Nur eineinhalb RBW’s …

Warum es dort nicht zwei RBWs wurden, sondern nur eineinhalb davon, davon erzähle ich das nächste Mal …“ schrieb ich am 17. April. Jetzt haben wir schon den Wonnemonat Mai und ich bin vielleicht der Letzte, der über den JUNUT berichtet.
Und wenn man schon der Letzte ist, dann sind viele Dinge schon bekannt.
Ich verzichte also darauf, den großartigen Jin als Sieger zu portraitieren und die einzelnen Streckenabschnitte detailliert zu beschreiben. Das ist sowieso nie meine Stärke gewesen.

Es war Ende August 2012, ich war für THE NORTH FACE reportierend als Blogger unterwegs und da traf ich den sichtlich geknickten Gerhard Börner. Sein Team beim PTL, dem kleinen Spaziergang des Léon, war auseinander gebrochen und dieser Umstand hat, gepaart mit Übermüdung und Weltschmerz, auch seinen Willen gebrochen, sich einem neuen Team anzuschließen und den Rest der Strecke mit den neuen Laufpartnern zu meistern.
Wir alle kennen zu gut, wie schnell der Wille weg sein kann, wenn aus der euphorischen Begeisterung Frust und Enttäuschung wird. Sich da wieder aufzurappeln ist so unendlich schwer, bei meiner eigenen Teilnahme am PTL 2010 war es ja ähnlich gewesen.
Gerhard stand nun da und fragte mich, ob ich denn beim JUNUT 2013 dabei wäre. Es würde auch eine Zeitverlängerung und wahrscheinlich auch kürzere Strecken geben … Die kürzeren Strecken haben mich nicht motiviert, die Zeitverlängerung jedoch schon, also sagte ich dort in Chamonix gerne zu.
JunutEigentlich wollte ich den JUNUT nach dem wenig glücklichen Verlauf 2012 nicht erneut angehen, zu gut erinnere ich mich daran, wie wir ständige Not mit den Cut-Off Zeiten hatten. War noch in der ersten Nacht ein einigermaßen großes Polster vorhanden, das ich unsinnigerweise dann schlafend in der Feuerwehrstation vergeudete, am folgenden Morgen und Tag wurde dann der Puffer jedoch klein und kleiner.
Am Ende bin ich in netter Begleitung auf Anraten von Gerhard einen Bogen den Fluss entlang gelaufen. Es sollte eine kleine Verkürzung sein, die vor allem Zeit einsparen sollte, damit wir sicher wieder auf Kurs kommen würden.

Den Fluss entlang gehen klingt dabei einfach, aber wir haben es tatsächlich geschafft, bei einer Gabelung den falschen Fluss zu nehmen und wir wären, wenn Max Schiefele uns nicht angerufen und von seinem Ausstieg berichtet hätte, wohl noch bis Tschechien falsch gelaufen.
Als Max anrief und fragte, wo wir denn wären, waren wir gerade beim Ortseingangschild eines kleinen Städtchens und diesen Ortsnamen nannte ich ihm.
„Das kann nicht sein!“ antwortete er darauf hin. Aber ich kann doch lesen!
Es konnte also doch sein und wir waren im falschen Tal und wir hätten keine Chance mehr gehabt, den nächsten Verpflegungspunkt innerhalb der gesetzten Zeit zu erreichen, also ließen wir uns von Max abholen und beerdigten Lauf und Ambitionen.
Für immer.

Und nun doch der JUNUT 2013? Versprochen ist versprochen, aber mein Fokus im April, in meinem „Monat der Wahrheit“, lag eindeutig auf dem „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“, den ich unbedingt schaffen wollte.
Einen Fehlversuch mit einem Ausstieg im Morgengrauen nach 61 Runden 2009 und eine vollkommen blöde Idee, nur 14 Tage nach dem Marathon des Sables 2010 dort mit wunden Füßen die Treppen zu laufen, hatte ich schon hinter mir. Und das Wissen, dass dieser Lauf vollkommen abgedreht und verrückt ist.
Aber die Namen der Finisher werden alle auf einer kleinen Messingplatte auf dem Gipfelkreuz verzeichnet – und da wollte ich drauf. Nein, ich musste da einfach drauf.
Und in die Vorbereitung für solch einen verrückten Lauf gehört auch, dass Du das Laufen durch die Nacht trainierst. Ich hatte das seit dem Herbst nicht mehr gemacht und fand, dass es eine gute Sache wäre, vier Wochenenden hintereinander einmal die Nacht zum Tag zu machen, erst eben beim NEU, dann verdoppelt beim RheinBurgenWeg-Lauf (RBW), dann beim JUNUT 230 und anschließend eben auf „der“ Treppe.
Junut3Für mich ist ein Lauf wie der JUNUT, der sich schon im zweiten Jahr seiner offiziellen Austragung zum echten Kultlauf entwickelt hat, schon deshalb fast ein „MUSS“, weil es die beste Gelegenheit ist, die anderen Familienmitglieder wieder zu sehen. Bei den ganz großen Events wie dem UTMB sind die zwar auch alle da, aber sie sind eingerahmt in viele Hundert oder viele Tausend anderer Läufer. Richtig heimelig wird es deshalb dort vor dem Start nur bedingt.
Bei den kleineren Kultläufen wie der TorTour de Ruhr (TTdR) oder eben dem JUNUT sind auch alle am Start, aber es ist gewissermaßen die Essenz der Ultraläufer, ein „großes Freundepaket mit Schleife“ gewissermaßen.

