, dem Motto des Klosters, Bedürftige aufzunehmen und zu bewirten, folgend.

Und wir trafen nach einem sehr, sehr steilen Berg ganz oben an der Burgruine auf ein unglaublich frequentiertes Fest, in dem das Bier in Strömen floss, die Menschen wie in einer Prozession in Massen hinpilgerten und das nahezu niemanden nüchtern hinterließ, außer uns Läufer und außer den Kindern, die sich eher an Fanta oder Cola hielten, ihre Bibelfestigkeit aber durch den massiven Gebrauch von Kinderwaffen (Pistolen und Maschinengewehre) bewiesen.
Wenn diese Waffen wie die „My first rifle“-Waffen für Vierjährige in den USA echt gewesen wären, dann hätten wohl am Ende ein paar Leichen verscharrt werden müssen, so aber erlebte jeder der vielen Festbesucher, wie ein starker Platzregen mutmaßlich das Festgelände innerhalb von Minuten menschenleer gemacht hat. Wir aber erlebten es nicht, weil wir zu diesem Zeitpunkt schon ein gutes Stück weiter waren.

Bevor aber das Burgruinen-Fest kam, gab es eine wirklich skurrile Szene. Wir waren schon nahezu „trocken“ und entschlossen uns, einen im Garten sitzenden Herren zu bitten, uns mit Wasser zu versorgen oder uns den Zugang zum Wasserhahn zu gewähren.
Er hörte sich das eifrig an, dachte intensiv nach und antwortete laut und deutlich, langsam und bestimmt: „Nein, brauche ich nicht …!“
Wir wiederholten unsere Bitte und er dachte noch länger nach als vorher. Aber er antwortete fast gleich wie zuvor: „Nein, brauche ich nicht …!“

Wer verkauft denn Trinkwasser in 0,75 Liter Plastikflaschen? Nein, wir wollten nichts verkaufen, wir wollten nehmen. Und das durften wir dann endlich auch irgendwann:
Anschließend schüttelten wir erst den Kopf und dann die Wasserflaschen.
Kurz vor dem Ziel in Eschwege kamen wir auch in diesen enormen Platzregen und wir genossen es danach, die letzten Kilometer bis zum Eschweger Bahnhof in sehr gemäßigtem Tempo zurück zu legen.

Wir quatschten viel in diesen beiden Tagen und ich habe auch sehr viel von und über Michael gelernt.
Aber was das war, darüber erzähle ich in einer anderen Geschichte …

Hoka One One, One

Da war ein Stachel im Fleisch, tief drin, ein wenig schmerzhaft und der musste unbedingt raus. Geholt habe ich mir diesen Stachel in den Jahren 2009 und 2010, vor allem in 2009.
Damals war es mein erster Start beim „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ und ich wusste noch nicht, wie weh das treppab laufen tun kann!
Und so lief ich, viel zu schnell auf den ersten Runden, Runde um Runde, um nach 60 Runden einfach keine Lust mehr zu haben. Weil meine Gabi aber noch nicht aus dem Hotel zurück war, ließ ich mich erst noch massieren und lief dann noch eine Ehrenrunde, bis sie an die Strecke kam.
Mir ging es gut zu diesem Zeitpunkt, ich hatte allerdings die 60. Runde in einer Zeit bewältigt, die nicht mehr schlechter werden durfte, um noch eine Chance auf den „Gipfelsturm“ zu haben. Und daran hatte ich meine berechtigten Zweifel. Heute weiß ich, dass ich die letzten 40 Runden wohl kaum mehr in den noch verbliebenden 12 Stunden hätte abspulen können.

2010 versuchte ich es erneut. Halbherzig zwar und fast direkt nach dem „Marathon des Sables“. Die Fersen waren noch offen von den Riesenblasen des MdS, es war eine große Dummheit, dort überhaupt wieder zu starten.
Und das tat ich dann 2011 und 2012 auch nicht mehr.

