„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ … wie Milan Kundera schreiben würde

Gotthold Ephraim Lessings Selbstbild:

„Ich bin weder Schauspieler noch Dichter. Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letztern zu erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht freigebig folgern. Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farbe verquistet, ist ein Maler (. . . )
Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich empor arbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt:
ich muss alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauf pressen.

Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremden Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrüßlich geworden, wenn ich zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. (. . . )
Ich bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift auf die Krücke unmöglich erbauen kann.“

(Hamburgische Dramaturgien, 1768)

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Ich habe 1982 über Gotthold Ephraim Lessing meine schriftliche Deutsch-Abiturarbeit geschrieben und die obige Passage hat mich damals wie heute bewegt. Immerzu gehen diese Sätze durch meinen Kopf, immer, wenn ich mich „nicht gut genug“ für etwas fühle, wenn ich denke „nicht genug“ zu sein, aber auch, wenn ich gelobt werde, weil manche meinen, mir würde das, was ich tue, leicht fallen.
Tut es aber nicht, ganz im Gegenteil.

Ob es im Beruf ist, in der Partnerbeziehung oder beim Laufen: ich muss mir alles hart erarbeiten, härter als manche andere. Auch ich muss alles, was ich denke, sage und tue, aus mir herauf pressen und so fehlt mir die Leichtigkeit und die Souveränität, die ich bei vielen Freunden bewundere und um die ich viele Menschen beneide. Etwas aus sich herauf zu pressen, um es zu verwenden, heisst auch, etwas bewusst zu tun und damit verweilst Du stets in der dritten Kompetenz-Stufe: der der bewussten Kompetenz.

Und Du bewunderst und beneidest die Menschen, um Dich herum, die alles, was sie tun, in der vierten Kompetenz-Stufe erledigen: der der unbewussten Kompetenz. Die haben die „Leichtigkeit des Seins“ entdeckt, während Du ständig grübelst. Die ruhen in sich, während Du rastlos getrieben bist. Und bei diesen Menschen fügt sich am Ende alles zum Guten, während Du Dir mal wieder eingestehen musst, etwas gut gemeint, aber eben nicht wirklich gut gemacht zu haben.

Es muss so schön sein, „das Händchen“ für Situationen zu haben und so erbauend, zu wissen, dass alles in einem ruht und man diese Quelle stets aufrufen kann, ohne sich dessen immer im Klaren zu sein. Wenn Du immer nachdenkst, alles durchdenkst und analysierst, dann weißt Du immer, was Dir fehlt. Und was andere Dir voraus haben. Und Du schaust diesen Menschen hinterher und beneidest sie heimlich.
Das war schon in der Schule so, wo Du immer den Eindruck hattest, mehr lernen zu müssen als die, denen alles „zufliegt“ und dennoch öffneten sich für Dich nicht immer die Türen, die anderen weit offen standen. Du bist ein Mensch, der zweifelt und fragt, der grübelt und der dennoch kein gerades Ziel hat. Gerade wir Läufer wissen, wie viel Energie verloren geht, wenn Du nicht schnurstracks und geradewegs auf Dein Ziel zuläufst. Du kannst so schnell sein, wie Du willst, Du wirst nicht als Erster ankommen können, wenn Du Umwege läufst. Aber wer weiß schon immer genau, wo das Ziel im Leben ist?
Du weißt es nicht immer, aber Du siehst, dass andere es immer im Blick haben.

Es fällt Dir auch so unheimlich schwer, dem nachzueifern, weil Dich mal wieder ein Steinchen im Schuh zum Halten zwingt und wieder ist der andere weiter. Du begegnest den Steinchen im Schuh mit Gamaschen, aber das hilft nicht. Die Steinchen im Schuh wollen einfach zu Dir, immer zu Dir.


Das ungefähr ist mein Glaubensbekenntnis im Leben, mein Bild der Welt, undifferenziert und vage. Und dann höre ich Adel Salah Mahmoud Eid El-Tawil, die männliche Stimme von „Ich & Ich“ singen und er fasst meine Gedanken so schön in einem Lied zusammen und ich erkenne „Einer von Zweien“ zu sein. Der Liedtext ist so treffend, dass ich mir kleine Tränchen aus den Augen wische, schweigend nicke und denke, dass dieses Lied genau das ausdrückt, was ich sagen wollte. Und ich suche auf YouTube nach „Einer von Zweien“ und lese in den Kommentaren, dass ich mich in guter Gesellschaft befinde. „Einer von Zweien“ heißt ja auch, dass es rund 41,5 Millionen Leidensgenossen gibt. Diese Gefühle sind es, die uns von Seminar zu Seminar treiben, die uns Bücher lesen lassen, um zu lernen zu verstehen, warum etwas so ist, wie es ist. Aber „verstehen ist der Trostpreis im Leben“, wie der Psychologe Jens Corssen immer sagt.