Und ich freue mich schon deshalb auf den JUNUT, weil ich natürlich auch einen Blick in die Teilnehmerliste geworfen hatte. Was wären diese Läufe, wenn man nur hinfahren würde, um zu laufen? Es sind doch gerade die Stunden vor dem Start, die diese Läufe zum Kultlauf erheben!
Nun aufzuzählen, auf wen ich mich besonders gefreut habe, wäre zu aufwändig und im Zweifel dann sicher unvollständig, es ist aber so, dass mir die 18 Stunden vor dem Start tatsächlich viel gegeben haben.
Nur in solch einem Kreis kann ich mein normales Leben komplett vergessen und für einige Tage oder Stunden nur Läufer sein. Und dann gibt es für mich keine Bindung mehr an das Büro oder das Unternehmen, nicht an die Heimat, die Familie oder das normale Lebensumfeld.
Dort bin ich Läufer, dort darf ich es sein.
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Was Gerhard Börner mit seiner Frau und seinem Team, das zum Gutteil aus Verwandten und Freunden besteht, da mittlerweile auf die Beine stellt ist mehr als beachtlich. Schon der Umstand, dass es eine eigene App für Android und iPhone dafür gibt, ist bemerkenswert! Und auch die Pastaparty am Vorabend des Starts ist vorbildlich. Nicht nur, dass Vegetarier auch dort etwas für sich finden, es gab drei verschiedene Nudeln und das mit verschiedenen Soßen, für mich eben mit einer hervorragenden Pestosauce, etliche wirklich leckere Salate dazu und das Ganze in einem räumlichen Umfeld, das fränkische Gemütlichkeit ausstrahlt.

Das Starterpaket lässt auch keine Wünsche offen, beginnend mit einem wertvollen RaidLight Langarmshirt bis hin zu einem farbenfrohen Buff wird der Startnummer im Beutel nicht langweilig und einsam ist sie darin auch nicht.

Fränkische Gemütlichkeit gab es auch, als ich mit Guido Huwiler auf dem längsten Etappenstück unterwegs war. Es war recht warm und schwül und unser Getränkevorrat nahm besorgniserregend ab, also fragten wir eine Dame, die eifrig mit dem Unkraut im Vorgarten ihres großzügigen Hauses beschäftigt war, nach etwas Wasser.
Sie war enorm besorgt um uns, bat uns in die gute, perfekt aufgeräumte Stube, entschuldigte sich vielmals, dass sie nicht aufgeräumt hätte, obgleich es super sauber und sehr aufgeräumt aussah, nahm uns das schlechte Gewissen wegen der schmutzigen Schuhe und wir füllten zuerst nur das Wasser auf. Dann bot sie uns einen köstlichen Apfelsaft an, den wir zum Wasser mischten und auch direkt tranken und wenn ich ihr gesagt hätte, dass wir auch hungrig wären, dann hätte sie uns sicherlich auch noch einen „Stammen Max“ gemacht. Oder eine Pizza, ganz nach Belieben.
Bei ihr „einzukehren“ war ein kleines Highlight, eine Oase der Frische und der Freundlichkeit.
Vielen Dank auch von dieser Stelle aus dafür.
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Der Lauf selbst ist vor allem in der ersten Streckenhälfte interessant. Natürlich vermisse ich die großen Höhen, die weiten Ausblicke und das schroffe Gestein. Der fränkische Jura ist halt kein Tramuntana-Gebirge, kein Gran Canaria, er ist nicht die Alpen, aber es gibt doch das eine oder andere Kleinod, die eine oder andere wunderschöne Klamm, ein romantisches Schloss hier, eine tolle Waldpassage dort.
Später dann, wenn die Hügel niedriger werden, nehmen aber auch die Augenweiden ab, leider.
Das beginnt in etwa ab dem Kilometer 130 und das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich darüber geschimpft habe, dass ein Weglein von der Straße ein wenig nach oben und dann wieder zur Straße zurück geführt wird, obwohl da so gar nichts zu sehen oder zu erleben war. Ich haderte und zeterte und war wohl meinem Laufpartner Wolfgang gegenüber ein, zum Glück einigermaßen gebändigtes, Rumpelstilzchen …
Und es ist auch der Zeitpunkt, an dem ich zu rechnen begann. Dass Gerhard uns Läufern die Möglichkeit anbot, bei 101 Kilometern und bei 172,7 Kilometern auszusteigen und dann in der 101er bzw. 172er Finisherliste geführt zu werden, ist eine tolle Sache. Es ist aber auch ein „süßes Gift“, wie ich das gelegentlich nenne. Und an diesem „süßen Gift“ habe ich mich schon vor dem JUNUT vier Mal verschluckt, zwei Mal beim Swiss Alpine, wo ich den Ausweich C42 genommen habe und auch zwei Mal beim Röntgenlauf, den ich dank der gebotenen Müglichkeit nach der Marathonstrecke verlassen habe.

Sicherlich hätte ich mich auch zum JUNUT 230 quälen können, immerhin hatte ich noch fast 20 Stunden Zeit für die fehlenden 60 Kilometer. Aber ich hatte eben die Lust verloren, meine Geschwindigkeit grenzte gegen Null und ich hatte ständig die Überlegung im Kopf, die mir sagte, dass bei 172,7 Kilometern aussteigen bedeutet, am Samstagabend im Hotelzimmer zu sein und dass ich dann am Sonntag frei hätte und regenerieren könnte.
Angesichts des Starts des „Sächsischen Mt. Everest Treppenmarathon“ am darauf folgenden Samstagnachmittag war das schon eine verlockende Perspektive. Sechs Tage sind eben doch viel mehr als nur fünf Tage. Zudem kam, dass ich bei einer kompletten Beendigung des JUNUT 230 erst einmal hätte schlafen müssen und ich so mit der frei gewordenen Zeit wunderbar agieren konnte.

Am nächsten Tag, dem frühen Vormittag des Sonntag, war ich noch einmal beim Orga-Team in Dietfurt in der Turnhalle. Ich verabschiedete mich von allen, die noch oder schon da waren, ich konnte auch noch kurz den Sieger des Events, Jin Cao, herzen und drücken und ich bin mit einem guten Gefühl gefahren.

Der JUNUT ist und bleibt ein Kultlauf, bestens organisiert und als Event ein echtes Erlebnis.
Ob ich aber 2014 wieder an den Start gehen werde?
Man soll ja niemals „nie“ sagen …

… und am Ende herrscht pures Glück

Der TransGranCanaria 2013 (TGC) war schon ein wenig anders als der des Vorjahres und ich war nicht über jede Veränderung froh.
Unser Appartementhaus lag nur 50 Meter vom alten Startplatz entfernt, ideal, wenn um Mitternacht gestartet wird. Du kannst Dich noch bis 23.55 Uhr hinlegen und schlafen, die erste Nacht ist dann eigentlich gar keine mehr.
Aber der Start wurde zur „10th Edition“, zum Jubiläum, nach Agaete verlegt und das bedeutete für mich, dass ich kurz vor 9 Uhr Playa del Inglés verlassen musste, um zum Start nach Las Palmas zu fahren. Von dort gingen dann die Busse Richtung Agaete ab.
Diese waren für 22.15 Uhr geplant und ich frage mich jetzt noch, warum das alles so früh sein musste, immerhin ist Agaete nur gut 30 Kilometer von Las Palmas entfernt. Im Bus wurde ich darauf angesprochen, dass ich mich wirklich dick eingecremt hatte und man das Weiß der Sonnenmilch noch sah. Ich war wohl der Einzige gewesen, der nicht mitbekommen hat, dass es in der Nacht und am Morgen wohl satt regnen würde. „Optimistisch“ nannte man also meine Eincremorgie.
Die Fahrt war wirklich kurz und die Folge war, dass wir schon um 22.35 Uhr am Startort waren, 85 Minuten vor dem Start!