Aber 2013, in dem Jahr, in dem ich vor allem Laufen will, musste es wieder sein. Niemals, dachte ich mir, kann ich diesen Stachel aus dem Fleisch ziehen, wenn ich es nicht 2013 schaffe, also schrieb ich mich ein. Und von da an wurde ich von Tag zu Tag nervöser.
Mit dem Ultra India Race und dem TransGranCanaria, mit dem NEU, dem RheinBurgenWeg-Lauf und dem JUNUT 172  hatte ich eine gute läuferische Grundlage geschaffen, Treppen gelaufen war ich aber – überhaupt nicht!
Noch 2009 war die lange Treppe in den Weinbergen, direkt hinter dem ALDI in Ahrweiler, mein bester Freund. 2013 blieb für dieses Training einfach keine Zeit. 14 Runden auf einer Treppe in Playa des Inglès im Februar gab es, immerhin. Aber sonst – nichts. Die große Leere.

Und wenn man sich unsicher fühlt, dann muss eben das Equipment helfen. Und da sorgte ich mich zuerst um die Schuhe. Ich wollte unbedingt mit neuen, gut gedämpften Tretern nach Radebeul fahren. Aber mit welchen?
Salomon und La Sportiva bauen die Schuhe nur in Kindergrößen, die Auswahl ist also beschränkt.
Aber wozu hat man Freunde? Wozu gibt es „den Dealer“ aus Wattenscheid?
Ein paar Gespräche vor dem RBW, eine Mail danach und ich hatte „my first HOKA“. Hoka One One Stinson EVO zum Ersten, Größe US 13,5, per Post zugestellt zwei Tage vor meiner Abreise nach Radebeul, perfekt abgepasst …Hoka

Ich will noch nichts über diesen Schuh sagen, wenn es bergab geht und Deine Füße stets im Schuh nach vorne drängen, die Zehen und oft auch die Zehennägel bei jedem Schritt bergab vorne im Schuh anstoßen, für die Abstiege auf der Treppe aber waren Hoka One One eine erstklassige Wahl. Es stimmt schon: irgendwie ist Hoka One One laufen wie fliegen!
Und so traute ich mich, diese Herausforderung anzugehen, um diesen Stachel endlich dem Fleisch entreissen zu können.

Natürlich lief ich nicht alleine. „You never walk alone“, in der Ultralauf-Familie schon gar nicht. Dieter Ladegast war da, mit dem ich erst eine Woche vorher mit dem JUNUT gemeinsame Veranstaltung teilen durfte. Er lief dort 101 Kilometer, ich ja 172,7 Kilometer. Sein Freund und Dauerbegleiter Hartmut Lindner war ebenfalls da. Auch er lief eine Woche zuvor noch beim JUNUT mit, er allerdings gönnte sich die gesamten 230 Kilometer des Jurasteigs.
Beide liefen ein grandioses Rennen, lagen lange hinter mir, um mir dann zu zeigen, dass es eine bessere Renneinteilung gibt wie die, die ich gewählt hatte. Vielleicht aber lag das aber auch nur an der Kiste alkoholfreien Weizenbiers, die die beiden während der 24-stündigen Veranstaltung geleert haben.

Und da waren auch Kristina Tille und Andreas Geyer, mit denen ich nicht nur zwei Wochen zuvor den RheinBurgenWeg-Lauf bestritten hatte, sondern die auch bei dem schwierigen Parcours des TransGranCanaria dabei waren. Beim TransGranCanaria 2012 liefen die beiden mich noch in Grund und Boden, 2013 überholte ich beide schon kurz hinter Garanon.
Weil aber jedes Rennen anders ist, hat Tini beim Treppenmarathon mit dem Streckenrekord für Frauen gezeigt, welche läuferische Klasse sie verkörpert, Andy musste schon in der Nacht mit Magenproblemen ausscheiden. Das aber hatte auch etwas Gutes: bei der Siegerehrung gab es wunderschöne Fotos von beiden.
Liebe kann doch wirklich sehr schön sein …
TiniAuch Matthias Becker aus dem badischen Biberach im Kinzigtal war da. Auf ihn freute ich mich deshalb besonders, weil ich ihn schon lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. Und in dieser langen Zeit ist vieles passiert. Matthias wurde zum zweiten Mal Vater, er lief den Deutschlandlauf ein zweites Mal und er stoppte auch beim Treppenmaraton erst, als nach 116 Runden die 24 Stunden fast abgelaufen waren.
Nee, das wäre gar nichts für mich. Nicht eine einzige Runde mehr als die geforderten 100 Runden, Überstunden schieben ist in meinem Plan nicht angelegt.