Der Text des Liedes „Einer von Zweien“:

Einer von zweien
liebt immer etwas mehr
Einer von zweien
schaut immer hinterher
Einer von zweien
fühlt sich schwer wie Blei
und der Andere (der Andere)

Einer von zweien
hat ein Stein im Schuh
Einer von zweien
traut sich nicht so viel zu
Einer von zweien
versuchts gar nicht erst
und der Andere (der Andere)

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

Einer von zweien
grübelt zu viel
Einer von zweien
hat kein gerades Ziel
Einer von zweien
trägt eine Last mit sich rum
und der Andere (der Andere)

Einer von zweien
hat ein ganz dünnes Fell
Einer von zweien
friert so schnell
Einer von zweien
hat schon nichts mehr im Glas
und der Andere (der Andere)

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür

Der Andere kann gar nichts dafür
Für ihn öffnet sich jede Tür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür
Der Andere hängt an niemand
so wie ich an dir
Der Andere kann nichts dafür


Und ich muss weiter hart arbeiten und alles aus mir herauf pressen, muss mich weiter „bewusst kompetent“ durch die Klippen des Lebens bewegen und ständig versuchen, die „Leichtigkeit des Seins“ zu erreichen. Aber das schafft eben nur „Einer von Zweien“. Ob ich das irgendwann auch schaffe?

Noch 369,6 Kilometer – dann wäre im März gut gesät

März 2010, die letzten 31 Tage vor dem Abflug nach Casablanca zum MdS. Und wieder habe ich zwei Tage verstreichen lassen, ohne etwas zu tun. Und wieder hat mein schlechtes Gewissen dafür gesorgt, dass ich schlecht geschlafen habe. Und wenn ich schlecht schlafe, dann träume ich mehr. Oder ich merke mir meine Träume besser.
Heute Nacht habe ich von Kamelen geträumt, Kamele, die eng verwandt mit Schafen waren. Voller Wolle, aber in der Wüste.

Nach dieser Nacht, nach diesem Traum habe ich eine Entscheidung getroffen: ich will im März 2010 insgesamt 400 Kilometer laufen, Training und Wettkampf zusammen. Das sind rund 13 Kilometer pro Tag, also durchaus nicht allzu viel. Und weil ich gestern und vorgestern keine Zeit fürs Laufen hatte – oder mir das zumindest eingeredet habe – musste ich heute etwas länger ran. Da traf es sich gut, dass mich mein Söhnchen Pascal gefragt hat, ob ich ihn auf 18.00 Uhr zum Training fahren könnte. Weiter fragte er, ob ich ihn von seiner „Herz-Dame“ um 21.00 Uhr abholen kann.

Das passt doch perfekt, dachte ich und nutzte diese Zeit, um in 2:41 Stunden 30,4 Kilometer abzuspulen. Und das war so schön. Ich habe mich für die Strecke von Bad Neuenahr Richtung Altenahr entschieden, wieder über den engen Bergtrail, der laut der Warnschilder „sehr gefährlich“ ist. Sehr gefährlich ist er aber nur für ältliche Kurgäste, für unsereins ist der Trail geradezu ideal.
Beim Laufen erinnerte ich mich an die beiden letzten Male, als ich diesen Trail gelaufen bin. Das war bei den beiden Schneeläufen an den Wochenenden vor nicht allzu langer Zeit. Damals war ich nach 35,5 Kilometern vollkommen fertig gewesen, sicher auch dem tiefen Schnee geschuldet.
Und ich war langsam, sehr, sehr langsam.

Aber heute konnte ich endlich wieder große Schritte machen, Tempo genießen und sehr konstant laufen. Nach einer Stunde hatte ich 11,4 Kilometer auf dem Garmin 310, nach zwei Stunden hatte ich 22,7 Kilometer hinter mir. Wenn das keine Konstanz ist … ich war begeistert. Es war noch hell, als ich startete und kurz vor dem Wendepunkt wurde es dunkel. Insgesamt lief ich genau 13 Kilometer Richtung Altenahr, bis ich zur Wende ansetzte. Weil ich aber viel zu früh wieder am Auto gewesen wäre und ich meinem Lieblings-Sohn keine der kostbaren Minuten bei der „Herz-Dame“ rauben wollte, andererseits hatte ich auch keine Lust, vor dem Haus auf ihn zu warten. Also lief ich am Auto vorbei und lief noch gute zwei Kilometer weiter bis in die Bad Neuenahrer Innenstadt und eben wieder zurück.
Mein Ziel war es, die 30 Kilometer voll zu machen, da ich aber noch bis zum Bad Neuenahrer Steigenberger Hotel laufen wollte, kam ich am Ende 400 Meter weiter und damit sinkt mein März-Soll auf 369,6 Kilometer.

Sorge hatte ich, als während des Rückwegs mitten auf dem Trail, mitten im dunklen Wald auf einem engen Trail, wo es links steil bis zur Ahr heruntergeht, das Kopflicht anfing zu blinken, wahrscheinlich, um mir zu sagen, dass die Batterien bald leer sind. Ich stellte mir vor, was passieren würde, wenn es plötzlich dunkel würde. Nicht, dass ich nicht nach Hause gekommen wäre, aber ich hätte auf „gehen“ schalten müssen und das hätte ich, so kalt wie es war und so nass geschwitzt wie ich war, mit Frieren bezahlen müssen. Aber die Batterien hielten und ab Ahrweiler war die Strecke auch wieder beleuchtet.

Morgen werde ich nicht laufen können, also muss ich am Freitag zumindest die 26 Kilometer für morgen und übermorgen und die 9 Kilometer, die ich aktuell noch hinter dem Soll bin, laufen, also 35 Kilometer. Aber die werde ich deutlich langsamer laufen als heute.

Hurra, ich freue mich darauf!