Agaete4Aber wir fanden ein Fischerstädtchen vor, das ich zwei Wochen vorher noch besucht hatte. Damals war es ruhig und fast ausgestorben, jetzt aber pulsierte das Leben dort und jeder von uns Läufern fühlte sich wie ein Star.
Da gingen die Daumen hoch für uns, die wir noch durch die Stadt schlenderten, da erhielten wir Glückwünsche und Motivation auf spanisch von wildfremden Menschen und die Musik der Sambatruppen spielte scheinbar nur für uns.
So lassen sich auch 90 Minuten bis zum Start aushalten … !

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(klicken zum Abspielen …)

Und doch ging es dann irgendwann wirklich los.
Was ich wusste, ist, dass es gleich auf den ersten 10 Kilometern auf 1.200 Meter Höhe geht. Ich erinnerte mich an die Steilstrecken des vergangenen Jahres und war auf einen enorm harten Einstieg gefasst. Es kam aber vollkommen anders.
Bis zur Höhe von 600 Metern über dem Meer war der Anstieg moderat, der Weg fast so breit und eben wie die Kurpromenade von Bad Salzuflen – easy going also. Erst danach wurde es etwas enger und schwieriger, aber noch immer war ich überrascht, wie einfach es doch nach oben ging.
Ich hatte mich ja sofort sehr weit hinten eingeordnet, einf Fehler, wie sich später heraus stellte, weil Du irgendwann an niemandem mehr vorbei kommst und Du die Lücken in der Läuferschlange vor Dir zwar siehst, Du kommst aber nicht an den Vorderleuten vorbei, um diese Lücke zu schließen.
Noch bis zur Höhe von 900 Metern über dem Meer hörten wie die Samba-Musik, sahen das hell erleuchtete Hafenstädtchen und fühlten uns beobachtet und getragen von den bewundernden Blicken der Zuschauer.

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Die Hauptstraße von Agaete zwei Wochen vor dem Event.

Wenn ich mir also Sorgen gemacht hatte, dann waren die vollkommen unbegründet, zumindest bis zur ersten Verpflegung. Und auch da war alles anders. Im Vorjahr noch stand da ein riesiger Wasserwagen und sonst nichts. Dieses Jahr war die Station voll bestückt. Für uns Vegetarier gab s lecker-süße Orangen, aber es gab auch nahezu alles, was Du Dir als Läufer wünschst. Nach 10 Kilometern aber wollte ich noch nichts essen, ich blieb beim Aussaugen der Orangenstücke.
3 1/2 Stunden gibt Dir die Organisation für diesen Streckenabschnitt, ich war bei rund der Hälfte geblieben und war noch immer sehr weit hinten. Auch an der Cut-Off Front gab es also keine Probleme.

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Blau-weiß sind die Farben von Agaete. Dieses Haus war direkt neben dem Start. Aber „in der Nacht sind alle Katzen grau“ – zum Glück habe ich diees schöne Haus auch bei Tageslicht gesehen …

Weiter ging es auf und ab auf einem Hochplateau durch Wald und Wiese und so langsam wachte der Regen auf. Erst ganz sparsam, dann aber immer stärker. Er sollte sich noch zu einem sehr starken Landregen entwickeln mit der Folge, dass die Laufhose klitschnass, die Füße durchweicht und die im Rucksack getragenen Sachen unbrauchbar wurden. Aber die Strecke blieb leicht und gut laufbar, die Ausschilderung war gut und so blieb es auch bis der Morgen graute.
Mal hörte der Regen auf, mal kam er wieder und irgendwann wurde auch die Strecke so, wie ich sie aus dem Vorjahr kannte. Enge Trails, oft überwuchert, sodass Du den Boden nicht sehen konntest, dicke Streine im Weg, steile Anstiege und noch schlimmer: steile Abstiege, die auch deshalb schwer zu laufen waren, weil die Steine durch den Regen sehr glitischig waren. Und das, was sich Trail nannte, war oft nur eine Ansammlung von Matsch. Nasse Füße waren dabei noch das kleinste Problem.

Agaete2Teilweise gab es Stellen, an denen Du Dich nur mit abgestützten Stöcken bewegen wolltest und mein Plan, unter 12 Minuten pro Kilometer zu bleiben, wurde immer mehr zur Makulatur. Immer nachdem es den Berg rauf ging war die kumulierte Zeit über der 12er Marke und das von Anstieg zu Anstieg deutlicher. Bei den Abstiegen oder den flacheren Passagen (gab’s da welche?) habe ich die kumulierte Zeit dann wieder unter diese Marke gedrückt, bei jeder Sequenz aber etwas weniger deutlich.

Mit der zunehmenden Helligkeit wurde es aber weder trockener noch wärmer, im Gegenteil. Wir liefen in ein Nebelgebiet hinein, in dem es so stark regnete und windete, dass uns richtig kalt wurde. Wie sehr war ich froh, ein wenig dieser Kälte in der Vorwoche beim privaten Training erlebt zu haben, so war ich nicht allzu schockiert. Ohne diese Vorerfahrung aber wäre ich wohl dünner angezogen gewesen und hätte noch mehr gefroren.

Die Brigaden in den Verpflegungsstellen taten mir oft leid, ich sah sie oft frieren und war froh, selbst wieder laufen zu können. Nach etwas mehr als der halben Strecke, ich hatte mittlerweile über 5 Stunden gegenüber dem Cut Off gewonnen, liefen wir auf eine Stelle, die ich beim zweiten langen Training in der Woche vor dem Start zufällig entdeckt hatte. Es war die Stelle, an der ich mich damals verlaufen hatte und wo ich dann den offiziellen Track des TGC 2012 verlassen hatte, um mich irgendwie nach oben zu schlagen. Damals hatten mir zwei Einheimische diesen Weg gezeigt und empfohlen.