Ingolf Löhne war auch da und er konnte die 100 Runden noch kurz vor Toreschluss finishen. Er brauchte nicht einmal den kleinen „Pufferzuschlag“, den Du dann bekommst, wenn Du vor dem Ende der 24 Stunden 99 Runden geschafft hast und auf Deiner 100. Runde bist. Diese darf dann, entgegen den üblichen 24-h Läufen, noch zu Ende gelaufen werden. Brauchte er aber nicht, alles prima.

Als der Lauf am Samstag um 16 Uhr begann war die Wettergöttin mit uns. Es war nicht kalt, aber eben auch nicht warm. Und es war trocken, ein richtig gutes Läuferwetter eben. Auch die Nacht war perfekt, nicht allzu kalt. Beim NEU hatte es noch geschneit in der Nacht, beim RheinBurgenWeg-Lauf eine Woche später froren wir bei Temperaturen um den Nullpunkt, beim JUNUT sah vieles schon besser aus. In Radebeul aber waren die Nachttemperaturen optimal für uns.
Das aber änderte sich schon am frühen Sonntagvormittag. Die Sonne brannte auf die Strecke und machte uns Stunde um Stunde das Laufen schwerer. Ein derber Sonnenbrand im Gesicht sorgte dann ein paar Tage lang bei mir dafür, dass sich ständig Hautpartien im Stirn- und Gesichtsbereich verabschiedeten.
IMG_5166Was treibt einen Menschen an, sich bei solch einem Rennen einzuschreiben?
Dieser Lauf ist wirklich nicht für normale Läufer gemacht. Schon die nackten Zahlen beeindrucken:

39.700 Stufen aufwärts
39.700 Stufen abwärts
8.848 positive Höhenmeter
84,4 km Laufdistanz
24 Stunden Maximalzeit

Ich wusste ja, dass es schon einige aus unserer Ultralauf-Familie gibt, deren Namen in ein Messingschild graviert ist, das auf dem „Gipfelkreuz“ festgeschraubt wurde. Ich betrat also kein „Neuland“, ich wusste aber, dass es die größten Probleme durch das zu schnelle Herunterspringen auf den Treppen gibt. Und das hat sich mehr als bewahrheitet. Nach vielleicht 20 Stunden gab es Läufer, die die Stufen nur noch rückwärts hinunter gehen konnten, ich sah schmerzverzerrte Gesichter und Teilnehmer, die so leer waren, dass ihnen nur noch die Aufgabe übrig blieb.
Messing
60 Starter im „Alleingang“, wie die Einzelläufer heißen, standen auf der Liste, nur 58 davon sind auch tatsächlich gestartet. 28 davon haben die 100 Runden geschafft, 2 Frauen, 26 Männer. Und manche von denen, die es deutlich nicht geschafft haben, erzählten mir, dass sie vor allem schlecht durch die Nacht kamen.
Ein weiterer Grund, ein Stoßgebet nach oben zu richten. Wie richtig war es doch, das „eine Nacht durchmachen“ zu trainieren, beim NEU, beim RBW, beim JUNUT.

Interessant war für mich am Ende schon, dass jeder Teilnehmer andere Probleme hatte. Ich zum Beispiel kam die Treppe nicht mehr rauf. Treppab tippelte ich fast noch wie zu Beginn leichtfüßig hinab und ließ vor allem die „Problemkinder“ locker hinter mir. Bei dem Asphaltstück, ca. 150 Meter leicht bergab, kam jeder noch einigermaßen klar, diese Passage zurück aber zeigte schon deutlich den körperlichen Zustand der einzelnen Läufer. Und dann, treppauf, gab ich den in dieser Runde gewonnenen Vorsprung auch gleich wieder ab.
Aber es ging tatsächlich bergauf fast nichts mehr bei mir.
Irgendwann half mit dann ein Plättchen Traubenzucker, aber die gute hochgerechnete Zeit, die ich noch lange erträumte, schwand zusehends. Irgendwann war es mir zum Beispiel nicht mehr möglich, die Lücke zu Dieter und Hartmut zu schließen, die sich aufgetan hatte, nachdem die beiden irgendwann die Runde Rückstand, die sie hatten, aufgeholt hatten und mich überholten.
Und die Lücke wuchs und wuchs und wurde zu einer Runde Vorsprung, zu zwei Runden, zu drei …

In dieser Phase änderte ich meine Ziele deutlich nach unten und wollte nur noch finishen. Und ich begann zu rechnen. Mal blieben mir noch 17 1/2 Minuten pro Runde, das wurde dann auf 18 Minuten ausgebaut und so richtig beruhigt und sicher, dass ich es packen würde, war ich, als ich rechnerisch noch 20 Minuten für jede weitere Runde gehabt hätte. So viel konnte einfach nicht mehr schief gehen, dass ich so lange gebraucht hätte.