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Ein Foto kann leider nicht ganz wiedergeben, wie schön dieser Weg war. Vielleicht hätte ein „Fisheye“-Objektiv hier geholfen. Aber wenn Du mal auf Gran Canaria bist, dann gehe nach „Cruz Grande“, um diesen schönen Weg zu wandern …

Es war ein Weg der mitten durch hohe Felsen führte, liebevoll gemacht mit tollen Ausblicken, vor allem, wenn man ihn in der umgekehrten Richtung gelaufen wäre. Ich fand ihn nach dem Training so schön, dass ich ihn meiner Gabi schon einen Tag später bei einer gemütlichen Wanderung zeigen musste. Und genau diesen Weg ging es nun nach oben. Glücklicherweise war es mittlerweile schon trocken, die Sonne ist hat sich noch sehen lassen und alles wurde wieder angenehmer, fast schön.
Oben angekommen geht es weiter auf dem Hochplateau bis zum Scheitelpunkt, der Weg dahin war aber viel weiter als vor einer Woche (!) und dort am Scheitelpunkt ging es nicht wieder runter, wie ich gelaufen war, sondern nach links.
Unvermittelt und überraschend kamen wir dann auf einen Weg, der den Roque Nublo mit dem Pico de las Nieves verbindet. 2012 war es ein Teil des Tracks und ich bin ihn mit meiner Gabi bei einer anderen Wanderung auch gegangen. Darin integriert ist ein Teilstück, das normalerweise ungesichtert, aber sehr steil ist. Im Vorjahr haben die Veranstalter für die Läufer ein Sicherungsseil angebracht und es ging diese Passage hinauf.
Dieses Jahr hatten Gabi und ich und bergauf kämpfend gesagt, dass bergab wesentlich schwieriger wäre. „Und wenn die Felsen hier nass sind, dann will ich da überhaupt nicht runter,“ höre ich Gabi noch immer sagen.
Aber der Track des TGC 2013 ging hinunter und die Felsen waren nass. Welch ein Glück, dachte ich, dass ich diese Passage schon kenne, ich glaube, Espen hätten sonst weniger gezittert wie ich. Ich bin ja so ein Angsthase, wenn ich mich nicht sicher fühle.
Anschließend kommt man auf den Parkplatz vor dem Roque Nublo, dort geht es aber nicht hinauf, was ich sehr bedauert habe, sondern runter und wieder rauf Richtung Garanon, dem höchsten Punkt der Strecke, da, wo es wie schon im Vorjahr lauwarme Nudeln gab mit einer Bolognese-Sauce. Für uns Vegetarier blieben die Nudeln eben lauwarm und trocken.
Vielleicht hat mal einer der Veranstalter eine Eingebung und es gibt dort irgendwann auch eine klassische Tomatensauce?

Agaete5Dort in Garanon gab es auch die Drop-Bags, es war der Start des Marathons und die Illusion, dass es nun nur noch abwärts gehen würde. Aus dem Vorjahr aber wusste ich aber noch, dass das ein großer Irrtum war. Ich hatte nach dem Essen und Umziehen noch immer fast fünf Stunden Reserve vor dem Cut Off, ließ mich von diesem Punkt aus auch nicht mehr überholen und ich ließ, vor allem auf den letzten acht Kilometern, mindestens drei Dutzend Läufer hinter mir. Dennoch sank mein Vorsprung auf den Cut Off kontinuierlich und ich konnte nur noch 3 1/2 dieser anfänglichen 5 Stunden ins Ziel retten.
Wer also in Garanon am Zeitlimit war, der „hatte dann auch gleich fertig“. Die Berechnung der Cut Off Zeiten könnte also ein wenig optimiert werden.

Über die Strecke von Garanon aus breiten wir hier an dieser Stelle mal den weiten Mantel des Schweigens aus, ich denke jetzt nicht mehr an die unglaublich falsche Beschilderung, die uns die längsten 13 Kilometer aller Zeiten beschert haben, erst, um uns zu ärgern und dann, um festzustellen, dass es nun noch viel kürzer war als eigentlich angegeben … steile Abstiege, Konteranstiege, der berühmt-berüchtigte Lauf durch das trockene Flussbett und das Einlaufen nach Las Palmas über ein unschönes Gewerbegebiet, all das will wirklich niemand wissen.
Welch ein Glück hatte ich, dass ich mit dem Schweden Magnus einen Laufpartner gefunden hatte, mit dem zu sprechen meine Aufmerksamkeit von den übleren Seiten des Laufs weg nahm.

Beim vorletzten Verpflegungspunkt war ich todmüde. Ich lallte nur noch wie ein Betrunkener und ich wollte unbedingt schlafen. Das ging dort aber nicht, es war zu kalt, es gab keine Liegemöglichkeit, keine Decken und das Gebläse des Heizofens war so laut, dass an Schlaf nicht zu denken war.
Gabi gab mir telefonisch noch einen kleinen „Einlauf“, also gingen wir weiter und beschlossen, schneller zu werden. Magnus meinte, dass das die Müdigkeit hemmen würde. Eine Dose Energydrink aus meinem Rucksack in mich hinein, das Tempo gesteigert ging es weiter durch die Nacht.
Und es wurde besser. Es wurde sogar wieder richtig gut.
Die Müdigkeit verschwand mit jedem Läufer, den wir überholten.

Ob das 119 K Läufer des TransGranCanaria waren oder ob wir die letzten Läufer des 83 K Advance Laufes eingeholt hatten, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass ich mit vielen dieser Laufkollegen Mitleid hatte. Teilweise war ein normales Gehen nicht mehr möglich, die Schmerzen sah man förmlich in den Gesichtern und ich kann mir gut vorstellen, wie frustrierend es dann sein muss, wenn dann zwei Läufer wie Magnus und ich an diesen Läufern noch einigermaßen locker vorbei gelaufen sind.
So sammelten wir Läufer für Läufer ein.

Drei Kilometer vor dem Ziel gab es dann eine Bodenmarkierung. Die kannte ich schon. Von da an geht es fast nur noch bergab und Magnus und ich trabten diese Strecke gemächlich ab. Irgendwann kam dan die große weiß angestrahlte Brücke, unter der es durch geht. Jetzt waren es nur noch 800 Meter. Das Tempo etwas reduzieren, um Kraft für die Gerade auf der Promenade zu haben, noch 400 Meter bis zum Ziel.
Jetzt langsam das Tempo steigern, die Strandpromenade entlang, am Ziel vorbei, in die Biegung rein und parallel zur Strandpromenade auf den Zieleinlauf. Schneller werden. Das geht noch was.

Hand in Hand mit Magnus liefen ich über die Ziellinie, 85 Minuten später wie erhofft, 34 Minuten später als im Vorjahr, aber glücklich. Ich gab den Zeitnahme-Chip ab, holte meine Finisherweste und grinste.

AgaeteUnd am Ende herrschte nur noch pures Glück, trotz allem Hadern, trotz des Wetters, dem Geläuf, der Versorgung, den Verlaufern und allem, worüber man während knapp 25 1/2 Stunden schimpfen kann.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine wunderschöne Inselmitte, an die Blicke auf den Roque Nublo, den Pico de las Nieves, an diese tolle Passage in den Felsen, an temporäre Laufpartner, die mich motivierten und inspirierten, an leckere Orangen und an die Gesichter meiner Gabi und Magnus‚ Freundin, in denen sich unser Glück spiegelte.

Kurz hinter Las Palmas war ich dann im Mietwagen fest eingeschlafen. Der Schlaf war gerecht und die Träume drehten sich um die letzten 119 Kilometer.

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Im Ziel, die gelbe TransGranCanaria-Finisherweste in der Hand.

Alles neu macht der Januar …

Drei Monate ohne Schreiben, drei Monate nahezu ohne Laufen, drei Monate, die ich so nicht wiederholen will. Aber „Alles neu macht der Januar …“ heißt es ja, also nicht nach hinten sehen, sondern voraus schauen. Und dort wieder anknüpfen, wo ich im Spätsommer 2012 aufgehört habe. Aber wie beginnt man den ersten Blog-Beitrag nach so einer langen Pause?

Reinhard Mey sang vor vielen Jahren:

„Ich weiß gar nicht, wie ich beginnen soll, so viel Gedanken und mein Herz ist übervoll, so viel Gefühle drängen sich zur selben Zeit:
Freude und Demut – und Dankbarkeit.“

Mir geht es da sehr ähnlich. Ich freue mich, dass Du trotz meiner langen Abstinenz noch da bist in meinem Leserkreis und ich empfinde Demut und ein wenig schlechtes Gewissen, dass ich noch nicht vorher wieder schreiben konnte, wieder schreiben wollte. Mancher von Euch hat mich schon gebeten, das wieder zu tun – und manchem von Euch habe ich einen früheren Wiedereinstieg versprochen.
Und da ist auch Dankbarkeit, gegenüber Dir und den anderen Lesern, den Läufern, den Veranstaltern, den Partnern!

clip_image001Es ist ja so viel passiert in dieser Zeit. Joe Voglsam hat mir schon Anfang November ein Musterpaket „FitRabbit“ zum Testen geschickt, nicht wissend, dass ich für Wochen nicht mehr zu Hause sein würde.
Ein BIO Sport Drink des führenden BIO-Fruchtsaftherstellers aus dem schönen Österreich, auf Basis meiner geliebten Rote Bete-Knolle, ob das etwas hilft?
Ich habe ihm nun versprochen, die Säfte ab morgen täglich zu probieren, also fünf Tage vor dem nächsten Lauf, um dann in Indien beim Ultra India, meine zu vielen Pfunde zu kompensieren.

Gesund und wohlschmeckend - die rote Knolle, die ich so sehr liebe!

Gesund und wohlschmeckend – die rote Knolle, die ich so sehr liebe!

Apropos „zu viele Pfunde“. Auch das ist passiert in den letzten Monaten: Ich habe Muskeln ab- und Fett aufgebaut. Nicht allzu tragisch, aber der kleine Rettungsring um die Lenden nagt soch sehr an meinem Selbstbewusstsein. Und deshalb habe ich beschlossen, dass ich mich von mindestens 5 meiner vielen Kilos trennen werde. Und ich habe gleich vorgestern mit der Diät begonnen. Mal wieder „BCM“, wie damals, als alles angefangen hat.

Auch andere haben mich kontaktiert und noch nicht jeden konnte ich zurückrufen, aber all das folgt noch in diesem Monat, auf den ich voraus schaue, voraus schauen muss, wenn ich auf das Jahr voraus sehe.
Und dieses Jahr hat es doch wirklich in sich. Entweder ich werde am Jahresende der frustrierteste Läufer der westlichen Hemisphäre sein oder ich kann die mir selbst gesteckten Hürden überwinden.

Indien ist da dabei, mein schon Jahre alter Traum, Nepal, auch ein Jahre alter Traum von mir, Gran Canaria, England, die schönen Länder Schweiz und Österreich sowie auch ein paar Wiederholungsläufe, die Treppe in Radebeul zum Beispiel, der JUNUT und … auch der UTMB.
Nach 2009 muss es 2013 doch mal wieder der UTMB sein!

Und auch das hat sich in diesen drei Monaten läuferischer Abstinenz getan. Dr. Reuther, der Arzt, der mir zuletzt einen Stapel von vier ärztlichen Bescheinigungen auf einmal unterschrieben hatte, ist in den Ruhestand getreten. Und der Neue in der Praxis, Dr. Thomas Kemkes, durfte mir gleich zwei dieser neuen Bescheinigungen unterschreiben, eine für das Ultra India Race, gepaart mit einem EKG und eine für den UTMB.
Und das Beste daran: Dr. Thomas Kemkes ist auch ein Marathoni. „Nur einem im Jahr,“ sagte er mir, aber besser als gar keiner. Wichtig für mich ist ja nur, dass wir hier eine gemeinsame Sprache sprechen. Wer Marathons läuft, der weiß halt, wie Marathonis ticken. Und Ultramarathonis ticken ja genau gleich, vielleicht noch ein wenig lauter und intensiver.