Treppenmarathon 2013 fotografiert von Mirko Leffler_1Aber ohne drei Motivatoren hätte ich mich wohl nicht so willensstark gezeigt. Der erste Motivator war das stets gefüllte Weizenbierglas, das Dieters Frau immer hielt, kombiniert mit Dieters Aussage, ich könne ruhig mal aus seinem Glas trinken. Ich tat es drei Mal – und jedesmal löste das alkoholfreie Weizenbier einen kleinen Schub in mir aus. Auf seine Weise war „Maisel`s Weisse alkoholfrei“ schon etwas wirklich Gutes.

Der zweite Motivator war der ewig positive Mirko Leffler. Ich freue mich sowieso immer, wenn ich ihn sehe, was aber nicht allzu häufig vorkommt. Das nächste Mal wird das wohl beim „Borderland Ultra“ sein, einen Tag nach unserer Landung aus Nepal. Und dass ich ihn und auch Ulf Kühne vorhin nicht erwähnt habe, lag einfach daran, dass die beiden in sogenannten „Dreier-Seilschaften“, also in Dreierteams, liefen. Und da hatte ich vorab nicht auf die Teilnehmerlisten gesehen und beim Start war Mirko auch noch nicht da, die Dreier-Seilschaften starten ja deutlich später. Mirko war natürlich viel schneller als ich, er warf mir aber immer, wenn er an der Reihe war, zu laufen, einen hochgereckten Daumen und ein aufmunterndes „Du packst das!“ zu.
Bei so viel Zuversicht konnte ich gar nicht anders, als diese Erwartungshaltung zu erfüllen.

Der dritte Motivator war, wie sollte es anders sein, meine Gabi, die, außer in der Zeit der Bettruhe im Hotel, eifrig an der Seite ausgeharrt hatte. Hin und wieder hatte sie die Kamera gezückt, um Fotos zu schießen, hin und wieder hielt sie mir aber auch ein Schälchen mit frischem Obst, ein Becher mit Getränken oder ein Tellerchen Nudeln mit Tomatensauce hin, damit ich nicht die Laufstrecke verlassen musste, um mich im Zelt zu bedienen.
Das kostet ja alles Zeit und bringt mich aus dem Trott. Dann lieber mit dem Tellerchen Nudeln langsam gehend essen. Die wenigen Ausschläge in den Rundenzeiten nach unten sind Belege für diese Essensrunden.
Treppenmarathon 2013 fotografiert von Mirko Leffler_2Und dann irgendwann, nein, nicht irgendwann, sondern nach echten 99 und gefühlten 150 Runden, kommen dann Deine beiden letzten Runde. Ich sah auf die Uhr und bemerkte, dass ich wenigstens noch unter der 23-Stunden-Marke abschließen könnte, also mussten die beiden Runden etwas schneller gelaufen werden. Zur Sicherheit.
Am Ende hätte ich sogar noch mehr als fünf Minuten langsamer sein können und hätte immer noch eine „22“ vorne gehabt. Immerhin.
Anfangs war es sowieso nur mein Ziel gewesen, diesen Stachel der Vergangenheit aus dem Körper zu ziehen, das Ding zu finishen und keinen Moment an Resultate oder Zeiten zu denken. Im Laufe des Rennens änderte sich das dann aber hin und auch wieder her.

Und wie glücklich ich mit diesem Resultat bin, belegen auch meine vielen Tränen, die sich bereits in der letzten Runde unaufhörlich über die Wangen ergossen, dann wieder mal aufhörten, neu kamen und richtig stark wurden, nachdem ich die Ziellinie endgültig und letztmalig überschritt.
Um es mit Steve Martin in „Reichtum ist keine Schande“ zu sagen: Jetzt ist mein Name auch auf einem Messingplättchen auf dem Gipfelkreuz.
„Jetzt bin ich wer!“
Reichtum