Reinhard Mey singt dann weiter über sein Kind:

„Du bist ein Licht in ungewisser Zeit, ein Ausweg aus der Ausweglosigkeit, wie ein Signal, den Weg weiterzugeh‘n, Herausforderung weiter zu besteh‘n.
Wo vieles voller Zweifel, manches zum Verzweifeln ist, da macht ein Kind, dass du alle Zweifel vergißt.
Es sind in einer Welt, die ziel- und ratlos treibt, die Kinder doch die einz‘ge Hoffnung, die uns bleibt!.“

Das gilt eben auch für das Laufen: nachdem die Kinder groß sind, sind in einer Welt, die ziel- und rastlos treibt, die Läufe doch die einz’ge Hoffnung, die mir bleibt.
Beim Laufen vergesse ich alle Zweifel und beim Laufen ist die Welt überschaubar, klein und fair.

Morgen gibt es dann etwas über meine Vorbereitungen zum Ultra India Race zu lesen.

Alles neu macht der Januar …

SUT – schöne Buchenwälder im schwäbischen Land

Es
Es geht also noch. Ein Finish bei einem „langen Brett“ hinzubekommen ist eigentlich gar kein großes Problem. Warum tue ich mir dann damit immer so schwer? Warum finde ich so oft keine Einstellung zum Lauf und keine Motivation zu „beißen“?

Ich habe ja in der Vergangenheit einige Dinge ganz gut gemacht, beim zweiten Start aber bekam ich stets mentale Probleme. Den Kölnpfad 2009 finishte ich in unter 24 Stunden, um zwei Jahre später beim ersten Gegenwind früh die Segel zu streichen.
Und auch den KoBoLT 2010 finishte ich an der Seite von Achim Knacksterdt trotz extremer Kälte, trotz Eis, Glätte und Schnee. Auch hier fand ich bei der Neuauflage 2011 bei deutlich besseren Wetterbedingungen keinen Bezug zum Lauf und nahm die erstbeste Versuchung an, auszusteigen.
Selbst bei der TorTOUR 2012 nahmen meine körperlichen Probleme derart überhand, dass ich nach 100 Kilometern aussteigen musste. Die TorTOUR 2010 fand unter fast noch heißeren Wetterbedingungen statt und damals wäre mir ein vorzeitiges Ende nicht in den Sinn gekommen. Ich musste einfach ein TorTOURist werden, denn ein TorTOURist sein ist schon etwas ganz Besonderes und das bleibt man sein Leben lang.

Es muss also eine Parallele zwischen diesen Events geben, etwas Gemeinsames. Vielleicht ist es der Punkt, dass ich all diese Läufe unbedingt schaffen wollte und dass ich für die Wiederholung mental nicht stark genug bin. Das wiederum bringt mich zu der Frage, ob ich den UTMB 2013 dann doch vielleicht lieber von meiner Laufliste streichen sollte?

Beim SUT, dem „Schönbuch Ultra Trail“, einer Erstauflage, die von Andreas Loeffler akribisch über Monate vorbereitet wurde, haderte ich einen Marathon lang auch ständig mit mir, den Meinen, mit dem Lauf und mit der Gegend.
Früh schon schmerzten die Waden, am schlimmsten aber war, dass ich, mit etwas dickeren Wintersocken ausgestattet, nasse Füße hatte und diese an den Schuhen rieben. Bei jedem Schritt tat das weh.
Bernd Rohrmann, mit dem ich die ersten vielleicht 100 Kilometer meisterte, habe ich es zu verdanken, dass er die daraus resultierenden negativen und destruktiven Gedanken nicht gelten ließ. Und nach dem VP2, wo der erste Dropbag lag und wo ich die nassen und dickeren Socken gegen trockene und dünnere austauschen konnte, ging es mir mit einem Mal auch wieder blendend.

Ich hatte in den letzten sechs Wochen kaum trainiert und ich, der sonst kaum 14 Tage ohne „Marathon und länger“ auskam, hatte seit dem Ticino Semi Trail im Juli keinen offizielllen Lauf mehr hinter mich bringen können. Beim Mountainman in der schönen Schweiz musste ich nach einem schweren Sturz aufgeben und danach waren die Wochenenden voller Arbeit gewesen. Und eben einem Urlaubswochenende in der Türkei, das wir eingeschoben hatten, weil mal ein Wochenende arbeitsfrei war.
Da wollten wir eigentlich nach Marokko fliegen und in diesem Urlaub wollte ich mit Bernhard Sesterheim den UTAT laufen. Aber ich bekam dort keinen Startplatz, keine Reaktion der Veranstalter und selbst auf dem Stand des UTAT in Chamonix im UTMB-Dorf bekam ich nur das Angebot, 30 Kilometerchen zu laufen. Später dann, als die Reise in die Türkei gebucht war und alles festgezurrt war, kam noch eine Mail, dass es nun doch noch ein paar Startplätze geben würde. Schade eigentlich.
Ich war also beim SUT untertrainiert und deshalb in großer Sorge. Aber speziell nach der 100 Kilometer-Marke ging es besser und besser und ich lief wie selten an diesem späten Punkt im Rennen. Ein paar Dinge hatte ich anders gemacht als sonst. Auf Anraten von Bernd habe ich meine Stöcke im Dropbag gelassen und bin den gesamten Lauf ohne diese geblieben. Zwar gab es manchmal Situationen, in denen ich sie sehr vermisst habe, aber sie konnten so meine Neigung, statt zu laufen gehend die Stöcke zu schieben, nicht unterstützen. Faul sein ging also nicht.
Und ich lief auch in der kalten Nacht nur kurzbehost herum. Als bekennender Warmduscher will ich es ja meist muckelig warm haben. Das aber mindert meine Aktivität. Und auch oben herum minimierte ich für meine Verhältnisse die Bekleidung auf ein Mindestmaß. Und deshalb lief ich auch im strömenden Regen und in der Kälte der Nacht noch einigermaßen gut. Etwas, von dem ich lernen darf.

Aber das Verlaufen habe ich dort gelernt, vor allem, nachdem ich meinen kongenialen Laufpartner Bernd in der Nacht leider verloren hatte. Viele der Flatterbänder waren in der Nacht kaum zu erkennen und die in Mehlstaub gemachten Bodenpfeile wurden durch den Regen fast unsichtbar. Oft dachte ich, dass weiße Steine auf dem Boden den Rest eines Pfeiles bilden würden, meist aber lief ich, bis ich merkte, dass es hier nicht richtig sein konnte.
Und so fand ich mich nach dem Verpassen einer Abzweigung auf einem Parallelweg wieder, nur wenige Meter vom richtigen Kurs entfernt. Die paar Meter, dachte ich mir da, kannst Du auch querfeldein gehen. Gedacht, getan. Aber zwischen den beiden Wegen wuchsen immens viele wilde Himbeeren. Und wilde Himbeersträucher haben Dornen. Viele Dornen. Und anstatt bei den ersten Anzeichen umzukehren, den Weg bis zur verpassten Abzweigung zurück zu gehen, ging ich weiter durch die piekenden Büsche. Ich sah den anderen Weg ja schon, zumindest glaubte ich das.
Und es wurde wilder und wilder, die Fesseln brannten und auch die Knie waren aufgerissen und blutig. Und irgendwann gibt es dann auch kein zurück mehr. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, in Wahrheit aber vielleicht nur 10 oder 20 Minuten, bis ich die vielleicht knapp 100 Meter hinter mich gebracht hatte. Die Kratzer und Wunden schmerzen auch heute noch und erinnern mich daran, dass es immer bessere Alternativen gibt.
Vor dem sechsten Verpflegungspunkt verlief ich mich im strömenden Regen erneut. Anstatt nach rechts abzubiegen ging ich geradeaus und fand ich auf einer Straße wieder. Von der anderen Straßenseite her rief Jürgen Baumann zum Nachtessen, was für ein Glück.
Jürgen war sowieso mein Held an diesen Tagen. Als Fotograf fotografierte er am VP1 und am VP2 die Läufer, alle Fotos in diesem Artikel stammen von ihm. (Noch einmal DANKE für diese Mühe und RESPEKT für die Qualität der Aufnahmen.) Und er managte eben auch den VP6.

Wenn Dein Kopflicht nicht stark, die Nacht aber dunkel ist, wenn es in Strömen regnet und Du nur weiße Regenlinien vor den Augen siehst, dann erkennst Du keine Flatterbänder mehr, zumindest ich nicht. Ohne mein GARMIN Oregon wäre ich aufgeschmissen gewesen und wäre frustriert ausgestiegen, denke ich.
Und nach dem VP6 wurde es für mich dann wirklich spannend. Noch 20 Kilometer bis zum VP7 und dann noch 13 Kilometer bis zum Ziel, so war mein Kenntnisstand gewesen.
Da waren dann die Himbeeren gewesen und noch ein weiterer Verlaufer und dann kam der Kilometer 20, aber kein Verpflegungspunkt. Und auch nicht bei Kilometer 21 und nicht bei 22 und auch nicht bei Kilometer 26. Irgendwo muss ich am VP vorbei gelaufen sein und so redete ich im Kopfkino mit Andreas, um ihm das zu erklären. Es war auch nicht mehr weit bis ins Ziel, auf dem Oregon sah ich schon das Dorf. Da fehlten mindestens sechs, sieben Kilometer, dachte ich mir. Und im Kopf bot ich ihm an, noch eine Ausgleichsrunde zu drehen, um die 161 Kilometer voll zu gekommen.
Und dann, nach 27 Kilometern auf meiner Uhr, stand da … ein VP. Ich war verdutzt und fragte, was das denn hier sei.
Blöde Frage, ich weiß, aber mir fiel einfach nichts anderes ein. Ein Verpflegungspunkt, ach so. Und welche Nummer? Die 7! Und ich dachte, ich wäre daran vorbei gelaufen. Die beiden Helfer dort schauten mich an, als würde ich fiebrig und wirr reden. Wie weit es noch wäre, wollte ich wissen und ich erhielt die Antwort, dass es wohl noch gut 11 Kilometer wären. Mit sechs Kilometern hatte ich noch gerechnet, eben mit 33 Kilometern vom VP6 aus.
Und dennoch war ich froh, das Auslassen des VPs nicht erklären zu müssen, nicht zu kurz gelaufen zu sein. Zum Dank verlief ich mich kurz vor Dettenhausen erneut. Ich lief eine S-Kurve wie im Oregon gezeigt, endete aber im Dorf und bemühte mich dort nach oben zu den Sportplätzen. Ich kam dann aus der falschen Richtung an, lief aber etwa 100 Meter parallel am Ziel vorbei wieder auf den richtigen Trail, um beim Zieleinlauf von der richtigen Seite zu kommen.
Für mich war der SUT der längste Lauf des Jahres gewesen. Nach den 123 Kilometern des TransGranCanaria kam ja nichts mehr. Und so hat der SUT doch ein wenig die verkorkste Sommersaison ausgeglichen und für einen läuferischen Höhepunkt gesorgt. Landschaftlich gab er nicht allzu viel her, vielleicht auch deshalb nicht, weil ich ja im Schwäbischen groß geworden bin. Mir fehlten halt die optischen Highlights, die Berge und schroffen Landschaften. Nur die Himbeeren und den Matsch werde ich auf jeden Fall in Erinnerung behalten, denn davon gab es mehr als genug.
Und mir wird in Erinnerung bleiben, wie emsig sich Andreas und sein Team um die 23 Läufer gekümmert haben. Sieben VPs, 160 Kilometer markieren, alles zumindest bis zur Akkuleerung via Racemap ins Internet stellen, Pastaparty und Übernachtung im Sportheim vorher und Starter- und Finishergeschenke hinterher, verblüffend viel gab es da.
Und so bleibt auch nur noch, Andreas und seinen vielen Helfern DANKE zu sagen, DANKE für diesen Lauf, für die Betreuung, für die vielen Stunden, die man sich da wegen uns um die Ohren gehauen hat und DANKE, dass ich durch den SUT wieder den Glauben an mich selbst wiedergefunden habe.

Viel lernen von den Vielers

Ich weiß, dass mancher schon lange auf eine kleine Geschichte wartet, die zu erzählen ich bei meinem eintägigen Gastspiel beim TransAlpineRun 2012 versprochen habe.
Dank der Einladung durch Uta Albrecht, der Racedirektorin des TAR, die immer um die Vielzahl der laufenden „Schäfchen“ bemüht ist, kam ich ja nach vier Jahren wieder in den Genuss, wenigstens einen Tag lang diese vielleicht am besten organisierte Strapaze über mich ergehen lassen zu dürfen. Ein echter Hochgenuss, nicht nur, weil das Team von Plan B dort Dinge macht, die wirklich bemerkenswert sind, Dinge, wie beispielsweise die Einrichtung des Rescue Teams, stahlharte Burschen, die ständig auf ihren Motocross-Motorrädern unterwegs sind und die Dich von überall herunter holen, wo auch immer Du Dich verletzen könntest, sondern auch, weil ich mich mit „Pferdesalbe“ umgeben durfte.
„Pferdesalbe“ in Form von zwei Mädels aus unserer engsten Familie. Aber von Betti Mecking und Susanne Alexi will ich ja heute gar nicht erzählen.

Es war eben auch mein Ziel, die beiden wieder zu treffen, die zwar manchmal TorTOURen planen, die sich aber selbst noch viel öfter TorTOURen stellen, bei denen jeder halbwegs durchschnittliche Ultraläufer neidvoll und bewundernd aufblickt. Dass es hier also um „die Vielers“ geht, iss klar, wa … und gerade Jens erhöht dann auch noch seine Taktfrequenz in diesem Bereich.
Nach dem vielleicht heißesten Rennen der Welt, nach Badwater, war jetzt der Spartathlon dran. Und alles schafft er scheinbar mühelos und stets in atemberaubender Geschwindigkeit.
Dabei schätze ich Julias Leistungen der letzten Monate sogar fast noch mehr. Von der Gelegenheitsläuferin suchte sie ihren Weg zur Ultraläuferin – und das in kürzester Zeit. Noch Mitte 2011 waren die 78 Kilometer des K78 SwissAlpine in Davos eine hohe Hürde für sie, die sie geduldig bewältigt hat. Die Schwelle von 100 Kilometern nahm sie dann nicht in Biel, sondern sie wählte dafür eine besonders schwere Variante. Der TransGranCanaria mit seinen harten 123 Kilometern war Anfang März ihre erste Strecke über eine dreistellige Laufdistanz. Man hätte es sich viel leichter machen können, viel leichter aber ist keine Option für eine Vieler.

Aber noch mehr als Julias Leistung bewundere ich, was die beiden Vielers zusammen machen. Und wie sie es zusammen machen. In Davos kümmerte sich Jens so liebevoll um Julia, die ihren ersten Lauf über die Marathondistanz machte. Er, der Schnelle, verbreitete keinerlei Anzeichen von Hektik oder Eile und nutze die Gunst der Situation, statt seiner Schuhe eben mal seine Fotokamera zu strapazieren.
Ich bin damals irgendwann auf die beiden aufgelaufen und durfte einige Minuten diese Ruhe und diese Entspanntheit genießen. Und da war es auch, wo ich zum ersten Mal hörte, dass sich die beiden für 2012 das gemeinsame Ziel TAR gesetzt haben.
Kann es etwas Schöneres geben, als sich seine gegenseitige Liebe mit so einem Gemeinschaftserlebnis zu zeigen?
Statt eines Blumenstraußes gibt es bei Vielers eben viel mehr: eine Startkarte für den TransAlpineRun 2012! Einfach himmlisch, diese Idee.

Und auch beim TransGranCanaria, der nächsten Trainingshürde für Julia, war Jens wieder tiefenentspannt. Ich konnte noch auf den ersten Kilometern im Sand mit ihm quatschen, normalerweise wäre et mir hier schon um Längen enteilt gewesen. Aber er war geduldig auf der Suche nach Fotomotiven, die er auch reichlich fand. Und auch im Ziel durfte ich wieder das Glück der beiden teilen und wieder dabei sein.

Und dann also der TAR. Und wieder durfte ich zusehen und begreifen, wie hier Liebe weiter wächst. Julia litt merklich unter den Strapazen, immerhin war es schon die sechste von acht Etappen. Das Laufen im Flachen fiel ihr sichtlich schwer und Jens versuchte stets, sie zu bremsen. Spätestens aber, wenn es wieder die Berge hoch ging, war Julia wieder ihre Schmerzen los und ich hatte Mühe, hinterher zu kommen. Und Jens war stets die Ruhe selbst.
Trotz der vielen Jahre, die ich die Vielers jetzt schon kenne, war ich froh, an diesem Tag auf dieser Etappe mal mehr von den beiden erfahren zu können als man das üblicherweise am Rande der einzelnen Laufevents sonst tun kann.

Und da gibt es für mich so vieles, was ich schon wusste und so vieles, was auch neu war für mich. Während viele in der Familie gerade in den Jahren, wenn die Laufgeschwindigkeiten langsamer und die Laufstrecken länger werden, nach neuen Lebensinhalten suchen und nach neuen Partnern, mit denen sie die diese neuen Inhalte teilen können, setzten die Vielers Tag für Tag neue Zeichen.
Ganz genau weiß ich nicht, wie lange die beiden schon zusammen sind und wie lange sie schon verheiratet sind, man munkelt aber, dass damals die Eiszeit noch nicht lange vorbei gewesen war. Cäsar noch regiert hat oder dass zumindest der Webstuhl noch nicht erfunden war. Und dennoch, großmütterlich und großväterlich wirken die beiden nun wirklich nicht. Und während die Aussicht, selbst irgendwann Opa zu werden, mich erschreckt und ängstigt, haben die beiden diese Situation für einen weiteren Schritt aufeinander zu genutzt.

„Meine Liebe ist tief und sie hält für ein ganzes Leben,“ habe ich mal auf einer Karte gelesen. Das gilt mit Sicherheit auch für die beiden. Jens schreibt über sein Spartathlon-Abenteuer:
„Jeder Meter und jede Sekunde waren es wert!“ Und damit meint er auch seine Beziehung zu Julia.
Und dann zeigt er ihr das nach acht schweren Etappen des TransAlpineRun 2012 mit einer ganz einfachen Geste. Er machte das, was jeder von uns ganz am Anfang der Ehe auch getan hat. Man trägt seine Partnerin über die Schwelle, die neues Glück verheißt …
Und 2013, wenn die beiden in Nepal den nächsten großen Schritt miteinander tun, darf ich dann auch wieder dabei sein und wieder viel lernen von den Vielers.
Danke, Julia und Jens, für dieses Beispiel!